Dann ging sie ins Haus. --

Was Ilse wohl machte?

Sie war in ernster Sorge um die junge Frau. Wie sollte das enden? Und

das Herz der Greisin war wieder ganz bei der Enkelin, deren schwachen

Schultern die Last des Lebens zu schwer war. -- --

Der Krückstock klang auf den Dielen, auf der eichenen Treppe. Er

gehörte zum eisernen Bestand des Witwensitzes, zu der hundertjährigen

Standuhr, darin der Totenwurm an stillen Winterabenden pochte, zu den

altmodischen Möbeln und dunklen Ahnenbildern, zu all den Dingen, die

sich zur Zeit der Freiheitskriege, und früher schon, Heimatrecht im

Hause erworben hatten. Zu ihnen gehörte der alte Krückstock.

Aber es würde ein Tag kommen, wo man ihn nicht mehr auf den stillen

Gängen und Treppen hören, wo der gewohnte Ton für immer verstummen

würde. Es war nur das bekannte kurze Aufschlagen, welches das Nahen

einer lieben ehrwürdigen Gestalt verkündete, das vielleicht nur

~eine~ treue Seele vermissen würde, aber das schöne Dreilinden

trug dermaleinst mit dem alten Krückstock sein Bestes zu Grabe.

Dreizehntes Kapitel.

Eine Heimkehr.

Hilf uns Gott, in Nacht und Nebel

Off'nen Aug's durchs Leben gehen!

Lehr' uns auf die Zeiten achten

Und das eigne Herz verstehen!

Ob wir in des Waldes Dickicht,

Fern vom Feierzug der Frommen

Uns'ren Weg uns suchen müssen --

Wenn wir nur nach Hause kommen!

Schenk' uns unterm Kreuze Gnade,

Nimm uns ab die Last der Sünden!

Hilf uns aus dem Tal der Tränen

In die ew'ge Heimat finden!

»Der alte Schenker ist da und fragt, ob Exzellenz einen Augenblick zu

sprechen seien?«

Die Wirtschafterin war leise durch die geöffneten Räume gekommen und

stand am Schreibtisch ihrer Herrin.

Aufgeschlagene Bücher lagen vor der Gutsfrau, die, über die

Monatsrechnung gebeugt, den Inspektor erwartete.

»Krügern, das paßt mir sehr schlecht, ich erwarte Herrn Niemann jeden

Augenblick,« sagte sie, über ihre Brillengläser hinweg auf die behäbige

Erscheinung der Alten blickend. »Will er denn etwas Besonderes?«

»Es scheint so, Exzellenz.« Sie lächelte. »Das heißt, bei Herrn

Schenker ist vieles etwas Besonderes, was es gar nicht ist. Er hat

das so an sich, Exzellenz, aus einer Kleinigkeit, die ein anderer kaum

beachtet, macht er etwas! Was er will, weiß ich nicht! Er tut sehr

wichtig und geheimnisvoll!«

›Er wird irgendeinen Einfall im Kopfe haben, welcher den Bund

betrifft,‹ dachte Frau Sabine und sagte sich, daß es eine Härte sei,

die alte treue Seele unverrichteter Sache wieder gehen zu lassen. Sie

sah auf die Uhr. Es war noch nicht spät.

»Er soll kommen. Bitte, gehen Sie dann gleich zu Herrn Niemann hinüber,

und sagen Sie ihm, wir wollten morgen früh abrechnen. Das paßt ihm

sowieso besser, ich richte mich eben danach ein!«

Fünf Minuten später stand Schenkersch Vadder in tadelloser Haltung auf

der Schwelle.

»Ick bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ick ungelegen komme,«

sagte er, »Exzellenz sind gerade bei die Abrechnung!« Er zögerte.

»Bleiben Sie nur, Schenker,« sagte Frau von Kambach, die ganz genau

merkte, daß der Alte gar nicht daran dachte, seinen Vorschlag in

die Tat umzusetzen. Natürlich hätte er sich auf einen Wink von

ihr empfohlen, aber erst, nachdem er zwischen Tür und Angel seine

Geheimnisse ausgekramt hatte. Denn heute war er vollgepfropft von

Geschichten. Und sie ertappte sich darauf, daß sie regelrecht neugierig

war.

