Ein Brausen steht in der Luft -- --

Einer, der jene denkwürdige Nacht erlebt, sagt: »Wenn dies Volk ohne

Waffen und Wehr, nur mit dem Feldgeschrei: ›für Gott und unsere

gerechte Sache!‹ unter dem Donner der heimischen Erde daher geschritten

käme, -- kein Feind hielte ihm stand, das Entsetzen lähmte ihm die

Sinne!« -- -- Auf und nieder wogender Meeresflut gleich braust die

flammende Antwort einer in ihren tiefsten Tiefen erschütterten

Volksseele. Betend neigt sich Deutschland vor seinem Gott, -- singend

huldigt es seinem Kaiser -- --

Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der

Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert.

* * * * *

Um den stillen Platz unter der Linde, wo der Kambacher Pfarrer die

Braut geküßt, webte Mittagszauber, und ein Klingen und Singen ging

durch die Zweige, als rüstete sich die alte Mark zur Maienfeier. Aber

schon ging der Sommer zur Neige, über der Heide lag ein goldklarer

Glanz und die ersten weißen Fäden wehten. Wie späte Liebesgrüße

dufteten dunkle Rosen in den sonnigen Mauernischen des Witwenhauses,

über dem leuchtenden Waldbilde lag, schöner als Lenzeswerben, jene

tiefe stille Herbstesglückseligkeit, deren klare Schönheit das große,

seltene Erlebnis der Menschenseele widerspiegelt. Um die Kiefern webte

ein Rosenwunder -- ein Traum von bekränzten Tagen und flatternden

Purpurstandarten zog durch die stille Mark -- -- --

Die Glocken des Kriegsbettages waren verklungen. In der Kambacher

Dorfkirche hatte ein deutscher Mann seine Gemeinde zur Buße gerufen,

zur Beugung unter ein schweres, aber gerechtes Gottesgericht. Im

Augenblick der gewaltigsten Volkserhebung der Weltgeschichte grüßte

sein flammendes Wort Brandenburgs Söhne:

