Da -- was war das? Er schreckte auf.
Eine Schneelast kam mit Donnergetöse das alte Giebeldach herunter. So
weit war er schon, daß ihn so etwas zusammenfahren ließ. Nerven. -- --
Unsinn! -- Er machte sich hart. Jetzt Schluß. So ging's nicht weiter.
Mannesstolz und Manneskraft erwachten, die Sehnsucht, mit dem Feinde
die Klingen zu kreuzen.
›So, wie du bist!‹
Herr Gott im Himmel, er wollt' es ja gar nicht glauben! Warum wurde
ihm denn fortwährend vorgeworfen, er könne es nicht? Er konnte es
wohl! Aber es wäre gegen seine Überzeugung gegangen. Nicht Eigensinn
oder Mangel an Einsicht oder gar theologische Ungebildetheit --
er wußte mehr wie mancher Positive -- hielten ihn zurück, sondern
lediglich die Tatsache, daß er eine veraltete Form nicht anerkennen
konnte und wollte. Denn wahres Christentum durfte nicht in dem Sinne
christozentrisch aufgefaßt werden, wie der Supranaturalismus es tat.
Entsprach das leuchtende, von oben verklärte, von Gott geweihte, von
seinem Hauch erfüllte, den Menschen beseligende befreiende Jesusbild
nicht tausendmal mehr der Wahrheit, als jene geheimnisvolle Vorstellung
des Offenbarungsglaubens? Ganz gewiß! Hier herrschte Freiheit, dort
Gebundenheit, hier Entwicklung, dort Formelwesen ohne Leben und Geist.
Und eine Einseitigkeit, die sich jedem Fortschritt verschloß, sammelte
sich zum Kreuzzug gegen die ›Irrlehre‹. Volk wider Volk! Darauf
kam's hinaus! Das war das Traurige. Die starre ablehnende Haltung
auf positiver Seite war daran schuld, die Weigerung, die angebotene
Bruderhand zu ergreifen.
Finster vor sich niederblickend, saß er da. Wenige Stunden noch und
der Augenblick kehrte wieder, wo er sich vor vierundzwanzig Stunden
am Sterbebett eines Kindes bankrott erklärt. Und heute? Das war eben
Überreiztheit der Nerven gewesen! Kein Wunder! Was war gestern alles
auf ihn eingestürmt! Jetzt, wo eine gewisse Entspannung eintrat, wo er
Welt und Dinge mit anderen Augen zu betrachten anfing, konnte er diese
Erklärung nicht aufrecht erhalten. Nein, nein, er war nicht bankrott,
er dachte nicht daran. Die Glaubensgewißheit der Positiven war nicht
größer, als die der Liberalen, -- zuletzt standen sie beide vor einer
verschlossenen Tür.
Oder nicht?
›Aber Sie müssen es wissen, Herr Pastor, -- so wie ich es weiß, daß
der Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten
brauche!‹ So hatte ein fünfzehnjähriger Konfirmand angesichts des Todes
gesprochen! -- --
Pastor Wendler seufzte.
›So -- wie -- du -- jetzt -- bist!‹? -- --
Er sprang auf, griff zu Hut und Wettermantel und trat in die Dämmerung
hinaus.
Der Tauschnee spritzte. Aus den Dachrinnen kam das Wasser in Bächen
herab. Es war ein Kunststück, aus dem Hause zu kommen.
Ziellos wanderte er die Dorfstraße entlang, in der Richtung nach dem
Gutshause zu. Er gestand sich's nicht ein, daß es ihn mit magnetischer
Kraft in den stillen Raum zog, wo der kleine Junker den letzten Schlaf
schlief. Und doch war's so.
Als er sich dem Park näherte, sah er einen Wagen vorfahren. Im hellen
Schein der Laterne erkannte er mehrere verschleierte Gestalten,
darunter eine auffallend große, vom Alter gebeugte Frau, Exzellenz von
Kambach. Ein Stich ging ihm durchs Herz, -- er kehrte um. -- --
Mitten im Dorf blieb er stehen. Was hatte er dieser Frau eigentlich
getan, daß er gewissermaßen die Flucht vor ihr ergriff?
›So -- wie -- du -- bist -- --‹
›Dann hat sich Jesus eben geirrt -- --‹
Und drüben lag ein junges blühendes Menschenleben auf der Bahre --
ihres Herzens Freude und Wonne.
Das Hämmern und Feilen begann von neuem.
›Das ist dein Werk -- --‹
›Unsinn -- Lungenentzündung -- --‹
›Und das andere -- das -- das!?‹
›Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden, Herr
Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind
nicht verführt werde!‹ Als sei es gestern gewesen, klang ihm die alte
zitternde Stimme im Ohr.
Und dann hörte er eine andere. Mühsam brachte sie die Worte heraus.
Dem todkranken Kinde gehörte sie an, das sich still zum Sterben
niedergelegt: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ Ein sieghaftes
königliches Wort, ein Bekenntnis heiliger Glaubensgewißheit, aber
auch ein rückhaltloser Hinweis auf die Ohnmacht und Armseligkeit
des Mannes, zu dessen Füßen dies Kind gesessen. Es war der Ertrag
seiner Konfirmandenstunde: die Zurechtweisung aus dem Munde eines
Fünfzehnjährigen: ›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- Die stolze
Erklärung angesichts des Todes: ›Sie haben mir nichts genommen!‹ --
Nichts gegeben -- nichts genommen! Wahrhaftig, eine reiche Ernte!
Trotz der christlichen Weihe des jesuzentrischen Liberalismus, trotz
seines reformatorischen Unterbaus, trotz des Hinweises auf den Vater im
Himmel, auf die ewige Heimat und des Zeugnisses von Jesu von Nazareth!
Trotz alledem! Er konnte diesen Mangel nicht leugnen.
Den Kopf gesenkt, wanderte er raschen Schrittes die Dorfstraße entlang.