Dann saß Franz Schenker neben ihr am Schreibtisch. Die Frühlingsluft

spielte mit dem weißen Haar der beiden Alten und strich über die

blühenden Blumen unter dem Bilde des seligen Kambachers. Draußen

rüstete sich, kaum merklich, der letzte Apriltag zur Nacht. Noch

glühten die Farben, aber die wunderbar tiefen Töne verrieten das

nahende Aufleuchten entschwindender Schönheit. --

Und der greise Kammerdiener erzählte. Es war allerdings etwas, das

nicht alle Tage vorkam.

Schenkersch Vadder war so hingenommen, daß seine Gefühle völlig mit ihm

durchgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen, er sprach platt, und

schlug im Eifer des Gefechtes mit der flachen Hand aufs Knie, daß es

schallte. Aber er hatte auch wirklich etwas erlebt und bedauerte nur,

daß seine alte Gnädige nicht dabei gewesen war.

»Also, Exzellenz,« begann er, zitternd vor Erregung, »daß ick's kurz

sage: wir haben unsern Herrn Pastor wieder!«

Frau von Kambach sah ihn fragend ein.

»Exzellenz verstehen mich nich,« fuhr er fort. »Das glaub' ick wohl!

Und ick mein' ja auch nich bloß, daß er nu endlich aus 'n Drachenburger

Krankenhaus zurück is, das wär' ja alles ganz schön und gut, aber

seine Gemeinde hätte blitzwenig davon. Unter uns gesagt, Exzellenz

-- wir hätten ihn nich behalten. Denn auf die Länge ging das nich.

Ganz Kambach hätt' er mit seine Irrlehre verdorben! Nich mal der olle

Schenker hätt' was dran ändern können. Ick sag's ganz offen, Exzellenz,

eine tolle Angst hab' ick vor die Rückkehr von unsern Herrn Pastor

gehabt -- meine eigene Frau hat mich ausgescholten. ›Franz‹, hat sie

gesagt, ›du schämst dich wohl gar nich, 'n Christ willst du sein, und

benimmst dich wie 'n olles Waschweib.‹ Jawohl, Exzellenz, was meine

Frau is, die is nich ohne! -- Also, Herr Pastor Wendler kam in der

stillen Woche aus 'n Krankenhaus zurück, und am Ostersonntag stand

er auf der Kanzel. ›Na, denn man zu!‹ dacht' ick, ›dann erfahren wir

wenigstens gleich, woran wir sind!‹ Denn am ersten Ostertag hat die

Geschichte ihre Haken und Ösen mit die Texte. Wenn da einer an der

Auferstehung vorbeigeht, is die Sache faul, und wenn er nur von der

geistigen redet, is sie noch fauler. Wenn man in meine Jahre is, merkt

man so ungefähr, was die Glocke geschlagen hat, nämlich, ob der Pastor

glaubt, daß der Herr Jesus leibhaftig auferstanden ist oder ob nur

sein Geist in der Luft herumfliegt. Herr Pastor Krug hat mich das

vor einige Zeit mal auseinandergesetzt. Gott bewahr' unser deutsches

Vaterland vor so 'n Unsinn! ›Jesuzentrischer Liberalismus‹ nannte

er's. Das hat 'ne Zeit gedauert, bis mein alter Kopf das Wort behielt.

Den ersten Abend, als Herr Pastor Krug mich die Sache lang und breit

auseinandergesetzt hatte, da wußt' ick's ganz genau, aber nachher? Weg

war's! Da hab' ick Herrn Pastor neulich nochmal danach gefragt! --

Na, mir kann's einerlei sein, wie's heißt, für so was is Schenkersch

Vadder in sein'n ganzen Leben nich zu haben gewesen. Is überhaupt 'ne

Frechheit, so an unseren Herrn Jesus seine Person herumzupflücken. Der

neue Bund soll da man gleich gründlich aufräumen!« Er fuhr mit allen

fünf Fingern durch das dichte, weiße Haar, daß es wie ein Wald zu

Berge stand. »Exzellenz, so was hab' ick noch nich erlebt! Das war 'ne

Predigt!« Er verbesserte sich. »Nee, 'ne Predigt war's gar nich! Es war

'ne Heimkehr! Das sagte Herr Pastor Wendler auch selbst!«

»Eine Heimkehr!« wiederholte die alte Frau mit leiser Stimme, und ihr

sinnender Blick schweifte aus dem Fenster in die Weite hinaus, wo

der goldene Wetterhahn des Kambacher Kirchturms über den Heidhügeln

funkelte.

Aber Schenker hatte noch viel auf dem Herzen.

