»So -- desto besser!«
Und dann begann er ihr von dem wunderbaren Schiff zu erzählen,
vom neuesten Zeppelin. »Die ›Brandenburg‹ entspricht in ihrer
Länge etwa den Luftschiffen der Ostfriesland-Klasse: 160 zu 166,5
Meter,« sagte er. »Du hast ja nur den einen Freiballonaufstieg beim
Luftschifferbataillon erlebt, nicht wahr?«
»Ich habe die ›Schwaben‹ von der Bahn aus fliegen sehen,« entgegnete
sie.
»Das ist etwas ganz anderes, Billy! Das haben Millionen Menschen
gesehen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn solch ein silberner
Delphin an einem schönen Sommermorgen in den Wolken erscheint, aber es
ist nicht mit der Nahwirkung zu vergleichen. Ich kann dir sagen, es
ist ein geradezu großartiges Bild, wenn solch ein Riese sich langsam
erhebt und als Segler der Lüfte die Wolken durchquert. Man glaubt, die
lebendige Verkörperung deutscher Heldenkraft und Kriegsgewalt vor sich
zu sehen!« Seine Augen leuchteten. Der preußische Offizier sprach.
»Und die Kabine?« fragte sie in frauenhafter Neugier.
»An der wirst du deine helle Freude haben! Sie erinnert an den
+D+-Zug, ist aber nicht so vollgepfropft und darum viel
behaglicher. Sie hat nur vierundzwanzig Plätze. Der rote Teppich und
die hübschen Peddigrohrsessel machen den hellen luftigen Raum, der
eigentlich ganz Fenster ist, höchst behaglich. Im übrigen ist es ganz
wie auf einem unserer großen Dampfer. Ausgezeichnete Verpflegung, Sekt,
Kaviar, tadelloser Steward, -- alles, was du willst. Aber man vergißt
Hunger und Durst da oben!« Gedankenverloren blickte er vor sich hin.
»Ach ja, du hast ja im vorigen Jahr die Rheinreise mit der ›Viktoria
Louise‹ gemacht!«
Er nickte. »Es war über alle Beschreibung schön. Du machst dir
keinen Begriff von solch einer Fahrt. Man muß so etwas eben erlebt
haben! Wir flogen damals über Baden-Baden, taten einen Blick in den
Schwarzwald, dann ging es über die Ebene, dem Rhein zu. Nie hab' ich
etwas so überwältigend Schönes gesehen, wie das breite grünseidene
Band des gewaltigen Stromes mit seinen malerischen Ufern und stolzen
Schiffen. Deutschlands Juwel, von oben geschaut, möcht' ich diese Fahrt
überschreiben. Eigentlich hätt' ich dir das alles gar nicht erzählen
sollen, Billy,« -- er sah sie lächelnd an. »Na, mit Worten läßt sich's
nicht beschreiben, wie schön die Reise war, und etwas Vorfreude hat
auch ihren Reiz!«
Sie nickte. »Vorfreude ist manchmal das Schönste,« sagte sie mit
glänzenden Augen.
»Diesmal nicht!« --
Hand in Hand saßen sie aneinander gelehnt. Er hatte dem Schaffner ein
Trinkgeld gegeben; so störte keiner ihr junges Glück.
»Wenn ich nur der armen Ilse helfen könnte,« sagte Sibylle endlich,
»die Ereignisse der letzten Zeit liegen mir wie ein Stein auf dem
Herzen. Wenn Wolf Dietrich nicht mein Bruder wäre, so ...«
»Ich verstehe das, Billy,« entgegnete ihr Mann, »aber du darfst die
Sache auch nicht zu schwer nehmen. Deine Familie ist doch schließlich
nicht dafür verantwortlich, daß Wolf Dietrich ein -- ein ...«
»Sag's nur ruhig,« meinte sie traurig, »daß er ein Lump ist!«
Er schwieg.
Da begann sie von neuem: »Weißt du, das ist das schwerste, daß es
niemals wesentlich mit ihm anders werden wird. Die Scheidung und alles,
was drum und dran hängt, wird ihm höchst peinlich sein, aber mehr auch
nicht. Ändern wird Wolf Dietrich sich nicht. Viele werden sagen, er sei
durch seine Veranlagung entschuldigt,« -- sie zuckte die Achseln.
Er antwortete nicht.
»Ach, Harro,« fuhr sie fort, »ich würd' es sonst ja nicht aussprechen,
aber siehst du, Wolf Dietrich hat Mamas Natur. Er hat ihr heißes,
leidenschaftliches Blut geerbt. Außerdem ist er bodenlos leichtsinnig;
seine Erziehung war nicht streng genug -- nun haben wir die Folgen. Er
hat eben nie gelernt, sich selbst zu bezwingen.«
»Kein Wunder,« sagte er.
