* * * * *
In dem hell erleuchteten behaglichen Salon Exzellenz von Kambachs
hatte sich ein Kreis von etwa dreißig Personen zusammengefunden.
Eine Gesellschaft aus allen Volksschichten. Hoher Adel, weißhaarige
Generäle, einige Geistliche, Herren aus dem Kaufmannsstande, eine
Anzahl Damen, ein paar schlichte bürgerliche Gestalten, mehrere Leute
aus dem Volk. Ein scheinbar wahllos zusammengewürfelter Kreis. Nur
der Eingeweihte wußte, daß die Einzelgestalt ihre besondere Bedeutung
hatte, daß hier Persönlichkeiten und Werte abgeschätzt worden waren,
daß keiner gekommen, und ob es der Bescheidenste, Geringste war, bei
dessen Erscheinen man nicht des Wortes gedenken durfte: ›Es sind
mancherlei Ämter.‹
Ein eigenartiges interessantes Bild bot das schlichte Frauengemach
dem, der gelernt, den Blick auf das Überweltliche zu richten, der
die großen Tagesfragen in den hohen Schein der Ewigkeit rückte,
der im Menschenantlitz zu lesen verstand, der nicht irgendeinen
vaterlandslosen Gesellen in seinem Weggenossen erblickte, sondern
die heilige Frage auf brennender Lippe trug: ›Von wannen bist du?‹
Eine unausgesprochene Zusammengehörigkeit schien diesen Kreis zur
festen Gemeinschaft zu verbinden, ein zäher Kitt das junge noch
ungefestigte Werk zusammenzuhalten. Und an der Wiege des neugeborenen
Kindes die ehrwürdigen Paten, zwei Menschen aus ganz verschiedenen
Gesellschaftskreisen, ganz verschiedenen äußeren Verhältnissen,
Gestalten aus einer Zeit, an der das Geschlecht von heute in großen
Scharen achselzuckend vorüberging -- eine fünfundsiebzigjährige
märkische Landedelfrau und ein einfacher Häuslerssohn aus dem
Spreewald, der im Dienst seines Herrn in Ehren weiß geworden war.
Schenker hatte sich zwar mit Händen und Füßen, und nicht zum wenigsten
mit seinem schlagfertigen Mundwerk dagegen gewehrt, als man ihm einen
regelrechten Ehrenplatz einräumen wollte; aber Frau von Kambach hatte
kurz und bündig erklärt: »Keine Redensarten, Schenker! Es muß alles
seine Ordnung haben. Sie sind der erste gewesen, der die Frage angeregt
hat!«
Und er hatte alles über sich ergehen lassen. Denn in einem früheren
ähnlichen Falle hatte ihm seine alte Exzellenz, als er ihr zuviel
geredet, einfach erwidert: ›Schenker, das ist Quatsch!‹ Und das wollte
er nicht gern zum zweitenmal hören. Einmal hatte er es sich ja schon
selber gesagt, das war aber etwas anderes. Schließlich hatte er doch
auch weiße Haare und war ein alter Kammerdiener. --
Allgemeine Überraschung und Freude herrschte, als sich in dem
Augenblick, wo Herr von Kambach die Sitzung eröffnen wollte, noch
einmal die Tür auftat, und der ehrwürdige Graf Bühler, auf dessen
Erscheinen man wegen eines kaum überstandenen Ischiasanfalles nicht
gerechnet hatte, auf den Arm seiner Enkelin gestützt hereintrat. Graf
und Gräfin Brelow, die mit dem alten Herren zusammen gereist waren,
folgten. Lächelnd winkte der Erblandmarschall den Anwesenden zu.
»Guten Tag, alle miteinander! Sitzen bleiben! Leute, die zu spät
kommen, gehören in den Winkel!« Eine Mahnung, die allerdings wenig
Anklang zu finden schien, denn alles wollte dem greisen Standesherrn
die Hand drücken.
Dann endlich Stühlerücken, Stille, Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten.
Einer der anwesenden Geistlichen sprach ein kurzes Gebet, worauf der
Oberstallmeister die Erschienenen begrüßte:
»›Hüte, starkes Volk der Ehre
Manneswort und Weibesreinheit,
Kindeslust und Greiseslehre,
Kraft und Huld in steter Einheit!
Stolz und fest und treu bewache
Vaterland und Muttersprache!‹
Mit diesen Worten Peter Roseggers heiße ich Sie, meine verehrten
Anwesenden, in dieser Stunde im Namen meiner Mutter willkommen! Was
uns hier zusammenführt, ist jedem von uns bekannt! Trotzdem ist der
Wunsch laut geworden, daß, bevor wir die Grundforderungen des Werkes,
das wir im Namen Gottes beginnen, festlegen, noch einmal klipp und und
klar ausgesprochen werde, was wir eigentlich wollen. Manch einer wird
denken: ›Wieder 'n neuer Verein, der sich berufen fühlt, Deutschland
aus dem Morast zu ziehen, und nachher verläuft die Sache im Sande,
oder es bleibt bei begeisterten Aufrufen und großartigen Tagungen, bei
Beschlüssen, die niemals Wirklichkeit werden!‹ -- Lassen wir die Leute
denken, was sie wollen! Erstens fahren wir niemand in die Parade, und
zweitens sind wir kein neuer Verein, sondern ein Bund. Aus dem Morast
ziehen wollen wir Deutschland allerdings mit Gottes Hilfe und der Hilfe
anderer Leute. Denn wir wollen nicht trennen, sondern sammeln. Alles,
was vorhanden ist, was seit Wichern und Stöcker auf dem Gebiet der
Inneren Mission geleistet ist, wollen wir zusammenschließen zu einem
großen starken Ganzen. Der ›Bund bibelgläubiger Christen‹ soll ein
~Volksbund~ sein. Denn wir haben bisher wohl Offizierskompagnien,
aber keine Soldatenregimenter. Ohne sie aber können wir nicht in den
Kampf ziehen. Ungezählte Einzelgefechte haben stattgefunden, mit Mut
und Ausdauer ist hier und dort gestritten worden. Aber unsere Zeit
fordert große schwere Entscheidungskämpfe, welche keine Zersplitterung
ertragen. Darum heißt es sammeln, was an Kräften vorhanden ist, darum
heißt es in geschlossenen Reihen zum Angriff vorgehen. Wie vor hundert
Jahren in dem heißen Ringen um äußere Freiheit, muß es auch heute im
Kampf um Deutschlands heiligste ewige Güter heißen: das Volk steht auf.
Ja, ~das Volk~ soll aufstehen, ~das Volk~ soll sich erheben
wie ein Mann, ~das Volk~ soll dem Volke zeigen, daß es noch Mark
in den Knochen hat, daß es noch wahrhaftiges Deutschtum, wahrhaftiges
Christentum gibt, -- ~das Volk~ soll dem Volke helfen. Mit
einem Wort -- wir brauchen eine christliche ~Volksmission~!
Deutschland rühmt sich seiner blühenden Kultur, aber daß diese Kultur
keine Sittlichkeit mehr kennt, daß unser Volk bei lebendigem Leibe
verfault, scheint Nebensache zu sein! Es ist eine Schande, wie weit wir
heruntergekommen sind! -- --
Aus diesem Sumpf aber kann uns nur eines retten: der Neuaufbau des
christlichen Familienlebens. Denn das Haus ist die Geburtsstätte
kommenden nationalen Glücks oder Unglücks; es bildet die Grundlage
zukünftiger Völkergeschichte. Sind die Familien aber entchristlicht, so
setzt sofort der sittliche Bankrott und damit der völkische Verfall ein.
Das Wort Roseggers, das ich Ihnen zurief, betont zwar nicht die
Notwendigkeit christlicher Waffenrüstung, aber es schließt sie
als heilige Selbstverständlichkeit ein. Denn echtes Deutschtum,
Vaterlandsliebe, Mannesehre, Frauenreinheit, Schutz der Sitte und des
Herdfeuers sind nur da vorhanden, wo das Christentum die Wurzel des
Volkslebens ist. Wird es ausgeschaltet, geht die Sittlichkeit verloren,
und das Volk versumpft. Bei uns in Deutschland ist diese Zersetzung
im vollen Gange. Ich wiederhole: seit der Feind am Werke ist, die
Grundlagen unseres Volkslebens zu untergraben, seit er mit allen ihm zu
Gebote stehenden Mitteln das Christentum angreift, ist diese Zersetzung
im vollen Gange. Daß unsere Gegner aber in der Wahl ihrer Mittel nicht
ängstlich sind, ist nichts Neues. ›Die Verlästerung des Namens Gottes
ist nötig, um der Religion den Garaus zu machen!‹ erklärt Liebknecht.
Das ist deutlich geredet. Wir wissen wenigstens, mit wem wir es zu tun
haben!
Aber unsere Gegner sollen es auch wissen. Darum zugefaßt und aus
dem Schlamm geholt, was sich noch herausholen läßt! Nur keine
Glacéhandschuhe angezogen, -- sonst kommen wir nicht weit! Denn es
geht ums Ganze. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit! Ohne Püffe geht's
nicht ab. Der Kampf, in den wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen
Linie, eine Gegenmobilmachung wider die Mächte des Unglaubens und des
Halbglaubens, des modernen Heidentums in all seinen Erscheinungen.
Leicht wird's nicht sein! Aber wenn der Feind erklärt: ›Der Begriff
›Gott‹ muß zerstört werden, denn er ist der Grundstein einer verderbten
Zivilisation,‹[3] -- so haben wir ihm als Christen eine Antwort zu
geben, die er sich nicht hinter den Spiegel steckt. Also hinein ins
Gefecht! Nur keine Müdigkeit vorgeschützt, nur nicht an die eigene
Bequemlichkeit gedacht! Wir können nur ganze Menschen brauchen, ganze
Christen! Kein rechter Kämpfer, der abseits steht: ›was geht's mich
an?‹ Es gilt unseren höchsten ~Gemeinbesitz~ schirmen, unsere
~gemeinsamen~ völkischen sozialen und religiösen Kleinodien
retten. Darum die zwingende Notwendigkeit der geschlossenen,
festgefügten Macht des bibelgläubigen, deutschen Protestantismus.
Das christliche Zusammengehörigkeitsbewußtsein ist eingeschlafen,
-- unsere Sache ist es, unser Volk aus diesem verhängnisvollen
Dornröschenschlummer zu erwecken! Das ist -- kurz zusammengefaßt --
unsere Aufgabe!
Über Form und Art unserer Kampfesweise, über die Einzelarbeit, vom
Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachtet, eine vorläufige Einigung zu
erzielen, schlage ich Ihnen eine Besprechung vor.
Ehe wir beginnen, erlaube ich mir, Ihnen als vorläufige Arbeitsziele
des Bundes folgende Aufstellung der Hauptpunkte vorzulegen.« Herr von
Kambach nahm ein vor ihm liegendes Blatt vom Tisch und las:
»1. Es gilt die Zusammenfassung aller, im deutschen Volk noch
vorhandenen biblisch-sittlichen Lebenskräfte zur Stärkung christlicher
Weltanschauung und zum inneren Ausbau gesunden Volkslebens.
2. Es gilt eine umfassende Aufklärungsarbeit über die Pflichten der
gläubigen evangelischen Gruppe im christlichen nationalen und sozialen
Sinne dem deutschen Volke gegenüber.
3. Es gilt den Kampf gegen jede widerchristliche Weltanschauung,
wie sie auch heiße, durch Volksversammlungen, Vorträge, Schriften,
Flugblätter.
4. Es gilt die grundsätzliche Ablehnung und Bekämpfung ja wenn möglich
Ausrottung der widerchristlichen antimonarchischen Presse, der
Schundliteratur, des Schmutzes in Wort und Bild.
5. Es gilt die Förderung und Verbreitung der auf christlich-positiver
Grundlage stehenden Tageszeitungen und die Gründung einer
deutsch-evangelischen Volkspresse.«
Er ließ das Blatt sinken. Die blauen Augen schauten blitzend über den
kleinen Kreis.
Da erhob sich Graf Bühler. Es schien, als sei er in den letzten Wochen
älter, gebrechlicher geworden. Der Winter ist der Feind der Greise, und
der Tod im Nachbarhause hatte seinen Schatten auf den Weg treuer Liebe
geworfen. Aber die Adleraugen hatten nichts von ihrem Feuer verloren,
und die Sprache war scharf und klingend wie vordem.
»Ich glaube im Namen aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen
warm für Ihre Ausführungen danke, mein lieber Kambach,« sagte er
herzlich. »Sie haben uns die große Frage in ihren Hauptzügen knapp und
zielbewußt dargelegt, haben in schöner klarer Weise ausgesprochen, was
wir wollen. Gestützt auf Ihre Ausführungen, auf die Grundforderungen
des Arbeitsziels wird es uns möglich sein, das Riesenwerk immer
vollkommener zu gestalten und die rechte Form für seinen Ausbau zu
finden. Nebenbei gesagt können wir uns in bezug auf letztere den
Katholizismus -- mag uns das römische System an sich auch abstoßen --
in unseren späteren Verhandlungen zum Vorbild nehmen.
Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie wohltuend es mich berührt,
daß der Bund sich unter das Banner der Weltmission stellt. Denn
Familienmission und Volksmission sind Weltmission. Nicht nur draußen
in den Heidenlanden werden Entscheidungsschlachten geschlagen. Auch
unser Vaterland hat eine große heilige Volksmission dringend nötig.
Was die Innere Mission in großzügiger Weise begonnen und fortgeführt,
bedarf, wie vorhin schon gesagt wurde, des engeren Zusammenschlusses,
nicht nur mit gleichartigen Vereinigungen, sondern mit dem Volksganzen,
soweit es noch auf dem Boden des biblischen Evangeliums steht. Es geht
ums Ganze. Darum gilt es Arbeit im großen Stil, -- Einzelseelsorge
allein wird da nicht fertig. Darum dürfen wir, -- so wertvoll gerade
uns die Treue im Kleinen, Alltäglichen ist, -- nie vergessen, daß wir
Weltmission treiben, daß Deutschland ein Stück Weltgeschichte umfaßt,
daß der Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ unser Vaterland nicht
ausschließt.«
Einen Augenblick schwieg der Sprecher. Die alten Augen hatten den
weitschauenden Blick wandernder Ewigkeitsmenschen, die dem Ziele nahe
sind. Und dann klangen seine Worte wie eine Prophezeiung durch den
stillen Raum:
»Eine Sage vom Oststrande steht mir vor der Seele. Jahrhunderte alt,
grüßt sie wie eine Verheißung diese Stunde.«
In grauer Zeit entsandte das Kloster Amelungsborn den Mönch Berno
als Bischof von Schwerin und Apostel der Wenden in die heidnischen
Obotritenlande. Aber an der Ostküste stand Satans Stuhl, und
harte Arbeit wartete des Westfalen. Ein heißes Ringen begann, ein
gewaltiges Roden, ein Kampf, Mann gegen Mann. Doch das Kreuz siegte.
Junge Siedelungen winkten, aus dem Grün der Wälder ragten die
Einödskirchlein. Hand in Hand mit der Urbarmachung des wilden Landes
ging die stille Arbeit der Glaubensboten.
Jahre waren ins Land gezogen. Die Macht des Heidentums war gebrochen.
Am Sankt Johannistag im Jahre des Heils 1186 grüßte der junge
Landesherr Heinrich Borwin seine geistlichen Untertanen im Kloster zu
Doberan, und Bischof Berno vollzog die Abtweihe.
Sommerschönheit lag über dem Lande, das Korn rauschte, und die Rosen
blühten. Aber über der Küste gewitterte es.
Die Nacht stieg herauf.
In der Stunde, da der junge Konvent sich zum ersten Gottesdienst unterm
eigenen Dache rüstete, empörte Luzifer die See und die Fürsten der
Tiefe rüttelten an den Pforten der Abtei.
Das Ostmeer schlug den schwarzgrünen Mantel um die leuchtenden
Schultern und betrat, von der Hölle geführt, siegesgewiß das Land.
Aber im Kloster lag der Konvent auf den Knien. Eine Macht, die Berge
versetzte und dem Meere gebot, die den Willen des Allmächtigen
wandelte, kämpfte wider den Fürsten des Abgrunds -- das Gebet. Näher
und näher rauschte die Flut.
»Vor den Stürmen der Nacht, vor dem Toben der Hölle wollest du deine
heilige Kirche bewahren und schirmen!« betete Bischof Berno an den
Stufen des Altars.
»Von den Mächten der Finsternis, von den bösen Geistern aus der Tiefe
wollest du uns erretten! Daß dein Kreuz den Sieg behalte in unseren
Landen, wollest du eine Mauer bauen, lieber Herr und Gott, einen
heiligen Damm wider alle deine Feinde!«
Näher und näher kam die Flut. Der Sturm zersplitterte die Kirchpforte.
›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹
Die dritte Nachtwache ging vorüber. Im Glanz der Morgenröte stand der
Abt vor dem Kirchenfürsten:
»Komm herüber und schaue die Wunder des Höchsten!«
Und dann standen Mönche und Schiffervolk vor dem Riesenwerk.
Ein gewaltiger Damm schied Meer und Land, eine Mauer aus tausend und
abertausend glattgespülten Kieselsteinen, ein Deich, wie ihn das
Ostmeer nie geschaut, von unsichtbaren Händen gebaut -- ein Wunder!
Die alte Stimme bebte vor innerer Bewegung.
»Wissen Sie, was das Meer bedeutet?« rief er. »Es ist die zersetzende
Macht des Unglaubens, die, von der Hölle aufgepeitscht, unser Volk
bedroht. Die Obotritenlande sind Deutschland. -- Und der heilige Damm?
Und die Kieselsteine? Das ist die Hauptsache, daß uns das klar ist! Der
heilige Damm stellt die Gemeinde Jesu Christi dar, die glattgespülten
Kieselsteine ihre durch sein Blut erlösten und gereinigten Glieder.
Jeder einzelne Stein eine Menschenseele, ein Glied in der Kette, die
den Unglauben eindämmen soll! -- Wie mir ums Herz war, als kürzlich
meine Enkeltochter mit dieser Sage zu mir kam, und nach beendeter
Lektüre zu mir sagte: ›Großvater, das ist der Bund bibelgläubiger
Christen!‹ -- ich kann's Ihnen nicht sagen! Aber eines wünsche ich uns
allen in dieser Stunde: daß wir ein heiliger Damm wider die Mächte des
Unglaubens werden zur Ehre unseres Herrn und zum Heil unseres Volkes.«
Er setzte sich.
Besorgt ruhte Sibyllens Auge auf ihm. Seine Wangen waren gerötet, und
die Hand, die sich auf den Krückstock stützte, zitterte.
Ein Rechtsanwalt erhob sich.
»Anknüpfend an das Wort des Herrn Oberstallmeisters, ›der Kampf, in den
wir treten, ist ein Kampf auf der ganzen Linie, eine Gegenmobilmachung
wider die Mächte des Unglaubens und des modernen Heidentums in all
ihren Erscheinungen‹, -- möchte ich, um jedes Mißverständnis über die
Stellung des Bundes von vornherein auszuschalten, vorschlagen, diese
Frage noch besonders zu erläutern. Denn hier gilt es nicht nur den
Kampf mit unseren bewußten Gegnern, sondern -- Gott sei's geklagt --
zum großen Teil mit Männern aus dem eigenen Lager. Nichts ist der
Kirche der Reformation gefährlicher, als diese Friedenspartei. Denn
sie unterstützt den jesuzentrischen Liberalismus, eine Richtung, die
wie keine andere versteht, das Schafskleid zu tragen. Wenn unser
Arbeitsziel wohl auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wird, daß
wir zum äußersten Flügel der positiven Rechten gezählt sein wollen, so
erscheint es mir trotzdem geboten, unsere Stellungnahme nach dieser
Richtung hin besonders klarzustellen. Vielleicht hat einer der Herren
Geistlichen die Güte, meine kurzen Worte zu ergänzen.«
Pastor Lehmann, ein starker Fünfziger, mit ausgeprägten Zügen und
hellem Blick, ergriff das Wort.
»Gestern abend war ich bei einem Freunde, auf dessen
Bundesgenossenschaft ich bestimmt gerechnet hatte. Ich hatte mich
getäuscht. Nach einer fast zweistündigen Unterredung erklärte er:
›Nehmt euch nur in acht, daß ihr nicht zu sehr Farbe bekennt!‹ und
lehnte es glatt ab, der Frage näherzutreten. Und das war ein positiver
Geistlicher. Der Zug der Zeit geht auf Vermittlungspolitik, aus den
landeskirchlichen Nöten herausgeboren. Dem heißen Wunsche, den äußeren
Bestand der geschichtlich gewordenen Kirche zu retten, entspringt
das immer dringender werdende Begehr: ›Schließt euch zusammen, ihr
Positiven und Liberalen gegen den gemeinsamen Feind! Der Antichrist
steht vor den Toren!‹ -- Aber wir können nicht gegen die Wahrheit!
Zugeständnisse auf dem Gebiet der Liebe dürfen wir machen, auf dem
Gebiet des Bekenntnisses nicht. Wir halten es mit dem Lutherwort:
›Unsere Liebe ist bereit, für euch zu sterben; wer uns aber an den
Glauben greift, der greift uns an den Augapfel.‹ Es ist schlimm genug,
daß der antichristliche Geist moderner Weltanschauung eine mit sich
selber zerfallene Kirche findet, daß er sich mit vollem Recht auf eine
wesensverwandte Gruppe innerhalb der Kirchenmauern berufen kann. Die
Antwort der Kirche auf den Angriff des Gegners ist daher eine halbe
eingeschränkte, ein Zugeständnis, eine, ob auch unausgesprochene
Versöhnung. Aber diese Versöhnung ist Truggold. In Wahrheit bedeutet
sie eine Gebietsabtretung. -- Wir würden ja mit Freuden dem brennenden
Wunsche des Zusammenschlusses nachkommen, wenn wir es mit unserem
Gewissen vereinigen könnten. Es liegt uns darum auch gänzlich fern,
über sie zu Gerichte zu sitzen, die von ihrem Standpunkt aus ihr Werk
treiben, aber an einem Strang mit einem Subjektivismus ziehen, der,
nur nach eigenem Maße messend, an den geoffenbarten Heilstatsachen
vorübergeht und die Gestalt Jesu Christi ihrer ewigen Gottheit
entkleidet, -- das können wir nicht. Denn es geht um die höchsten
Güter, um eine Entchristlichung nicht nur der Kirche, sondern des
Christentums.
Wenn darum auch noch Männer aus unserer Mitte dieser
Vermittlungspolitik zustimmen zu sollen glauben, so bleibt uns nichts
anderes übrig, als uns, ob auch blutenden Herzens, von ihnen zu
trennen. Es ist keine Frage, daß wir recht allein dastehen, ja, daß
uns unsere eigenen Freunde nicht nur verlassen, sondern angreifen
werden, und die offizielle kirchenregimentliche Gnadensonne uns
niemals scheinen wird. Wir werden es ertragen um deswillen, der für
uns das Kreuz trug. In seiner Kraft stehen wir fest und unentwegt auf
dem Grunde unseres Heils, auf dem Boden des wirklichen Christentums.
Des Christentums der Bibel, das die Sünde bei Namen nennt und von
Gnade lebt! Das die Überwelt kennt, dessen Heiland und Erlöser nicht
nur eine gottbegnadete Idealgestalt, sondern der ewige eingeborene
Sohn des Vaters ist, Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht
von Ewigkeit! Das sein Leben in sich trägt, und seine Wahrheit
in alle Lande ruft! Das menschliche Umprägung göttlicher Werte
nicht verträgt und für Falschmünzerei erklärt! Das darum auch eine
~wirkliche evangelische~ Kirche fordert! Nicht als staatliche
Kultusgemeinschaft, sondern als eine Kultusgemeinschaft, in welcher
die Anbetung des Herrn lebendig ist, -- nicht als bloße religiöse
Gesinnungsgemeinschaft, sondern als biblische Bekenntnisgemeinschaft.
Diese Forderung muß die selbstverständliche Voraussetzung für unsere
Arbeit bilden!«
Tiefes Schweigen herrschte.
Jeder ging seinen Gedanken nach.
Da erhob sich ein schlichter Bürstenbinder. »Es ist eine hohe Ehre
für uns, daß Christus unsere schwache Kraft in seinen Dienst stellt.
Wollen wir aber unserer Arbeit froh und unseres Sieges gewiß bleiben,
so gilt zuerst und zuletzt die Arbeit am eigenen Herzen, im eigenen
Leben. Wir vergessen angesichts großer Aufgaben so leicht das Kleine,
Unscheinbare, und doch ist es maßgebend für unsere Ewigkeit.«
»Ganz recht,« klang's vom anderen Ende des Tisches herüber, »det sei
ick doch immer!« Schenker war so mit Leib und Seele bei der Sache, daß
er aus Versehen Platt sprach. Für gewöhnlich tat er das nicht im Salon
der alten Exzellenz. Aber heute war's etwas anderes. Ganz gleichgültig
war's, ob er Platt sprach oder Hochdeutsch. Streng genommen hätte hier
ja überhaupt Platt gesprochen werden müssen; denn man war ja bei der
Gründung eines Volksbundes. Darum war's auch ganz selbstverständlich,
daß Schenker seinen Mund auftat, zumal nach allem, was er in Berlin
gesehen. Die Herrschaften hier hatten sich schon daran gewöhnt, um so
besser war's, wenn einer vom Lande kam und ihnen über die heillosen
Zustände die Augen öffnete, um nicht einen ganz anderen Ausdruck zu
gebrauchen. Aber der alte Schenker war ein feiner Kammerdiener, der
in allem maßvoll blieb, -- trotz alledem -- besser gepaßt hätte ein
anderes Wort --, aber abgesehen von den Kammerdienermanieren war man
hier unter Damen.
Hätte ihm einer vor drei Wochen gesagt, er werde in Berlin eine Rede
halten, er hätte erwidert: ›Jau sin woll in'n Kopp all 'n bißken
schwach?‹, und nun war's mit einemmal höchste Selbstverständlichkeit.
»Exzellenz gestatten,« begann er, sich nach rechts verbeugend, und
dann verbesserte er sich: »Exzellenz haben's ja selbst befohlen!« Er
wandte sich an die Anwesenden: »Ick würd' ja nich die Unverschämtheit
haben, wenn Exzellenz nich heute mittag gesagt hätten: ›Schenker, ich
erwarte aber, daß Sie reden!‹ Ick tu' also man bloß meine verdammte
Pflicht und Schuldigkeit! -- Lange will ick die Herrschaften auch nich
aufhalten. Nur einen Wunsch hätt' ick. Und den muß ick aussprechen:
nämlich, daß die Herren Vorstände gleich von vornherein in der
Sittlichkeitsfrage scharf vorgehen. Denn det is 'n Morast, wo'n
anständiger Mensch sich gar keine Vorstellung von machen kann. Herr
Oberstallmeister hat ganz recht, wenn er sagt, für solche Arbeit
taugten keine Glacéhandschuhe. Aber 'ne andere Frage is die, ob man
nich lieber welche dazu anzöge.« Er blickte auf sein Gegenüber. »Ich
tu's ja nich, gnädiger Herr, ick pack' zu, ick hab' die schmierigen
Kerls mit ihren Geburtenverhütungsmitteln eigenhändig verhauen -- aber
det muß ick doch sagen -- Schenkersch Vadder hat Reinlichkeitsgefühl,
hinterher hab' ich mir gründlich gewaschen! -- Und um nu gleich auf die
Großstadt zu kommen -- denn da kommt doch die ganze Geschichte her --
das Weibervolk, was hier herumläuft, ick meine die Frauenzimmer mit den
Florstrümpfen und edelsteinbesetzten Absätzen, die sollte der Bund man
lieber gleich samt und sonders der Polizei übergeben, das Pack verführt
ja nur die anständigen Frauen. Und was die Bundesarbeit anbelangt, so
muß die christliche Frau feste rangekriegt werden; denn eher wird's
nich anders! Von der Frau hängt's ab, wie das Hauswesen is, wie die
Kinder erzogen sind, und ob der Mann ins Wirtshaus rennt oder nich. Das
war vorhin sehr schön gesagt von die Familienmission, gnädiger Herr,
ick bedanke mich ganz untertänigst für die Aufklärung, so halb und halb
hatte ick mich das ja so vorgestellt, aber unsereins versteht nich,
sich so fein auszudrücken. Und darum hab' ick noch eine ganz besondere
Bitte.«
Er wandte sich an Frau von Kambach.
»Wir alle wissen, daß wir in dieser Sache ohne die Frau nich
fertig werden. Es muß daher ganz genau gesagt werden, was wir
von ihr erwarten. Und da mein' ick, keine könnte uns das besser
auseinandersetzen, als Eure Exzellenz!« Und Schenkersch Vadder machte
seine feinste Kammerdienerverbeugung und sagte mit einladender
Handbewegung in seiner ehrerbietigen, aber bestimmten Art: »Darf ick
bitten, Exzellenz?«
Alles verkniff sich das Lachen.
Drüben an der anderen Seite des Tisches scharrte der Krückstock.
»Schenker! Schenker!« drohte die alte Dame, aber sie erhob sich und
wandte sich, die Hände auf den Tisch stützend, ihren Gästen zu.
»Ich bin gebeten worden, in der Frauenfrage das Wort zu ergreifen,
und komme, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, in Versammlungen
nicht zu reden, diesem Wunsche nach. Denn diese Versammlung ist nicht
öffentlich,« -- ein vielsagender Blick streifte Fräulein Eichel --
»auch stehe ich auf dem eigentlichen Arbeitsgebiet der Frau. Wir
wurden vorhin ermahnt, der Treue im Kleinen nicht zu vergessen, der
Arbeit am eigenen Herzen. Diese Mahnung gilt uns allen. Aber die
Frau hat sie in besonderer Weise zu befolgen, weil sie die Hüterin
des Familienlebens ist. Ich freue mich, hier nicht zu Frauen zu
sprechen, die durch Reichsgottesarbeit glänzen wollen, sondern zu
solchen, denen das Marienwort ›Siehe, ich bin des Herrn Magd!‹ der
schönste Stein in ihrer Krone bleibt, deren Dienst Dank ist. Denen
darum jeder Gedanke an die heutzutage allgemein gewordene, beliebte
Grenzüberschreitung ferneliegt, die das Beste, was die Frau besitzt,
ihre Würde und Reinheit, wie eine Königskrone hüten und bewahren. Ich
will in dieser kurzen Stunde nicht die schweren Schäden aufdecken,
welche die weibliche Grenzüberschreitung bereits geschaffen, -- das
sind Dinge, deren Bekämpfung Sache eines besonderen Ausschusses sein
werden, die ernsteste Ortsgruppenarbeit fordern, nur das eine will ich
hervorheben, daß unser Volk sich an der Vermännlichung und Verbildung
der Frau verbluten muß. Denn die Frau ist und bleibt die Pflegerin des
Familienlebens und der Sitte, die Seele des deutschen Hauses. Begibt
sie sich, dieses königlichen Vorrechts vergessend, auf das Ackerland
des Mannes, so verwildert nicht nur ihr eigener Garten, sondern die
großen Nationalgüter werden durch ihr Pflichtversäumnis geschädigt.
Dann wird Eheirrung das geflügelte Wort, Ehescheidung steht auf der
Tagesordnung. Die Weigerung der Mutterschaft führt zum Verbrechen am
keimenden Leben. Unzucht verdrängt die Sittlichkeit. Und, Gott sei's
geklagt, dahin kommt's nicht erst, so weit sind wir. Hier in die
Bresche zu treten, ist Sache der bibelgläubigen deutschen Frau. Der
Kampf an der breiten Öffentlichkeit ist Mannespflicht, die fein und
still ergänzende Mitarbeiterschaft an dem großen Werk, das wir treiben,
ist unsere Sache. Während die Männer das Kreuz in Deutschlands Gaue
tragen, sollen wir die heilige Schwelle der Heimat hüten, sollen die
Ewigkeitswerte schirmen, die unser irdisch Haus umschließt. Als Jesu
Jüngerinnen sollen wir seine Liebe in die ärmste Hütte tragen, die
eine köstliche Perle sollen wir unseren irrenden Schwestern bringen,
eine starke unzerreißbare Kette sollen wir schließen und uns den
unglücklichen Töchtern unserer Zeit entgegenstellen mit einem heiligen:
›Bis hierher und nicht weiter!‹ ~Die Arbeit der Frau ist die vorhin
schon erwähnte Familienmission.~ Wie wir sie treiben sollen? Durch
Wort und Tat und Wandel, durch unentwegte Treue zu dem Gekreuzigten,
durch das Vorbild der durch Gottes Geist geheiligten Persönlichkeit.
Es kann darum nicht stark genug unterstrichen werden, daß die Arbeit
am eigenen Herzen in erster Linie stehen muß, daß wir uns täglich mit
unserem Tun und Lassen unter Gottes Wort stellen. Das muß gerade im
Blick auf dies Werk unsere vornehmste Sorge sein, daß wir in Tat und
Wahrheit Christen sind. ~Es ist viel wichtiger, daß unter hundert
auch nur zehn Hausfrauen ihren Kindern treue betende Mütter, ihren
Dienstboten gerechte liebevolle und fürsorgende Herrinnen sind, als daß
eine große öffentliche Tagung glänzend verläuft.~ Wir können darum
die persönliche Herzensstellung zu Gott und unserem Heilande nicht
stark genug betonen. ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel
in rechter Richtung‹, sagt Drummond. Ich möchte hinzufügen: daß wir
immer mehr diese rechte Richtung gewinnen, ist unsere Lebensaufgabe.
Es gibt auch eine heilige Einseitigkeit, nämlich die, welche den Blick
unentwegt auf das Kreuz richtet!
Das schöne Dichterwort: ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so
frage nur bei edlen Frauen an‹, hat heute etwas von seinem guten Klang
verloren. Unsere Sache ist es, die Saiten wieder auf den alten hellen
Ton zu stimmen. Darum lassen Sie uns Sorge tragen, daß das Zeugnis des
Altmeisters in unserem Leben, unserem Christentum Wahrheit werde, darum
lassen Sie uns aber auch nie vergessen, daß nur ~die~ Frau im
vornehmsten höchsten Sinne weiß, was sich ziemt, die sich die Antwort
auf alle Fragen des Lebens unter dem Kreuz sucht.«
Sie schwieg.
Ehrerbietig stand der alte Schenker auf. »Ich danke untertänigst,
Exzellenz!«
Da erhob sich am anderen Ende des Tisches ein Großindustrieller, Herr
Wehrmann.
»Anknüpfend an das Drummondsche Wort, das Ew. Exzellenz eben
gebrauchten: ›Glaube ist eine Haltung der Seele, ein Spiegel in rechter
Richtung‹, möchte ich daran erinnern, wie schwer es heutzutage, wo das
Gold die Welt beherrscht, dem Kaufmann gemacht wird, sich die rechte
Haltung der Seele zu bewahren und auf das Leben zu übertragen. Denn
ein Christentum, das bloße Weltanschauung ist, und sich nicht durch
die Tat bewährt, ist kein wahres Christentum. Nur wer sich nicht vom
Geiste der Selbstsucht leiten läßt, wer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit
auch im Handel und Wandel durchsetzt, wer jene Fremdkörper, die unser
Volk vergiften, erkennt und rücksichtslos bei Namen nennt, verdient
den Namen eines ›Großindustriellen‹, eines wahrhaft ›königlichen
Kaufmannes‹. Ich kann Ihnen aber sagen, meine verehrten Anwesenden,
es kostet einen Kampf, im Erwerbsleben mit solchen Grundsätzen Ernst
zu machen, zumal für den jungen ungefestigten Menschen, dem das Neue
verlockend entgegentritt. Möchte es dem Bunde gelingen, auch in den
vielversuchten Kreisen der Welthandelspolitik dem Christentum immer
mehr Eingang zu verschaffen, daß der Glaube die Haltung der Seele
werde, daß er Handel und Wandel die rechte Richtung verleihe. Nur
die Krämerseele ist dem Golde dienstbar, der ›königliche Kaufmann‹
beherrscht die Schätze der Erde; denn für ihn gilt das Wort: ›Dein,
Herr, sind Silber und Gold!‹ Wer aber diesem Herrn dient, der regiert!«
»Bravo! Das sollte unser Vorsitzender werden!« klang es gedämpft
herüber und hinüber, während Herr Wehrmann sich setzte.
Oberleutnant von Roselius hatte sich erhoben.
»Darf ich mit ganz gehorsamsten Dank den Worten unserer hochverehrten
Exzellenz von Kambach, die wohl uns allen aus der Seele gesprochen
waren, die Bitte hinzufügen, daß die Arbeit der Frau die Theaterfrage
umschließt? Ich meine nicht die Frage als solche, sondern die Frage
weiblicher Fürsorge, den Theaterangestellten gegenüber. Sie ist sehr
schwer zu lösen, ich möchte heute darum nur bitten, sich derselben
später zu erinnern.«
Ein biederer Bäckermeister empfahl, den Kinos zu Leibe zu gehen. »An
diesem Gift geht Deutschland zugrunde,« schloß er seine kurze kernige
Ausführung.
»Gewiß,« bestätigte ein Arbeiter, der in Exzellenz von Kambachs
Garten Schnee geschaufelt, »die Kinos sind 'n Verderb, aber die
Schundliteratur is noch schlimmer. An das, was ich tagtäglich sehe und
höre, gewöhn' ich mir, und schließlich tut' ich ins selbe Horn. Das
is nich nur bei uns kleinen Leuten so, das is dieselbe Geschichte bei
Herrschaften. Hier nimmt mich ja keiner meine unverblümte Aussprache
übel, darum red' ich frei von der Leber weg!«
»Sehr richtig,« klang's dazwischen, und der Alte schloß ermuntert: »Das
Jux, was unsere Kinder da vorgesetzt kriegen, sollte man lieber gleich
in'n Müllkasten schütten!«
»Glauben Sie, daß die moderne Jugend sich ihr Futter nehmen läßt,« rief
ein Charlottenburger Kirchenältester, »die buddelt ihr Konfekt wieder
aus! Mit allen Hunden gehetzt ist die Gesellschaft! Aber das Ganze ist
daran schuld; wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!«
»Die Sittlichkeitsfrage ist überhaupt so weit verzweigt, daß sie später
zur Aufgabe eines besonderen Ausschusses gemacht werden sollte,« sagte
Graf Brelow. »Zu den Gefahren, welche die Herren Vorredner anführten,
gesellt sich noch manches andere. Abgesehen von der Unzucht an sich,
möchte ich heute nur auf einige Punkte aufmerksam machen. Es sind die
Schankwirtschaften, die Büchereien und die Sonntagsentheiligung.«
»Je mehr Einzelschäden wir zusammentragen, um so trüber gestaltet
sich das Gesamtbild,« meinte Exzellenz von Kambachs Hausarzt, der
weißhaarige Geheimrat Groner. »Aber wir wollen keine Vogelstraußpolitik
treiben, wir fordern die Wahrheit. Nur wer seinen Gegner kennt, kann
ihn recht bekämpfen. Und wir haben ihn erkannt: Wir wissen, daß der
riesenhafte Kampf, den Deutschland heute kämpft, der Kampf zwischen
Glauben und Unglauben ist, zwischen dem lebendigen Gott und dem toten
Götzen Mammon, -- mögen die Einzelschäden auftauchen, wo und wann sie
wollen, mögen sie heißen, wie sie wollen, ihre Fäden laufen zusammen
in der Abkehr von Gott, in der Feindschaft wider das Kreuz. Darum der
Sittenverfall im deutschen Land. Denn das Volk, das den Glauben an
einen persönlichen lebendigen Gott verwirft, muß von der Höhe seiner
Kultur in die Tiefe stürzen, ob es der Antike angehört oder sich als
Weltanschauung des modernen Heidentums monistisch zurechtstutzt. Daß
der Bund das offen bei Namen nennt, daß er das geringste Zugeständnis
nach links, daß er die sogenannte ›Gleichberechtigung der Richtungen‹
glatt ablehnt, wird ihm viele zu Gegnern machen, die einer gemäßigteren
Losung vielleicht gerne zugestimmt hätten. Aber lassen wir uns nicht
irremachen. Gerade in dieser Stellung liegt unsere Kraft. Denn
nicht nur unsere Ewigkeit gründet sich einzig und allein auf die
geoffenbarten Heilstatsachen, auf den Glauben an Jesum Christum, den
gekreuzigten und auferstandenen ewigen Sohn des lebendigen Gottes,
auch unseres Volkes Erdenglück und Zukunft stehen und fallen mit
seiner Stellungnahme zum Kreuz. Darum, -- wollen wir in Wahrheit
Deutschlands Helfer sein, so muß es heißen: ›Landgraf, werde hart!‹
Hart gegenüber jeder Falschmünzerei, wie sie auch heiße, hart gegenüber
dem Feinde, der unserem Volke die Grundlagen seines Christenglaubens
untergraben will. Und nicht nur heilige Abwehr gilt's, sondern, wie
uns vorhin so treffend gesagt wurde: Gegenmobilmachung, Angriff. Das
biblische Evangelium in das nationale und sittliche Volksleben, in das
kirchliche, in das Familien- und Einzelleben, hineinzutragen oder das
verlöschende neu zu entfachen, das ist die Aufgabe der Bekenner und
Bekennerinnen Jesu Christi.
Möchte jeder von uns an seinem Teil, von der Liebe regiert, vom Geiste
Gottes geleitet, dazu beitragen, diese gewaltige Aufgabe zu lösen!«
Oberstallmeister von Kambach ergriff das Wort.
»Mit herzlichem Dank für die mancherlei wertvolle Anregung möchte
ich noch auf eins hinweisen, das ich vorhin außer acht gelassen
habe, das aber auf unserm Programm nicht vergessen werden darf: der
Bund lehnt jede Parteipolitik grundsätzlich ab. Nicht, daß er sich
seines Einflusses auf die Politik als solche begeben will. Es ist ein
Irrtum, Religion und Politik zu scheiden. Politische Verhältnisse sind
nicht, -- wie viele glauben -- allein entscheidend für nationales
Glück oder Unglück. Sie sind Werkzeuge Gottes, die in seinen Händen
Zuchtruten oder Gnadenerweise werden, -- ganz gewiß! Aber der tiefste
Grund völkischer Reaktion liegt lediglich in der Stellungnahme zu dem
persönlichen Gott. Darum können und dürfen wir Christentum und Politik
nicht trennen. Nur Parteipolitik gehört nicht hierher.
Ich schließe mit einem Wort Spurgeons: ›Der Teufel hat nie ein größeres
Kunststück ausgeführt, als da er den gläubigen Christen weismachte, die
Religion gehöre nicht in die Politik. Ich wüßte kein Gebiet, wo sie
mehr hineingehörte!‹ -- Darum vorwärts in der Kraft des Kreuzes, im
Namen Gottes!«
»Bravo!!« klang's einstimmig von allen Seiten. »Sehr richtig!«
Der alte Bühler blickte auf die Uhr, nickte dem Oberstallmeister zu und
sagte: »Da wir die wirtschaftliche Frage morgen in einer Sondersitzung
behandeln wollen, darf ich vielleicht mit Rücksicht auf unsere gütige
Wirtin den Schluß der Sitzung beantragen. Nur noch eine Frage. Haben
wir eigentlich einen Direktor in Aussicht?«
»Bis jetzt noch nicht, Erlaucht. Meine Mutter und ich haben uns die
größte Mühe gegeben, aber die Persönlichkeit für diesen Posten ist
nicht so leicht zu finden. Ich wäre sehr dankbar für jeden Hinweis. Da
wir nicht eher an die Öffentlichkeit treten können, wäre eine baldige
Erledigung der Frage dringend erwünscht.«
»Nur keine Übereilung, Karl Heinrich,« sagte Frau Sabine. »Wir brauchen
eine Persönlichkeit aus einem Guß.«
»Sei unbesorgt, Mama. Einen, der für liberale Rutschpartien zu haben
ist, nehmen wir nicht.«
Sie lächelte. Das wußte sie wohl. Dafür stand ein Kambach an der
Spitze. Aber es gab viel zu bedenken bei dieser Wahl. Sie war ihr
längst ein heiliges Gebetsanliegen.
* * * * *
Die Sitzung war geschlossen. Es war still geworden im Hause. Die
müde Greisin bedurfte der Ruhe. Sibylle ging in ein Konzert. Der
Oberstallmeister wollte noch einen alten Freund aufsuchen.
»Hab' ich dir eigentlich schon erzählt, Mama, daß Pastor Wendler sehr
krank an einer Art gastrischem Fieber ist?« fragte er abschiednehmend.
»Die Aufregungen der letzten Zeit sollen daran schuld sein, vor allem
die Geschichte mit der Lehrerfrau. Daß er die Rede an Eberhards Sarg
nicht halten konnte, war ja klar, aber leicht war's nicht für mich,
als ich ein paar Tage danach von seiner Erkrankung erfuhr. Er hat sich
gleich nach Drachenburg ins Krankenhaus begeben. Zweimal war ich da,
wurde aber nicht vorgelassen. In den letzten Tagen habe ich nichts
gehört. Übermorgen will ich in Drachenburg einen Zug überschlagen und
noch einmal versuchen, ihn zu sehen.«
Sie hatte ihm aufmerksam zugehört.
»Ja, tu' das!« bat sie. Ihre ganze Seele lag in den Worten.
Er küßte ihre Hand.
»Versprich dir nicht zuviel davon, Mama!«
»Geh' nur, Karl Heinrich!« --
Und dann rüstete sie sich zur Nacht.
Beim Schein der Lampe saß sie, das weiße Haupt über die Bibel geneigt.
›Es war aber ein Jünger zu Damaskus, mit Namen Ananias. Zu dem sprach
der Herr im Gesicht: ›Ananias!‹ Und er sprach: ›Hier bin ich, Herr!‹
Der Herr sprach zu ihm: ›Stehe auf und gehe hin in die Gasse, die da
heißt die Richtige, und frage in dem Hause des Judas nach einem, namens
Saul, von Tarsus; denn siehe, er betet.‹
Von den Türmen riefen die Uhren. Die Greisin schloß das heilige Buch
und trat ans Fenster. Sterngefunkel grüßte die Erde.
Sie blickte empor.
›Denn siehe, er betet!‹ --
Ihre Seele breitete die Flügel und zog durch die schlafenden Lande,
höher, immer höher hinan. Wege, die nur der Glaube kennt, die nur der
Glaube geht.
Ein hoher Schein stand über dem Werk des vergangenen Tages, bis in
die Ewigkeit ihres Volkes hinein reichte die Arbeit, um die sich eine
kleine Schar deutscher Männer und Frauen zum erstenmal gesammelt.
Und Glaube war's, der in leuchtender Märznacht die Spule ergriff und
den Webstuhl umschritt, der mit feinen goldenen Fäden das Geschick
eines Starken mit seines Volkes Geschichte verknüpfte.
Zwölftes Kapitel.
Der alte Krückstock.
Es klingt ein Ton in den Garten hinaus:
Großmutters Krückstock wandert durchs Haus.
Großmutters Krückstock, verbraucht und alt --
Es naht die liebe gebeugte Gestalt.
Die alte Zeit tritt leise herein,
Erinnerung webt ihren Schleier fein.
Ein welkes Myrtenkränzlein erblüht,
Gelbveiglein duftet, der Thymian glüht.
Die Spindel schnurrt, das Märchen wird wach
Und huscht verstohlen durchs stille Gemach.
Zieht aber feiernd der Mond herauf,
Schlagen greise Hände die Bibel auf.
Dann spricht die Ahne das Nachtgebet --
Es scharrt der Krückstock -- ›Kind, -- es ist spät!‹
Frühlingszauber in der märkischen Heide! Singen und Klingen über
Sumpf und Sand, über dem stillen schwermütigen Lande mit seinen
verträumten Seen und sonnigen Hügeln! Lerchen jubelten in den Lüften,
Schwalbenschwänze und Feuerfalter gaukelten über bunten Ackerkräutern.
Und ein Surren und Summen ringsum in Gras und Farn, über junger Saat
und blühenden Sträuchern. Der ganze Zauber des märkischen Tieflandes,
dessen sanft gewellte Heidstrecken und leuchtende Fernblicke die arme
nordische Ebene so wunderlieblich schmückten, war vom Winterschlafe
erwacht und grüßte die Heimat. Und das junge Leben und Weben in Wald
und Wiese war schön, wie ein Stück Sonntagsfreude!
Hell und freundlich grüßte das Gutshaus, vom goldenen Schleier
knospender Linden umweht, herüber. Breit und behaglich lag's im Kranz
strohgedeckter Scheunen. Die Fenster blinkten in der Sonne, als
brennte das Haus, ein warmer Schein spielte um das alte Schieferdach.
Goldlack und allerhand altmodische Blumen dufteten hinter den weißen
Mullgardinen, eine Gartenbank aus dem vorigen Jahrhundert erzählte ein
Stück Familiengeschichte, und hochgemut grüßte der Hausspruch über dem
Eingang:
›Gott, wer zu dir sich stellet,
Hat sicher sich gestellt,
Wer sich zu dir gesellet,
Der hat sich gut gesellt!‹[4]
Das war der Witwensitz der Frauen von Kambach. Wie ein stiller Zeuge
ihrer starken stillen bodenständigen Art, ragte der schlichte Bau ins
märkische Land hinaus.
Hinter dem Hause, wo der Garten sich in Wiesen verlor, war alles
veilchenblau, und süßer Duft wehte über den Wegen. Weit hinaus schaute
das Auge. Wie ein feiner duftiger Aquarell lag die überschwemmte
Ebene im Sonnenglanz. Der Birken lichtgrüne Schleier wehten über
dem Moor, und das weiße Sumpfgras blühte. Weiterhin eine zerzauste
Kiefernkrone über sprossendem Schilf und blühendem Dorn, dahinter die
Ferne, duftig wie ein Hauch. Keine feste Linie mehr, -- ein Traum
von rosa Heidhügeln, von blauen Seen und lauschigen Wasserstraßen,
von efeuumsponnenen Domen, verwitterten Edelsitzen und verlassenen
Kirchhöfen, -- Fontanes tiefsinnige Poesie war erwacht und grüßte die
Heimat! -- --
Zwei Frauen saßen auf der Bank in der Sonne. Eine alte und eine junge.
Die Greisin blickte sinnend in die Weite, die andere schaute vor
sich nieder, als quäle sie des Lebens Alltäglichkeit. Ein unsäglich
schwermütiger Zug lag in dem schönen Antlitz der jungen Frau, die in
wenig Monden zum erstenmal Mutter werden sollte, ein abgrundtiefes
Leid. Und die Alte im weißen Haar fühlte: es war eine von den Lasten,
denen morgens der erste Gedanke gilt, die abends die letzte Träne
befeuchtet, die sich in der Stille der Mitternacht auf die Seele legen
wie ein Alp.
Das härteste aber war: dem jungen Weibe fehlte die Tragkraft. Es gibt
Frauen, die wie ein klarer rascher Bach ihre Stärke an des Lebens
Last erproben, die, je länger, je mehr, die Kunst des Tragens lernen,
deren Spannkraft unter ihrer Bürde wächst -- Ilse Bühler gehörte
nicht zu ihnen. Sie welkte unter ihrer Last dahin. Mühselig schleppte
sie sich von einem Tag zum anderen. Nur die Hoffnung hielt sie noch
aufrecht: ›Es ist ein Übergang! Wenn er sein Kind in den Armen hält,
wenn ich ihm wieder bin, was ich ihm einst in den ersten Tagen der
Ehe war: die jugendschöne, sonnige Frau, -- dann, dann wird's sein
wie einst!‹ -- Und sie vergaß über ihrer brennenden Weibessehnsucht,
wie tief sie sich selbst und den Mann, den sie liebte, mit diesem
Gedanken erniedrigte, wie sie, auf die innerste, seelische Gemeinschaft
verzichtend, das Allerheiligste der Ehe entweihte und veräußerlichte,
vergaß vor allem, daß diese Hoffnung ein Trugbild war, die angesichts
der Wirklichkeit in nichts zerrinnen mußte, -- vergaß, daß Wolf
Dietrich weniger Augenblicksmensch, als kalter berechnender Selbstling
war. Einem bösen schlimmen Wort aber, das er in schwerer Stunde zu ihr
gesprochen, glaubten Frauenliebe und Weibessehnsucht seinen schärfsten
Stachel nehmen zu dürfen, -- es war nicht so gemeint, er sprach's in
der Erregung! Aber es war so gemeint. Klar und deutlich hatte er's
ausgesprochen: ›Ich will keine Kinder, höchstens dies eine; wozu
habe ich eine schöne Frau? Dazu stehe ich nicht in einem eleganten
Regiment!‹ -- Wohl gab es Stunden, wo die wahre Erkenntnis in der Seele
der jungen Gräfin erwachte und sie zu erdrücken drohte. Aber bisher
war's ihr wieder und wieder gelungen, die Schatten, die ihr Glück
verdunkeln wollten, zu verscheuchen. Nur in letzter Zeit und besonders
in dem stillen Dreilinden, wo sie während Fräulein Eichel's kurzem
Urlaub der Großmutter Gesellschaft leistete, legten sich die Gedanken
wie ein Bann auf ihr Herz.
›Es sind Nerven,‹ sagte sie sich und schob sie beiseite.