Mancher der Vorübergehenden, der ihn trotz der Dunkelheit erkannte,
blieb stehen und schaute seinem Pfarrer verwundert nach. -- --
* * * * *
»Ja, sehen Sie, lieber Schenker, das ist eben die Gefahr an diesem
jesuzentrischen Liberalismus! Den Kern des Christentums, den Glauben
an Christi Kreuzestod und Auferstehen, den Frieden der Sündenvergebung
durch sein Blut löst er heraus und reicht uns die leere Schale!«
Schwer und wuchtig klangen die Worte durch die Nachtstille.
Wie angewurzelt stand der Pfarrer. Hatte sich alles gegen ihn
verschworen, waren die Geister der Mitternacht erwacht, ihn zu narren?
-- Spuk? -- Unsinn! -- Und doch! Was war das? Was bedeutete das? Mitten
in seine Grübeleien klang eine Antwort, die -- die --
Dicht vor ihm wanderten zwei Männer durch den Schnee. Daß er sie nicht
früher bemerkt hatte -- --
Der alte Schenker war's und ein Geistlicher aus Drachenburg, der im
Schloß verkehrte und mit dem Inspektor befreundet war. Wendler kannte
ihn wenig. Pastor Krug gehörte dem äußersten Flügel der positiven
Rechten an.
»Herr Pastor, was heißt das eigentlich: Jesuzentrischer Liberalismus?«
hörte Wendler jetzt Schenkersch Vadder fragen.
»Dem bibelgläubigen Christentum ist Christus der ewige Sohn des
lebendigen Gottes, der um unserer Sünde willen Gekreuzigte, und
um unserer Gerechtigkeit willen Auferweckte, der Wesensinhalt und
Mittelpunkt des Glaubens,« antwortete Pastor Krug. »Diese auf Tatsachen
der Schrift gegründete Glaubensstellung ist ~christozentrisch~.
Denn unser Heil steht und fällt mit Christo dem Gekreuzigten und
Auferstandenen, dem ewigen und lebendigen Sohne Gottes. -- Im Gegensatz
hierzu steht der jesuzentrische Liberalismus, der den Heiland wohl als
höchstbegnadeten Gottmenschen ansieht, aber immer doch nur als den
Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist. In der Person Jesu,
sagen die Liberalen, sei der Gottmensch am schärfsten herausgearbeitet,
in ihm spiegele sich die Gottheit am klarsten wieder. Darum nennen sie
ihn auch Gottes eingeborenen Sohn, d. h. den Träger göttlichen Lebens,
weil sein menschliches Leben allein auf Gott gerichtet gewesen sei. Und
doch kommt das alles auf Gottesleugnung heraus, auf die Leugnung der
Gottheit Christi. Wer aber den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater
nicht! Das wird auf jener Seite so oft vergessen. Ich kann mir nicht
helfen, es kommt mir immer vor, als fehle der Wille oder als sei ihm
eine falsche Richtung gegeben worden!«
»Ja, in Unordnung is da was, Herr Pastor! Ick versteh's auch nicht! Ick
weiß doch, daß ick einen Heiland brauch', wie werd' ick denn so dumm
sein und ihn nicht haben wollen!«
»Oder ihn mir nach meinem eigenen kleinen Verstande zurechtmachen,«
ergänzte Pastor Krug. »Als ob wir den Heiland der Liberalen gebrauchen
könnten! Gott versöhnen kann er uns nicht, weil er ein Mensch ist und
bleibt, und seine ganze Persönlichkeit der Vergangenheit angehört
und darum nicht ewig ist. Wenn Jesus auch auf liberaler Seite als
Helfer, Erretter und Heiland verehrt wird, so wissen wir darum doch
ganz genau, was wir von dieser Jesusverehrung zu halten haben. Zu der
Versöhnung durch sein Blut, zur Vergebung der Sünden bekennt sie sich
nicht, von Leben und Seligkeit kann sie im ewigen Sinne nichts wissen.
Diese Auffassung nennt man ~jesuzentrisch~. -- Habe ich mich klar
ausgedrückt, Herr Schenker?«
»Gewiß, Herr Pastor, ick danke Ihnen vielmals. Die Sache selbst
wußt' ick natürlich. Nur den Unterschied zwischen jesuzentrisch und
christozentrisch kannt' ick nich. Wo soll unsereins das auch her
wissen!«
»Sie sehen, warum die liberale Theologie keinen Boden unter den
Füßen hat,« fuhr der Geistliche fort. »Sie wurzelt letzten Endes,
wenn sie es auch nie zugeben wird, in dieser Erde. Daher ist sie
auch zum Teil an der Entsittlichung unseres Volkes schuld. Denn wo
keine Ewigkeitshoffnung ist, da ist auch keine Sittlichkeit. Das
ist die natürliche Folge. Man kann sich daher gar nicht über die
kirchlich-liberale Freundschaft mit den Monisten wundern!«
»Monisten?« Schenkers Weisheit war am Ende. »Die glauben gar nichts!?«
Pastor Krug lachte. »Sie behaupten, sehr viel zu glauben, aber wenn
man's bei Lichte besieht, kommt allerdings wenig dabei heraus. Sie
glauben jedenfalls an keinen persönlichen Gott.«
»Det sei ick doch!« platzte Schenker heraus. »Verzeihen Sie, Herr
Pastor, aber meine Frau und ick sprechen immer Platt, da geht's mich
dann wie eben!«
Der Geistliche nickte.
»Und dann wundert man sich noch, wenn solche Sachen vorkommen, wie
mit der armen jungen Lehrersfrau in Dambeck! Ick kann nur sagen, ick
würd' mir bei der ersten besten Gelegenheit, ja, sobald mir das Leben
irgendwie unbequem würde, eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ick
keine Ewigkeitshoffnung hätte, wenn ick nich wüßte: du bist um Christi
willen bei Gott in Gnaden!«
»Wann ist es denn geschehen?«
»Heute nachmittag hat sie sich erschossen. Kein Mensch weiß, wo sie die
Pistole herbekommen hat! Graf Brelow war vorhin im Schloß. Der Kutscher
hat mir die Geschichte erzählt. Gewundert hab' ick mir ja weiter nich.
