Und wieder das Auf- und Abwandern. -- --

Da leuchtete plötzlich in der Bühlerschen Villa ein Licht hinter

den verhangenen Scheiben auf. Die Halbweltdame schien nicht darauf

zu achten. Gelassen wanderte sie noch einmal auf und nieder, blieb

unvermittelt stehen und bog raschen Schrittes in eine Seitenstraße ein.

Aber der heimliche Späher durchschaute das Manöver und wartete. Er

hatte sich nicht geirrt. Nach kaum zehn Minuten kam sie im Schatten der

Mauern zurück, huschte eilig durch den Vorgarten und verschwand in der

Villa. -- -- --

Wahrhaftig, die Unverfrorenheit, etwas derartiges in einem vornehmen

Regiment zu wagen, suchte ihresgleichen! -- --

Roselius sah die Straße entlang. Sie war menschenleer. Er war also der

einzige Zeuge des Vorgangs. -- --

Über den Kirchen stieg die Sommernacht herauf. Vollmondschein lag auf

dem deutschen Städtebild, und die Sterne zogen funkelnd ihre Bahn.

Er aber rang mit abgrundtiefer Not, mit fremder Schuld und fremdem

herzbrechendem Leid.

Während er in schweren Gedanken die Straße überschaute, nahten zwei

Gestalten. Er hatte nicht acht auf sie. Erst als sie in den Lichtkreis

der Laternen traten, ward seine Aufmerksamkeit gefesselt.

Und dann blickte er starr auf die schlanke Frau im langen Reisemantel,

-- ein Ruck ging durch seine Gestalt -- im nächsten Augenblick war er

auf der Treppe. Wie aus dem Boden gezaubert stand er vor ihr, atemlos,

gewaltsam seine Erregung meisternd: »Gnädigste Gräfin, -- verzeihen Sie

einen Augenblick!«

Ilse Bühler stand sprachlos vor ihm, ihr Kind im Arm. Ihre Begleiterin

trug großes Handgepäck, welches für einen Wagen berechnet schien.

»Um Gottes willen, Herr von Roselius, was ist geschehen? Ist mein Mann

krank?«

Er gab der Jungfer einen Wink, zurückzubleiben, und ging an der Seite

der jungen Frau die Straße entlang.

»Nein, er ist nicht krank, aber Sie dürfen nicht hinein, -- in diesem

Augenblick nicht, -- es ist unmöglich!«

Sie blieb vor ihm stehen.

»Sie sprechen in Rätseln! Sagen Sie mir doch um Gottes willen, worum es

sich handelt!«

»Ich kann Ihnen nur sagen, gnädigste Gräfin, daß Sie Ihr Haus heute

abend nicht betreten dürfen!«

»Aber wenn ich es will!«

»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu folgen!«

Sie zuckte die Achseln. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf und legte

sich wie ein Alp auf ihr Herz. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie

wollte das Entsetzliche nicht glauben. Der Regimentskamerad ihres

Mannes irrte -- mußte irren --, es konnte nicht anders sein! Denn trotz

allem, was gewesen, trotz allem, was ihre junge Ehe getrübt, liebte er

sie -- dies Bewußtsein machte sie stark, Vergangenes zu tragen, ob's

noch so schwer war. Und sie umfaßte das kleine Bündel in ihrem Arm

fester und drückte das schwache Körperchen an sich.

Seit vier Wochen war sie bei ihrem Vater, um sich zu erholen. Nach

Sibyllens Hochzeit, die in Bühl stattfinden sollte, wollte sie mit

ihrem Manne nach Drachenburg zurückkehren. Da fing der Kleine an zu

kränkeln. Der Kambacher Hausarzt schob die Sache auf den Milchwechsel

und nannte sie ungefährlich. Aber Ilse erklärte ihrem Vater, der

alte Herr verstände nichts von der Behandlung so kleiner Kinder, ihr

Drachenburger Arzt habe Fritz Karl ganz anders behandelt, sie müsse

nach Hause. Der Oberstallmeister war dagegen. Zuerst fügte sich Ilse

den Wünschen des Vaters, dann aber erklärte sie plötzlich eines

Morgens mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, sie reise nachmittags. Und so

geschah's. Unterwegs gestand ihr die Jungfer, daß sie vergessen habe,

die Drahtnachricht an den Grafen zu befördern, -- so war kein Wagen

an der Bahn und zum Unglück an dem überfüllten Zug kein Gepäckträger

zu haben. Die Koffer mußten auf der Bahn bleiben. Nur mit dem

Notwendigsten versehen, kam sie unerwartet zu Hause an. --

»Haben Sie Barmherzigkeit mit mir,« sagte sie, »was ist es?« Erschöpft

lehnte sie sich an das Gartengitter.

Er antwortete nicht.

»Herr von Roselius!« bat sie flehend.

»Das kann ein Mann einer Frau nicht sagen, gnädigste Gräfin!« Mit

erstickter Stimme kam's heraus, so leise, daß nur sie es vernahm.

Einen Augenblick stand sie wie gelähmt. Dann raffte sie sich gewaltsam

auf und trat dicht vor ihn hin: »So sagen Sie mir nur eines, ich

beschwöre Sie -- ist -- ist es -- das Schwerste?«

Er blickte in das schöne geliebte Antlitz, und sein Herz zog sich

zusammen in tiefem Weh. Aber er machte sich hart. »Ja,« antwortete er

tonlos.

Da raffte sie die letzte Kraft zusammen und schritt ihm voran.

Ein paarmal war's ihm, als müsse er sie stützen, aber dann ging sie

erhobenen Hauptes weiter.

Auf der Schwelle machte er noch einen letzten Versuch, sie

zurückzuhalten, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Und er verstand

sie. Anderen glaubte sie es nicht, daß ihre Liebe mit Füßen getreten

wurde.

Die Jungfer, eine Kambacherin, mochte ahnen, daß ihrer jungen Herrin

Schweres bevorstand. Bescheiden trat sie vor und fragte, ob sie ihr das

Kind abnehmen solle.

Aber die Gräfin hatte auch für diese treue Seele nur ein Kopfschütteln

und drückte das Kleine, als gewähre es ihr einen Schutz in schwerster

Stunde, fester an sich. -- --

Dann klingelt sie.

Der Bursche, der jedenfalls Befehl hat, ungebetene Gäste fernzuhalten,

prallt bei dem unerwarteten Anblick seiner Herrin zurück.

Ein Blick aus den Augen des Oberleutnants gibt ihm die Haltung wieder

und zwingt ihn zum Schweigen.

Kein Wort wird gesprochen.

Lautlos gleitet das Frauenkleid über den schweren Läufer, und der

Schritt des Mannes verklingt ungehört.

Dann steht Ilse Bühler vor der Tür ihres Mannes.

Ein fremder steinerner Ausdruck liegt auf ihren Zügen.

Drinnen klingt die Stimme des Hausherrn, dazwischen Frauenlachen und

Gläserklingen.

Wieder will Roselius ihr den Weg vertreten. Aber sie sieht seinen

flehenden Blick nicht. Sie legt die Hand auf die Türklinke -- sie

öffnet -- --

Und dann zittert ein markerschütternder irrer Schrei durch das

nächtliche Haus -- -- starke Hände stützen die Ohnmächtige und halten

das gleitende Kind -- drinnen tönt ein Fluch, das Lachen verstummt,

auf dem Parkett zersplittert ein Kelch, -- ein Flüstern, ein eiliges

Rauschen weicher Seide -- es ist still im Haus. -- -- --

* * * * *

Am anderen Mittag stand ein geschlossener Wagen vor dem Kambacher

Gutshause. Eine blasse Frau stieg langsam die Freitreppe hinan. Es war

Ilse Bühler.

Die furchtbare Aufregung hatte ihr die Kraft gegeben, sich

aufrechtzuhalten und, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, das

Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Nicht einmal die Kleider

hatte sie gewechselt. Nur für das Kind sorgte sie, daß es hatte, was es

brauchte.

Ihren Mann sah sie nicht mehr. Nach einer scharfen Auseinandersetzung

mit Roselius hatte er das Haus verlassen. Und sie war froh, ihm nicht

mehr zu begegnen. Es war ja doch vorbei; was sollte es, sich um

Tatsachen zu streiten, die wie Felssteine auf ihrem Lebenswege lagen?

So machte sie sich hart. Ohne einen letzten Blick auf die Räume zu

werfen, die einst ihr Glück umschlossen, nahm sie ihr Kind und verließ,

gefolgt von der treuen Jungfer, das Haus.

Am Gartengitter wartete der Wagen, den Roselius bestellt. Er hatte ihr

behilflich sein, sie zur Bahn geleiten wollen, aber sie bat ihn, davon

abzusehen.

»Es ist besser so,« sagte sie, ihm herzlich dankend. »Ich komme schon

durch!«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 92 / 114 题