»Was du willst!«
Weich und sehnsüchtig zog Händels Arioso durch den Herbstabend. ›Ein
feines, nahezu künstlerisches Spiel,‹ hatte ein namhafter Kritiker
nach einem Berliner Wohltätigkeitskonzert über Sibylles Leistungen
geurteilt. Der alten Frau war es mehr -- eine seelische Erquickung in
stillen Stunden.
Das Largo des großen Tonkünstlers folgte, die liebliche Harfenarie
klang durch den stillen Raum.
Das ernste Antlitz über die Geige geneigt, stand die Braut im Schein
des flackernden Feuers.
»Nun noch ›Ein Ton‹,« bat Frau Sabine.
Da hängte Sibylle die Geige an die Wand und setzte sich an den Flügel.
Auf der weichen Stimme lag's wie ein Schleier, als sie leise Peter
Cornelius' tiefsinniges Lied anstimmte:
›Mir klingt ein Ton so wunderbar
In Herz und Sinnen immerdar!
Ist es der Hauch, der dir entschwebt,
Als einmal noch dein Mund gebebt?
Ist es des Glöckleins leiser Klang,
Der dir gefolgt den Weg entlang?‹
Der Gesang brach ab. Ein leises Weinen klang zu der alten Frau hinüber.
»Billy!« Sie trat zum Flügel und zog den dunklen Mädchenkopf an die
Brust. Sanft strich sie über das seidene Haar.
Kein Laut unterbrach das Schweigen. Aber die jungen Lippen küßten die
alten Hände.
»Verzeih, Großmama,« sagte Sibylle Bühler dann mit stockender Stimme,
»es war wie ein Abschied ...«
Frau von Kambach schwieg, eine Träne rann ihr die Wange herab; sie
beugte sich über die Braut und küßte sie. Dann schloß sie den Flügel.
»Du wolltest mir noch deinen Schmuck bringen,« sagte sie, auf ihren
Stock gestützt zum Kamin schreitend, wo sie sich in einen Klubsessel
niederließ.
Sibylle antwortete nicht sogleich. Das Rot auf ihren Wangen vertiefte
sich. Dann zog sie einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn der
Greisin in den Schoß und sagte mit leisem Beben in der Stimme: »Da ist
er, Großmama, aber du darfst nicht schelten!«
Sprachlos blickte Exzellenz von Kambach die Enkelin an. Dann
schüttelte sie den weißen Kopf und sagte ernst: »Ich verstehe dich
nicht!« Sie öffnete den Briefumschlag und zog den Inhalt heraus:
Banknoten.
»Billy, was stellt dies vor? Bitte, äußere dich darüber!« rief sie und
ihre Stimme durchzitterte Erregung. »Du sagst, das sei der Schmuck, --
man verkauft doch nicht ein altes Erbstück um nichts und wieder nichts!«
»Das habe ich auch nicht getan, Großmama! Um nichts und wieder nichts
hätte ich das Halsband nie verkauft!«
»Ja, aber was stellt das vor?«
Da zog sich Sibylle, wie es ihre Art war, einen Schemel neben den Stuhl
der Greisin und setzte sich zu ihren Füßen. »So kann ich's dir am
besten sagen!« Sie lehnte den Kopf an ihre Knie. »Aber niemand darf's
wissen, auch Harro nicht, wenigstens jetzt noch nicht, -- er versteht's
doch nicht,« fügte sie traurig hinzu, »es ist zu heilig!« Sie hielt
inne, als müsse sie sich sammeln.