»Wir wissen es wohl, warum uns Gott diesen Krieg gesandt hat! Weil

wir in Gefahr sind, unsere heiligsten Güter zu verlieren, weil unser

politisches und soziales, unser sittliches und religiöses Leben

angefressen ist! Noch ist der deutsche Volkskörper nicht verfault, aber

wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Zersetzung

begonnen hat, ja daß sie nicht von gestern und ehegestern ist. Und

nicht um Einzelschäden und Einzelsünden geht's, -- unser ganzes Volk

trägt die Schuld am deutschen Verfall, alle, die deutschen Blutes

sind, müssen an ihre Brust schlagen, ob sie Kronen tragen oder mit

schwieliger Hand ihr Tagewerk treiben, -- keiner ist ausgeschlossen! --

Ihr Kambacher und Dreilindener Bauern, ob ihr Gottes Wort und Sakrament

ehrt, ob ihr eure Ehen rein haltet wie wenig andere, ob ihr die Sitte

wahrt und dem Schmutz in Wort und Bild zornig die Türe weist, --

vergeßt es nicht: einst am jüngsten Tag wird die Frage des Herrn eine

zwiefache sein: ›Was habt ihr getan? was habt ihr nicht getan?‹ Keiner

unter uns wird vor dieser Doppelfrage bestehen können, keiner wird die

Stirn haben, zu behaupten, er hätte die göttliche Forderung bis ins

kleinste erfüllt, -- keiner, -- die Volkssünde steht wider uns auf! Ein

einziges unterlassenes Gebet für den Träger der Krone, ein unüberlegtes

Urteil über die Obrigkeit, die geringste Versündigung am Deutschtum,

an der heiligen Innerlichkeit seines Wesens, das scheinbar kleinste

Versäumnis des christlichen Vorbildes, -- sie sprechen uns mitschuldig

am deutschen Verfall. Darum umschließt dies Gericht uns alle, darum

soll's jedem einzelnen ein Weg nicht nur zur Buße und Umkehr, sondern,

will's Gott, zur Erneuerung und Wiedergeburt werden. Denn an eines

neuen Reiches Pforte klopft Gottes gewaltiger Hammer. Daß Deutschland

die Kraft besaß, aus seinem tiefen Todestraum aufzustehen und einig

wie ein Mann vor seinen Kaiser zu treten, -- Gottes Gnade war's, die

im letzten Augenblick den Brand aus dem Feuer riß, -- ein Wunder! Und

als ein Wunder steht's vor uns, wie die kaum begonnene vaterländische

Not Kräfte entbindet, deren Besitz wir längst aufgegeben, wie sie

Werte ans Licht trägt, die wir dem sittlich verarmten Boden nicht mehr

zutrauten. Die gewaltige Pflugschar der großen Zeit reißt die Scholle

auf, daß aus ihrem Blute eine Saat ersprieße, des deutschen Ackers

würdig.

Wir haben einen sittlichen Niedergang zu verzeichnen, aber noch sind

wir kein untergehendes Volk. Noch nicht. Darum werden wir gezüchtigt,

aber nicht zermalmt. Durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, an

Liebe und Leben, die uns auferlegt werden, rechnet Gott mit uns ab.

~Wir vertreten eine gerechte Sache -- ganz gewiß -- nach außen hin

stehen wir rein da! Aber so oft wir uns dies wiederholen im Kampf oder

Sieg, so oft sollen wir uns eine andere schwerere Wahrheit vorhalten:

daß wir nach innen tief verschuldet sind und Gott auf tausend nicht

eins antworten können.~ Darum mußte ein Sturm über uns kommen. Das

Geschlecht, das in frevelhaftem Leichtsinn das Erbe der Reformation

verschleuderte und seine heiligen Güter in den Staub trat, konnte nur

mit donnernder Sprache erweckt und durch eiserne Zucht zur Besinnung

gebracht werden. Und das will Gott. Er hat uns das Größte vertraut,

hat uns zu Trägern des Lichtes geweiht! Zum Salz der Erde hat er uns

gemacht, daß Kind und Kindeskind die Botschaft seines Heils den Völkern

der Welt vererben. Weil er die ~eine~ köstliche Perle in unsere

Hände gelegt, darum, und nur darum, übt er noch einmal Geduld, darum

schlägt er uns wohl, aber er tötet uns nicht.«

In lautlosen Schweigen saßen die Bauern unter der Kanzel. Manch weißer

Kopf nickte verständnisvoll zu den schlichten mannhaften Worten des

jungen Pfarrers, manch treues Auge leuchtete hell auf, aber auch viele

heiße Tränen rannen.

Auf dem Altar flimmerten die Kerzen über den Abendmahlsgeräten.

Feierlich klangen die Einsetzungsworte durch die stille Kirche.

Dann traten die Söhne der Mark mit ihren Frauen und Bräuten an den

Gottestisch. Manch einer der Alten dachte, im Chorstuhl sitzend,

vergangener Zeiten: ›So wird's vor hundert Jahren gewesen sein!‹

Inzwischen hatte man vieles erlebt, Krieg und Kriegsgeschrei, -- aber

diesmal galt's Größeres, Außerordentliches, das fühlten alle, diesmal

sollte Deutschland alles genommen, diesmal sollte es zertreten, vom

Erdboden vertilgt werden -- warum sonst Englands Kriegserklärung?

-- eine Gemeinheit war's, -- und die Gedanken der greisen Kambacher

wanderten ein Stücklein Wegs ins Völkerleben draußen. --

Der Patronatsstuhl war leer. Der Kambacher hatte keine Ruhe gehabt und

war schon vor einigen Tagen nach Berlin gefahren, obgleich Harro jeden

Augenblick eintreffen konnte. Seine Verletzung heilte leicht, sobald er

dienstfähig war, wollte er zu seinem Regiment zurückkehren.

»Er soll nach Berlin kommen, falls ich nicht da bin,« hatte der

Oberstallmeister abschiednehmend zu Ilse gesagt, die während seiner

Abwesenheit nach Dreilinden gehen wollte. »Ich muß meinen Kaiser

sehen und das Stück Weltgeschichte erleben, das sich in diesen Tagen

abspielt. In solchen Zeiten hält's kein rechter Kambach auf der Scholle

aus. Hätt' ich nicht den alten Schaden aus der Leutnantszeit, ich

wüßte, was ich täte! Gut, daß ich dem Vaterland wenigstens einen Sohn

schenken kann!« Damit war er zur Bahn gefahren.

