* * * * *
Es dämmerte. Aber es war nicht jenes friedliche Einspinnen von Raum
und Form in die rieselnden Schleier des Abends, es war ein hastendes
Dunkeln, als würfe der düstere Sturmfittich hier und dort seine
flüchtigen Schatten.
Die Vorhänge wurden geschlossen. Gedämpfter klang das Brausen des
Sturmes, und der helle Schein der Lampe verbreitete Behaglichkeit und
Wärme.
Frau Sabine saß feiernd am Kamin und blickte in die verglimmende Glut.
Ab und an fuhr ein Windstoß in den Schlot, dann lohten blaue Flämmchen
auf, duckten sich scheu vor des Sturmes Gewalt und erloschen wieder.
Die Gedanken der greisen Frau wanderten. Ein Leben, so reich an Liebe
wie das ihre, stand nimmer still, es verzehrte sich im Dienst anderer.
Und ein Großmutterherz hatte doppelte Arbeit.
Während ihre Seele weite Wege wanderte, ging ihr Blick über die
Bilder an den Wänden. Die Erinnerung stieg herauf. Sie verlieh den
alten Gemälden ihren Glanz und erzählte den Lebenden die Geschichte
der Toten. Durch die Seele der einsamen Frau zog's: ›Wie lange noch,
und dein Bild hängt in der Reihe der Ahnen!‹ Ihr Auge ruhte auf dem
duftigen Pastell Sophie Charlottes. Es war eine Kopie des Gemäldes
in der Kambacher Kirche. Darunter hing an blauseidenem Bande die
Stradivariusgeige.
›Sonderbar,‹ dachte sie, ›daß der Kasten noch immer nicht fertig
ist! Wenn er morgen nicht eintrifft, muß ich die Geige anderweitig
unterbringen!‹
Und dann lauschte sie wieder auf den Sturm. In kurzen Stößen fuhr er um
das Dach, aber seine Kraft schien gebrochen. Schwächer und schwächer
ward das Pfeifen um First und Schlot. Und dann war alles still.
Fast bedrückend wirkte das plötzliche Schweigen der Elemente.
Draußen erhob sich langsam die Natur und lauschte aufatmend dem
verhallenden Schritt des Gewaltherrn, drinnen fragte eine müde Seele:
›Gilt's einen Waffenstillstand, oder hat der Kriegszug ein Ende?‹
Überall ein Fragen im Land, überall die wundersame Antwort: feierndes
Schweigen. Mit ihm nahte die Ruhe der Nacht im Geleit funkelnder
Sterne. Durch den Spalt des Vorhangs blickten sie in den traulichen
Raum.
Über die greise Frau kam ein tiefer Friede. Des Tages Sorgen
zerstreuten sich, die Unrast verschwand. Es war einer von den
Augenblicken, da die Ewigkeit an ihre Tür pochte und, die Hand
ausstreckend, auf die leuchtende Brücke wies, die den dämmernden Strom
überspannte. Greifbar nahe lagen die Ufer der Heimat, und die Sehnsucht
breitete die Flügel. In solchen Augenblicken ward ihr der Abend licht,
und über der letzten Wegstrecke lag ein stiller Glanz. Leise verrann
die geweihte Stunde; sie aber dachte: ›Könnt' ich sie halten!‹
Draußen schlug eine Uhr. Aus dem bronzenen Gehäuse auf dem
Schreibtisch der Hausfrau antwortete eine helle Stimme.
Ein Mäuschen knabberte irgendwo am Schragen, -- dann war's wieder still.
›Wenn Sibylle mir jetzt ein Lied singen könnte!‹ zog es durch die Seele
der Einsamen -- --
Eine heiße Sehnsucht erwachte in ihr nach all der blühenden Jugend, die
mit der Enkelin von ihr gegangen, nach all der Liebe. -- -- Ob es ihr
gelingen würde, sich an das Neue, das in ihr Leben trat, zu gewöhnen,
es ans Herz zu drücken mit der alten Kraft? Und eine weitere Frage war,
ob es sich an sie gewöhnen würde? Es war ein eigen Ding um die Jugend
von heute ... So spann sie Zukunftsbilder.
Und dann wurden plötzlich ihre Augen starr. Mit angehaltenem Atem
saß sie und blickte auf die Stradivariusgeige. Ein Klingen und Tönen
entschwebte den Saiten, als harften unsichtbare Hände in weiter Ferne,
jenseits der Zeit. --
Wie ein Gruß wehte es durch den stillen Raum, wie eine zarte Bitte
um ein letztes Gedenken. -- -- Leise, leise verhallte die wunderbare
Stimme; dann war alles still -- --
Aber am Kamin saß eine mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt auf
die Geige gerichtet, und lauschte -- und lauschte -- --
* * * * *
Stunden waren vergangen.