Und dann begann sie aufs neue mit leiser Stimme: »Also, um es kurz zu
machen, Großmama, ich hörte Sonnabend abend, während ich nach Potsdam
schrieb, wie Papa dir sagte, wenn er nicht in allernächster Zeit eine
Sicherheit von dreißigtausend Mark für drei Jahre erhielte, so sei ein
Rückgang der Bundesarbeit zu befürchten. -- Ich erschrak im ersten
Augenblick natürlich sehr, du weißt ja, wie mir die Sache am Herzen
liegt, aber andererseits sagte ich mir doch auch, daß Papas lebhafte
Phantasie ihn vielleicht etwas schwarz sehen ließe. Das Letzte hörte
ich nicht mehr -- ihr wußtet ja, daß ich nebenan saß; aber ich kam
mir doch etwas vor, wie ein ›Lauscher an der Wand‹; denn Papa hatte
meine Anwesenheit sicher längst vergessen, außerdem mußte meine Karte
schleunigst fort. Abends wurde musiziert und von allem möglichen
anderem gesprochen -- kurz und gut, ehrlich gestanden, hätte ich in
diesen Tagen, kurz vor meiner Hochzeit vielleicht gar nicht wieder
daran gedacht, wenn nicht ...«
Sie sprang auf und lief in das geöffnete Nebenzimmer -- »es ist doch
niemand hier?« Und dann setzte sie sich wieder auf ihr Schemelchen zu
Füßen der Greisin. Aber sie lehnte den Kopf nicht wieder an ihre Knie
und sah sie leuchtenden Auges an: »Großmama, keinem andern könnt' ich
es sagen, nur dir, denn nur du verstehst so etwas!«
Sie hielt einen Augenblick inne, als koste es sie trotzdem einen Kampf,
den Schleier von ihrem Geheimnis zu lüften, dann fuhr sie fort: »Also
ich dachte nicht wieder daran. Sonntag morgen fuhren wir zur Kirche.
Ich wußte, daß ich als Braut zum letztenmal neben dir im Kambacher
Stuhl saß, nach der Predigt sollte unser Aufgebot kommen, das alles
bewegte mich. Die Gedanken an den Bund lagen mir in dem Augenblick
gänzlich fern. -- Da mit einemmal kam's über mich, ich weiß nicht wie.
Durch meinen Kopf flog es wie ein Wirbelwind: ›die dreißigtausend Mark
~müssen~ geschafft werden, und ~du~ hast sie aufzubringen!‹
Mit einer Wucht stürmte es auf mich ein, wie ich es nie erlebt, und
ich fühlte und wußte es ganz bestimmt, das war nicht ~mein eigener
Gedanke~, es war eine unsichtbare übermenschliche Kraft, die mich
unter ihren Willen zwang. Ich war wie betäubt. Auch körperlich. Mühsam
versuchte ich, meine Gedanken zu sammeln, meine Einkünfte zu übersehen,
obgleich ich mir sagen mußte, daß gar nicht daran zu denken sei, daß
ich diese Summe aufbrächte! Pastor Möller predigte über das Gebet. Ich
hörte nicht zu und dachte nicht an Beten. Ich rechnete. Aber meine
Rechnung stimmte nicht. Und in mir hämmerte und dröhnte es weiter:
›Du sollst! Du mußt!‹ -- Ich war in heller Verzweiflung; am liebsten
wäre ich aus der Kirche gerannt, aber das ging doch nicht! So hielt
ich aus. Meine Lage wurde immer unerträglicher. Da, schließlich, als
ich nicht mehr aus noch ein wußte, tat ich einen Stoßseufzer: ›Lieber
Gott, schenk' mir doch einen vernünftigen Gedanken!‹ Es war kein Gebet,
Großmama, es war ein Verzweiflungsschrei. Aber im selben Augenblick
kam's wie eine Antwort: ›Du bist wohl ganz auf den Kopf gefallen! Wozu
hast du den Schmuck, der mindestens zwanzigtausend Mark wert ist? Vor
hundert Jahren gaben deutsche Edelfrauen den letzten Taler für die
äußere Freiheit des Vaterlandes -- und ihr?‹ -- Großmutter, -- ich
kann dir sagen, es war mir, als nähme mir einer eine Riesenlast ab und
schenkte mir ein Königreich dafür!«
Von Bewegung übermannt, legte sie den dunklen Kopf wieder auf ihren
Platz in den Schoß der alten Frau. »Nicht wahr, du schiltst nicht?«
Nein, sie schalt nicht. Ganz still saß sie da, und während zwei große
Tränen über ihre Wangen liefen, legte sie die zitternden Hände auf das
junge Haupt.