So kam's, daß am Kriegsbettag Ilse Bühler neben der alten Exzellenz auf

dem Dreilindener Chor saß. -- -- --

»Das war das rechte Wort für diese Stunde, mein lieber Herr Pastor,«

sagte Frau Sabine, den Geistlichen begrüßend, während sie, auf den

Arm der Enkelin gestützt, dem Kirchhoftor zuschritt, wo ihr Wagen

wartete. »Besonders für die Erklärung des Begriffs ›Volksschuld‹ danke

ich ihnen herzlich im Namen unserer Bauern. Wir tragen ja alle unseren

alten Adam mit uns herum, das wird wohl keiner leugnen, dazu sind's zu

gute Christen, aber ihr Gesichtskreis ist doch gewaltig eng. Kambach

und Dreilinden sind die Mark, -- na, und da die Verhältnisse hier so

gut wie nur möglich sind, will der Begriff ›Volksschuld‹ nicht in den

märkischen Bauernschädel hinein. Aber heute war der Boden bereitet und

die Aussaat die rechte!« Sie reichte ihm abschiednehmend die Hand.

»Lassen Sie sich bald mal in Dreilinden sehen!«

»Ich danke gehorsamst, Exzellenz! Sobald meine Zeit es erlaubt,

werde ich vorsprechen. Wissen Exzellenz, daß Graf Brelow sich als

Freiwilliger gemeldet hat?«

»Erzählen Sie das nicht meinem Sohn. Er ist außer sich, daß er nicht

dienstfähig ist. Wenn er hört, daß Brelow mitgeht, können wir noch

etwas erleben.«

»Aber Herr Oberstallmeister ist doch viel älter!«

»Als ob er daran dächte! Kennen sie den märkischen Adel so schlecht?

Man hat unsere Junker nicht umsonst ›Kinder des Schwertes‹ geheißen!«

»Herr von Kambach schrieb mir gestern eine Karte,« sagte Pastor Möller.

»Es muß etwas Großes sein, diese Tage in Berlin zu verleben, darum

freue ich mich, daß er schon am 29. Juli abreiste. Er hatte keine Ruhe

mehr!«

»Sehen Sie! Das sind die Kambachs! Gott, König, Vaterland. -- alles

andere ist Nebensache! Aber das ist das Wahre! Ich möchte meinen Sohn

nicht anders haben.«

Sie saß längst im Wagen, von Ilse sorgfältig in Decken gehüllt. Blaß

und ernst nahm die junge Gräfin neben der Großmutter Platz, die mit

jugendlicher Frische die große Zeit grüßte.

»Graf Bühl ist auch in Berlin. Alle lassen sie einen allein! Am

liebsten wäre ich mit dabei. Aber eine alte Frau wie ich gehört ins

Haus, und gerade jetzt dürfen die scheinbar kleinen Pflichten nicht

vernachlässigt werden. Meine Dreilindener brauchen mich auch. Ich

hoffe einer der beiden Herren kehrt bald zurück, damit wir auch einmal

persönliche Berichte hören, nicht wahr, Ilse?« Freundlich wandte sie

sich an die junge Frau.

Die nickte stumm. Ein abgrundtiefes Leid alterte die schönen Züge.

Mitleidig ruhte Pastor Möllers Auge auf ihr. Er kannte diese Naturen,

welche die erste Not zerbrach. Und außerdem war die arme Frau krank.

Wer dies Gebiet kannte, sah auf den ersten Blick, daß nicht alles in

Ordnung war.

Die Pferde zogen an. Ehrerbietig grüßte er die greise Gutsherrin.

Das war eine von denen, die sich immer wieder aufrichteten, die im

Dienste anderer den Segen ihres Tuns am eigenen Herzen erfuhren. Und er

gedachte eines schlichten Wortes, das einer über Frauenleben und -glück

geschrieben: ›Lieben heißt nicht: begehren; lieben heißt: schenken und

Opfer bringen.‹ --

Über dem Witwensitz der greisen Kambacherin stand das Wort ›mobil‹ wie

über keinem anderen Hause, wo eine deutsche Frau waltete. Vom ergrauten

Verwalter und seinem schaffensfrohen Weibe bis zum Küchenmädchen und

Stallknecht wußten sie alle: jetzt ging eine Arbeit an, wie sie vorher

nicht dagewesen. Aber keines trauerte den vergangenen Tagen nach,

-- wer länger als ein Jahr in den Diensten Exzellenz von Kambachs

stand, der spürte etwas von dem Geist, der das alte Haus durchwehte

und wollte nicht ausgeschlossen sein, wenn es eine große gemeinsame

Sache galt, wenn man unter den Flaggen ›wir‹ und ›bei uns‹ segelte.

