Ilse Bühler war nicht im landläufigen Sinne oberflächlich. Sie hätte
mit dem Manne, den sie liebte, hellen Auges trocknes Brot gegessen, und
gehörte nicht zu den jungen Frauen, die nur nach Tand und Vergnügen
fragen. Dafür hatten schon Elternhaus und Erziehung gesorgt. Aber
ihrem Wesen fehlte die Tiefe und darum die Kraft. Was ihr Vater
vorausgesehen, traf -- viel früher als er's erwartet -- ein: sie ging
an dem Wesen ihres Mannes zugrunde. Nicht stark genug, um dem Sturm
zu trotzen, ward ihr die gemeinsame Not zu schwer. Es kam hinzu, daß
ihr das tiefste religiöse Bedürfnis fehlte. So blieb ihr Leben arm und
leer, und die Zeit, die ihrer Seele zur Festigung hätte dienen können,
verstrich ungenützt. Sie verstand das Kreuz nicht, darum vermochte sie
nicht, es im Glauben zu umfassen.
»Wenn er sich nur ein einziges Mal auf das Kind gefreut hätte,« sagte
sie mit erstickter Stimme und wandte das Gesicht zur Seite.
Exzellenz von Kambach schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Sorgen
waren viel ernsterer Art als die ihrer Enkelin, welche glaubte,
die Entfremdung ihres Gatten allein in den augenblicklichen äußeren
Verhältnissen suchen zu sollen. Die Großmutter blickte tiefer.
Abgesehen davon, daß Roselius in den letzten Wochen öfter bei ihr
gewesen und eingehend mit ihr über den Kameraden, in dessen Hause
er seit seiner Verheiratung viel verkehrte, gesprochen, hatte sie
selber längst mit dem feinen Gefühl der reifen Frau bemerkt, daß
diese Ehe nie eine glückliche werden würde. Bühlers leichtlebiger
und leidenschaftlicher Charakter forderte sprühende Sinne. Die
zarte Hingabe seiner Frau mußte seinem Wesen auf die Dauer nicht
nur widersprechen, sondern die Gatten einander entfremden. Ilses
Vater hatte das alles vorausgesehen und sie gewarnt. Aber in ihrer
blinden Liebe zu dem schönen ritterlichen Manne hatte sie seine Worte
in den Wind geschlagen. Nun war das Unglück da. Was ihn in einem
kurzen Brautstand entzückt, was seinem eitlen Charakter vorübergehend
geschmeichelt, langweilte Bühler auf die Dauer. Er wußte selbst nicht
warum. Daß die Reinheit der Frau, die er an sich gebunden, seine Seele
immer wieder an empfindlicher Stelle traf, gestand er sich nicht ein.
Und doch war dies der tiefste letzte Grund, daß er sich immer mehr von
ihr zurückzog. Er hatte die Braut in seiner Art geliebt, d. h. seine
Leidenschaft hatte sich an ihrer Schönheit berauscht. Die Ehe, Ilses
schonungsbedürftiger Zustand, die Enttäuschung, mit seiner jungen
Gattin nicht bei Hofe glänzen zu können, der Gedanke, ›übers Jahr ist's
vielleicht nicht anders!‹ -- das alles reizte und verstimmte ihn. Und
nicht gewohnt, sich in Zucht zu nehmen, ließ er seine Launen an ihr aus
und ging seine eigenen Wege. Wohin die aber führten, ward der greisen
Exzellenz je länger, je mehr zur Gewißheit.
»Manchmal überkommt mich eine wahre Angst vor der Zukunft, Großmama,«
klang's leise und gepreßt an ihrer Seite. »Ich glaube, Wolf Dietrich
wäre entsetzt, wenn wir mehr als ein Kind bekämen ...«
»Mit dieser Möglichkeit wird er sich doch aber abfinden müssen.«
Einen Augenblick war's still. In die blassen Wangen der jungen Frau
stieg flammende Röte. Sie wandte sich ab. »Ich glaube nicht, daß er das
tut,« sagte sie mit zerdrückter Stimme.
