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Gen Abend ging's. Langsam schlenderte der alte Postbote durch die
Heide. Man durft' es ihm nicht verargen, daß er auch einmal die ganze
Pracht in Ruhe genießen wollte.
Einer von jenen Tagen, welche das Land in ihre goldene Schleier hüllen
und dem bescheidensten Erdenwinkel einen stillen Zauber verleihen,
ging zur Neige. Einer von den Tagen, wo alles leuchtet, wo die Farbe
glüht und Märchenschönheit das Alltägliche umspinnt. Wo Wald und Heide
Königreiche werden, wo das Bauerngärtlein mit seinem Bienenstock,
seinen Malven und Nelken, seiner weißen Wäsche auf dem Zaun wie ein
Idyll den Wanderer grüßt. Wo einem der Gedanke aufsteigt: ›Es ging
ein Himmelskind durch die Lande und segnete Wald und Anger und das
Herdfeuer der Menschen!‹ Solch ein Tag war's, solch ein wundervoller!
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Unter dem steinernen Torbogen des Gutshauses stand Jutta Eichel. Auf
den frischen klaren Zügen lag sehnende Erwartung.
Die Hand über die Augen gebreitet, spähte sie über die Heide.
Endlich tauchte der alte Postbote zwischen den Hügeln auf. Schwerfällig
stolperte er auf sie zu.
»Na, ick dacht's mir doch, Fräulein Eichel steht schon am Hoftor! Ein
Glück, daß der Brief da ist, sonst wär's mir wohl schlecht gegangen!«
Er blieb vor ihr stehen und kramte seine Tasche durch. »Da is er schon!
Aus Düsseldorf! Wann wird denn Hochzeit gemacht, wenn ick mir die
Anfrage erlauben darf!?«
»Wenn die Hochzeit in Bühl gewesen ist!« klang die fröhliche Antwort.
»So, so. Konnt' ick mir denken.« Er kramte weiter. »Für Gräfin Bühler
is auch was da! Aus Berlin. Der Herr Oberleutnant is ja wohl bei die
Luftschifferabteilung? Is ja allens ganz gut, und 's Deutsche Reich
muß wohl solche Einrichtungen haben, aber -- ick weiß nich -- die
Dinger haben nu doch mal keine Flügel, und darum kommt so oft was vor!
Denn was die Perpellers sind, -- das sind doch nu und nie richtige
Flügel, wie die Vögel sie haben! Und ick sag' mir immer, wenn der liebe
Herrgott die Vögel so für die Luft eingerichtet hat, dann müßten die
Luftschiffe auch Flügel haben, -- warum geht die Geschichte denn sonst
immer schief? Nee, nee, das gefällt mich nich, Fräulein Eichel!« Er
schloß die Tasche. »Abends gibt's nich viel, is 'ne flaue Post, nur der
Düsseldorfer Brief darf nich fehlen!«
Er nickte ihr freundlich zu und setzte seinen Weg fort.
Einen Augenblick stand sie noch, die dämmernde Heide überschauend, dann
begann sie, langsam dem Gutshause zuwandernd, ihren Brief zu lesen.
Ein stilles Glück lag auf ihren klaren Zügen und gab ihnen einen
eigenen Reiz. Einen feinen innerlichen, der ihr ganzes Wesen
durchstrahlte und ihm jene Anmut verlieh, von welcher der Dichter singt:
›Ist der Leib ein Gotteshaus,
Blickt ein Engel zum Aug' heraus.‹
Wendler hatte gewußt, was er tat, als er seine Lebensgefährtin
erwählte. Wie kein anderer bedurfte er der Frau, deren Hand fest
in der seinen lag, deren Auge hell blieb, wenn Wolken über den
Weg zogen, die mit starker Seele des Lebens Last trug. Die ganze
Arbeitsfülle, verbunden mit den Schwierigkeiten, die ein in den
ersten Anfängen steckendes, von allen Seiten mißtrauisch betrachtetes,
vielfach angefeindetes Werk begleiten, war auf ihn eingestürmt.
Mitten hineingestellt in den Geisteskampf der Zeit, wuchs ihm mit
der Größe der Aufgabe nicht nur das Verantwortlichkeitsbewußtsein
ins Riesenhafte, auch seine Kraft erstarkte unter der Last. Mit dem
Ewigkeitsgedanken, der seit dem großen Wendepunkt seines Lebens der
Grundton seines Tun und Denkens geworden, kehrte die Freude am Ausbau
überweltlicher Ziele bei ihm ein und ward ein Stück seiner selbst.
