Dann sah sie sich um, ob ihre Blumen alle im Wagen seien, und zog die
Reisedecke in die Höhe: »So, Harro, nun kann's losgehen!«
Ein letztes Grüßen, ein Flattern weißer Tücher, die Pferde zogen an
und die Tochter des alten märkischen Geschlechtes fuhr, von wehenden
Fackeln begleitet, ins Leben hinaus.
»Hoch Brandenburgs Rose!« jauchzte es hinter der Scheidenden her, dann
war alles still, nur der Hufschlag der Rosse klang durch die Nacht,
und der Wind summte sein tausendjähriges Feierlied in den Zweigen der
träumenden Birken. -- --
* * * * *
»Ob es wohl morgen schön wird?« sagte die junge Frau und betrachtete
zweifelnd vom Fenster des +D+-Zuges den Himmel. »Es wäre ein
Jammer, wenn wir nicht fliegen könnten!«
Ihr Gatte trat zu ihr und legte den Arm um die schlanke Gestalt.
Glücklich sah er auf sie nieder. Dann prüfte sein Auge den Himmel. »Das
Wetterglas steht nicht schlecht,« sagte er. »Ich habe Großmama übrigens
versprochen, daß wir die Fahrt nur bei gutem Wetter mitmachen. Und dies
Versprechen muß ich halten. Es tut mir so leid, daß sie sich noch immer
so ängstigt, es wäre wirklich das beste, sie machte einmal selber eine
Zeppelinfahrt!«
»Das tut sie nicht,« meinte Sibylle. »Sie sieht ja jetzt ein, daß
Deutschland nicht ohne die Luftschiffahrt auskommen kann, -- das ist
Papas Verdienst. Aber sie läßt sie auch nur strategisch gelten. Daß
wir unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ machen wollen, ist
eigentlich ein Verbrechen. Großmutter ist zu alt für solche Neuerungen,
Schatz! Sie sagte mir neulich, hier müsse es heißen, ›Naturkraft gegen
Naturkraft‹. Aber der schöpferische Grundgedanke fehle, der Propeller
habe weder das Anpassungsvermögen noch die natürliche Widerstandskraft
des fliegenden Vogels.«
Er zuckte die Achseln. »Als die Eisenbahn erfunden wurde, war es
dieselbe Geschichte. Niemand von den älteren Herrschaften wollte in die
›Höllenmaschine‹ hinein. Und heute? Wenn man die Sache so ansehen will,
hält überhaupt kein menschliches Werk den Elementen stand. Dann ist die
Natur König!«
»Gott,« sagte sie leise.
Er schloß das Fenster und zog sie neben sich auf den Polstersitz.
»Du mußt doch zugeben, daß hinter allem Leben eine Naturgesetzlichkeit
steht, die das Ganze beherrscht, Billy, und somit alles Weltgeschehen
von ihr abhängig ist.«
Sibylle Kambach blickte ihren jungen Gatten voll an. »Ich denke gar
nicht daran, das zuzugeben.«
Er sah ihr belustigt in die sprühenden Augen. »Unsere Hochzeitsreise
fängt ja schön an!«
»Daran bist du ganz allein schuld! Ich kann das doch nicht
stillschweigend mit anhören, wenn du etwas so Widersinniges sagst!«
»Oho!«
»Ja. Du sagtest doch kürzlich, du neigtest neuerdings stark zum
Pantheismus. Danach ließest du den Schöpfer gelten. Ist denn dieser
Schöpfer abhängig von den Gesetzen der Natur, die er selbst geschaffen
hat? Liegt darin nicht schon ein Widerspruch? Gott wäre demnach ja eine
Maschine! Außerdem müßte ein in irgendeiner Weise abhängiger Schöpfer
doch wieder einen Schöpfer haben und dieser wieder einen! Wer wäre dann
der Urschöpfer? Nein, lieber Schatz, du kannst es mir glauben, das, was
wir Naturgesetzlichkeit nennen, ist etwas anderes, als du annimmst. Es
ist ein fortwirkender, aber kein schöpferischer Faktor. Die Kräfte, die
Gott in die Natur gelegt hat, entwickeln sich weiter. Wir kurzsichtigen
Menschen nennen das ›Naturgesetzlichkeit‹ und bilden uns, der Himmel
weiß was auf diese großartige Erkenntnistheorie ein. Und doch kommen
wir selbst am schlechtesten dabei weg, denn nach dieser Theorie haben
wir keinen allmächtigen Gott und Vater im Himmel, sondern sind der
Naturgesetzlichkeit verfallen.« Sie sah ernst vor sich nieder.
Ihrem Mann war diese Wanderung durch die Gefilde der Philosophie wenig
angenehm, aber er mußte sich andererseits sagen, daß er nicht ganz
unschuldig daran sei.
»Na, unsere Hochzeitsreise soll nicht durch die Frage gestört werden,
nicht wahr, Schatz?« versuchte er Sibylle von dem heiklen Thema
abzulenken. »Wir haben ja unser Glück!«
»Mich beunruhigt die Frage durchaus nicht, Harro, denn ich habe die
Antwort,« erwiderte sie. »Aber aufs Glück kommt es nicht an, sondern
darauf, daß wir auf Felsengrund stehen.«
Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heiß und innig.
Er aber blickte in die dunklen Augen, die ihre ganze Seele
widerspiegelten, und sagte sich: ›Sie gibt dir ihr Bestes!‹
Schweigend saßen sie beisammen.
Draußen huschten die Lichter vorüber, und die farbigen Signale
leuchteten.
»Ich möchte gerne noch etwas von der ›Brandenburg‹ hören,« bat sie.
»Ist sie schön ausgestattet?«
Sie rückte näher an seine Seite und breitete die Reisedecke über sich
und den Gatten. »So, nun ist's gemütlich, -- nun erzähl'! Schade, daß
wir die Probefahrt nicht mitgemacht haben, -- wir hätten acht Tage
früher heiraten sollen.«
»Ja, Billy, das ist nun zu spät! Warum hast du nicht eher daran
gedacht?«
Sie nahm den Hut ab und lehnte den Kopf an seine Schulter. »So --
also Herr Oberleutnant sind zum Vortrag bei Durchläuchting befohlen!
Antreten!«
Er lachte. »Warte, wenn wir erst in unseren vier Pfählen sind, kehre
ich den Herrn und Gebieter heraus. Heute geht dir noch einmal alles
durch -- aber dann! Durchläuchting wird sich noch wundern!«