»Ilse!« Die alte Dame legte die Hand schwer auf den Arm der jungen.
»Und -- und du?«
»Ich -- ich muß gehorchen!« klang tonlos die Antwort.
Wieder war's still.
Mit gefurchter Stirn blickte die Greisin in den Frühlingstag hinaus.
Ein abgrundtiefes Frauenleid lag vor ihr ausgebreitet, das Martyrium
des Weibes, dessen tiefstes Empfinden noch wurzelecht, dessen Sehnsucht
noch rein und natürlich ist. Und gerade sie, deren Seele ungefestigt
war, deren Charakter erst reifen sollte in der Schule des Lebens, die
in dieser Stunde nichts besaß, als die Sehnsucht, ihr Kindlein ans
Herz zu drücken, gerade sie mußte die Verachtung der Mutterschaft aufs
tiefste kränken.
Und dann klangen Worte neben ihr, die sie trotz allem, was sie in den
letzten Wochen erlebt, nicht für möglich gehalten, -- leise und scheu,
unter dem Druck tiefsten Leides: »Eigentlich -- wollte er's schon
diesmal nicht!«
Es ging über die Kraft der Sprecherin. Sie barg das Gesicht in den
Händen und schluchzte wie ein Kind.
Sprachlos saß Frau von Kambach da. In ihrer Seele lohte der Zorn. War's
menschenmöglich, daß das von einem Bühler gesagt wurde? Von einem
märkischen Edelmann? Einem Christen? Ach, das war ja die Ursache aller
Not -- er war kein Christ! Ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde
war dies Leid, das ihr besonders schwer auf die Seele fallen mußte.
Die Ursache des großen völkischen Niederganges umschloß das schwere
Einzelurteil: kein Christ! Und es wollte etwas in dem alten treuen
Herzen zerspringen bei dem Gedanken: ›Von oben nach unten! An dem
Kindermord in unserem Vaterland sind schuldig, die deines Blutes sind
-- wir, der deutsche Adel!‹
Wo wollt's hinaus? Stand die Welt auf dem Kopf, daß alles, was sonst
hoch und heilig gehalten ward, mit Füßen getreten wurde? Und in
tausend und abertausend Fällen, wie hier, aus dem leichtfertigsten
oberflächlichsten Grunde, -- um Frauenschönheit, um Spiel und Tanz,
um bequemes Leben! -- Diesmal hatten sich Mutterhände schützend über
die Wiege eines mit heißer Sehnsucht erwarteten Kindleins gebreitet,
-- übers Jahr würde es heißen: ›Ich muß gehorchen!‹ -- Aber wie oft
war's gerade das Weib, das sich seiner höchsten Würde in unfaßlicher
Leichtfertigkeit entäußerte und sich seines heiligsten Dienstes mit
der schamlosen Begründung weigerte: ›Ich will mir nicht die Saison
verderben!‹ So sprachen deutsche Frauen!
Der greisen Brandenburgerin war's oft ums Herz, als habe sie keine
Heimat mehr, als sei das Land, darin sie lebe, ein fremdes, mit neuen
Sitten, neuen Bräuchen und -- das war das Schwerste, Unerträglichste
-- neuem Glauben. Denn nie wär's so weit gekommen, hätte Deutschland
nicht seines Gottes vergessen! Aber der Abfall vom Kreuz konnte nur
Entsittlichung bringen, und der Geburtenrückgang war ihre erste Frucht.
Ein religiös sittlicher Schaden der Ruin eines ganzen Volkes! -- --
Ihre Gedanken kehrten zum eigenen zurück. Mit zitterndem Arm umschlang
sie die Enkelin.
Da legte Ilse Bühler den Kopf an die Schulter der Großmutter und weinte
sich satt.
Sanft strich Frau Sabine über das blonde Haar.