»Also, es war eine Predigt, und war doch keine! -- Ick kann das nich

so ausdrücken, Exzellenz, aber ein schöneres Glaubensbekenntnis hab'

ick mein Lebtag nich gehört! Und solche Osterfreude hab' ick noch bei

keinen Menschen gesehen! Der Mann war einfach nich wiederzuerkennen. Es

war, als brennte ein Feuer in seinem Herzen, und die Flammen wollten

überall heraus. Das war wirkliches Leben, was nich totzukriegen is.

›Wo hädd harr det man alwile her?‹ säd min Fru. ›Det künde von sin

Krankheet alot jo nich sinn!‹ -- ›Nee, Mudder,‹ häbb ick jesäd,

›de Krankheet aleene mokt et nich.‹ Aba ick räde all wieder Platt,

Exzellenz!«

»Macht nichts, Schenker! Ich versteh' Platt so gut wie Hochdeutsch!«

Doch der Alte konnte den feinen Kammerdiener nicht ganz verleugnen. In

wohlgesetztem Hochdeutsch sprach er weiter.

»Ick bring's ja nich wieder zusammen, was Herr Pastor Wendler gesagt

hat! Aber die Hauptsache weiß ick noch. Vor allem klang durch alles

sein lebendiger Osterglaube hindurch. Überhaupt betonte er immer

wieder gerade das, was sonst in seinen Predigten fehlte: daß wir den

lebendigen persönlichen Heiland brauchen, den Gottessohn, den man

schauen kann. ›Wir Pfarrer werden doch nich bloß zu Hochzeiten und

Kindtaufen gerufen,‹ sagte er, ›wie oft stehen wir an Sterbebetten und

Totenladen. Was nützen da schöne Reden -- einen Sünderheiland brauchen

wir, der unsere Schuld ins Meer senkt und über die Gräber ruft: ›Ich

lebe und ihr sollt auch leben!‹ Aber das schönste war doch, wie er

von seinem Heimweh nach dem alten Bibelglauben sprach. Obgleich er

nicht gerade von sich dabei redete, merkte man's doch, daß er alles

selbst erlebt und durchgekämpft hatte. Einmal dachte ick: ›Das geht auf

die Geschichte mit unseren jungen Herrn,‹ und ein anderes Mal merkte

man's ganz deutlich, daß er an Frau Petzold dachte! Der Mann hat was

durchgemacht, Exzellenz! -- ›Gar kein Evangelium,‹ sagte er, oder das

ganze, das, von dem der Dichter singt: ›Wenn ich dies Wunder fassen

will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still!‹ -- Exzellenz, ick

kann's nich sagen, wie mir diese Predigt ergriffen hat!«

»Diese Heimkehr!« sagte die alte Frau mit leiser Stimme.

Schenker wischte sich über die Augen. -- »Und dann hat er noch von dem

modernen Menschen gesprochen! Wir haben ja auch so 'n paar unter den

Lehrern und Honoratioren. Daß so was auch aufs Dorf kommen muß! Na,

unser Herr Pastor sagte, wir sollten man bloß nich denken, daß so 'n

moderner Mensch nich dasselbe sehnende Herz in der Brust trüge, wie

andere Leute. Es sei Einbildung, daß man glaube, man könne ohne den

Herrn Jesum und sein Kreuz fertig werden! Wenn der moderne Mensch so

kalt und gleichgültig tue, so sei das nur eine Larve, die das blutende

Herz und die innere Einsamkeit verbergen solle. Denn wenn einer noch

so gelehrt und noch so berühmt sei, seine Seele mache das alles nicht

satt. Darum sei es ein Gottesraub, das Bekenntnis, das die Gemeinde

mit ihrem Herzblut erlebt und verteidigt, durch Menschenfündlein

zu ersetzen oder nach menschlicher Meinung umzubilden! Exzellenz,

das hat der Mann gesagt, der vor kaum zwei Monaten erklärte, das

Glaubensbekenntnis könne man verschieden auslegen!«

Seine Augen leuchteten, auf dem alten treuen Gesicht lag das Rot

freudiger Erregung.

Er schwieg.

Nachdenklich sah er vor sich nieder, eine leichte Verlegenheit malte

sich in seinen Zügen.

Er räusperte sich.