Sibylle sah ihn von der Seite an. »Du meinst, -- weil -- Mama es auch
nicht tut? Es ist schon möglich, jedenfalls haben wir von ihr keine
Selbstbeherrschung gelernt.« Eine leichte Bitterkeit lag im Ton ihrer
Stimme. Sie wollte nicht über die eigene Mutter urteilen, aber der
tiefe Fall des einzigen Bruders ließ sie die Ursachen erforschen. Sie
fand sie in der eigenen Kinderstube.
»Die Firlemonts sind alle so,« sagte sie, nach einer Entschuldigung
suchend. »Onkel Axel sitzt ewig in Monte Carlo, Onkel Fred ist zum
zweitenmal geschieden und Tante Antoinette -- von der kann man
überhaupt nicht sprechen ... Mama ist ganz anders als ihre Geschwister,
es ist überhaupt ein Wunder, daß sie so ist, denn die Großeltern
sollen sich niemals um ihre Kinder gekümmert haben! Harro -- findest
du nicht, daß Wolf Dietrich etwas, -- ich meine selbstredend nicht,
daß ihn keinerlei Vorwurf trifft, -- aber daß er ein ganz klein wenig
entschuldigt ist? Denn schlecht ist er nicht!«
Nein, schlecht war er nicht. Das fand Harro auch. Aber der dunkle
Flecken auf der Offiziersehre blieb. Das konnte auch die eigene
Schwester nicht leugnen.
Sie fuhren in den Potsdamer Bahnhof ein.
»Wenn Ilse nur wieder gesund wird,« dachte sie, während ihr Mann einem
Gepäckträger winkte.
Da gewahrte sie, am Fenster stehend, einen Herrn auf dem Bahnsteig. Auf
den ersten Blick war der Offizier in Zivil erkennbar: Wolf Dietrich.
Sie prallte zurück. Es ging über ihre Kraft -- am heutigen Abend
eine zwanglose Begegnung mit ihm, während Ilse krank daniederlag --
unmöglich! Sie sagte es ihrem Mann.
Der zog die Brauen zusammen.
»Nee, Kindchen, das geht allerdings nicht!« Er blickte hinaus.
»Wahrhaftig! Er hat uns aber nicht gesehen!«
Sie öffnete ihre Reisetasche und zog einen dichten Autoschleier hervor,
den sie über den Hut band. »So,« sagte sie. »Du bist ja in Zivil!« Noch
einmal sah sie hinaus. »Er scheint hier jemand zu erwarten!«
»Ja, Billy, es hilft nichts, wir müssen aussteigen!« Harro Kambach ging
seiner Frau voran. Draußen zog er ihren Arm in den seinen. Ohne rechts
und links zu blicken, schritten sie über den Bahnsteig.
Fünf Minuten später saßen sie im Auto.
In Sibylles Augen standen Tränen. Sie preßte die Lippen zusammen. Vor
ihrem Geiste stand das Bild des schönen lebensfrohen Mannes, der ihr
liebster Spielkamerad gewesen. Es krampfte sich alles in ihr zusammen,
wenn sie daran dachte, was aus ihm geworden war. Denn trotz allem,
das gewesen, die geschwisterliche Liebe vermochte sie nicht aus ihrem
Herzen zu reißen. Er war und blieb ihr einziger Bruder.
Neunzehntes Kapitel.
»Wenn ich die Sonne grüße ...«
Wenn eine Seele in brennender Sehnsucht,
Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,
Leise, leise die Flügel entfaltend
Den Fuß von der dämmernden Erde löst,
Blicke ihr nach in die strahlende Weite,
Bis sie sich nahet dem Tore des Lichts, --
Ob nicht ein Funke vom himmlischen Feuer
Niederfällt auf den finsteren Pfad -- -- --
Warte nur, warte! gedulde dich fein!
Schon glühen die Zinnen in purpurner Schöne
Schon zieht sie droben durchs Perlentor
Mit tausend glückseligen Gästen ein ...
Warte nur, warte! ... Wenn eine Seele
Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen,
Leise, leise die Flügel entfaltend,
Den Fuß von der dämmernden Erde löst,
Hebe den Blick zum Tore des Lichts!
Der Sonnenschein, der eine Stunde lang Sibylle Kambachs Hochzeitstag
erhellte, war nicht von Dauer gewesen. Schon am Nachmittag zog ein
Regenschauer über die Heide, und der sternklare Abend war trügerisch.