Was die Frau für Zeug las, -- ach, du meine Güte! Warum unser Herr
Pastor ihr auch solche Bücher gegeben hat?«
»Wendler?«
Der Alte nickte.
»Was hat er ihr denn gegeben?« fragte der Geistliche. »Können Sie mir
nicht die Titel nennen?«
»Die hab' ick vergessen, Herr Pastor. In den Brief, den sie geschrieben
hat, stand das ja alles drin, aber ick hab's wahrhaftig wieder
vergessen. Da fällt mir ein, Herr Petzold soll von Volksbüchern
gesprochen haben. Es müssen aber doch wohl Bücher gewesen sein, die
unsereins, der die liberalen Schliche nich kennt, irreführen. Und dann
hat er auch noch zu Mirow gesagt, wenn er 'ne blasse Ahnung gehabt
hätte, daß seine Frau so was läse, so wäre er ganz gehörig dagegen
eingeschritten. Er hätte wohl gewußt, daß sie viel und gern gelesen
hätte, aber gegen die Bücher, die er bei ihr gesehen, hätte er nichts
einwenden können. Det hätte sie ihm verheimlicht, daß sie solche Sachen
im Hause gehabt hat. Es sei gar kein Wunder, daß es so gekommen sei.
Eine Frau wie seine Louise, die schon von Haus aus nich gerade fromm
gewesen sei, könne unmöglich, noch dazu in schwerer Zeit, durch solche
Bücher zum Glauben kommen. Sie erregten nur Zweifel. Ja, Herr Pastor,
wenn's so steht, hat er ja ganz recht! Is wahrhaftig kein Wunder, daß
die arme Seele sich schließlich ein Leid angetan hat!« Und der Alte
stampfte ingrimmig durch den Schnee. »Der hat schon mancherlei auf'n
Gewissen. Bei unsern jungen Herrn is doch auch die Aufregung von wegen
die Konfirmandenstunde mit schuld. Nee, Herr Pastor, allens was recht
is, -- aber, wat to dull is, dat is to dull!«
Einen Augenblick war's still, dann begann der Alte von neuem: »Was
der Dambecker Kutscher is, der hat mir vorhin, wie Herr Pastor mit
Herrn Grafen oben waren, die Petzoldsche Geschichte haarklein erzählt.
Sein Großvater hat schon in Brelowschen Diensten gestanden, er kennt
das ganze Dorf. Seine Enkel gehen bei Herrn Petzold in die Schule.
So is es gekommen, daß er öfter mit ihm gesprochen hat, und daß Herr
Petzold dem alten Mirow sein Herz ausschüttete. Der Frau war nichts
gut genug. In mein' ganzen langen Leben hab' ich noch keine so feine
Dorfschullehrerwohnung gesehen. Und dann die Kleider! Die Dambecker
Frau Gräfin ging nich so fein angezogen wie Frau Petzold! -- Und
die Leserei! Natürlich litt der Haushalt darunter; die Frau soll ja
nich von die Bücher wegzubringen gewesen sein. So is das Unglück
geschehen! -- -- Herr Pastor, wir Kambacher haben ja die Händler mit
ihren schmutzigen Mitteln immer wieder an die frische Luft gesetzt
und feste verhauen, -- ick hab' selbst dabei geholfen, und solange
meine alten Knochen ihre Schuldigkeit tun, soll der olle Schenker
nich dabei fehlen! In Dambeck scheinen sie nich so scharf vorgegangen
zu sein. Daher is die Geschichte da wohl so eingerissen. Im Falle
Petzold scheint die Sache so zu liegen. Er ist 'n fleißiger arbeitsamer
Mann, der seine Freude an seinen beiden Kindern hat und so was nie
mitmachen würde. Aber sie hat alles in Staat angelegt und sich nich
um Gottes Ordnung gekümmert. Kurz und gut, Herr Pastor, Frau Petzold
hat an ihren zwei Kindern genug gehabt. Und wie die Versuchung an sie
herangetreten is, da hat sie nicht widerstehen können. Der Mann hat
auch hiervon keine Ahnung gehabt. Wie die Frau dann kränker und kränker
geworden is, hat er Verdacht geschöpft. Aber sie hat nich mit der
Sprache herausgewollt. Erst in dem Brief, den sie vor ihrem Tode an ihn
geschrieben hat, is alles gesagt -- -- das Schreiben soll eine schwere
Selbstanklage enthalten, -- Herr Petzold hat es dem alten Mirow gezeigt
-- ihres Gottes habe sie vergessen, schreibt die Frau, ihre heiligsten
Pflichten habe sie versäumt. Schon als Mädchen habe sie allerlei
zusammengelesen, besonders eine Menge Bücher von einen sehr berühmten
Irrlehrer, -- ick hab' den Namen vergessen, mit 'n N fing er an ...«
»Nietzsche?« fragte der Geistliche.
»Is gerne möglich, Herr Pastor! Der alte Mirow wußte es selbst nich
mehr genau! -- Na, das is jedenfalls ganz was Schlimmes gewesen,
und Herr Pastor Wendler hat sie durch die Volksbücher davon heilen
wollen. Was dabei herausgekommen is, sehen wir ja! Er hat es gewiß
treu gemeint, aber was die liberale Lehre is, die hat nu mal keine
Kraft. Traurig! Die Frau hat geschrieben, ihr Unglaube habe sie arm
gemacht, so arm, daß sie nun, wo sie krank und siech sei, nich mehr
leben könne. Das Leben habe ja auch keinen Zweck; denn nach dem, was
Herr Pastor Wendler ihr gesagt, und was in den Büchern stehe, die er
ihr geliehen, könne es, wenn man's recht bedenke, keine Ewigkeit geben.
