Langsam rannen die ersten heißen Tränen über das welke Gesicht. --

Und dann ließ sie's ohne Einwände geschehen, daß er sie zu ihrem Platz

am Kamin führte. --

Ganz still war's im Zimmer, als warteten die Lebenden auf einen letzten

Gruß der Toten.

Doch der Augenblick, da die Ewigkeit die Saiten bewegt, kehrte nicht

wieder. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Raum und Zeit nicht

beengen, von denen es gilt: ›Der Wind bläset, wo er will!‹ --

Er wollte sie verlassen, ihr Jutta schicken, aber sie bat: »Bleiben

Sie noch ein Weilchen bei mir!« Sie drückte das Taschentuch gegen die

Augen und kämpfte mutig gegen die Tränen. Und was vielleicht keiner

anderen Frau gelungen wäre, erzwang sie sich durch unerschütterliche

Glaubenszuversicht und eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.

›Dem Alter, welches, an der Pforte der Ewigkeit stehend, die

Geschehnisse des Lebens in einem anderen Lichte schaut als die Jugend,

wird der Kampf mit Not und Tod leichter!‹ zog es ihm durch den Sinn.

Trotzdem -- es war etwas Großes, daß ihre Kraft ausreichte, daß sie

nicht zusammenbrach, und er sagte sich ehrlichen Herzens: ›An dieser

Kraft bist du erstarkt.‹

Aber das Größte war ihm noch vorbehalten, das Stück Ewigkeit, das dies

Frauenherz umschloß, hatte ihm noch nicht in seiner ganzen wunderbaren

Schönheit geleuchtet.

»Ich durfte es Ihnen nicht eher mitteilen,« begann sie leise, Sibylle

hatte ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich die Sonne grüße, nicht eher!

Dann sag's ihm! Aber er soll nicht darüber reden!‹ Sie hatte sich

so sehr auf die Fahrt gefreut!« setzte sie hinzu. »Nun hab' ich den

ganzen Tag gewartet, ob es hell werden würde, doch es stürmte fort.

›Natürlich haben sie die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ aufgegeben,‹ so

sagte ich mir. Ich will damit aber niemand einen Vorwurf machen. Das

Wetter ist nicht überall das gleiche, und der Sturm setzte hier auch

erst gegen Mittag ein. -- Dann kam der Abend, das wunderbare Tönen der

Saiten gemahnte mich an Vergangenes, an das Klingen der Geige in der

Stunde, da Sibyllens Ahnfrau, Sophie Charlotte, die Augen schloß, und

an vieles andere. Sie wissen, wie ich über Aberglauben denke! Diese

wunderbaren Tatsachen entspringen einem anderen Boden. Christenglaube

bedingt sie nicht. Aber er erstarkt an dem Beweis der Gnade, die einem

Leben, das ein einziger Gottesdienst gewesen, im Tode ihr leuchtendes

Ewigkeitssiegel aufdrückt. Darum traf mich diese Botschaft nicht wie

ein Blitz aus heiterem Himmel, darum steht auch über diesem schweren

Kreuz Ewigkeitsfriede!«

Sie hielt einen Augenblick inne. Das Sprechen wurde ihr schwer.

In tiefer Bewegung blickte er sie an. Wahrlich, diese Frau stand auf

des Glaubens hoher Warte, darum schaute und erlebte sie mehr als andere.

»Und so ist ihr Wort in höherem ewigen Sinne erfüllt worden, -- jetzt

schaut sie die Sonne!« Ein Beben ging durch die alte Stimme, aber

mutig fuhr die Greisin fort: »Ich brauche es Ihnen wohl kaum mehr zu

sagen, daß Sibylle die dreißigtausend Mark gespendet hat, -- aber die

Geschichte jenes Schmuckes, welcher ihre Gabe ermöglichte, darf ich

Ihnen nicht länger vorenthalten. Hätte ich das Vermögen, ich würde

versucht sein, die Juwelen, die eine so wunderbare Weihe empfangen,

zurückzukaufen. Es sind wahrhaftig ›köstliche Perlen‹.

Aber das ist ganz ausgeschlossen. Verfügte ich über solche Mittel, sie

hätten längst der Bundesarbeit gedient.«

Wieder hielt sie einen Augenblick inne. Er hatte das Gefühl, daß

nur der Wille sie noch aufrechthielt, aber er wagte nicht, sie zu

unterbrechen.

Und dann erzählte sie ihm die Geschichte des Erbschmuckes in all den

feinen Einzelheiten, die sich so wunderbar zum Ganzen gefügt.

Als sie geendet, saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte

gedankenverloren in die Glut. In seinen Augen standen Tränen, und er

schämte sich derselben nicht.

Lange schwiegen beide.

Dann sagte er: »Ist's nicht, als sei ein edles Samenkorn in die Erde

gesenkt, das sterbend Frucht bringt? So wenig ich die Heimgegangene

gekannt, ein Wort von ihr, das mir, ohne daß sie es ahnte, zu Ohren

kam, wird mir unvergeßlich sein: ›Gold und Silber sind tote Werte,

solange die Liebe sie nicht geheiligt hat!‹ Dieses Wort möchte ich über

ihr Leben setzen! -- Gott gebe, daß er, zu dem es gesprochen ward, dem

dies reiche reine Frauenherz, ob auch nur kurze Zeit, angehörte, seine

köstliche Frucht erkennt und bewahrt!«

Er erhob sich und trat an ihren Stuhl.

»Ich danke Ew. Exzellenz von ganzem Herzen,« sagte er mit erstickter

Stimme. »So oft ich dies Haus betrete, immer verlasse ich es reicher,

als ich gekommen.«

Sie antwortete nicht. Sie hielt seine Hände umfaßt und sah ihm still in

die Augen.

›Wenn ich die Sonne grüße!‹ stand in dem klaren Antlitz geschrieben.

›Es währt nicht mehr lange!‹

Dann ging er.

»Ich möchte den alten Schenker noch sehen!« rief sie ihm nach.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 101 / 114 题