Auf seine Stirn trat eine Falte. »Sie nimmt sich sehr zusammen. Aber
daß es unter den obwaltenden Umständen mit ihrer Erholung langsam geht,
ist kein Wunder! Dazu die Sorge um das Kind!«
Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es groß wird, Mama! Es
war jedenfalls sehr richtig, daß du die Nottaufe veranlaßtest!«
Frau von Kambach nickte. »Es war in dem Augenblick das Gegebene! Man
konnte gar nicht wissen, ob das kleine Geschöpf die Fahrt nach Kambach
überstehen würde. Ich für meine Person hätte nicht die geringsten
Bedenken gehabt, wenn Ilse hier geblieben wäre. Das Dorf liegt abseits,
und ich habe jeden Verkehr mit dem Herrenhause untersagt. Aber als
sie hörte, daß Diphtherie im Dorf sei, erklärte sie sofort, sie könne
wegen des Kindes nicht bleiben. Zureden hätte nichts genützt, sie war
derartig nervös, daß nichts mit ihr anzufangen war. Außerdem sagte
ich mir: vielleicht ist es besser so. Diphtherie ist doch nun einmal
übertragbar! -- Hoffentlich schadet ihr und dem Kinde die Fahrt nicht!
Für Ilse war es reichlich früh, aber der Wagen federt zum Glück sehr
gut.«
»Ich glaube, die Fahrt wird weniger nachteilig für sie gewesen
sein, als alles übrige, was das arme Kind durchgemacht hat und noch
durchmacht,« entgegnete der Oberstallmeister. »Ilses Zukunft liegt sehr
dunkel vor mir.« Er strich seufzend über die Stirn. »Ein anderes Mal
davon, Mama. Ich komme nämlich wegen einer Bundesangelegenheit und bin
sehr eilig.« Er sah auf die Uhr. »Dreiviertel sechs!«
Man setzte sich.
Sibylle wollte sich entfernen.
»Bleib nur, Kind,« rief die Greisin, »oder hast du noch zu tun?«
»Ich möchte nur noch an Mama schreiben, daß ich Montag komme. Wenn ich
mich beeile, geht meine Karte jetzt noch mit fort, und sie hat sie
Montag früh.«
»Was ist denn los?« rief der Oberstallmeister dazwischen.
»Ach, sie muß noch einmal nach Berlin, um ihr Brautkleid
anzuprobieren,« entgegnete seine Mutter. »Setz' dich doch gleich an
meinen Schreibtisch, Billy, es ist höchste Zeit!«
»Danke, Großmama.«
Das junge Mädchen zog sich in das Nebenzimmer zurück.
Ohne auf die Unterhaltung drinnen zu achten, schrieb sie in fliegender
Eile.
Dann griff sie zum Löscher.
Da klang ihres Schwiegervaters Stimme laut und erregt herein: »Wenn
wir nicht in allernächster Zeit mit einer bestimmten pekuniären
Sicherheit für mindestens zwei Jahre rechnen können, so bedeutet das
einen Rückschritt der Bundesarbeit. Wehrmann und ich haben nach allen
Ecken und Enden hin geschrieben; aber kein Mensch hat Geld, und die,
welche es haben, rücken nichts heraus. Ja, wenn's für etwas anderes
wäre! Aber für den Bund bibelgläubiger Christen? Nee, das gibt's nicht!
Dabei brauchen wir, zumal bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte
mit allem, was drum und dran hängt, für die nächsten zwei bis drei
Jahre rund dreißigtausend Mark. Und das ist noch niedrig gerechnet.
Ich weiß tatsächlich nicht mehr aus noch ein. Ein paar tausend Mark
bekomme ich ja schließlich von guten Freunden zusammen, aber was soll
mir das helfen! Opfer bringt dies verwaschene Geschlecht eben nicht
mehr, höchstens für Schlemmerei und Spiel, und der Himmel weiß, was
sonst noch! Mit einem Donnerwetter möchte man dreinfahren, damit die
Herrschaften das Wort wieder lernten: ›Gold gab ich für Eisen!‹ Ich
wollte, meine olle Klitsche brächte mir mal 'ne Musterernte, dann wüßt'
ich, was ich täte, aber ich komme ja wieder nur so gerade durch. Es ist
um aus der Haut zu fahren!«
Erschrocken lauschte Sibylle hinüber. Das waren ja böse Aussichten!
Aber nein, es war unmöglich! Die Sache, die ihnen allen so am Herzen
lag, die von so unendlicher Wichtigkeit war, konnte und durfte nicht
Schaden leiden! Vielleicht sah ihr Schwiegervater in seiner regen
Phantasie auch zu schwarz.
Und dann hörte sie Frau von Kambachs klare Stimme.
Aber auf dem Schreibtisch mahnte die Standuhr.