Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹

Ja, darum ganz allein.

Seine Augen leuchteten.

»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er

leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu.

Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der

alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden

war, Gesellschaft.

Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine

Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte

es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war.

Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele

sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen,

kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des

Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und

Schmerz überdauert.

So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast

dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine

schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende

Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden

Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte

auf der hellen Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen

etwas Frauenhaftes gab.

Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er

sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen,

Fräulein Eichel?«

Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß

geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich

und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor!

Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer

Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, -- Sie wissen,

mein Gebiet! -- Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. --

Wollen wir uns unter die Linde setzen?«

Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem

schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein

mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr.

Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden

Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker

summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein

Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den

verschwiegenen Platz.

Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte

des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner

Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht

nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu

verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten

ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen

tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein

schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das Jubeln der

jungfräulichen Flut -- so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt.

Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach

jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit.

Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille:

»Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von

Kambach, -- nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber

sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, -- nicht die

vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, -- nein, der König meiner

Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! --

Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse

Zukunft, aber was ich besitze ist echt, -- der Glaube, wie die Liebe!«

Er hielt tief atmend inne.

Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen.

Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle

Haupt mit feinen goldenen Rauten.

Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise.

Aber sie regte sich nicht.

»Soll ich gehen?« fragte er.

Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große

Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte

verhaltener Schmerz.

»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes,

der seinen Meister auf Umwegen fand?«

»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele

beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst

hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde.

Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir

auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter

der großen Hauptsache zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte

das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir

täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig

Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten.

Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes

an sich haben, etwas Unverwelkliches, -- das sind die sogenannten

Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im

Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an

mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist,

wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie

brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz

und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur

Erquickung werden! Das werd' ich nie!«

»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?«

Er beugte sich vor und suchte ihren Blick.

Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz -- ich sagte es doch schon -- die

antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein

großes unverdientes Lob, -- aber -- ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie

brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde

Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!«

Errötend brach sie ab.

Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter

erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer

Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, -- die Aufrichtigkeit.

Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht,

was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe

abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt,

den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der ehrlich

und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt

der erste Schnee in den dunklen Kelch, -- geh eine Tür weiter, im

Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans

Herz!‹

Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen

Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des

Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte,

sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als

Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer

Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der

Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk,

zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an

seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in

ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes!

Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ -- --

»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was

denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten,

sondern eine deutsche Frau!«

»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade

Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle -- mit einem Wort

-- anders als ich!«

»Anders als Sie? -- Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber

eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere

Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der

Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und

flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib

adelt. -- Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht

aus den Augen strahlt? -- Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede

von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« -- wieder beugte

er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die

Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und

drückte sie leise. »Jutta!«

Sie schwieg noch immer.

Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal

eines Mannes ein anderes?«

Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,«

sagte sie kaum hörbar.

Aber er hatte sie verstanden.

Es hielt ihn nicht länger.

Er zog sie in seine Arme.

Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf

an seine Brust.

Kein Laut ging durch die abendliche Stille.

Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des

anderen Herzschlag. -- -- --

Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre

goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der

Braut. -- --

»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich

fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹«

Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an.

»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!«

Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte.

Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören.

»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme.

Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut,

dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« -- -- --

* * * * *

Über den Hof rollte ein Wagen.

Sie richtete sich auf.

»Das ist Exzellenz!«

Er nickte ihr fröhlich zu.

Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck.

Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen.

Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen

wurden immer größer.

Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta

stand still daneben.

Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu.

Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog.

Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im

Antlitz. »Eichelchen, -- Kinder, -- was habt ihr gemacht?«

Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er

will mich gerade so, wie ich bin!«

Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte.

»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen

Gehilfin streichend.

Und dann drohte sie dem Pastor.

»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig

zu machen?«

Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und

daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten

berufen? -- Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die

rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich

ihr begegnet bin!«

Er zog die Braut an sich.

Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr Blick schweifte

über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten.

Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen

geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch

ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹

Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last,

so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die

Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches.

Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in

ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und

Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward.

›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch

ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen

heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹

Fünfzehntes Kapitel.

Ein Frauenlos.

Das ist die dunkelste Schuld, die das Erbe des Blutes mißachtet,

Die das Vermächtnis an Kinder und Enkel entehrt.

In einem stillen Dreilindener Gartenzimmer mit lichten Wänden und

duftigen Mullgardinen, lag Gräfin Ilse Bühler in den weißen Kissen. In

schweren Zöpfen hing das goldblonde Haar über ihre Schultern herab, die

durchsichtigen Hände ruhten still auf der Decke. Ein müder todmüder Zug

in dem blassen Gesicht alterte die junge Frau um Jahre. Schmerzlich

zuckte der Mund, und in den blauen Augen standen Tränen.

Exzellenz von Kambach trat an das Bett der Enkelin. »Nun, Liebling?«

fragte sie leise und strich sanft über die schöne Stirn.