»Dann kam noch etwas,« sagte er endlich zögernd, »eigentlich war's

nich ganz in der Ordnung, noch dazu am Ostersonntag, aber, im Grunde

hab' ick mir doch gefreut. ›Schenker,‹ hab' ick zu mir gesagt, ›du

hast doch 'ne Frau, wie's nich viele gibt! In ganz Kambach is keine

solche, und in Dambeck und Bühl, und hier in Dreilinden auch nich!‹ Na

-- und in Berlin? Ach, du meine Güte,« er lachte hell auf, und schlug

mit der Hand aufs Knie -- »Berlin!!! -- Also, -- Exzellenz, -- was tut

meine Frau? Kaum hatten wir nach der Predigt ›Auf, auf, mein Herz, mit

Freuden!‹ gesungen, steht sie auf und sagt: ›Nu wollen wir noch »Nun

danket alle Gott!« singen.‹ Und damit fing sie auch schon an. Sie war

feuerrot geworden und schielte nach mir rüber. Aber ick muckste mir

nich, Exzellenz. Hätt' ick meine Frau angesehen, wär's vorbei gewesen,

und das paßt sich doch schließlich nich für 'n ollen weißhaarigen

Kammerdiener. Nur ganz heimlich hab' ick ihre Hand gefaßt. -- Dann

sangen wir alle mit. -- In meinen ganzen Leben hab' ick das Lied nich

so singen gehört, nur damals, als der Friede gefeiert wurde! -- Pastor

Wendler stand am Altar. Er war ganz blaß und sah sehr bewegt aus, als

er in die Sakristei ging.«

Wieder war's still zwischen den beiden. Auf die Seele der alten

Frau wirkte die schlichte liebliche Erzählung wie eine wundersame

Glaubensstärkung, dem Manne aber, der sie erlebt, ward das Stücklein

Kirchengeschichte, das sich im engen Rahmen der Heimat abgespielt,

immer mehr ein Stück Lebensgeschichte.

»Exzellenz,« hub er endlich noch einmal an, »ick hab' nu noch einen

anderen Gedanken! Er is vielleicht ganz verkehrt, dann laß ick mich

gern eines Besseren belehren, aber Exzellenz werden gestatten, daß ick

ihn ausspreche. Denn er verläßt mich nich mehr! Und das will was sagen!

Ick bin sonst wahrhaftig nich so.«

Er sah die alte Dame erwartungsvoll an.

Sie aber nickte ihm ermutigend zu.

Da holte er tief Atem und fuhr fort: »Exzellenz, -- wir haben noch

immer keinen Bundesdirektor! Die Sucherei geht nu schon durch Wochen

und Monate! Wir haben heute schon den ersten Mai, und die Geschichte

kommt nich vom Fleck. Der gnädige Herr schreibt sich die Finger wund,

und immer is es vergeblich! Entweder paßt die kirchliche Richtung nich,

oder es heißt: ›Die Sache steckt noch zu tief in den Anfangsgründen,

daraufhin kann man Amt und Brot nich aufgeben!‹ Na -- die passen

natürlich nich für uns, Exzellenz! Hier gilt's Opfer bringen, gerad so

gut, wie bei der Äußeren Mission, und da is die Sache doch noch ganz

anders! Hier wird man doch nich von die Klapperschlangen gefressen oder

von die Hottentottens aufgespießt! Aber trotzdem -- einen Verzicht

gilt's. Schon einfach deshalb, weil wir kein Geld haben. Wir brauchen

also einen ganzen Mann. Und da fuhr's mir heut nacht durch den Kopf:

›Da suchen und suchen wir, und der Mann is da!‹ Und als ick mir die

Sache länger überlegte, hab' ick mir gesagt: ›Schenker, du bist doch 'n

alter Teekessel, hättest du das nich gleich am ersten Ostertag nach der

Predigt wissen können? Vierzehn Tage eher hätt'st du die Herrschaften

von ihre Sorge befreit!‹ Aber wie's im Leben so geht, Exzellenz, --

heut morgen dacht' ick: Wenn Exzellenz nu säd: ›Schenker, das is

Quatsch!‹ Det kann ick nämlich schlecht vertragen, Exzellenz!«

Er sah sie erwartungsvoll an.

