Kurt Wendler erklärte sich am Sterbelager eines Kindes bankrott. -- --

Ein leises Geräusch an der Tür ließ ihn aufblicken. Auf der Schwelle

stand eine hohe Gestalt im Pelz.

»Vater!« rief Eberhard Kambach und richtete sich auf -- dann flog sein

Blick von einem zum anderen, die blauen Augen baten für den Mann, den

er vor wenig Tagen in heißem Schmerz bei dem Vater verklagt.

Aber der Oberstallmeister trug den Kampf um sein Allerheiligstes nicht

an das Sterbelager seines Kindes. Er hatte genug gesehen.

Im Innersten erschüttert, aber äußerlich gefaßt, trat er an das Bett

seines Lieblings und strich ihm in wortlosem Schmerz über den dunklen

Kopf. Dann reichte er dem Geistlichen mit festem Druck die Hand. Eine

Sekunde lang sahen sich die beiden Männer in die Augen. -- --

* * * * *

Vom Kirchturm schlug es halb zwei, als Pastor Wendler von Haus zu Haus

wanderte und den Knabenchor weckte. Dann ging er zum Kantor.

Die hellen Tränen rannen dem treuen Manne über die Wangen, -- am

heiligen Abend hatte der Sohn seines Gutsherrn das alte Weihnachtslied

noch mitgesungen. Nun sollt's ihn auf der letzten Fahrt geleiten.

Abschiednehmend reichte er dem Pfarrer die Hand und schritt seiner

kleinen Sängerschar voran dem Schlosse zu.

Eine Viertelstunde mochte vergangen sein. Da klangen die Knabenstimmen

glockenhell zu den stillen Fenstern empor:

»Das ew'ge Licht geht da herein,

Gibt der Welt ein'n neuen Schein!

Es leucht't wohl mitten in der Nacht,

Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!

Das hat er alles uns getan,

Sein groß' Lieb' zu zeigen an;

Dess' freu' sich alle Christenheit

Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!«

Über die weiße Heide schwebten die letzten Akkorde, als wollten sie

eines Kindes Seele, die in mondheller Nacht die Flügel gebreitet,

hinübergeleiten ins ewige Licht. -- -- --

Dann kein Laut mehr.

Eine Sternschnuppe ging leuchtend nieder. Auf einem kurzen stillen

Erdenwege blieb ihr heller Schein liegen.

Neuntes Kapitel.

Bankrott.

Gottesleugnung ist eine Entgleisung des Willens!

Wille, der weiß, was er will, sucht und erkennt seinen Gott.

»So wie Sie sind, können Sie es nicht glauben!« Die stille verschneite

Nacht hatte die Worte, die der Mann aus dem Volke mit schlichter

Ehrlichkeit geredet, gehört und leise, leise nachgesprochen.

Der Tauwind trug sie auf weichen Flügeln die Dorfstraße entlang und

sang sie über einsamer Schwelle.

Die Mauern des alten Hauses hatten sie vernommen und gaben sie weiter.

Und eine unsichtbare heilige Hand schrieb sie im Sturmeswehen mit

eisernem Griffel an die Wände eines engen Kämmerleins.

Taghell ward's drinnen vom Schein der ewigen Lampe.

›So wie du bist, kannst du es nicht glauben!‹

Ein hartes unwiderrufliches Menetekel, eine Stimme, die kein Mensch zum

Schweigen brachte!

Männer und Frauen kamen vorüber und sahen die güldene Ampel, vom

Nachtwind bewegt, und fragten, was sie bedeute.

›Das ist das Gewissen!‹ erwiderte die Stimme. ›Auch in euren Seelen

brennt die ewige Lampe -- seid ihr blind geworden?‹

Aber sie zogen lachend weiter.

Nur einer lachte nicht. Der Mann drinnen, den das Wort anging. Er

trug es in die Stunden des Tages, in Leben und Arbeit. Auf seinen

Krankenbesuchen begleitete es ihn, die Augen der Sterbenden riefen es

ihm zu. Und tief im Grunde der Seele meißelten unsichtbare Hände, als

wollten sie mit Gewalt die steinernen Wände sprengen: ›So -- wie -- du

-- bist --, -- -- kannst du es nicht!‹

Arbeiteten drinnen Berserkerfäuste? Spalteten Giganten hart und

leidenschaftslos das Gestein? Er wußte es nicht. Aber das wußte er, daß

ihn die Unrast der Seele zerrieb.

Wieder war's Abend geworden. Er hatte gewartet, ob vom Herrenhause

nach ihm geschickt werde, aber es kam niemand. Morgens früh war ihm

der Todesfall gemeldet worden. Er war ins Schloß gegangen, hatte den

Gutsherrn aber nicht getroffen. Dann hatte er zu Hause vergeblich

gewartet. Ob man ihn nicht wollte? Vermutlich. Der Oberstallmeister

zog die Folgerungen aus seinem Christentum. Hätte er -- Kurt Wendler

-- in diesem Augenblick hungernd oder dürstend an seine Tür geklopft,

er hätte ihn gespeist und getränkt, aber das Wort vom Auferstehen und

Leben durfte der Irrlehrer nicht am Grabe seines Kindes sprechen.

Auf dem Gebiet der Liebe würde Karl Heinrich von Kambach, ob's noch

so schwer war, immer Zugeständnisse machen, auf dem Gebiet der

Glaubenstreue und des Bekenntnisses nie. Darin lag aber auch seine

Stärke. Und der Pfarrer nahm vor der rücksichtslosen und doch so

vornehmen Gegnerschaft im stillen den Hut ab. Es lag etwas in dieser

wurzelechten Treue, in dieser bodenständigen aufrechten wahrhaft

innerlichen Kraft, das größer war, edler, als der Adel des Blutes.

-- --

Wenn Schenker doch wenigstens einmal käme! Der war an allem schuld.

Der hatte ihn mit seinem übereilten Wort den Stock zwischen die Füße

geworfen! Ja, er!

Übereilt? Das war Schenker eigentlich nicht. Wenigstens vertrat er

immer, was er sagte. Und lag nicht eine gewisse Wahrheit in seinem Wort?

›So -- wie -- du -- bist -- kannst du es nicht glauben!‹

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 61 / 114 题