Mit hellen Augen sah sie sich um -- --

Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der

Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in

den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme

die feinen stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht

getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten

herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen

Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und

zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von

Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel,

Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein

Weib fehlten nicht.

Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen

begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran.

Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte

Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste

Ortsgruppe erhalten sollte.

Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn

hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt,

den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber

nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn

haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie

der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der

Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das

sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen

eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es

sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute

käme, dürfe man nicht an sich denken.

Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow,

wir müssen auch Opfer bringen können.«

Des Alten Augen leuchteten.

»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« -- --

Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von

Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man

sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt.

Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange

Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den

Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür

saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden.

Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und

Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle

Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige.

Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem

Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne

dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder.

Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch,

als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem

weißen Halse.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 71 / 114 题