Kein Laut ging durch's Zimmer. Ein großes feierndes Schweigen lag über
den beiden Menschen, denen heilige unsichtbare Hände den Schleier
der Überwelt gelüftet. Und ob jenes wunderbare Leuchten nur eines
Augenblicks Länge gewährt, sie wußten, hinter den wallenden Nebeln
lag die lichte Stadt, deren Glanz wie eine schimmernde Sternschnuppe
auf ihren Weg gefallen war. Und dieser Glanz blieb an der armen Erde
haften. Über dem Pfad der beiden Frauen stand der hohe Schein einer
Ewigkeitsstunde.
Endlich richtete sich Sibylle auf. Noch war sie keines weiteren Wortes
fähig.
Da nahm die alte Frau das schöne erglühende Mädchengesicht in beide
Hände und küßte die Enkelin: »Gott segne dich, Liebling!«
Sibylle zog die greise Hand an die Lippen. »Gut, daß du nicht mehr
schiltst,« sagte sie, ihre Bewegung meisternd, und ein Anflug von
Schalk huschte um ihren Mund.
»Nein, nein, ich sage überhaupt nichts mehr,« erklärte Frau von
Kambach. »Wenn Gott so gewaltig spricht, haben wir Menschen zu
schweigen!«
Lächelnd strich sie über das seidene Haar.
»Aber nun erzähl' mir das übrige. Also du bist mitsamt deinem Schmuck,
ohne einer Menschenseele etwas zu sagen, in Berlin gewesen und hast die
Steine einschätzen lassen, du Ausreißer?«
»Ja, Großmama,« erwiderte Sibylle triumphierend. »Und ich hatte
Glück. Mama hatte fürchterliche Kopfschmerzen und ließ mich allein
zu Gerson fahren, so hatte ich freie Hand. Harro war in Johannistal.
Solche herrliche Fahrt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht
gemacht! Und dann kam das Schönste. Ich war bei Lorenz und ließ den
Wert des Schmuckes feststellen. Großmama, ich dachte, es würden
vielleicht zwanzigtausend Mark dabei herauskommen, und zerbrach mir
den ganzen Tag darüber den Kopf, wen ich bitten solle, weiterzuhelfen.
Denn Großpapa hätte höchstens zweitausend Mark geben können bei den
schlechten Ernten, und Mama interessiert sich ja leider gar nicht für
solche Sachen. -- Also der alte Lorenz besah mein Halsband von allen
Seiten und prüfte die Steine eine halbe Ewigkeit. Ich stand wie auf
Kohlen. Am liebsten hätte ich ihn beim Rockkragen genommen und tüchtig
geschüttelt. Schließlich erklärte er dann mit größter Gemütsruhe:
›Gnädigste Gräfin, ich biete Ihnen für den Schmuck dreißigtausend Mark,
aber nehmen Sie's einem alten Manne nicht übel, es ist eine Sünde
und Schande, wenn Sie ihn verkaufen!‹ -- Na, das war ja meine Sache.
Wir haben den Handel gleich abgeschlossen. Ich war mit ihm auf der
Deutschen Bank, -- da sind die dreißigtausend Mark!«
»Aber Billy!«
»Findest du es unpassend, Großmama?«
Frau von Kambach lachte. »Etwas modern, aber vor allem sehr
unvorsichtig. Man kutschiert nicht mit dreißigtausend Mark Wertpapieren
in der Welt herum, sondern läßt die Angelegenheit durch die Bank
ordnen. Du bist doch sonst so gewandt in solchen Sachen!«
Die junge Gräfin senkte die Wimpern. »Ja, du hast recht, es war
bodenlos dumm! Ich war eben so aus dem Häuschen vor Freude, daß ich
alles verkehrt machte. Es ist ein Glück, daß nicht noch Schlimmeres
geschah. Ich hätte gerade so gut in meinem Brautkleid zu Kempinsky oder
Wertheim laufen können, -- gut, daß sie bei Gerson aufpaßten!« Zwei
Grübchen traten dem Schelm in die Wangen.
»Mir scheint, es wäre noch ganz anderes möglich gewesen,« sagte Frau
von Kambach und strich lächelnd über das glühende Gesicht.