Frau Sabine hatte es von jeher verstanden, ihre Leute für die großen

völkischen und religiösen Fragen zu gewinnen, und dadurch ein festes

Band zwischen Herrschaft und Untergebenen geknüpft. Kein Wunder, daß in

der Stunde, wo Deutschland von Ost und West bedroht ward, die märkische

Vaterlandsliebe auflohte, daß auch der Kleinste und Geringste an seinem

Teil mithelfen wollte. Nie stand der deutsche Strickstrumpf so hoch in

Ehren, nie ward auf dem Dreilindener Gutshof gespart, wie in den großen

Augusttagen! -- -- --

* * * * *

Frau von Kambach stand, dem abfahrenden Wagen nachblickend, auf den

Steinstufen.

»Leg' dich ein paar Stunden hin, Ilse,« sagte sie. »Die Fahrt wird dir

sonst zuviel. Ich werde dir dein Essen hinaufschicken. Bleib nur ruhig

bis zum Abend oben.«

Die junge Frau schwieg.

Besorgt sah die Großmutter sie von der Seite an. »Es ist wirklich

besser so,« sagte sie freundlich. »Ruhe ist jetzt das einzige für dich.

Ich bin gewiß sehr dafür, daß man sich zusammennimmt, aber es gibt

Fälle, wo man die Besserung nicht dadurch erzwingt!«

Ilse zog die welke Hand an die Lippen.

»Die erzwinge ich überhaupt nicht, Großmama,« sagte sie mit erstickter

Stimme. »Aber daß ich die Hände in den Schoß legen und abseits stehen

muß, wo das Vaterland blutet, -- das -- das ist zuviel. Vor einem Jahr

hätte ich Johanniterin werden können,« -- sie wandte sich ab und eilte

die Treppen hinan, die letzten Worte verwehte der Sommerwind.

Die alte Frau sah ihr traurig nach. »Also doch eine rechte Kambach,«

zog es ihr durch den Sinn. Und im stillen bat sie der Enkelin ein

Unrecht ab. Sie hatte geglaubt, daß der Schmerz auf dem schönen

Antlitz nur dem einem galt und immer wieder dem einen, der es nicht

verdiente, daß eine reine Frau um ihn weinte -- -- -- Wäre der Fluch

der Mannesschuld nicht gewesen, der dies junge Leben vergiftet, es wäre

leichter gewesen, dem Wüstling zu vergeben, -- aber so? Sie hielt Ilse

für sehr krank -- --

Nachdenklich ging sie ins Haus und sah die Post durch. Außer der

Kreuzzeitung war eine Karte von Renate gekommen, die während Ilses

Besuch nach Hause gefahren war, um von zwei Brüdern, die bei den

Drachenburger Ulanen standen, Abschied zu nehmen. Morgen wollte sie

zurückkehren. Auch von Eichelchen war ein glücklicher Brief dabei.

Nach beendeter Mahlzeit nahm Exzellenz von Kambach die Kreuzzeitung und

setzte sich an den Schreibtisch. Hastig putzte sie die Brillengläser,

auf ihren klaren Zügen malte sich Ungeduld.

Und dann knisterten die Blätter.

Das stille Gemach der märkischen Edelfrau ward hell, die große Zeit

stieg leuchtend aus dem Grau des Alltagslebens empor und grüßte die

Fünfundsiebzigjährige.

Sie aber las und las: die gewaltige, vom Geiste tiefsten Glaubens und

heiligster Vaterlandsliebe getragene Thronrede, die weltgeschichtliche

Tagung des Reichstages, -- die alten Hände begannen zu zittern, die

Brillengläser wurden blind, -- wenn Fritz Karl das noch erlebt hätte!