Es sei sonst ja alles recht schön und gut, was darin stehe, aber Trost
biete es nich, wenigstens nich, wenn man so schwer gefehlt habe, und
Ewigkeitshoffnung könne man erst recht nich daraus schöpfen! -- Dann
hat sie noch einen Brief an Pastor Wendler geschrieben ...«
Sie waren vor Schenkers Häuschen angelangt. Hinter blühenden
Geranienstöcken saß eine weißhaarige Frau bei der Lampe am Spinnrad.
Sie sah traurig aus. Das Leid drüben im Gutshause lastete auf der
treuen Seele.
Pastor Krug reichte dem alten Kammerdiener die Hand.
»Gott befohlen, Herr Schenker! Ein trauriges Wiedersehen heute!« Er
wandte sich um. »Was war das?«
Schenker drehte den Kopf.
Eine hohe Gestalt im Wettermantel enteilte im Nebel.
»Um Gotteswillen, das is ja unser Herr Pastor!«
»Der ist uns doch nicht begegnet,« meinte der Geistliche.
»Nein, nein, er is uns nich begegnet,« rief der Alte erregt. »Er muß
hinter uns hergegangen sein -- er hat alles gehört!«
»Vielleicht sollte er's hören,« sagte Pastor Krug und ging den Weg, den
er gekommen, dem Inspektorhause zu, wo sein Wagen wartete.
Eine halbe Stunde später war er auf dem Heimwege.
In den Tagelöhnerwohnungen war noch Licht. Heimlich glühte es hinter
den kleinen Scheiben, hinter dem Grün der Myrten und den roten Stauden
des ›fleißigen Lieschen‹. Nur die Pfarre lag dunkel und still unter der
schirmenden Krone der Sommerlinde.
Einen Augenblick war's ihm, als müsse er an die Tür des Mannes klopfen,
der da drinnen den schwersten Kampf seines Lebens kämpfte, aber dann
sagte er sich: ›Nein. In der Stunde, da Gott uns zerbricht, scheidet
das Menschliche aus. Auch menschliche Treue. Es gibt Kämpfe, die der
Mensch allein kämpft.‹ Und im Herzen das Gebet, daß der Wille eines
Starken sich dem Stärksten beuge, fuhr er durch die feiernde Heide
seiner abgeschiedenen Pfarre zu.
Sein Entschluß reute ihn nicht. Er wußte es aus eigener, tief
innerlicher Erfahrung: jenes heilige ›Ich will!‹ war das Größte,
Ureigenste, Persönlichste im Menschen! Es war der höchste Freiheitsakt,
den eine Seele vollzog, wenn sie erklärte: ›Ich will aus dem Staube,
will ans Licht, will zu dir, näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!‹
Eine Umwertung aller Werte barg diese Tat, und der oft mißdeutete
alte Spruch ward Ewigkeitswahrheit: ›Des Menschen Wille ist sein
Himmelreich!‹
Zehntes Kapitel.
Ein Ton.
Ich hab' eine Mutter und hab' sie nicht! --
An ihr Festgewand, an ihr schimmernd' Geschmeid
Denkt sie zu aller Stunde und Zeit;
An ihres Haares seidene Pracht,
An ihrer Augen leuchtende Nacht,
An die roten Rosen an ihrer Brust,
An Erdenliebe und Erdenlust,
An Glück und Liebe und Sonnenschein,
An tausend lachende Melodei'n,
An alles, was einst in Scherben bricht! --
Ob ihres Kindes verlassene Seele
Den Durst gestillt an lebendiger Quelle,
Danach fragt sie nicht!
Ein weicher linder Tag war's, einer von jenen neuen Frühlingsboten, die
alles versprechen und nichts halten. Um die Dächer flog der Tauwind,
sein Lenzlied singend, und der Tropfenfall unten auf den Steinen schlug
den Takt dazu. Aber in der südlich milden Luft lag's wie ein Traum von
Veilchenduft und Zentifolienblüte, wie eine große Sehnsucht nach der
bräutlichen Pracht weißer Narzissen. In den Blumenhallen standen sie in
dichten Sträußen, auf dem Potsdamer Platz, an den Straßenecken lockten
sie die Vorübergehenden. Schon küßte die Sonne drüben im Tiergarten
ihre Schwestern wach. Von jeher hatte sich der Frühling beeilt, nach
Berlin zu kommen. -- --
Aus den offenen Fenstern eines hellen Gartenzimmers in der
Dorotheenstraße klang eine Frauenstimme. Wie ein Trauerschleier lag's
über dem Liede, über dem weichen vollen Alt. Ein seltsames Lied
war's, auf einen einzigen Ton gestimmt. Aber die Klänge eines edlen
Instruments gaben dem wunderbaren Sang ihr vielstimmiges Geleit, wie
ein Kirchenchor der Stimme eines Engels. Es war das Lied des Meisters
Peter Cornelius aus seinem ergreifenden Werk ›Trauer und Trost‹: ein
Ton.
Zart wie ein Hauch schwebte es durch den stillen Raum in den lachenden
Vorfrühling hinaus, ein Allerseelenlied, von Tränen betaut, von
Ewigkeitshoffnung getragen:
›Mir klingt ein Ton so wunderbar,
In Herz und Sinnen immerdar.
Ist es der Hauch, der dir entschwebt,
Als einmal noch dein Mund gebebt?
Ist es des Glöckleins trüber Klang,
Der dir gefolgt den Weg entlang?
Mir klingt der Ton so voll und rein,
Als schlöß er deine Seele ein. --
Als stiegest liebend nieder du
Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹
Der letzte Ton war verklungen. Sinnend blickte ein dunkeläugiges
Mädchen auf die Noten. Die schlanken schmalen Hände ruhten auf den
Tasten.
›Als stiegest liebend nieder du
Und sängest meinen Schmerz in Ruh!‹[2]
flüsterte sie und ihre Augen schimmerten in Tränen.
