»Wie ist es gekommen?« fragte Wendler endlich.
Schenker ermannte sich. »Sie müssen ja wohl in Düsseldorf gut
Wetter gehabt haben; denn sonst hätten sie die Fahrt nich gemacht.
Der Herr Oberleutnant sagte zu mir: ›Schenker, wir fahren nur bei
schönem Wetter!‹ Na, und dann is jedenfalls der Sturm gekommen, und
die Propellers sind kaput gegangen! So denk' ick's mir! Näheres
wissen wir ja noch nicht! Der gnädige Herr bekam so vor zwei Stunden
das Telegramm: ›Brandenburg verunglückt. Oberleutnant von Kambach
Sanatorium Wild, Frau von Kambach tot.‹«
Die Tür wurde leise geöffnet, Renate sah herein. Durch das lange
Fortbleiben der Verlobten beunruhigt, hatte Frau Sabine die Nichte
geschickt. Als sie die verstörten Gesichter sah, blieb sie erschrocken
stehen.
Da ging Jutta auf sie zu und teilte ihr die erschütternde Tatsache
leise mit.
Renate war wie betäubt und konnte sich kaum fassen. Aber es war keine
Zeit, den eigenen Gefühlen nachzugehen.
»Seien Sie stark, Baronin,« bat Jutta, »wir müssen hinüber!« -- --
Wendler stand neben Schenker, der, völlig erschöpft, um ein Glas Wein
gebeten hatte.
»Bleiben Sie vorläufig ruhig hier, Herr Schenker, ich will erst allein
zu Exzellenz gehen,« sagte er, dem alten Manne die Hand auf die
Schulter legend. »Wenn's nicht zu spät wird, ruf' ich Sie noch. Sie
fahren heute abend doch nicht mehr nach Hause, nicht wahr?«
»Ick fahre erst morgen früh. Meine Frau sagte gleich, das würde zu
spät!«
So ging Wendler seinen schweren Weg allein.
* * * * *
»Sagen Sie mir alles, es ist ein Unglück mit der ›Brandenburg‹
geschehen,« empfing ihn die greise Edelfrau, aufrecht am Krückstock
stehend.
Ein tiefes Mitleid überkam ihn mit der tapferen Lebensheldin, der ein
kostbares Kleinod nach dem anderen abgefordert wurde.
Er wollte sie zu ihrem Stuhl geleiten.
Aber sie wehrte ihm.
»Nachher! Erst sagen Sie mir alles! Ich weiß, es ist das Schlimmste,
Allerschlimmste!«
Er zögerte. Eine Mitteilung der furchtbaren Tatsache ohne jede
schonende Vorbereitung erschien ihm geradezu brutal.
Da sah sie ihn durchdringend an.
»Tot?« fragte sie mit leise bebender Stimme.
»Ihr Enkel lebt, Exzellenz!«
Sie wandte den Blick nicht von ihm. »Er lebt -- aber er ist ein
Krüppel! Sie wissen es nicht?«
Wendler schüttelte den Kopf.
»Und -- und -- Sibylle?«
Er antwortete nicht.
Nun verfärbte sie sich doch. Sein Blick hatte ihr alles gesagt.
Langsam neigte sie das ehrwürdige Haupt auf die Brust.
»Ich wußt' es,« sagte sie leise. »Um die Dämmerung klangen die Saiten
der Geige!«