Eine Hoffnung erwachte in ihrer Seele und hob kühn die Schwingen

zum Adlerflug. Sollte das Wort Wilhelms des Ersten, das er in echt

königlicher Demut über den Sieg der siebziger Jahre schrieb, ein

zweites Mal in größerem, hehrerem Sinne Wahrheit werden? ›Welch eine

Wendung durch Gottes Führung!‹ Kein Fürstenwort hätte die gewaltige

Stunde des 4. August, da das wunderbar geeinte Volk seinem Kaiser die

Treue gelobte, treffender zeichnen können, als jene schlichte Drahtung

des greisen Kriegsherrn.

Aber dann zuckte die welke Hand im Zorn zusammen: eine Sonderausgabe

brachte Englands Kriegserklärung. Das war zuviel -- und doch --

Bismarck hatte den Vettern drüben nie getraut. Ja, Bismarck! Und der

gepanzerte Recke stand vor ihrem geistigen Auge.

Die Zeit ging. Sie hörte nicht den Schlag der Uhren, sie blickte auf

die schimmernde Schöne deutscher Heldentage, sie sah deutsches Blut

strömen und betete und glaubte.

Aber die große Freude über Deutschlands Erwachen vermochte die

Sorge aus dem Herzen der alten Frau nur vorübergehend zu bannen.

Die Seherin schaute nicht nur die sonnigen Bergkuppen, sie schaute

den Talschatten. Nebel und Nachtgezücht duckten sich zwar in feiger

Scheu vor Heldengröße und Mannestreue, aber sobald das leuchtende

Heer seinen Blicken entschwand, würde das Gelichter sein böses Spiel

um so toller treiben. Nach siebzig war's nicht anders gewesen; der

Zeitabschnitt nach dem Kriege bedeutete sogar einen Tiefstand deutschen

Lebens, wie ihn die Geschichte in wenig Fällen verzeichnet. Und dieser

Tiefstand erklärte sich nicht nur aus der plötzlichen Goldflut, sondern

aus allgemeiner Oberflächlichkeit, aus dem mangelnden Willen, die

große Zeit auszukaufen und die Früchte des Krieges einzuernten. Der

deutsche Michel wartete eben stets, bis ihm die gebratenen Tauben

in den Mund flogen. Aber der Segen des Krieges wollte erkämpft und

erarbeitet, wollte vor allem erbetet sein. Neues entstand nur, wenn

das Alte verging und starb. Die schwersten Erfahrungen aber glichen

toten Werken, solange sie nicht im Kern erfaßt und ausgenutzt wurden.

Und an diesem Willen zum Siege zweifelte die Frau, die wie wenige

ihr Volk kannte. Ohne einen Augenblick das große Gnadengeschenk zu

unterschätzen oder den Wert der neu erwachten Kräfte des Glaubens,

der Opferwilligkeit und Einigkeit zu verkennen, sagte sie sich: die

zerstörenden Mächte in unserem Volk hat ihr Feuer noch nicht verzehrt.

Nur das Volk, das den schmalen Pfad der Buße ging, fand den Weg

zum Tor des Lichts. Würde die Läuterungsglut der eisernen Zeit ein

Geschlecht hervorbringen, das seine Krone zu tragen verstand und seine

heiligsten Güter wahrte? Sabine von Kambach zweifelte nicht daran,

daß Deutschland, ob auch unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut, in

dem schweren äußeren Ringen siegen würde. Ein Volk, das noch solch

starke innere Werte barg, kehrte aus dem Kampf um Sein oder Nichtsein

nur siegend zurück oder -- auf dem Schilde. Ein anderes war es, ob

die Volkskraft den schwereren inneren Kampf mit den Mächten der Tiefe

bestehen und ihres Sieges Früchte bewahren würde. Das zwanzigste

Jahrhundert hatte es vergessen, daß die Kraft eines Volkes in der Buße

wurzelte. Das Jahr 1914 forderte zur Gesundung Deutschlands nicht nur

die Gesundung des Volkes, es forderte die Gesundung der Kirche.

* * * * *

Fern über der Heide verklang die Kambacher Glocke. Da raste ein

Kraftwagen über den Hof. Schwerfällig erhob sich Exzellenz von Kambach

und blickte hinaus.

Auf den Diener gestützt, stieg Graf Bühler die Stufen hinan.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 104 / 114 题