»Morgen muß das Geld natürlich fort,« erklärte Sibylle, sich erhebend,
»die Sache ist mir jetzt selbst etwas ungemütlich. Willst du es solange
verwahren, Großmama? -- Und dann hast du wohl die Güte, es unter deinem
Namen an Direktor Wendler zu schicken?«
»Ich soll es schicken? Dann hast du ja die Freude nicht?«
»Ich habe meine Freude gehabt,« entgegnete Sibylle leise, und ihr Blick
ging über die Kreuzesgestalt an der Wand. »Geht das Geld unter meinem
Namen nach Düsseldorf, so ist sie dahin. Die Frauen, die 1813 Gold
für Eisen gaben, haben auch nicht ihre Karte daran gehängt, und mein
Schmuck dient einer größeren ewigen Sache!«
Frau von Kambach war dem Blick der Enkelin gefolgt. Sie widersprach ihr
nicht länger.
»So darf ich's Wendler auch nicht sagen?«
Sibylle antwortete nicht sogleich.
»Nein,« entgegnete sie dann, »oder -- doch -- ja! Aber erst nach der
Hochzeit -- wenn -- wenn ich die Sonne grüße! -- Er soll nur nicht
darüber sprechen!«
Und dann rief sie plötzlich begeistert: »Großmama, ich hab ja auf der
Rückreise die ›Brandenburg‹ gesehen, wie ein silberner Fisch zog sie
durch die strahlende Luft! Wie ich mich auf die Hochzeitsreise freue!«
Hochaufgerichtet stand die schlanke weiße Gestalt im Glanz des
scheidenden Tages, in den Augen jenes wunderbare Leuchten, das ihr
ganzes Wesen verklärte.
»Also sag's ihm nur, aber erst dann, -- wenn ich die Sonne grüße!«
-- --
* * * * *
Und dann war Frau Sabine allein. Durch ihre Seele zog's wie ein Gruß
aus der Ewigkeit -- -- --
Sinnend blickte sie über den Hof. Da sah sie den alten Postboten
auf das Herrenhaus zukommen. Was wollte der denn am Sonntagabend in
Dreilinden? Es mußte ein besonderer Grund vorliegen.
Sie trat zum Fenster und winkte ihm.
Eilig schritt der Alte auf die Gutsherrin zu.
»Ick komm' nochmal, Exzellenz,« rief er ihr schon von weitem entgegen,
»Exzellenz sollen nich bis morgen warten!« Er nahm die Mütze ab
und strich erregt über das graue Haar. »Die Welt geht aus'n Fugen,
Exzellenz -- bei die Gottlosigkeit kann man sich über nichts mehr
wundern!« Er zog ein Sonderblatt aus der Posttasche und reichte es ihr
hinauf.
Sie schob die Brille zurecht. Leise bebte ihre Hand.
Und dann wurde ihr Blick starr. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen.
Wieder und wieder las sie den kurzen inhaltsschweren Drahtbericht:
›Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von
Hohenberg ermordet -- --‹
Das Blatt entsank ihren Händen und flatterte dem alten Postboten vor
die Füße.
Schwerfällig bückte er sich danach.
»Exzellenz, det is zuviel!« Er glättete das zerknitterte Sonderblatt.
»Meine Meinung is die: jetzt is es aus -- det kann unser Herrgott sich
nich länger gefallen lassen!«
Sie fand noch immer keine Worte.
Wieder und wieder las sie die entsetzliche Botschaft.
»Ick hab Exzellenz erschreckt,« fuhr der Alte, ihr Schweigen
mißverstehend, fort, »aber ick meinte, Exzellenz wüßten so was lieber
heut als morgen, darum bin ick gleich nochmal rübergekommen. Exzellenz
wollen entschuldigen!« Er wollte gehen.
Da reichte sie ihm die Hand. »Sie haben nichts versehen, mein guter
Peters! Im Gegenteil. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie noch einmal,
noch dazu am Sonntag, herübergekommen sind. Mein alter Kopf kann das
Entsetzliche nur noch nicht fassen, die Worte fehlen mir!« Sie atmete
schwer. Dann beugte sie sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie
haben recht, Peters, das geht nicht so weiter, das, -- das -- --«
Der Greis nickte. »Als die Leute den Turm zu Babel bauten, wußten sie
nicht mehr, was sie Gott schuldig waren, -- heutzutage is ihnen das
Turmbauen langweilig geworden, da versuchen sie Thron und Altar zu
stürzen, -- so is es doch, Exzellenz!«
Sie blickte gedankenverloren in die Ferne.
