»Lassen Sie ihn nur kommen, die alte treue Seele würde es empfinden!«
›An alle denkt sie,‹ zog es ihm durch den Sinn, als er ins
Inspektorhaus hinüberging, ›nur nicht an sich!‹ -- -- --
Fünf Minuten später trat Schenker in Frau von Kambachs Arbeitszimmer.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, aber dies Wiedersehen ging über
seine Kraft. Als seine alte Exzellenz in ihrer tiefen Trauer auf ihn
zukam, schluchzte er laut. Jedem gewaltsamen Schmerzensausbruch wäre er
gewachsen gewesen, -- die stille Ergebung auf dem geliebten Antlitz war
mehr, als er in diesem Augenblick ertragen konnte.
Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm.
»Schenker,« sagte sie leise, »lassen Sie uns das Wort nicht vergessen:
›Ich habe Gedanken des Friedens über euch, und nicht des Leides!‹ Daran
müssen wir kurzsichtigen Menschen uns halten und -- glauben. Dann
kommen wir aber auch durch!«
Sie setzte sich und wies auf einen Stuhl. »Das ist mein einziger Trost,
wenn ich an meinen Enkel denke; denn ohne Grund führt uns der Herr
nicht solch dunkle Wege. Vielleicht mußte diese Not über ihn kommen,
damit er seinen Gott findet!«
Schenker trocknete seine Tränen mit dem bunten Taschentuch und nickte
vor sich hin. »Exzellenz verstehen's, einen zu trösten! Aber es ist
über mich alten Mann gekommen wie so'n Hagelwetter, ick bin wie vor'n
Kopf geschlagen! Vor wenig Tagen frisch und gesund im Brautkleid am
Altar -- und nu so! Ick seh' die junge gnädige Frau ja noch vor mir,
wie sie zur Abfahrt die Treppe herunterkam. Sie hatte ja Augen für
alles. Als sie mich am Wagenschlag sah, zog sie eine Rose aus 'n
Brautbukett und schenkte sie mir. Und dann sagte sie: ›Herr Schenker,
besuchen sie uns auch mal!‹ So hat sie gesagt, Exzellenz! Er fuhr mit
der Hand über die Augen. »Ick hab' mir die Rose gleich gepreßt und
in meine Bibel gelegt. Es is ne Niel aus 'n Kambacher Treibhaus, ick
hatte sie mitgebracht, in Bühl haben sie nur die gelben. Nu hab' ick
wenigstens 'n schönes Andenken!«
Mit wehmütiger Freude ruhte Frau Sabines Auge auf der greisen Gestalt,
der letzten aus der Zeit ihres seligen Mannes. Sie wußte nur zu gut,
welch treue Anhänglichkeit an alles, was Kambach hieß, einmal mit dem
alten Kammerdiener dahingehen würde.
»Es ist spät geworden,« sagte sie, sich am Krückstock aufrichtend.
»Seinen Abendsegen mag heut ein jeder für sich lesen, mich verlangt's,
allein zu sein!«
Er hatte sich erhoben. Ehrerbietig wünschte er ihr eine gute Nacht.
»Gott helfe uns durch alles Dunkel,« sagte sie mit zitternder Stimme.
Er nickte stumm.
Dann war sie allein.
Müde schritt sie über den Teppich.
Vor der Stradivariusgeige blieb sie stehen, liebkosend strich sie über
die Saiten.
Und dann klang ein heißes bitterliches Schluchzen durch das Schweigen
der Mitternacht: »Billy, meine Billy -- -- --«
Zwanzigstes Kapitel.
O Deutschland, meine Freude!
Vor dir, Allmächtiger sinke ich in die Kniee! --
Groß und gewaltig steigen die Tage empor,
Feuersäulen im Wechsel dämmernder Zeiten --
Du hast sie entzündet!
Lichte Heldengestalten in schimmernder Wehr,
Männer, den Sieg im Auge, die Seele geharnischt,
Du hast sie geadelt!
Aus allen Gauen strömt, dem Königsruf folgend,
Ein großes wunderbares gewaltiges Volk -- -- --
Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee
Mit einem Hauch deines Mundes erneutest du Deutschland!
Niemals ertönte helleres Schwerterklingen!
Nie griff ein Volk so reinen Gewissens zum Schwert! --
Ob es siegen wird, ob es im Kampfe verblutet --
Nie war des deutschen Volkes Seele herrlicher! --
Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee!
Es sind die Augusttage 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte,
die Stunde, da Deutschland sich panzert. Der Augenblick, da der
Allmächtige mit eisernem Hammer an die Pforten eines neuen Reiches
schlägt, das in überweltlicher Schöne aus Schutt und Trümmern erblühen
soll. Riesenopfer fordert die gewaltige Wiedergeburt, ein Volksopfer
ohnegleichen! Auf den Höhen lodern Wachtfeuer und die Hüter deutscher
Ehre spähen ins Land hinaus. Ein Grauen liegt in der Luft, das Grauen
vor dem nie dagewesenen Völkerleid, vor dem großen Sterben und Bluten,
-- aber vor dem heiligen, in tiefster Not geläuterten Gottesglauben,
vor Heldengröße und Opferfreudigkeit weicht es zurück. In hehrer
Schöne steigen die drei aus dem Dunkel dämmernder Zeiten empor,
Nibelungengestalten, vom Glanz verklungener Tage umschimmert. ›Gott,
König, Vaterland!‹ ist Deutschlands gewaltige Losung. Männeraugen
leuchten bei ihrem Klange, heller tönen Waffenruf und Schwertklingen,
tiefer erglüht die purpurne Seide der Fahnen. Tapfere Frauen zerdrücken
die Träne im Auge, um den stummen Mund ein stolzes Lächeln. Die
schwielige Faust des Arbeiters fühlt den Druck der schlanken gepflegten
Hand des Edelmannes und umschließt sie heiß -- -- Jünglinge gürten sich
jauchzend mit dem Schwert, liebliche Bräute folgen dem Scheidenden
zum Altar. Und über dem deutschen Lebensbilde der große heilige Ernst
der Stunde. In alle Gaue geht des Königs Ruf. Das Eisen ist lebendig
geworden, das heilige Eisen, das Jahrtausende ruhen und rasten kann,
wenn die Welt Deutschlands Ehre wahrt. In dieser Stunde beginnt
es, zu sieden. Seine Läuterungskraft durchdringt das ganze Volk:
es gibt keinen Berliner Pöbel mehr, keinen Tagedieb, keinen roten
Internationalen, -- es gibt nur Menschen, -- Deutsche! Wie gebannt
stehen sie. Schloßplatz und Linden sind nicht wie sonst ein wogendes
Menschenmeer, sie sind ein starrender Fels -- --