Vor ihrer Seele stieg ein Bild auf: eine schlanke Knabengestalt mit
blauen Augen und blondem Haar, mit hellem Sinn und klarem Blick
-- der junge Adel, wie er leibte und lebte. Nun lag das blühende
hoffnungsvolle Menschenleben im Grabe. Wie ein Held war dies Kind den
letzten dunklen Weg gegangen, den Jubelpsalter der Weihnacht auf den
Lippen.
Wieder wurden die Töne unter dem Druck der Mädchenhände lebendig,
wieder klang die helle Stimme. Aber über diesem Liede lag kein
Schleier. Leise zwar, unter den Tränen frischen Schmerzes, aber dennoch
froh wie ein Kind im Schein der Christnacht sang Sibylle Bühler, alles
um sich her vergessend, das holde weihnachtliche Lied:
›Das ew'ge Licht geht da herein,
Gibt der Welt ein'n neuen Schein!
Es leucht't wohl mitten in der Nacht
Und uns des Lichtes Kinder macht, -- Kyrieleis!‹
Das Lieblingslied ihres kleinen frohen Kameraden war ja auch das ihre.
Wie oft hatten sie es zusammen gesungen!
›Und uns des Lichtes Kinder macht‹ --
zog es in den goldenen Mittag hinaus. Dann war es still in der hellen
Gartenstube der Dorotheenstraße.
Träumend saß Sibylle Bühler im Schein der Märzsonne. Sie hatte es
nicht bemerkt, daß sich leise die Tür öffnete, daß eine Frauengestalt
in Trauerkleidern, auf den Krückstock gestützt, von der Schwelle
herüberlauschte. Frau von Kambach war älter geworden in den letzten
Wochen. Der Tod des jungen hoffnungsvollen Enkels hatte sie schwer
getroffen. Die ersten Tage nach dem Begräbnis hatten Sibylle und
Fräulein Eichel sogar einen körperlichen Zusammenbruch befürchtet.
Aber der glaubensstarke Geist siegte über die Schwäche des Leibes.
Nur die körperliche Widerstandskraft ging der Greisin in jenen
Tagen verloren. Die Spannkraft des Geistes, die ihrem Wesen seine
wunderbare Frische gab, kehrte mit der Teilnahme am Leben und an
den Fragen des Tages zurück. Aber die geplante Bundessitzung hatte
doch hinausgeschoben werden müssen, auch aus Rücksicht auf Herrn von
Kambach, der an dem festgesetzten Tage nicht hatte kommen können.
Die Rechte fest auf den Krückstock gestützt, stand Frau Sabine da. Über
das welke Gesicht liefen die hellen Tränen. Leise schluchzte sie auf.
Sibylle wandte den Kopf. Ein heißes Erschrecken flog über ihre Züge.
»Exzellenz!«
Sie sprang auf und eilte auf die alte Dame zu.
»Verzeihung, Exzellenz!«
Sie neigte sich über die zitternde Hand und küßte sie. »Was hab' ich
getan, -- ich -- hatte ja keine Ahnung!«
Frau von Kambach sah das junge Mädchen groß an.
»Aber liebes Kind, was sollten Sie mir getan haben, ich wüßte es
wirklich nicht!«
Sibylle kämpfte mit den Tränen. »Ich hätte diese beiden Lieder nicht
singen sollen, Exzellenz!«
Die alte Dame schüttelte den Kopf.
»Das versteh' ich nicht, liebe Sibylle! Kommen Sie, wir wollen uns ans
Fenster setzen, die Sonne scheint so schön herein! Das Stehen wird mir
noch schwer!«
Sie legte den Arm in den ihres Gastes und ließ sich zu dem behaglichen
weißen Peddigrohrsessel am Fenster führen. Dort nahm sie Platz, Sibylle
aber setzte sich, wie sie es liebte, auf eine Fußbank und lehnte den
dunklen Kopf an die Knie der alten Frau.
Der Himmel blaute und der Goldlack duftete, die Sonne umspielte das
feine stimmungsvolle Bild mit ihren Lichtern.
»Ich hätt's nicht tun sollen,« sagte das Mädchen noch einmal und
schmiegte die rosige Wange an die alten Hände, -- »es war zu früh --
besonders das Lied vom ew'gen Licht,« sie stockte -- »Verzeihung,
Exzellenz!« Und sie hob das schöne erregte Gesicht zu der Greisin empor.
Freundlich strich Frau von Kambach über das duftige Haar. »Aber Billy,
glauben Sie wirklich, daß es mich traurig macht, dies Lied zu hören?
Die schönste Erinnerung an meinen lieben Jungen ist damit verknüpft.
Ich hatte Sie schon bitten wollen, es einmal zu singen, Sie haben mir
also einen Wunsch erfüllt!«
»Ich dachte, Exzellenz ...« sie zauderte.
»Was dachten Sie, Kind?«
Sibylle errötete.
»Ach -- ich mußte an Mama denken! Da hätt' ich's nicht gedurft! Als
Papa damals in Bühl starb, ließ er sich vom Kirchenchor ›Wenn ich
einmal soll scheiden‹ vorsingen. Ich fühlte es Mama an, daß es ihr
schrecklich war. Hinterher haben wir es nie mehr singen dürfen, und
es war doch Papas Lieblingslied. Ich glaube,« wieder stockte sie,
»Mama will nicht an den Tod erinnert sein. Aber das sag' ich nur Eurer
Exzellenz!«
Über ihre Züge huschte ein schmerzliches Lächeln, als wollte sie das
tiefste Vermissen verbergen, die große unerfüllte Sehnsucht: ›Ich hab'
eine Mutter -- und hab' sie nicht!‹
Und dann legte sie plötzlich den Kopf in den Schoß der alten Frau und
weinte bitterlich.
Die Greisin verstand dies Weinen. Wie ein lang zurückgehaltener Quell
durchbrach es alle Dämme und überflutete alle Hindernisse. Unaufhaltsam
trieb und drängte es empor aus der Enge innerer Gebundenheit zur
Freiheit, aus der Heimatlosigkeit in den Hafen.