Über der feiernden Heide stand der rote Schein der untergegangenen
Sonne. Dunkler und dunkler ward die purpurne Lohe. Wer fremd durch die
Mark wanderte, glaubte ein fernes Dorf brennen zu sehen, aber auch
Einheimische hatte der glühende Himmel schon irregeführt. Es war, als
wogte ein Feuermeer hinter den dämmernden Hügeln, als schlügen die
hellen Flammen aus dem Heidboden. »Die Welt brennt!« hatte vor Jahren
eines ihrer Enkelkinder gerufen, als sie ihm beim Schlafengehen die
leuchtende Heide gezeigt, und nicht geruht, bis sie es im Nachtröckchen
ans Fenster trug und hinausschauen ließ. Mit bloßen Füßen hatte es auf
dem Fensterbrett gestanden und dem verglühenden Schein nachgesehen:
»Die Welt brennt, Omama!«
In der Seele der Großmutter erwachte die Erinnerung. Die kleine
schlichte Begebenheit aus der Kambacher Kinderstube trat aus
dem Rahmen des Alltäglichen, aus der Enge in die Weite, und
das Wort des märkischen Landbuben wurde im Glanz des sinkenden
Juniabends Geschichte. Auf der Stirn der deutschen Frau lag's wie
Prophetenklarheit; in tiefer Scheu vor dem Gewaltigen kam's über die
greisen Lippen: »Die Welt brennt!«
Entglomm fern in Bosnien heimlich beginnender Rassenkampf? nahte eine
zweite Völkerwanderung? -- Als zöge die gewappnete Reitergestalt jenes
wundersamen Bildes, das ein deutscher Meister mit flammendem Pinsel
geschaffen, im Glanze germanischer Siegesfeuer über die dämmernde
Erde, leuchtete das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wie ein
glühender Rubin in die Nacht hinaus -- -- --
Siebzehntes Kapitel.
Der getreue Eckart.
Deutschen Weibes Schwelle schirmen,
Ist des Mannes höchste Ehre!
Frauenadels Wächter heißen,
Höher steht's, als güldne Wehre!
»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Mitteilungen, mein
lieber Herr von Roselius! Es scheint ja leider, als solle das traurige
Material, das mir bereits zur Verfügung steht, vervollständigt werden.
Ja, ich will es Ihnen offen sagen, als Sie sich bei mir melden ließen,
ahnte ich, warum Sie kamen. Es fragt sich nun nur, wie man meiner armen
Enkelin am besten hilft -- ich fürchte, ehe sie nicht mit eigenen Augen
ihr Unglück sieht, wird sie nicht zu einer Scheidung zu bewegen sein!«
Frau von Kambach saß in ihrem Arbeitszimmer, den Kopf sorgenvoll in die
Hand gestützt, dem vor einer Stunde überraschend eingetroffenen Gast
gegenüber. »Sie werden es erleben, ehe sie nicht vor Tatsachen steht,
ist nichts zu machen!«
»Dieser Standpunkt wäre durchaus berechtigt, Exzellenz,« entgegnete der
Oberleutnant, »aber Gräfin Bühler steht vor Tatsachen!«
»Sie meinen das Kind?«
»Ja. Es ist mehr wie erblich belastet, es ist, wie Sie selbst mir
mitteilten, nach Aussage des Arztes kaum lebensfähig!«
»Gewiß, das unterliegt keinem Zweifel, aber eines dürfen wir nicht
vergessen. Es kann sich hier um Vergangenes handeln. Sie wissen, wie
verzweigt und schwierig dies Kapitel ist, wie viele Winkelzüge und
Ausreden es ermöglicht -- etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn
~heute~ eine tatsächliche Verschuldung zu beweisen wäre, wenn
z. B. der Beweis unerlaubten Verkehrs erbracht werden könnte. Frauen
ertragen und vergeben unendlich viel, wenn sie lieben, nur dies
Eine, Letzte nicht. Darauf kommt es also an. Sie haben Beweise, daß
derartiges vorliegt?«