Ein Wagen jagte über die Kopfsteine.
»Das ist Harro!« Der Erblandmarschall erhob sich. »Ich werde Sie mit
ihm allein lassen. Darf Fritz mein Auto bestellen?«
»Bleiben Sie doch zum Tee!«
Er zögerte. »Gut, ich werde Ilse so lange Gesellschaft leisten.
Vielleicht kommt sie zu mir herunter. Wenn der Anfall auch diesmal
nicht schlimm ist, so wird mir das Treppensteigen doch schwer.«
»Natürlich kommt Ilse herunter,« sagte die alte Dame. »Bitte machen Sie
es sich inzwischen im blauen Salon bequem. Die Zigaretten stehen auf
ihrem gewohnten Platz.« Und sie schritt dem Gast voran zur Tür.
»Danke, danke, Exzellenz, ich bin hier ja zu Hause.«
Sie lächelte. »Gut, dann klingeln Sie bitte und schicken Sie Fritz
hinauf. Ilse ist auf ihrem Zimmer.« Sie nickte ihm freundlich zu, als
ginge sie an eine gewohnte Arbeit in Haus oder Garten, und doch hatte
sie Schweres vor sich.
Aber er kannte sie. Auf diesen Schultern hatten schon größere Lasten
gelegen.
* * * * *
An den Schreibtisch gelehnt, stand sie, den Enkel erwartend.
Im nächsten Augenblick trat Harro Kambach ein. Groß, hoch aufgerichtet.
In Felduniform. Ein Mann in des Königs Rock. Aber er war um Jahre
gealtert, das Haar ergraut. Auf den ersten Blick erkannte sie's: er
kam als ein anderer heim. In tiefer Bewegung umschlang sie ihn.
»Harro, mein Junge!«
Wie ein Klang aus der Kinderzeit grüßten ihn die schlichten Worte.
»Großmutter!«
Gewaltsam suchte er seinen Schmerz niederzuringen, aber es ging über
seine Kraft. Er neigte den Kopf auf ihre Schulter und weinte laut.
Und die starke Frau, die so viel ertragen im Leben, mußte sich hart
machen gegen die Mannestränen.
Ein Schüttern ging durch seinen Körper. Er raffte sich auf.
Schwer atmend stand er vor ihr.
Als er die äußere Ruhe wiedererlangt hatte, beugte er sich ehrerbietig
über ihre Hand. »Nicht wahr, es kommt niemand?«
Sie schüttelte den Kopf. Dann stützte sie sich auf seinen Arm und ließ
sich zu ihrem Lehnstuhl am Kamin führen.
Dort saßen sie sich gegenüber.
Alles an ihm schien ihr verändert. In seinem Wesen war etwas Neues. Und
unwillkürlich zog es durch ihren Sinn: Es ist nicht nur die Trauer um
das Liebste, nicht der Ernst der gewaltigen Zeit, die ihm ihr Gepräge
geben, es ist jenes unverkennbare Merkmal, das der Mensch an sich
trägt, der dem Tode ins Auge geschaut. Denn solche Linien grub nur das
Bewußtsein: ›Du stehst vor Gott!› Und eine Hoffnung, die sie lange
gehegt, wuchs.
»Papa läßt grüßen,« sagte Harro. »Er bleibt noch in Berlin, bis wir
ausrücken. Außerdem meinte er, es sei besser, wir wären zu zweien.«
Er schwieg.
Geduldig wartete sie. Wußte sie doch, daß er ihr alles sagen werde.
Und sie irrte nicht. Als sie eine Weile beieinander gesessen, klang
plötzlich Sibyllens Name an ihr Ohr. Leise, mit fast frauenhafter
Zartheit, sprach er ihn aus. Das Unglück selbst überging er; die
Erinnerung an das Furchtbare mochte zu gewaltsam auf ihn wirken, aber
was sie zuletzt miteinander geredet, erzählte er der Großmutter.
Und die alte Frau rechnete es ihm hoch an und freute sich des großen
Vertrauens.
Es war ein kurzer, knapper Bericht, aber er umschloß das
Glaubensbekenntnis eines Mannes:
»Im Augenblick der höchsten Gefahr rief sie mir ein Wort zu, das sie
schon einmal tags zuvor im +D+-Zug gesprochen: ›Aufs Glück kommt
es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen!‹ Dies Wort
hat mich über Wasser gehalten, Großmutter, es hat mir in tiefster Not
meinen Gott gezeigt.«
Seine Stimme brach. Der Schmerz überwältigte ihn.
Schweigend blickte Frau Sabine ins Feuer.
Da begann er aufs neue: »Nun kann ich ins Feld ziehen! Ich hätt' es
ja vorher auch gemußt, aber jetzt weiß ich, daß Vaterlandsliebe und
Königstreue heilig sind, daß -- daß sie ewig sind. Großmutter! Das
hab' ich von dir gelernt, und -- von ihr!« Er wandte sich ab. »Wenn
Deutschland in Wahrheit frei werden soll, müssen wir das alle glauben!«
Sie sah ihn unverwandt an. Fast ging dies schlichte heilige Erlebnis
über ihre Kraft. Der Tag hatte des Großen schon zuviel gebracht.
Ein heißes Dankgebet stieg aus ihrem Herzen. Und während ihr Auge auf
der schlanken feldgrauen Gestalt ruhte, erwachte die Erinnerung.
›Einen heiligen Damm wolltest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ klang
es durch ihre Seele und die Sage vom Oststrande stieg vor ihrem Geiste
auf.
War's nicht wunderbar, wie die blankgespülten Kieselsteine sich
überall hineinschoben und drängten, wie sie sich an Fels und
Basalt rieben, bis das wilde Geklüft sich glättete, wie sie sich
zusammenschlossen zum großen, starken Ganzen, zu jener Mauer, die sich
der Sünde entgegenstellt und den Verzweifelten deckt. Wahrlich, das
uralte Mönchsgebet galt heute noch und hatte nichts von seiner Kraft
eingebüßt. Und sie sah die Mauer wachsen. Ein neues Geschlecht, das
sich seine Kleinodien nicht rauben ließ, stand um das Kreuz geschart.
In den alten Augen lag's wie Prophetenklarheit, als schauten sie die
Geschichte kommender Völker, und durch die Seele der Frau, die täglich
in heißer Sorge die Hände für ihr Vaterland faltete, zog eine schöne
lichte Hoffnung. Die Sehnsucht aber klopfte an ihre Kammer: ›Ob wir's
erleben werden, daß die Heimatliebe ein Kränzlein trägt, daß sie
singend von Hütte zu Hütte wandernd Mann und Weib die Siegesbotschaft
ins Herz jubelt und Mägdlein und Buben ihren Hochgesang lehrt: O
Deutschland, meine Freude!?‹ --
Sie wandte sich wieder an den Enkel.
»Wann war es?« fragte sie leise.
»Etwa um sechs Uhr abends, -- um die Dämmerung!«
Über ihre Züge ging ein Leuchten.
»Um sechs Uhr abends klangen die Saiten der Geige -- --«