Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. -- --

Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den

Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors,

das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher

Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben

worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit

der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin

eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß

dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt,

spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich

sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der

sie häufig begleitet, stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst

der großen Sache.

Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches

Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in

der kleinen Dorfkirche, -- echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande

grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen

heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden

jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten.

Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige

Lieder.

Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die

märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben

ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward

feucht.

Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen

noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart

schwebte es durch die Kirche:

›Das ew'ge Licht geht da herein,

Gibt der Welt ein'n neuen Schein!

Es leucht't wohl mitten in der Nacht,

Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!‹

Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an

der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen.

Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken

waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum

Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ...

Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit dem

hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf

in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf

dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie

doch das Spitzentaschentuch an die Augen.

An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht

arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung.

Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es

ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu

kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der

Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in

die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. --

* * * * *

›Das hat er alles uns getan,

Sein' groß' Lieb' zu zeigen an!

Dess' freu' sich alle Christenheit,

Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!‹

tönte es vom Chor.

Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die

weichen Töne in den Sommertag hinaus.

Dann ging eine Bewegung durch die Reihen.

Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt

mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. -- --

An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern,

unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich

nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen

beobachteten um so schärfer.

Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei.

»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man

bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle

spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern

'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n

ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is

Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt.

Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke

seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n

blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick

jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass',

hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!«

Triumphierend hob er den Schein in die Höhe.

Alle lachten.

»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste.

Und sie setzten sich um den Tisch.

Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller.

Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen

scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!«

»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor,

wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!«

Wieder klang das Klappern der Münzen.

Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt.

Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist

unmöglich!«

»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in

der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.«

Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab.

Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht

zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr

Pastor?«

Er reichte Wendler das Blatt.

Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die

Einzelsummen noch einmal nachrechnen.«

Alles stimmte.

Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig:

neunhundertundsiebenundneunzig Mark!«

»Alle Achtung!« rief der Müller.

»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der

Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich

an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf

den Tisch.

»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den

Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel

Mitglieder sich noch gemeldet haben!«

Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!«

sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der

Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ

erhobenen Hauptes die Sakristei.

* * * * *

Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang,

dem Herrenhause zu.

Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über

die Wiesen zu machen.

Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase,

Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand blühten Vergißmeinnichte,

und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war

schön in der stillen Natur.

Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad

entlang.

Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch

waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren

Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe.

Gedankenverloren wanderte er weiter.

Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, -- er hörte sie nicht.

Die Einsamkeit redete zu seiner Seele.

Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte

sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener

strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die

Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige

Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die

Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß

sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 72 / 114 题