Frau Sabine hatte den Kopf in die Hand gestützt. Schweigend ruhte ihr

Blick auf dem Alten. In ihren Augen standen Tränen. --

Ein stiller Vorfrühlingsabend stieg vor ihrem Geiste auf. In dem

dämmernden Stadtgarten blühten Veilchen und Krokus und ein weicher

Wind strich um die Dächer. Sinnend saß sie über der Apostelgeschichte,

über dem Werdegang des gewaltigen Kämpfers, dessen heißem Ringen jener

wunderbare Sieg folgte, -- ›denn siehe, er betet!‹ Ein Gedanke war

ihr durch den Sinn geflattert, woher er kam, wußte sie nicht, aber

ihre Seele folgte seinem leuchtenden Flug. Glaubenswege zogen sie

miteinander, zu lichten Firnen empor. Nur die Kühnheit und Leichtigkeit

des Gedankens aus der Überwelt durfte den schwindelnden Aufstieg wagen,

nur die Trägerin des Wetterkreuzes durfte nach den Stürmen der Nacht

von der Grenze des ewigen Schnees in die Zukunft schauen. Dann waren

sie zu Tal gezogen. Aber durch das Grau des Alltags hindurch klang's

immer wieder wie eine lichte Weissagung: ›Denn siehe, er betet!‹ -- Und

heute stand einer vor der Greisin und sprach: ›Das Wort ist erfüllet!‹

Sinnend blickte sie vor sich hin.

Da fuhr der Alte fort: »Dann hab' ich mir gesagt: ›Schäme dir,

Schenkersch Vadder! Die Missionare zucken mit keiner Wimper in

Todesgefahr, und du bist empfindlich, wenn deine alte Herrschaft dir

die Wahrheit sagt. Gleich heute gehst du nach Dreilinden!‹ Na, und da

bin ich nu!«

Wieder nickte Frau von Kambach ihm freundlich zu. »Der Gedanke ist

zu erwägen, lieber Schenker. Er ist mir selbst schon durch den Kopf

gepflogen, um so mehr freue ich mich der Anregung von anderer Seite.

In der Hauptsache bin ich vollkommen mit Ihnen einig. Wendler ist

ein ganzer Mann, der sich nach allem, was Sie mir berichten, auch

als ganzer Christ beweisen wird. Menschen, die sich zum Glauben

durchkämpfen, sind keine halben. Denken Sie daran, wie Saulus ein

Paulus wurde! Ich bin also sehr dankbar für die Anregung, muß mir die

Sache aber in Ruhe überlegen und vor allem erst mit meinem Sohn darüber

sprechen. Er weiß noch nichts?«

»Nein, Exzellenz. Ich wollte zuerst hier vorsprechen.«

Sie nickte. »Gut. Ich fahre morgen nach Kambach. Wissen Sie, ob mein

Sohn in den Vormittagsstunden zu Hause ist?«

»Der gnädige Herr hat nicht gesagt, daß er etwas Besonderes vorhätte!«

»Schön. Dann bestellen Sie, ich käme um elf. Paßt es nicht, können Sie

mich ja benachrichtigen.«

»Sehr wohl, Exzellenz.« Er erhob sich.

Frau von Kambach reichte ihm die Hand. »Adieu, lieber Schenker! Eine so

große Freude hab' ich lange nicht gehabt, und daß Sie sie mir bringen

durften, war schön!«

Seine Augen leuchteten. Er verbeugte sich. »Ich danke untertänigst,

Exzellenz!«

Schritte klangen im Nebenzimmer. Ein junger Diener erschien auf der

Schwelle.

»Herr Pastor Wendler!«

Die beiden Alten sahen sich an.

»Ich lasse bitten,« sagte die Hausfrau. »Sie sind ihm zuvorgekommen,«

wandte sie sich halblaut an Schenker.

Schwerfällig erhob sie sich und ging dem Gast entgegen.

Sein rascher Schritt klang an ihr Ohr. ›Ganz so wie einst!‹ zog es ihr

durch den Sinn.

Da stand er schon vor ihr, groß, kräftig, das blaue Auge leuchtend, --

keine Spur von einer eben überwundenen wochenlangen Krankheit, weder in

Aussehen und Farbe, noch in den Bewegungen, -- nun ja, er war in froher

Erregung durch die blühende Mark gewandert.

Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Herzlich willkommen, mein lieber

Wendler!«

Er beugte sich über ihre Hand. Dann sah er sie voll an. In dem

männlichen Gesicht arbeitete es.

»Es ist lange her, daß ich hier war,« sagte er, und seine Stimme bebte

leise. »Aber Exzellenz haben mir gestattet, wiederzukommen ...« Er

hielt inne, tief Atem holend. Das menschliche Wort erschien ihm zu arm

in dieser Stunde.

Sie verstand ihn.

Schweigend hielt sie seine Hand umfaßt.

