»Wenn Malwine das ›elegant-mondän‹ nennt, so is sie eben so'n Schaf,
wie alle anderen,« sagte drinnen die alte Stimme in bestimmtem Ton.
»Elegant? Was elegant is, weiß der olle Schenker ganz genau -- Gräfin
Bühler is elegant -- das heißt die junge -- Gott bewahr' einen vor der
aufgedonnerten Mama, -- is ja gar keine Bühler, is 'ne Firlemontsche!«
Er lachte kurz in sich hinein. »Aber Gräfin Sibylle! Die sollten sie
man ordentlich ran kriegen zur Bundesarbeit. Schade, daß sie noch
so jung is! -- -- Ja -- und nu -- mondän! Eigentlich müßt' ick doch
wissen, was das heißt, schon damit ick drüber reden kann!«
Stille folgte. Ein paar Schritte.
»Hier war doch sonst 'n Fremdwörterbuch, oder so was in der
Fremdenstube!«
Die Tür des Bücherschrankes ging. Ab und an ein Geräusch, als zöge eine
unkundige Hand ein Buch aus dem Fach.
Dann wieder die alte Stimme: »+Mondain, m.+ (sp. mongdäng) ein weltlich
gesinnter Mensch! -- Na, das hab' ick doch von Anfang an geseit!
Das gehört also mit zu den ganzen Kram. Die Geburtenverhütung, die
Unsittlichkeit, die Frechheit gegen die Obrigkeit, die Verachtung
von Gottes Wort, das alles is verwandt mit die Gesellschaft, mit die
verrückte Kleidermode, mit die Edelsteine an den Stelzenabsätzen!
Is ja Glas, nix weiter, aber es soll was vorstellen! Wenn so'n
Frauenzimmer mal Kobolz aus der Straßenbahn schießt, -- daß du dich
nich unterstehst, und die etwa aufsammelst, Schenker! Wenigstens wasch
dir nachher die Hände, sonst denkt deine alte Exzellenz, du brauchst
Patschuli, und wärst hier in Berlin +mong-+, +mong-+, +mongdain+
geworden, elegant-+mongdain+!«
Ein helles Gelächter ließ den Alten aufschrecken. Auf der Schwelle
standen Mutter und Sohn.
»Nein, mein guter Schenker, das wird Ihre alte Exzellenz niemals von
Ihnen denken! Wir kennen uns!«
Schenker war einen Augenblick regelrecht verlegen. Das kam selten vor.
Aber wenn's vorkam, hatte es seinen guten Grund. Zu dumm, diese dünnen
Wände in der Großstadt! Na, nu war's geschehen! -- Vielleicht war's
seinem inwendigen Menschen nötig, daß er sich mal gründlich lächerlich
machte. Es war dasselbe, als wenn Mamsell in Kambach von dem dösigen
Hausmädchen sagte: ›Ab und an 'n tüchtiges Donnerwetter -- dann geht's
wieder 'ne Weile!‹ Vielleicht dachte der liebe Gott ähnlich über ihn.
Und aus dieser Empfindung heraus und mit der leisen Anwandlung eines
schlechten Gewissens wegen seiner unbarmherzigen Gesinnung gegenüber
der Berliner Halbweltsdame kämpfend, sagte er:
»Exzellenz, ick bin doch auch man bloß 'n sündiger Mensch! Wenn ick
dauernd mit die Gesellschaft verkehrte, dann weiß ick wahrhaftig nich,
was dabei herauskäme!«
Ein leichter Schritt klang im Nebenzimmer: Fräulein Eichel.
»Frau von Schink läßt fragen, ob es dabei bliebe, daß die Sitzung um
vier Uhr wäre, Exzellenz?«
»Punkt vier Uhr. Können wir schon Tee bekommen, liebe Eichel? Es wird
sonst zu spät!«
»Es ist alles fertig, Exzellenz!«
»Danke.« Sie nickte dem alten Diener freundlich zu. ›Um dich bin ich
nicht bange,‹ sagten die hellen Augen.