Was war in ein paar Monaten aus dem blühenden Mädchen geworden? Eine
müde überzarte Frau, deren Gesundheit schon jetzt Grund zu ernster
Sorge gab. Ihre Gedanken wanderten. Könnte sie Ilse, um ihr die
täglichen Aufregungen fern zu halten, wenigstens in den beiden nächsten
Monaten zu sich nehmen! Bühler kam in diesen Tagen, um seine Frau
wieder abzuholen. Sie wollte mit ihm sprechen. Aber Ilse sollte nichts
vorher erfahren.
Grundsätzlich war Frau von Kambach freilich gegen diesen Gedanken.
Aber so, wie die Dinge lagen, erkannte sie ihn beinahe als eine
Lebensforderung. Denn wer sollte sich in jener Zeit der jungen
Frau annehmen? Eine Mutter hatte sie nicht; Gräfin Bühlers für ein
Krankenzimmer vollständig ungeschulte Persönlichkeit hätte mehr
geschadet als genützt, auf andere Verwandte war nicht zu rechnen;
Sibylle war seit einigen Tagen Harros Braut, und sie selbst mit ihren
Altersbeschwerden, ihrem ungelenken Körper paßte nicht mehr in den
Rahmen einer jungen Häuslichkeit. Hier aber in der Stille des kleinen
Dreilindens, in Fräulein Eichels treuer Pflege war mehr Aussicht,
der zarten Frau in schweren Tagen zu helfen, als in Drachenburg oder
Kambach. Das wollte sie dem Enkel sagen und zugleich die Gelegenheit
benutzen, ihm noch einmal ins Gewissen zu reden. Ob viel dabei
herauskommen würde, war eine andere Frage, doch sie sagte sich: ›Dann
hast du wenigstens deine Pflicht als Großmutter erfüllt!‹
Aber während sie sinnend in die Weite blickte, erwachte ein Zweifel in
ihrer Seele: würde Ilse dieser Gedanke nicht verletzen, würde sie ihn
nicht zurückweisen? Sie sah auf die Enkelin nieder. Sie war ruhiger
geworden, aber der gesenkte Kopf mit der schweren blonden Flechtenkrone
lehnte noch immer an ihrer Schulter.
Schweigend hielt sie sie umfaßt.
Sie hatte ihr nichts Neues zu sagen. Den Rat, fest auf Gott zu
vertrauen, hatte sie ihr wieder und wieder gegeben, auch heute noch.
Ilse hatte auch versucht, sich an den treuen Worten der Großmutter
aufzurichten, aber ihre zarte empfindsame Natur war nicht stark genug,
um über irdische Not hinwegzublicken. Es kam hinzu, daß ihre Stimmung
von ihrem Befinden abhängig war, daß ihr nervöser Zustand sie Schein
und Sein nicht mehr unterscheiden ließ.
Trotzdem war Frau von Kambach überrascht, als sie, sich aufrichtend,
sagte: »Großmutter, ich hab' eine große Bitte an dich! Du wirst sie
vielleicht nicht verstehen und mich abweisen, wirst sagen: ›Die Frau
gehört in das Haus ihres Mannes!‹ Das tut sie auch. Aber, Großmutter,
-- ich -- ich kann nicht mehr, körperlich und seelisch nicht!! Wenn
ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen, aber jetzt in dieser
Verfassung dies Leben ertragen« -- sie brach, über die eigenen Worte
erschreckend, jäh ab.
Aber die Großmutter legte ihre schlanke feine Hand auf die der jungen
Offiziersfrau.
»Weiter, Ilse!«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sagte Ilse Bühler tief
errötend: »Großmama, laß mich hier bleiben, bis alles vorüber ist!«
Frau von Kambach antwortete nicht. Dieselben Wege, die sie in
fürsorgender Liebe gewandert war, ging eine andere in unüberwindlicher
Furcht.
Und das Warum stockte der alten Frau auf der Lippe. Aber dann machte
sie sich stark und sprach's dennoch aus.