Sibylle war ein Charakter, war trotz ihrer Jugend eine Persönlichkeit.
Denn sie besaß wahres Christentum. Am Sterbebette des Vaters hatte
sie zuerst seine Kraft erfahren und später, je länger je mehr erlebt,
daß das alte heilige Erbteil der Bühlers Leben und Seligkeit barg.
Unbewußt begann sie sich innerlich von der Mutter zu lösen. Schon das
tief angelegte gemütvolle Kind hatte, ohne sich darüber klar zu werden,
unter dieser Frau gelitten. Seine kleine Seele hatte gedarbt. Seinem
Leben hatte nicht nur wahre Mutterliebe gefehlt, sondern das Heiligste,
was Mutterliebe einem Kinde bringen kann: Religion. So kam es, daß
sich das heranwachsende Mädchen, ohne sich dessen bewußt zu werden,
immer mehr von der Frau entfernte, die von Weltlust und Vergnügen
lebte. Aber das Weib, zumal das junge werdende, bedarf in Lust und
Last des Lebens des Weibes. Die Liebe ihres Großvaters, dessen edle,
wahrhaft christliche Persönlichkeit von jeher einen starken Einfluß
auf sie ausgeübt, ersetzte Sibylle Bühler die Mutter nicht. Ganz davon
abgesehen, daß ihr stark ausgeprägtes Pflichtgefühl sie immer wieder zu
der oberflächlichen Frau zurücktrieb, sie immer aufs neue mahnte, ihr
die Seele zu erschließen und bei ihr zu suchen, was sie brauchte. Sie
mühte sich vergeblich. Gräfin Bühler hatte nichts zu vergeben. Aber die
Bande des Blutes waren zu stark. Ganz kam Sibylle innerlich von ihrer
Mutter nicht los. Immer wieder suchte sie die Ursache der Entfremdung
bei sich, immer wieder glaubte sie, sie bei sich zu finden. Das brachte
Zwiespalt und Unruhe in ihre Seele, das nahm ihr in vielen Fällen die
Klarheit des Urteils und verschob die feinen Grenzlinien von Pflicht
und Recht. Das brachte ihr die Gefahr sittlicher Begriffsverwirrung
im zartesten innerlichsten Sinne. Sie gab und gab, aber ihre Schätze
wurden nicht genommen. Das ließ sie irrewerden an weiblicher Eigenart,
an dem wahren Wesen der Frau. Und es erstarrte etwas in ihr, als
sie das, was jedem echten Weibe eigen, bei der Frau, die ihr das
Leben gegeben, nicht fand, als sie erkannte, daß ihrer Mutter die
Mütterlichkeit fehlte. Exzellenz von Kambach wußte dies alles, ohne daß
man es ihr gesagt. Sie fühlte, daß die Kluft zwischen den beiden Frauen
unüberbrückbar sei. Und ihre Liebe zu dem holden Geschöpf, das in den
letzten Wochen ihr stilles Leben mit seinem Frohsinn verschönt, wuchs.
»Es ist hier alles so anders als zu Hause,« klang es stockend zu ihr
empor, »so wie ich's lieb', Exzellenz, und wie ich's mir im stillen so
oft wünsche. Aber zu Hause wird es nie so sein. Mama ist ganz anders
erzogen. Sie ist eben eine Firlemont, das entschuldigt ja alles.
Wenn das ganze Leben bei uns nur einen Schmerz für mich bedeutete,
ein Entbehren, so wär's ja ganz selbstverständlich, daß ich es, ohne
ein Wort darüber zu verlieren, ertrüge; denn ich gehöre zu meiner
Mutter, aber -- aber,« und Sibylle Bühler quälte sich um den Ausdruck,
»es wirkt verflachend auf mich! -- Wenn ich in Bühl oder hier etwas
innerlich empfangen habe, das wertvoller ist, als all der Tand und
Schein, der uns umgibt, wenn ich reicher heimgekommen bin, als ich
fortging, -- ein paar Wochen, Exzellenz, und ich hab's verloren! Es
ist, als färbte die Umgebung auf mich ab!« Ein Beben ging durch den
schlanken Körper. »Alles leidet darunter,« fügte sie leise hinzu, »mein
ganzes Sein, mein Innenleben, mein Gebet ...«
Sie schwieg. Den Kopf an die Knie der Greisin gelehnt, weinte sie leise
vor sich hin.
Frau von Kambach wußte, das war noch nicht alles. Aber sie konnte
warten.
»Wegen der beiden Lieder,« sagte sie freundlich, »dürfen Sie sich
nicht grämen! Im Gegenteil, die möchte ich noch oft hören. Sehen Sie,
Kind, Ihre Mutter tut mir leid. Rasse, Erziehung, Veranlagung haben sie
zu dem gemacht, was sie ist. All der äußere Schimmer, der sie umgibt,
all die Unrast, die sie hierhin und dorthin treibt, ihr ganzes Wesen
ist für mich der Beweis dafür, daß sie mit heißer Sehnsucht etwas
sucht, aber -- auf falsche Art, an verkehrten Stellen. Sie ersehnt,
ohne es zu wissen, dasselbe wie wir, begnügt sich aber mit kümmerlichen
Ersatzmitteln, weil der Weg zu der einen köstlichen Perle ihr zu steil
ist.«
»Wenn Mama nicht fortwährend Unterhaltung hat, ist sie todunglücklich,«
sagte das junge Mädchen.
»Sehen Sie! Das ist es. Irgendwo muß der Mensch seinen Durst stillen.
Da sie aber die lebendige Quelle nicht kennt, läßt sie sich von tausend
Stimmen locken. Unser Leben muß aber auf ~einen~ Ton gestimmt
sein, gerad' wie das schöne Lied von Peter Cornelius, das Sie vorhin
sangen. Wenn dieser eine Ton hindurchgeht, dann gibt's keinen Mißklang
mehr, dann hat unser Leid seinen Stachel verloren und unsere Freude
ist verklärt. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie auch, warum ich das Lied
vom ewigen Licht so liebe! Nicht nur, weil es Eberhards Lieblingslied
war und ihn in der Sterbestunde erquickt hat, sondern weil seine
Ewigkeitswahrheit auch mein Sterben erhellen wird!«
Sie schwieg.