Lächelnd sah sie auf die Wöchnerin nieder, aber es war ein fremdes

seltsames Lächeln, und Ilse Bühler fühlte, es sollte ihr etwas

verbergen.

Forschend richtete sie den Blick auf die Greisin.

»Großmutter, ich möchte mein Kind sehen!«

Wieder strich die welke Frauenhand über ihre Stirn. »Hab' noch etwas

Geduld, Ilse!«

Die Gräfin wechselte jäh die Farben: »Großmutter, Ihr verbergt mir

etwas! Was ist mit dem Kleinen? Um Gottes willen, sag' mir's!« Erregt

versuchte sie, sich aufzurichten.

»Ilse!« Mahnend hob Frau von Kambach die Hand. »Du weißt, was der

Sanitätsrat gesagt hat! Ich muß mich darauf verlassen können, daß

du seine Anordnungen genau befolgst, sonst dürfen wir dich keinen

Augenblick allein lassen.«

Gehorsam legte sich Gräfin Bühler in die Kissen zurück. Ihre Augen

füllten sich aufs neue mit Tränen.

»Ich will ja nur meinen Jungen sehen, Großmama!« sagte sie bittend.

Ein tiefes Mitleid überkam die alte Frau. Im angrenzenden Zimmer lag

ein schwaches Kind mit greisenhaften Zügen in der Wiege. Kaum einen

Laut gab es von sich, kraftlos hingen die Glieder am Körper. Es war ein

Bild des Jammers. Und der alte Sanitätsrat hatte feuchten Auges vor dem

kleinen Wesen gestanden und traurig den Kopf geschüttelt. »Exzellenz,

das sind böse Sachen!«

Er sah sich um. »Hört uns niemand? Nein?« Und mit halblauter Stimme

fuhr er fort: »Ein fast knochenloser Körperorganismus -- was das

bedeutet, Exzellenz?« Er zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln.

-- »Die Herren Offiziere heiraten immer wieder skrupellos darauf los,

ich kann hier nur eines sagen, -- Berlin bei Nacht, -- und nicht nur

Berlin! Denn Graf Bühler steht nicht, wie viele, unter dem Fluch eines

düsteren Familienerbes. Wir haben es mit einer Schuld zu tun!«

Frau von Kambach hatte die zitternde Rechte auf den Arm des

Hausfreundes gelegt: »Um Gottes willen! Erklären Sie sich!«

Da beugte sich der alte Mann über die Wiege und sagte, die Hand auf das

blonde Köpfchen legend, mit erstickter Stimme: »Syphilis, Exzellenz!«

Sprachlos hatte sie ihn angeschaut. Dann war der Schmerz wie ein

Gewappneter über sie gekommen. Sie hatte sich schwer auf den nächsten

Stuhl niedergelassen. Ein heißes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust.

Ihr erster Urenkel, der Sohn einer Kambach, der Erbe schwerer sexueller

Verfehlungen! Aufs tiefste erschüttert, weinte sie vor sich hin.

»Exzellenz,« mahnte der alte Arzt, und wies zum Nebenzimmer, wo die

junge Mutter lag.

Da raffte sie sich auf. Ein leises Zittern rann durch ihre Gestalt,

als sie sich erhob, aber dann stand sie hoch aufgerichtet auf den

Krückstock gestützt, vor ihm.

»Soll ich's ihr sagen?«

»Nein,« erwiderte er ernst. »Es könnte ihr Tod sein! Aber auf ein sehr

sehr schwaches Kind müssen Sie die Gräfin vorbereiten, schon deshalb,

damit sie nicht bei seinem Anblick erschrickt.«

Und dann hatte er sie mit ihrer schweren Mission allein gelassen.

* * * * *

Stunden waren vergangen. Exzellenz von Kambach hatte nicht den Mut

gehabt, Ilses Zimmer wieder zu betreten. Aber dann mußte es sein.

Das Schwerste kam in später Abendstunde, wo sie den Enkel erwartete.

Sie hatte sich vorgenommen, der jungen Frau erst mit beginnender

Dämmerung das Kind zu zeigen. Wenn die Schatten des sinkenden Tages auf

das kleine Geschöpf fielen, würde ihr das Schlimmste verborgen bleiben.

Über die ersten Stunden hinaus konnte und wollte die Greisin nicht

denken, für den nächsten Tag mochte Gott sorgen. -- --

»Der Kleine schläft jetzt, Ilse,« sagte sie, froh, zu keiner Notlüge

ihre Zuflucht nehmen zu müssen, »wenn er erwacht, sollst du ihn sehen.

Aber es ist ein schwaches Kindchen, dessen kleines Leben wir hüten

müssen, du wirst es dir anders gedacht haben!«

Mit banger Frage hingen die blauen Augen an den Lippen der Großmutter.