Ein starker frischer Mut, der Mut des Glaubens, der vergebene Schuld
im Buche der ewigen Liebe getilgt weiß, ließ ihn Vergangenes dahinten
lassen und aufbauen, was er zerstört. Kindesdemut fügte Stein an Stein,
Mannesstolz hob, den Spöttern zum Trotz, das verachtete Werkzeug vom
Boden und forderte blitzenden Auges: ›Den Hammer in Ehren!‹
Wohl flogen die Pfeile um den tapferen Streiter, aber das Werk wuchs.
Ortsgruppe reihte sich an Ortsgruppe, und die Zahl der Mitglieder
mehrte sich zusehends.
Den letzten Brief an Frau von Kambach durchzog's wie ein Jubilate, und
das unerschütterliche Gottvertrauen, das aus jeder Zeile sprach, wirkte
belebend und erfrischend auf die greise Frau, deren starkem Geist es
in der letzten Zeit oft schwer geworden war, Leid und Sorgen mit dem
Mute früherer Tage zu überwinden. Denn die Sorge um geliebte Menschen
zermürbt, zumal, wenn man mit gebundenen Händen vor einem abgrundtiefen
Schmerz steht, -- die Sorge um das Wachstum des Reiches Gottes hält
wach, aber auch sie trägt ihren Namen mit Recht, solange Erdenkinder
hienieden ihre Straße ziehen. Das Wort von den Lilien auf dem Felde
bleibt dem Menschenherzen nun einmal eine schwierige Lektion.
Nachdenklich wanderte die Braut dem Herrenhause zu. Auch in ihrer
Seele lebte die Sorge. Ihr Verlobter hatte sie über die wirtschaftliche
Lage des Bundes nicht im unklaren gelassen, auch in bezug auf die neu
aufgetauchten Schwierigkeiten nicht. Ob Exzellenz von Kambach und ihr
Sohn das alles in vollem Umfange wußten? Und zum erstenmal zog eine
brennende Sehnsucht nach Reichtum in ihr Frauenherz. -- --
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Sibylle Bühler war aus Potsdam zurückgekehrt, schöner, strahlender denn
je.
»Es ist etwas an ihr, das wie ein Magnet auf mich wirkt, -- ist es das
Leuchten ihrer Augen, die Frische ihres Wesens, ich weiß es nicht!
Selten hat ein Mensch solche Anziehungskraft auf mich ausgeübt!« sagte
Exzellenz von Kambach zu Fräulein Eichel.
Sie nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Gemisch von Ernst und
Lebensfreude in Gräfin Sibylle! Man glaubt oft kaum, daß es ein und
derselbe Mensch ist. Neulich die Freude über den Schmuck war doch
einfach reizend!«
»Ja,« erwiderte die Greisin, »aber ich bin überzeugt, daß sie mit noch
größerer Freude ein Opfer für eine große Reichsgottessache bringen
würde! So jung sie ist, ihr Leben hat Ewigkeitsinhalt, und der Grundton
ihres Wesens ist der Zug zum Überweltlichen. Man findet selten in dem
Alter solche Klarheit im Urteil und Handeln, solches Zielbewußtsein!«
Sinnend ruhte ihr Blick auf dem Bilde des Brautpaares vor ihr auf dem
Schreibtisch. »Ich hoffe, mein Enkel wird an ihr erstarken; sie gehört
zu den Frauen, die den Mann, den sie lieben, in kluger und taktvoller
Weise unmerklich beeinflussen. Übrigens -- ist Billy noch beim Packen?«
»Sie stimmte eben ihre Geige. Der Koffer war fertig bis auf das, was
morgen früh hinein soll!«
»So, dann wird sie wohl gleich herunterkommen.«
Fräulein Eichel ging.
Gleich darauf erschien Sibylle, ihre Geige im Arm.
Sie sah erhitzt aus. Ihre Augen glänzten.
›Es ist die Erregung des Abschieds,‹ dachte Frau von Kambach.
»Nun, da bist du ja,« begrüßte sie freundlich die Enkelin.
»Ja, Großmama, und hier bringe ich dir die Vielgeliebte! Niemand gäb'
ich sie so gern in Verwahrung wie dir! Der Kasten bedurfte leider
so sehr der Ausbesserung, daß ich ihn neulich nach Berlin schicken
mußte. Aber er wird dir in den allernächsten Tagen zugestellt werden.
Bis dahin darf die Geige vielleicht hier in deinem Zimmer an der Wand
hängen, -- es kommt ja niemand daran!«
Die alte Dame nickte. »Anna ist ja vorsichtig beim Reinmachen, und
Fräulein Eichel wischt bei mir Staub. Ich glaube, wir können ohne Sorge
sein!«
»Es dauert ja auch nur kurze Zeit,« sagte die Braut und schlang ein
seidenes Band um das Instrument.
»Aber erst spielst du mir noch etwas zum Abschied,« bat die Greisin.