Die Dämmerung wob ihre Schleier um das Frühlingsbild in der großen
Stadt, um ihre Gärten und Höfe.
In das trauliche Hinterzimmer blickte die feine goldene Mondsichel.
»Sünde ist's nicht?« klang's noch einmal hinter den Goldlackstauden,
aber diesmal kam's fragend von scheuen Mädchenlippen.
»Der ungläubige Mann ist geheiligt durch das Weib, schreibt Paulus den
Korinthern,« erwiderte Frau Sabine. »Das bleibt bestehen, leugnet aber
die Schwere der Frage nicht ab. Die Antwort muß die Liebe geben.«
Sie nahm den dunklen Mädchenkopf in beide Hände und sah tief in die
nachtschwarzen Augen.
Sibylle Bühler war blaß geworden, aber ihre Stimme war fest und klar,
als sie Harro von Kambachs Großmutter die Antwort gab. Es war die
größte, die ein Frauenherz geben kann: »Ich liebe ihn!«
* * * * *
Feierstille waltete. Auf dem jungen Haupt lagen segnend die alten Hände.
Der Frühlingswind stahl sich durchs offene Fenster und huschte über die
Saiten der Stradivariusgeige. -- --
Und durch die Dämmerung zog klingend und singend, leise wie ein Hauch,
-- ein Ton. -- --
Elftes Kapitel.
Um die Volksseele.
Sag' an, wo ist der streitbare Held,
Der stolz im Kampf deine Farbe trägt?
Der sein rotes Herzblut für dich verspritzt,
Der dir sein Leben zu Füßen legt?
Wem steht es geschrieben in Herz und Sinn,
Daß Heimatliebe im Himmel wohnt,
Daß sie im Glanze der Ewigkeit,
Über den goldenen Sternen thront?
Deutschland, ich wollte, ich wäre ein Mann, --
Bei Gott! Mein Schwert führt' ich ritterlich.
Und kämpfte als ein streitbarer Held
Um die Königskrone, -- um dich -- um dich!
Schenkersch Vadder war in Berlin, oder richtiger gesagt in der
Dorotheenstraße. Denn Berlin war ihm ein Greuel. Diese Überfülle auf
Straßen und Plätzen, dieser Lärm Tag und Nacht, dies Treiben und Hasten
entsprach nicht seinem gediegenen Kammerdienercharakter. Und vor allem
diese Gesellschaft! Gewiß, man traf auch aristokratische Einfachheit,
Menschen, die sich ins Privatleben zurückgezogen, Gestalten aus der
Hofgesellschaft, Landadel, -- aber das war eben nicht das eigentliche
Berlin, war nicht Berlin +W+! Was z. B. alles auf dem Potsdamer
Platz und in der Leipziger Straße herumlief, -- man hätt' es nicht für
möglich gehalten! Nun, ja, man kam eben vom Dorf, da gab es, Gott sei
Dank, so etwas noch nicht! Und in Kambach würd's auch niemals so weit
kommen! Frauen, wie er sie heute morgen bei der Ankunft auf dem Bahnhof
gesehen, hätten sich nicht auf der Dorfstraße blicken lassen dürfen, --
Kleider wie ein Futteral, -- er hatte heute morgen fortwährend auf den
Augenblick gewartet, wo eine Naht platzen würde, -- himmelhohe Absätze
mit ›Edelsteinen‹ besetzt, Patschuliduft, -- Schenker hatte von der
Köchin der alten Exzellenz erfahren, das nenne man ›elegant-mondän‹.
Das hieß jedenfalls soviel wie ›überelegant‹. Malvine wußte es nicht
genau, man konnte sich ja schließlich auch sein Teil denken. Die Männer
sahen dementsprechend aus. Schenker hatte nur immer den weißen Kopf
geschüttelt, -- »na, denn man zu, det kann ja noch nett werden!« Der
Alte war froh, als er glücklich in der Dorotheenstraße angelangt war.
Aber als Sibylle Bühler in ihrer vornehmen Schönheit vor ihm stand
und ihn freundlich begrüßte, konnt' er's nicht lassen, Vergleiche zu
ziehen. Warum gab es so etwas nur noch vereinzelt, eigentlich nur noch
auf alten märkischen Schlössern? Und während er Herrn von Kambachs
Koffer auspackte, dachte er über die Frauenfrage nach. Es war doch
eine heikle Sache! Gut, daß diese Weiber in Berlin wohnten und nicht
in Kambach, -- na, der olle Schenker war schließlich auch noch da, und
schlimmstenfalls gab's Reitpeitschen!
Und das großstädtische Straßenbild blieb in der Seele des Greises
haften. --
Vor zwanzig Jahren wäre das alles nicht möglich gewesen! Und doch
war's nur ein Ausschnitt aus dem großen Gesamtbilde. Ihn schauderte.
Immer gewisser ward's ihm: sein schönes heißgeliebtes Vaterland war
das reine Babel geworden. Vor einiger Zeit hatte er in Drachenburg
in einer christlichen Versammlung gehört, Paris sei nichts gegen die
Friedrichstraße. Damals hatte er sich über die übertriebene Äußerung
geärgert, -- heut glaubte er sie. Herrgott, wo sollte das hinführen?
Ging es so weiter, so verfaulte Deutschland bei lebendigem Leibe! Ein
Glück und Segen, daß man endlich anfing, die Scheuklappen abzulegen,
daß sich Männer und Frauen fanden, die auf die Pestbeule ihres Volkes
hinwiesen und erklärten: ›Da hapert's!‹ Hoffentlich war's noch nicht zu
spät!
»Ach was! Daß du das schändliche Sorgen nicht lassen kannst,
Schenkersch Vadder! -- Aber das viele Geld, das zur Gründung des Bundes
nötig is, und was sonst drum und dran bummelt! -- Schenker, wat du da
seist, is einfach Quatsch!! Du kennst genug Geschichten, wo Gott der
Herr sich einfach seine Leute rangekriegt hat, und wenn das nötige Geld
nich da war, hat er's ihnen geschenkt und dann wieder aus der Tasche
geholt für seine Sache! Also -- bitte!«
Und die treue Seele, die sich in den langen stillen Stunden im
Kambacher Gutshause angewöhnt, in allen Tonarten Selbstgespräche zu
führen, vergaß, daß die Wände in der Dorotheenstraße dünner waren, und
hielt ihrem alten Adam eine Moralpredigt nach allen Regeln der Kunst.
Aber nebenan saß ein dankbarer Zuhörer und freute sich, daß es noch
solch kernige Art im deutschen Vaterlande gab, deren engere Heimat
seine alte Mark war.
Leise erhob er sich und öffnete die Tür zum angrenzenden Zimmer. Dort
saß Exzellenz von Kambach rechnend am Schreibtisch.
»Bitte, Mamachen, komm einen Augenblick herein und hör' dir Schenkers
Selbstgespräch an! Es ist zu köstlich!«
Sie sah überrascht auf. Zum erstenmal, seit sein Kind zu Grabe getragen
war, hörte sie den alten fröhlichen Ton.
»Von dem können wir lernen! 's ist doch was Prachtvolles um die
märkische Art. Aber bitte, komm, sonst entgeht uns das Beste!« Der
Oberstallmeister bot seiner Mutter den Arm. »Daß er uns nur nicht hört,
der Kerl hat noch immer Ohren wie 'n Luchs!«