Kein Laut ging durch den stillen Raum. Nur ein verirrtes Bienchen, von
der Frühlingssonne wachgeküßt, summte über den Blumen. --
Die Greisin wartete noch immer. Sie wußte, auf der jungen Seele lastete
etwas, das sie nicht länger allein tragen konnte.
Harro Kambach war zum Luftschifferbataillon abkommandiert und kam,
seit er in Berlin war, fast jeden Tag in das Haus seiner Großmutter.
Die alte Dame wußte, wem diese Besuche galten. Sie zu hindern, lag
kein Anlaß vor. Aber manche Nacht lag sie wach und sann und sann, ob's
ein Glück sei, wenn die Wege der beiden Menschen sich einen würden.
Ihre Gedanken kamen nicht zum Abschluß. Was sie schon im Herbst
gefürchtet, als der Enkel sie gebeten, die Hände über seine Liebe zu
breiten, bestand noch heute. Dem Manne konnte diese Verbindung zum
Segen gereichen, kam's anders, so war nicht nur ein Frauenherz seines
Glückes beraubt, sondern auch das Allerheiligste der Ehe, die innerste
seelische Gemeinschaft zerstört. Und was dann? -- --
Noch eines kam hinzu. Sibylle war ihr nicht ganz klar. Sie hatte das
Gefühl, hier ringt eine Seele um die Antwort auf eine große heilige
Frage. Und diese Antwort blieb aus. Der greisen Frau ward's zur immer
stärkeren Gewißheit: entweder treibt die Glaubensfrage hier Mann und
Weib auseinander oder der Mann wird geheiligt durch das Weib. Aber
einer Sibylle Bühler gegenüber durfte der Einfluß der Frau nicht zu
stark betont werden und noch weniger die Möglichkeit seines Erfolges.
Ihr starker zielbewußter Geist würde Gefahr laufen, eigene Kraft und
eigenen Wert zu überschätzen. In dem Bewußtsein der Überlegenheit
würde ihr verloren gehen, was dem Weibe gehörte. Und das durfte nicht
sein! Der stille Wandel der Frau, der ungesucht und ungewollt einem
schwankenden Manne Führerdienste leistet, durfte nichts von seiner
Eigenart einbüßen. Damit wäre dem Manne nicht geholfen worden, die
Frau aber hätte sich selbst und ihre heiligste Mitgift verloren.
Und je länger die Lebenserfahrene die beiden Menschen beieinander
sah, um so mehr ward ihr Sibyllens Zurückhaltung erklärlich -- ein
unausgesprochenes Etwas im Wesen des Mannes ließ sie zaudern. Das
machte sie unsicher. Das legte ihr einen Bann aufs Herz. Darum saß sie
noch immer schweigend zu ihren Füßen, darum sprach sie nicht weiter.
Nur ihre Zurückhaltung verhinderte Harros Werbung, das wußte Sibylle so
gut wie Exzellenz von Kambach. Und eine las nach Frauenart in der Seele
der anderen -- -- --
Aber der Greisin ward das Schweigen schwer. In ihrem langen Leben war
ihr viel Vertrauen geschenkt, die schwersten Lasten waren ihr auf Herz
und Gewissen gelegt worden, nicht nur von Kindern und Enkeln. Und dies
junge schöne Geschöpf, das sonst mit allem zu ihr kam, schwieg. Doch
sie hatte ein feines Verständnis für dies Schweigen. Sie besaß nicht
nur Lebensklugheit und Menschenkenntnis, sondern Herzenstakt.
Geduldig wartete sie.
Doch Sibylle Bühler brachte das Bekenntnis ihrer Liebe nicht über die
Lippen.
›Sie hat eine Mutter und hat sie nicht!‹ zog es der alten Frau durch
die Seele, und sie ehrte den scheuen Stolz.
Nachdenklich blickte sie hinaus. In ihrer Seele erwachte die
Vergangenheit, die eigene Jugend mit ihrem Glück. Sie hatte es leichter
gehabt als Sibylle Bühler. --
Da klang wieder das heiße bitterliche Weinen zu ihr empor.
Sie neigte sich über das junge Mädchen. »Nun, Billy, ist's denn so
schwer zu sagen?«
»Ach, Exzellenz, ich -- ich weiß ja nicht, ob ich's sagen darf!«
Einen Augenblick war's still. Dann fragte Frau von Kambach mit weicher
Stimme: »Harro?«
Sibylle nickte.
»Ja,« sagte sie leise und schmiegte ihr heißes Gesicht an die schmalen
Frauenhände. Und dann kam eine Ruh' über sie, die sie nie gekannt. Sie
wußte, jetzt konnte sie alles sagen und fragen. An dies Herz konnte
sie getrost ihre Sorgen legen, aus diesen lieben Händen wollte sie den
Segen empfangen für ihren Weg in Glück und Leid. Ja, auch im Leid!
Und zagend kam sie von ihren Lippen, die bange schwere Frage nach dem
Glauben des geliebten Mannes.
Frau Sabine antwortete nicht sogleich. Vor ihrem Geiste stand das
ritterliche Bild ihres Enkels, und in ihrer Seele klangen seine Worte
wieder: ›Soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer
Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!‹
Sie wußte, dieser Schwur war ihm heilig. Ob das Leben mit seiner Lust
seine Sinne je und dann gefangen nahm, er war ihm heilig. Denn das,
was ihn bisher gehindert hatte, ein ganzer Mann und ein Christ zu
werden, war lediglich der Wille -- der angekränkelte verweichlichte,
seiner Kraft beraubte Wille, der den alten kategorischen Imperativ ›Du
sollst!‹ verneinte -- keine unedle Art, im Gegenteil, als ein rechter
Kambach besaß er ein Stück wahrhaftiger innerer Vornehmheit -- was
hier fehlte, war der Wille. Aber diese Tatsache sagte viel, alles.