Am anderen Morgen lag das Land grau in grau. Ein kalter Wind wehte.
Hoffentlich geben die Kinder die Fahrt mit der ›Brandenburg‹
auf,« sagte Frau von Kambach zu Graf Bühler, als sie sich von ihm
verabschiedete.
Er zuckte die Achseln.
»Das Wetter kann in Düsseldorf gut sein, Exzellenz!« Er geleitete sie
hinaus. »Also auf Wiedersehen am Dienstag! Ich freue mich, daß unser
Bundesdirektor die prächtige kleine Frau bekommt! Hoffentlich ist Ilse
bis dahin wohler! Ich sehe leider sehr, sehr schwarz in der Sache!« Er
seufzte tief.
»Gott gebe, daß wir uns irren,« sagte sie halblaut. »Karl Heinrich
sagte mir gestern abend, ehe er nach Hause fuhr, ja auch, der Arzt habe
gemeint, Ilses Erkrankung läge ganz anderes zugrunde.«
»Dasselbe hat er mir gesagt. Es wäre ja auch geradezu ein Wunder,
wenn die unglückliche Frau gesund bliebe!« Er neigte den weißen Kopf
über ihre Hand. »Befehlen wir's dem, ohne dessen Willen kein Haar von
unserem Haupte fällt, teuerste Freundin!«
Sie standen auf den Steinstufen. Der Regen sprühte.
Ein Diener trat mit geöffnetem Schirm zu der Greisin.
»Ich bitte Sie,« wandte sie sich an Graf Bühler, der ihr den Arm
reichen wollte, »bleiben Sie drin!«
Sie nickte ihm herzlich zu, stützte sich auf den Arm des Dieners
und ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen. Noch einmal sah das
freundliche Gesicht aus dem Fenster, die beiden Alten winkten einander
zum letztenmal zu, und fort ging's in den kühlen Morgen hinaus.
Zwei Stunden später saß Frau Sabine in ihrem Arbeitszimmer beim
prasselnden Kaminfeuer, von Eichelchens treuer Fürsorge umhegt. Eine
Großnichte, ein Fräulein von Kambach, welches der alten Dame, bis
sich ein passender Ersatz für Fräulein Eichel gefunden, Gesellschaft
leisten sollte, wurde nachmittags erwartet. Die Nachrichten über
die junge Gräfin Bühler, welche die Gesellschafterin mitbrachte,
lauteten günstiger, eine Diakonisse war in Kambach eingetroffen. Die
Braut konnte ihren Platz am Krankenlager ohne Sorgen verlassen. Auch
der Kochlehrling war außer Gefahr. Mit gutem Gewissen schied Jutta
Eichel von ihrer alten Exzellenz, aber die Trennung ward den beiden
Frauen bitter schwer. Die Alte gab ihr Bestes, die liebe sorgende
Hausgenossin, an die sie sich in jahrelangem Zusammenleben und
Zusammenarbeiten gewöhnt -- die Junge verließ eine Frau, die der Waise
Mutterliebe geschenkt. Das bedeutete einen scharfen Schnitt für zwei
Menschen, die zehn Jahre treu zueinander gehalten in Freud' und Leid.
Aber beide gehörten zu den großzügigen Naturen, die den Blick auf das
Ganze richten, die bei allem, was sie tun, auf das Werk schauen, dem
sie dienen. Und diese Großzügigkeit, dieser Blick ins Weite machte sie
stark und ließ ihre persönlichen Wünsche und Gefühle zurücktreten.
Das traf hier insonderheit auf die Greisin zu, die niemals mit einer
Silbe über den für sie gewiß nicht leichten Wechsel geklagt, aber
auch der Entschluß der Braut, die, selbst ohne Vermögen, dem Manne,
den sie liebte, in eine wenigstens zunächst nur in beschränktem Maße
sichergestellte Zukunft folgte, erforderte Mut.