Ilse strich das Goldhaar aus dem erhitzten Gesicht. »Warum?« Sie senkte
den Blick, und die Lippen zuckten. »Großmama, du weißt es doch, -- weil
-- weil's zu Hause unmöglich ist.« Und stockend kam's hinterdrein: »Ich
habe gestern schon mit Sibylle darüber gesprochen. Sie meint auch, es
gehe nicht. Und wenn sie es meint -- Wolf Dietrich ist doch ihr Bruder,
und auf Billy hört er noch am ersten.«
Schweigend hatte Exzellenz von Kambach zugehört. Die einfachen Worte
erzählten eine große Tragödie. Ungewollt -- unbewußt: ›Es geht nicht,
Billy sagt es auch!‹ -- Die Frau, die noch kein Jahr verheiratet war,
hatte keine stille Stätte im Hause ihres Mannes -- »wenn ich eine Weile
Ruhe hätte, würd's wieder gehen!« So mußte sie sprechen, um ihrer
selbst, um ihres Kindes willen. Ob sie die ganze Tragweite ihrer Worte
ahnte? Die Greisin, die wie wenige das Leben kannte, glaubte es nicht.
Aber, daß sie litt, war klar, daß eine Wunde blutete und blutete. Frau
von Kambach sagte sich: ›Wenn Gott nicht ein Wunder tut, wird sie nie
heilen, nie vernarben!‹
»Weiß Wolf Dietrich von dem Gedanken?« fragte sie.
»Nein, ich wollte dich erst fragen und dich bitten ...«
»Ich soll's ihm sagen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Kind, Kind,
ihr seid weit gekommen in den paar Monaten eurer Ehe! Nimmst du die
Sache nicht zu schwer, Ilse?«
Die junge Gräfin schwieg. Das letzte, tiefste, das sie kaum zu glauben
wagte, das je und dann wie ein Gespenst in ihrer Seele auftauchte und
wieder verschwand, das konnte und wollte, -- das durfte sie niemand
sagen. Auch der Großmutter nicht. Es war ja nur ein Schatten, der
auf ihren Weg fiel; woher er kam, was er bedeutete, wußte sie nicht,
wollt's auch nicht wissen, -- etwas Unwirkliches war und blieb es, dem
Gestalt und Leben fehlten. Herr Gott, -- ja -- sie fehlten! Vielleicht
war's das Beste! Aber warum stürmten die Gedanken immer wieder auf
sie ein? Fast erschien es ihr ein Verbrechen, einen Verrat, daß sie
ihnen Einlaß gewährt, daß sie immer wieder jener Stimme lauschte.
Die flüchtige Bemerkung einer älteren Dame, welche vor seiner Heirat
stark auf Graf Bühler für ihre Tochter gerechnet hatte und seiner
jungen Frau nicht gerade wohlgesinnt war, hatte den ersten heimlichen
Zweifel in Ilses Herz getragen. Eine Bemerkung wie hundert andere
war's gewesen, aber ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, daß sie
heimliches Gift barg. Wolf Dietrich Bühler war als eleganter Vortänzer
bekannt. Die Feststellung dieser Tatsache an sich hätte nicht zu
befremden brauchen. Aber der Ton, mit dem Frau von Kazarwsky über eine
Berliner Schauspielerin, mit der er auf einem Kostümfest den ersten
Walzer getanzt, sprach, ließ die Gräfin aufhorchen. Sie hatte es
sowieso schon empfunden, daß Wolf Dietrich sich in diesem Winter nicht
auf den Besuch der Hoffeste und Regimentsbälle beschränkte, sondern
zahllose Einladungen angenommen, die er hätte ablehnen können. Die
Abende, an denen er ihr Gesellschaft geleistet, konnte sie zählen, und
dann war er schlecht gelaunt gewesen, nervös, gelangweilt! --
Sie seufzte. »Großmamachen, du weißt ja, wie es bei uns aussieht,«
sagte sie traurig. »Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als
ich bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesen Zustand zu
ändern.«