Sie war der Maßstab für den ganzen Menschen. Trotzdem stieg im Herzen
der Großmutter immer wieder die Hoffnung auf, daß die gute alte Art
auch hier ihr Recht geltend machen werde. Und diese Hoffnung sprach
sie aus. Ohne das gegenwärtige Bild zu verschleiern. Ohne der Jungen
zu verhehlen, daß ihres Enkels Weltanschauung eine höchst moderne
sei, daß man von Religion wohl kaum bei ihm reden könne. Daß seine
Wagnerverehrung ihn vielmehr zu Schopenhauer und Nietzsche treibe.
Sibylle war sehr ernst bei ihren Worten geworden.
»Und trotzdem hoffen Exzellenz?«
»Ja, das tue ich. Er kann die gesunde Kambachsche Natur auf die Dauer
nicht ganz verleugnen, einmal muß sie zum Durchbruch kommen. Außerdem
nimmt unser Herrgott einen jeden von uns früher oder später in seine
Schule!«
Wieder war's still im Zimmer, nur die Biene flog summend von Kelch zu
Kelch.
»Und ich?« fragte das junge Mädchen.
Frau Sabine zögerte. Sie fühlte die Riesenverantwortung, die das Weib
dem Weibe auferlegte. Sie wußte, Sibylle würde sich an ihre Antwort
klammern, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, -- wußte, wie stark
ihr Einfluß gerade auf junge Menschen war, wußte, wie stark er hier
war, und hütete sich, ihn in einer Form geltend zu machen, die nur das
eigene Gewissen vorschreiben durfte.
»Sünde ist's nicht, wenn eine Frau einen Mann heiratet, der nicht
mit ihr auf einem Glaubensgrunde steht,« erwiderte sie. »Ob's leicht
ist, ob's glücklich macht, ist eine andere Frage. Jedenfalls ist's
ein Wagnis, welches viel Mut und Gottvertrauen fordert. Keinenfalls
aber soll die Frau ihrer Liebe die Kraft beimessen, den Unglauben des
Mannes zu überwinden. Das hieße die Rechnung ohne den Wirt machen.
Denn das ist kein Glaube, der einem anderen zuliebe seine Überzeugung
zu wechseln wähnt, -- das ist eingebildeter Glaube. Mann und Weib sind
keine Kinder, bei denen Autoritätsglaube den ersten Grund legt, sondern
reife Menschen. Wer aber plötzlich einem Weibe zuliebe seine ganz freie
Weltanschauung aufgibt und sich zu dem lebendigen Gott bekennt, darf
sich nicht wundern, wenn einem Zweifel an diesem Glauben aufsteigen. Er
ist zum mindesten eine überraschende Erscheinung. Ich für meine Person
habe in derartigen Fällen gewöhnlich die Erfahrung gemacht, daß solche
Männer überhaupt keine ordentlichen Männer waren!«
Sibylle hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten ihrer alten
Freundin gelauscht. Ein schelmisches Lächeln huschte über ihre Züge.
»Es ist aber auch ein Kunststück, in den Augen Eurer Exzellenz ein
ordentlicher Mann zu sein!«
Frau von Kambach lachte herzlich. »Ach wirklich, Billy? Desto besser!
Auf diesem Gebiet müssen hohe Anforderungen gestellt werden. Sind sie
denn aber soviel höher als die, welche ich an die Frau stelle?«
»Ja,« klang die ehrliche Antwort.
Die andere schüttelte den weißen Kopf. »Nein, Liebling, das ist ein
Irrtum. Vielleicht haben die letzten Wochen mit ihren Kirchen- und
Wahlkämpfen die Frage nach dem Manne in den Vordergrund gestellt und
Bilder entrollt, die einem die Schamröte ins Gesicht treiben, -- aber
meine Stellung zur Frauenfrage kann wohl kaum ernster sein, als sie
ist. Ich will ganz von den Frauen absehen, -- ob sie aus den höchsten
Kreisen stammen oder aus dem Volk, -- deren wir uns schämen müssen, --
die scheiden, wo es den Kampf um die höchsten Güter gilt, aus, -- aber
das wird sich keine von uns verhehlen, daß gerade ~die~ Frauen,
mit denen wir rechnen müssen, vielfach nicht auf dem Posten sind. Die
gebildeten christlich sein wollenden Frauen von heute sind oft von
einer Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit, wie sie nicht schlimmer
sein können. Und gerade die Frauen unserer Kreise sind es, -- es wird
einem himmelangst, wenn man sich sagen muß: das sind deutsche Gattinnen
und Mütter, das sind die, welche es werden wollen!«
Sibylle senkte den Kopf. »Verzeihung, Exzellenz, ich seh's ein, wieviel
ich noch lernen muß!« Sie küßte die Hand der Greisin. »Ich bin ja so
dankbar, daß ich hier sein darf!« Und dann kam's wie ein Angstruf von
den jungen Lippen: »Wenn ich nur nicht auch so werde!«
»Noch sind Sie es nicht, und die Anlage dazu haben Sie, soweit ich
es beurteilen kann, auch nicht, aber seien Sie auf der Hut, wir leben
~in~ der Welt!«
Sibylle nickte. »Ja, ich weiß, die Welt färbt ab! Wie oft hab' ich
das schon gemerkt!« Zögernd setzte sie hinzu: »Mama sagt mir das ja
nicht, die sieht nur darauf, daß ich gut angezogen bin und viel tanze.
Aber wenn Exzellenz es mir sagten, wenn ich mich ändern soll, -- wenn
Exzellenz wüßten, wie dankbar ich wäre, ich kann's nicht sagen, wie
sehr!«
Die alte Frau blickte still auf ihren Liebling. In ihren Augen glänzten
Tränen.
»Wollen Exzellenz es tun?« fragte die Junge.
»Ja,« klang die schlichte Antwort.