Die Gutsherrin saß mit den Verlobten und der inzwischen eingetroffenen
Renate Kambach, einem echten Landedelfräulein von achtzehn Sommern,
am Kamin und hörte dem frohen Gespräch der jungen Leute zu. Aber sie
war nicht recht bei der Sache. Immer wieder streifte ihr Blick zu der
Stradivariusgeige hinüber, und durch ihre Seele zog heimliches Fragen.
Kein Hauch hatte die Saiten berührt, das seidene Band, das Sibylle um
den Knauf geschlungen, streifte sie nicht -- was war geschehen? Und an
die Seele der alten Frau klopften die Gedanken -- --
Jutta fragte ihre Herrin, ob sie müde sei, und ob sie zur Abendandacht
klingeln solle.
Aber sie wehrte ab.
»Nein, Eichelchen, lassen Sie nur!«
Und sie blieben beisammen.
Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert. Wendler sang, von seiner
Braut begleitet, mit schöner Stimme einige Löwesche Balladen, Renate
überraschte die Großtante mit einem gutgeschulten Alt.
Schließlich erklärte Eichelchen, es sei halb zwölf, und Exzellenz von
Kambach müsse zu Bett. Sie werde zur Andacht klingeln.
»Nehmen Sie sich in acht, lieber Wendler, daß Sie nicht allzusehr unter
den Pantoffel geraten,« wandte sich die alte Dame lachend an ihren
Gast, »Sie sehen, wie mit mir umgesprungen wird!«
Er ging auf den Scherz ein. »Ja, zu meinem großen Erstaunen, Exzellenz,
wenn ich das geahnt hätte!«
»Da fährt ein Wagen über den Hof,« rief Renate dazwischen.
Alle horchten auf.
»So spät!« sagte die Hausfrau, und Jutta ging hinaus.
Als sie nicht zurückkehrte, folgte ihr Wendler.
Die Diele war leer, kein Dienstbote zu finden. Schließlich sagte ihm
ein Küchenmädchen, Fräulein Eichel sei im Inspektorhause.
Er ging hinüber.
Schon auf dem Flur hörte er eine bekannte Stimme in großer Erregung
sprechen.
Er trat ein.
Mitten in der Stube stand Schenker, um ihn herum die Inspektorsleute,
Jutta Eichel und die Dienerschaft.
»Und ick kann's Exzellenz nich sagen!« rief der Alte, während ihm
die hellen Tränen über die Backen liefen, »ick krieg's nich fertig!
Was zuviel is, det is zuviel! Der gnädige Herr wäre ja auch selbst
gekommen, aber er mußte doch gleich nach Baden-Baden, da is det Unglück
geschehen. Darum schickte er mich. Er hat sich ja auch gesagt, das das
'ne furchtbare Zumutung is, und darum meinte er, ick solle den Herrn
Direktor bitten, mir'n bißchen zu helfen. Denn wie soll ick armer alter
Mann unsere Exzellenz det beibringen. Was unser Herr Pastor is, der
war gerade zu 'ner sterbenden Frau nach Kanzin gerufen, sonst wär'
der gewiß gefahren, -- der Inspektor is krank, na, wer bleibt denn da
übrig, als Schenkersch olle Vadder? Is ja auch ganz selbstverständlich,
wenn man so lange in herrschaftliche Dienste is, -- wenn's man nich
über meine Kräfte ginge! Tot -- tot, nich auszudenken is es,« -- und
wieder stürzten ihm die Tränen über das Gesicht. Schwerfällig ließ er
sich auf einen Stuhl nieder. »Oh, du lieber Herr und Gott, mußte das
denn sein?«
Erschüttert standen die anderen um ihn herum. Leises Schluchzen klang
durch die Nachtstille.
Man hatte Wendlers Kommen nicht bemerkt. Jetzt trat er vor und näherte
sich dem Alten, der schweigend vor sich niedersah.
Der Angerufene fuhr empor. Einen Augenblick starrte er den Direktor wie
geistesabwesend an. Dann erhob er sich und faßte seine beiden Hände.
»Gott sei Dank, da sind Sie ja, Herr Pastor, -- ick wollt' sagen, Herr
Direktor, nich wahr, ick tu' keine Fehlbitte?«
»Ich helfe Ihnen gerne, lieber Herr Schenker, aber ich weiß noch gar
nicht, was passiert ist.«
»Sie wissen's noch nich?« Der Alte sank in sich zusammen.
Da trat der Inspektor zu Wendler. »Unsere Herrschaft ist schwer
heimgesucht worden,« sagte er mit bebender Stimme, »der Herr
Oberleutnant und die junge gnädige Frau sind mit der ›Brandenburg‹
abgestürzt, und die gnädige Frau ist --« Dem treuen Manne versagte die
Stimme.
»Tot?« fragte Wendler erschüttert.
»Tot,« klang es leise zurück.