»Ich darf es dir nicht verschweigen, Ilse, daß es kein blühendes

kräftiges Kind ist,« -- sie stockte; was sollte sie, ohne die Wahrheit

zu umgehen, weiter sagen? -- »Versuch' doch, noch etwas zu schlafen,«

fügte sie unvermittelt hinzu, »du siehst abgespannt aus!«

Mechanisch nickte Ilse Bühler. Ihre Augen hingen angstvoll an der Tür,

die sie von ihrem Kinde trennte.

Erschüttert wandte Frau von Kambach sich ab.

Welch namenlosen Jammer enthüllte diese Offiziersehe, welch dunkles

Bild vornehmen Familienlebens! Einen Ausschnitt aus dem Riesengemälde

des deutschen Verfalls stellte es dar, eine Einzelerscheinung, wie sie

nicht trüber gedacht werden konnte. Und doch war -- wie irrtümlich

vielfach behauptet wurde -- die Armee nicht in erster Linie die

Trägerin und Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten. Der statistische

Nachweis Berlins stellte im Gegensatz zum Studententum, welches

fünfundzwanzig vom Hundert lieferte, bei den Soldaten vier vom Hundert

fest. Noch besaß die Armee ein gutes Stück altpreußischer Zucht, --

und doch, und doch! Wann würde der Seuche, welche die furchtbare

sittliche und völkische Verheerung anrichtete, Einhalt geboten werden?

Und im äußeren Gegensatz zu dieser Tragödie der planmäßig betriebene

Geburtenrückgang, -- zwei Dämonen, die sich scheinbar gleichgültig

gegenüberstanden, in Wahrheit aber mit der Siedeglut teuflischen

Begehrs Hand in Hand ihr Opfer umkreisten. Hier die junge Mutter, die

der erste Anblick ihres heiß ersehnten Kindes vor die furchtbarste

Erfahrung ihres Lebens stellte, -- dort die Frau, die um Tand und

Wohlleben, um ein paar durchschwärmte Nächte das Allerheiligste der Ehe

mit Füßen trat! -- Wahrlich, das deutsche Volk stand unter dem Zeichen

langsamer Ausrottung, und nur ~eine~ Erklärung gab's für Gottes

Langmut: Seine Mühlen mahlten langsam, aber trefflich fein. -- --

* * * * *

Ilse Bühler hatte ihr Kind gesehen. Die Sommerlinde umschattete

barmherzig das stille Frauengemach, die Dämmerung breitete ihren feinen

Schleier über das Neugeborene. Mit großen Augen schaute die junge

Mutter auf das Knäblein, ihre Brust atmete schwer, ihre Lippen zuckten,

dann neigte sie sich über das blonde Köpfchen und hauchte einen scheuen

Kuß auf die kleine Stirn. Mit verzweifeltem Blick folgte sie dem Kinde,

als es hinausgetragen wurde. Dann schloß sie die Augen. Träne um Träne

rann die blassen Wangen herab.

Sorgenvoll saß Frau von Kambach an ihrer Seite.

Dunkler wurden die Schatten.

Durch die Zweige der Linde blickte schimmernd die feine goldene

Mondsichel.

Die Arbeit rastete.

Von der Landstraße wehten die Klänge eines alten Volksliedes herüber:

›Ich hab die Nacht geträumet

Wohl einen schweren Traum;

Es wuchs in meinem Garten

Ein Rosmarienbaum.

Ein Kirchhof war der Garten,

Ein Blumenbeet das Grab,

Und von den grünen Bäumen

Fiel Kron' und Blüte ab.

Die Blüten tät ich sammeln

In einen goldnen Krug,

Der fiel mir aus den Händen,

Daß er in Stücke schlug.

Draus sah ich Perlen rinnen

Und Tröpflein rosenrot, --

Was mag der Traum bedeuten?

Ach, Liebster, bist du tot?‹

Fern über der Heide verklang die junge Stimme.

Sinnend blickte die alte Frau aus dem Fenster. Welch wunderbare

Schönheit lag in den schlichten Worten.

›Die Blüten tät ich sammeln

In einen goldnen Krug,

Der fiel mir aus den Händen,

Das er in Stücke schlug!‹

zog es durch ihre Seele.

Und dann blickte sie wieder auf das weiße Antlitz in den Kissen. Die

Tränen traten ihr in die Augen.

Das war auch eine von den vielen, die ausgegangen waren, als alle

Berge blühten, ihr Frühlingssträußchen zu pflücken. Ihr Krüglein

war zerbrochen, ihre Blumen verwelkt, auf ihren Garten war ein Reif

gefallen -- -- -- was würde das Ende sein?

Die erste und letzte Liebe dieses jungen betrogenen Weibes, das mit der

größten Not seines Lebens kämpfte, hieß Wolf Dietrich Bühler -- -- --

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 74 / 114 题