Frau von Kambach befand sich seit ihrer Rückkehr aus Bühl in einer
nervösen Unruhe. Kaum zehn Minuten saß sie auf einem Fleck, machte
sich am Schreibtisch zu schaffen, sah in den Regen hinaus, lauschte
auf den Wind und fragte immer wieder, ob der Wagen für Direktor
Wendler auch rechtzeitig zur Bahn gefahren sei. Fräulein Eichel,
welche diese Nervosität auf die Ereignisse der letzten Zeit und auf
die fortwährenden Witterungswechsel schob, sagte nichts. Sie wußte,
daß Wind und Wetter nicht ohne Einfluß auf Gichtiker sind, und daß der
Gedanke an die Luftschiffahrt des jungen Ehepaares nach wie vor die
alte Dame beunruhigte. Da sie beides nicht zu ändern vermochte, suchte
sie, ohne die Dinge zu berühren, ihre Herrin abzulenken, indem sie ihr
aus den Briefen ihres Verlobten erzählte und ihr die Kreuzzeitung
vorlas. Frau von Kambach wurde auch etwas ruhiger, aber ganz gelang
es ihrem treuen Hausgeist nicht, das seelische Gleichgewicht
wiederherzustellen. Zum Unglück war der Wind zum Sturm geworden; so
wurde ihre Aufmerksamkeit immer wieder draußen gefesselt. Fräulein
Eichel sah es mit Sorge. Ganz unbegründet erschien ihr die Angst der
alten Frau ja nicht. Aber andererseits fragte sie sich: ›Warum soll
gerade der »Brandenburg« etwas zustoßen?‹ In Düsseldorf wollte das
junge Paar die Gondel besteigen; dort konnte strahlendes Wetter sein,
wenn es in der Mark stürmte. Trotzdem legte sie die Sturmwarnung der
Kreuzzeitung unauffällig beiseite.
Im selben Augenblick rollte ein Wagen über den Hof.
Sie eilte zum Fenster.
»Da ist er! Verzeihung, Exzellenz!« Sie lief hinaus. Gleich darauf kam
sie mit ihrem Verlobten zurück.
Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit der Hausfrau bat Wendler, auf sein
Zimmer gehen zu dürfen, um sich vom Reisestaub zu säubern.
Exzellenz von Kambach nickte. »Und dann frühstücken Sie etwas, wir
essen heute erst um zwei!«
Er verbeugte sich dankend und folgte seiner Braut.
»Darf ich Sie vor dem Essen noch auf ein Stündchen zu mir bitten, Herr
Direktor?« rief die Greisin ihm nach. »Ich möchte gerne mit Ihnen
einiges besprechen. Es soll auch nicht lange dauern,« fügte sie mit
einem Blick auf Jutta lächelnd hinzu.
Dann gingen die beiden.
* * * * *
Der Sturm brauste über die Heide und schlug den Regen gegen die
Fenster des Herrenhauses. Wirbelnd flogen die Blätter der Parkbäume,
und die alte Linde ächzte. Hinter dem Hoftor stand eine Wetterwand
in schwarzblauer Schönheit, langgezogene weiße Wolken flatterten, vom
Sturme getrieben, am Himmel.
Die Gutsfrau stand am Fenster und blickte auf das trübe wildbewegte
Bild. Sie sah die Menschen gegen den Sturm ankämpfen, sah, wie er an
ihren Kleidern zerrte, wie er ihnen die Tücher und Mützen vom Kopfe
riß und weit über den Hof trug. Und sie dachte: ›Wenn's hier unten
im Binnenland so ausschaut, wie mag's auf hoher See sein, -- in den
Lüften!‹ --
Draußen schlug die Hausuhr eins.
Da kam ein rascher fester Schritt über die Diele. Wendler trat ein.
»Komm' ich zu früh, Exzellenz?«
»Nein, nein!« Und sie bat ihn, Platz zu nehmen.
Sein erstes Wort galt der Freude über ihre Geldsendung.
»Was das für ein Tag war, -- ich kann's nicht sagen! Nur der wird mir's
ganz nachfühlen, auf dessen Schultern ähnliche Sorgen gelastet!«
Sie nickte still. »Eine Glaubensstärkung war's mir, ein großes
wundervolles Erlebnis!«
Er sah sie ernst an. »Auch mir war's eine Glaubensstärkung, obgleich
mir das persönliche Erlebnis fehlte. Aber ich sehne mich danach, dieses
schöne Stück unserer Bundesgeschichte zu erfahren -- ist das zuviel
verlangt, Exzellenz?«
Sie blickte sinnend in den Sturm hinaus. ›Wenn ich die Sonne grüße!‹
hatte Sibylle gesagt.
»Vielleicht hab' ich kein Recht auf dies Geheimnis,« fuhr er fort,
»vielleicht ist's zu persönlich, zu -- heilig -- ich weiß es nicht!
Aber immer wieder steigt mir die Sehnsucht auf, mich an seinem hellen
Schein zu erfreuen! Exzellenz wissen es aus eigener Erfahrung, wir
brauchen Sonne auf unserem Wege! Darum bitte ich herzlich, ist's
möglich, ist mein Wunsch keine Verwegenheit, -- so zeigen Sie mir den
goldenen Strahl, den Sie aufgefangen!«