»Ich bat Sie, wenn es so weit sei, Ihre Freude teilen zu dürfen,« sagte

sie endlich, -- »nicht wahr, die Stunde ist gekommen?«

Der lang entbehrte Ton schlug ihm warm ans Herz. Wie unwert erschien er

sich dieser Liebe! Aber sie war nichts als der Abglanz einer größeren

heiligeren, die er mit heißer Sehnsucht gesucht und endlich gefunden.

Die Bewegung übermannte ihn. Tränen traten in seine Augen. Er wandte

sich ab.

Da fiel sein Blick auf den alten Schenker, der bescheiden in der

Fensternische stehen geblieben war. Sein Gesichtsausdruck sagte ihm

alles. Fragend sah er die Gutsherrin an. Lächelnd nickte sie ihm zu.

»Ja, lieber Wendler, Sie haben recht, Sie brauchen mir nichts mehr

zu sagen. Unser guter Schenker hat mir eben über die Osterpredigt

berichtet, und daß Sie zum Schluß ›Nun danket alle Gott!‹ miteinander

gesungen haben! Mir tut nur leid, daß ich nicht dabei gewesen bin, --

aber nicht wahr, ich darf mich auch jetzt noch mit Ihnen freuen?«

Wie eine Mutter sah sie ihn an.

Und den Mann, der jahrzehntelang, von niemand umhegt und geliebt, sein

einsames Leben geführt, traf dieser Blick in tiefster Seele.

»Exzellenz!«

Als müßt' er das innerste, heiligste Empfinden dieser Stunde selbst vor

diesen lieben Augen verbergen, beugte er sich ein zweites Mal über die

greise Hand und drückte einen langen innigen Kuß darauf. -- --

* * * * *

Der Westwind trug den Klang der Kambacher Betglocke herüber. Heimatlich

grüßte er die beiden Menschen.

Ein leiser Schritt verklang auf den Dielen. Behutsam ward eine Tür

geschlossen.

Sie waren allein.

»Ich wußte, daß Sie heimkehren würden,« sagte sie leise, »es ist kalt

und einsam in der Fremde!«

»Und doch hätte ich den Weg niemals gefunden, hätte mich nicht einer

geführt,« klang es zurück. »Denn ich war blind. Jetzt ist mir die

Decke von den Augen genommen, ich habe erkannt, daß die Wissenschaft

uns den Frieden der Seele nicht schenkt. Darum fror mich bei aller

Gelehrsamkeit -- sie hat mich arm gemacht!«

»Arm,« wiederholte die alte Frau nachdenklich. »Wären Sie reich

gewesen, so hätten Sie sich nicht führen lassen. Zur Heimkehr gehört

Heimweh!«

Sinnend blickte er in den leuchtenden Abend hinaus. Wie ein

dunkelgrüner Rahmen umschloß das efeuumsponnene Fenster die verträumte

Landschaft. Rosa Abendwolken schifften vorüber, und der letzte Strahl

mischte sich mit dem Bronzeton der Heide. Sehnsüchtig trällerte eine

Lerche über den wehenden Birken.

Drüben verhallte die Glocke ...

›Zur Heimkehr gehört Heimweh!‹ zog es durch die Seele des Mannes, der

nach heißem Kampf und langer Irrfahrt den Weg nach Hause gefunden.

Vierzehntes Kapitel.

Jutta.

Weißt du nicht, daß späte Rosen

In der Herbstzeit schnell verblühen?

Daß sie frühe sich entfalten

Und ums Abendgold verglühen?

Daß ein kurzes helles Leuchten

Auf den roten Blättern schimmert,

Wenn des Taues Brautgeschmeide

In den dunklen Kelchen flimmert?

Duftend wird die letzte Rose

Deiner Liebe sich erfreuen,

Und die samtnen Spätherbstblätter

Still auf deine Pfade streuen.

Feiernd geht der Tag zur Neige,

Wenn die Schnitter heimwärts ziehen,

Und beim Klang der Abendglocke

Leuchtender die Felsen glühen ...

»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen,

eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister

lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der

Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem

der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen

Geld! -- Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den

Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte

freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch großartig, -- +in

corpore+ sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In

Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein,

mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern!

Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! -- Was hat da nu

gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund

und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von

Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal

was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als

Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger

Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.«

Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu

seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube,

Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!«

»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler.

Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, -- nun

zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren

Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste,

wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren.

Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders

anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt,

wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!«

»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg

gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 70 / 114 题