Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was
echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den
schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ --
das Blatt hat sich gewendet!«
Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die
Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise.
In tiefen Gedanken wanderte er weiter.
Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen.
Lauschend blieb er stehen.
»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst,
so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine
Frauenstimme.
»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr
denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?«
»Nein, durchaus nicht.«
»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!«
Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch
die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um
das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf
gesenkt, sah sie vor sich nieder.
»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld
treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen.
»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?«
»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches
werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres
Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße
Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im
letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte,
solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.«
»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, -- bist du denn nicht viel
mehr wie diese Sache?«
»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes
Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der
Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache
großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind
zweierlei!« Ein Seufzer verwehte.
»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme.
»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück.
»Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit
treiben. Das wäre Widerspruch.«
Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der
Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm
Figuren in den Sand zeichnete.
Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur
psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹
Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse
mischte, gestand er sich nicht ein.
Und dann kam's, worauf er gewartet.
»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um
dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen -- du
hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde,
daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke
ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt -- leidest
du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach
eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher
gesagt, Kind!«
Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich
hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', -- weil ich mir
sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später
seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir
würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann,
vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf
Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in
persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich
beten, kann dir den Weg zeigen, -- und das will ich tun, soweit es in
meinen Kräften steht -- mehr kann ich nicht. -- --
›Nach der Wahrheit steilen Burgen
Mag ein andrer wohl die Pfade
Dir durch Dorn und Felsen zeigen:
~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹[5]
Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der
Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.«
Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine
Wegweiserin sein!«
Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust.
In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich
dir nicht folgen kann?«
Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter
heißt?
›Die Erkenntnis ist das Erbe
Nicht der Weisen, nein der Frommen!
Nicht im Grübeln, nein im Beten
Wird dir Offenbarung kommen!‹
Und dann das Letzte, Schönste:
›Soll ein Menschenauge schauen,
Muß der Himmel sich erschließen,
Und ein Strahl von seinem Lichte
In das dunkle Herz sich gießen.‹«
Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise.
Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog,
wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein
stilles Versteck.
Nachdenklich wanderte er weiter.
Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen.
›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne
sein!‹
Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der
Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk,
-- sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm
zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt,
hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn
es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens
wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein
jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter.
Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte,
als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur
eine moderne Weltanschauung besaß, -- Jutta Eichel wies den glühenden
Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf
gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide
kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹
In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies
Wort gestellt, -- die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es
nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In
heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit
seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum
Nachdenken.
Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still.
Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne
angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos
gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen
Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der ihr die toten Früchte
menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von
sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe
gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke
brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte:
›~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn
einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist
mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹
Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta
Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht
wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in
Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre
Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer
dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von
ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf.
Wo war er hingeraten?
Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte
das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden!
In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen.
Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In
den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen
Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster
drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten
Volksliedes herüber:
›Meine Mutter hat's gewollt!
Den andren ich nehmen sollt'!
Mein Herze sollt vergessen,
Was es zuvor besessen, --
Das hat es nicht gewollt!
Meine Mutter klag' ich an!
Sie hat nicht wohl getan!
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde, --
Was fang' ich an?
Für all mein'n Stolz und Freud'
Empfangen hab' ich Leid!
Oh, -- wär' es nicht geschehen,
Oh, -- könnt' ich betteln gehen
Über die braune Heid'!‹
Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele.
Er strich mit der Hand über die heiße Stirn.
Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung?
›Meine Mutter hat's gewollt!‹
Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester,
und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe
des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken
reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde
das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie
in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des
Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe
versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an
Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn
abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu
vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln
geschlagen?
Nun und nie!
Der Stolz?
Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe
ein zweites Mal an die Tür eines Weibes?
Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's.
›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen.