»So. Aber es sind Kinder.«
»Mag sein. Wir Großen kennen Sie aber auch, Herr Pastor! Kurzum -- es
wundert mich nich im geringsten, wenn Sie glauben, der Herr Christus
habe sich geirrt, wenn er sich für Gottes Sohn gehalten hätte, -- so,
wie Sie sind, können Sie es gar nich glauben, -- aber daß Sie so etwas
unsere Kinder lehren, -- das is stark, das is unerhört! Wie Sie's vor
Gott verantworten wollen, is Ihre Sache, aber das kann ick Ihnen sagen:
Ihre Kirche is nächsten Sonntag leer!«
Sie waren vor dem Gutshause angelangt.
»Ich will Ihnen in Anbetracht der Erregung, in der Sie sich naturgemäß
befinden, die Art und Weise, in der Sie zu mir gesprochen haben, nicht
nachtragen,« sagte der Geistliche. »Später, wenn Sie ruhiger geworden
sind, sprechen wir noch einmal darüber!«
Er trat ein.
»Ick wüßte nich, was Sie mir nachtragen sollten, Herr Pastor,« klang
die alte Stimme neben ihm. »Ick hab' die Wahrheit gesagt! Wenn die hart
war, is es nich meine Schuld!«
Wendler zuckte die Achseln. Das Herz war ihm zum Zerspringen schwer. --
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Oben in dem weiten, matt erhellten Raum lag Eberhard Kambach in hohem
Fieber in den Kissen. Als Pastor Wendler eintrat, flog ein Lächeln über
sein Gesicht, mühsam versuchte er sich aufzurichten.
»Eberhard!« Der Geistliche hielt die heiße Hand in der seinen. Er
wollte weitersprechen und konnte nicht.
Da klang's mit matter Stimme zu ihm empor: »Herr Pastor, ich hätt'
nicht so heftig werden dürfen neulich in der letzten Stunde! Das, was
ich sagte, kann ich nicht zurücknehmen, denn, denn -- es ist doch wahr,
daß der Herr Jesus Gottes Sohn ist!« Die großen Augen sahen flehend zu
ihm auf. »Was sollt' ich jetzt wohl anfangen, wenn er's nicht wäre, er
könnte ja nicht mein Erlöser sein.«
Sein Atem ging schwer. Eine Pause entstand.
»Aber mein Ton war ungehörig,« sagte er dann, »wollen Sie mir
verzeihen?«
Ermüdet lehnte er sich zurück.
Tief erschüttert stand Wendler da.
»Verzeihen Sie mir,« klang's ein zweites Mal aus den Kissen.
Er wandte sich ab. -- »Eberhard -- ich -- ich hab' dir nichts zu
verzeihen!«
In die blauen Augen trat ein helles Leuchten. »Herr Pastor, wissen
Sie's jetzt auch?« In atemloser Spannung hing der Blick des todkranken
Knaben an dem geliebten Antlitz.
»So wie du weiß ich's nicht, Eberhard!« Mühsam, als sei in der Seele
etwas in Scherben gebrochen, kam's von den Lippen des Mannes.
»Aber Sie müssen's wissen, Herr Pastor, so wie ich's weiß, daß der
Heiland dicht bei mir ist, und daß ich mich nicht zu fürchten brauche.«
Die fieberheißen Hände umklammerten Wendlers Rechte. Die Stimme ward
schwächer.
Er kniete neben dem Kranken nieder.
»Eberhard, vergib mir, daß ich jenes Wort sprach, ich hätt' es nicht
sprechen dürfen -- ich wußte -- ich nahm dir etwas!«
»Sie haben mir nichts genommen!«
Wieder war's still.
»Vergib mir,« bat der Pastor.
Das Rot auf dem jungen Gesicht ward noch einen Schein dunkler. Leise
drückte Eberhard Kambach die Hand seines Lehrers. Der verstand die
zarte Art dieses Vergebens und dankte es schweigend dem sterbenden
Kinde.
»Ob die anderen Jungens wohl einmal für mich aufstehen würden?« klang
es leise an sein Ohr. »Morgen früh ist's vielleicht zu spät! Ich möchte
so gern noch ein Lied hören.«
»Ich will's ihnen sagen!« Wendler erhob sich. »Was sollen sie denn
singen, Eberhard?«
»Das ew'ge Licht geht da herein ...«
Wieder jenes wunderbare Aufleuchten der blauen Augen.
Über die Züge des Mannes flog ein Staunen. War das der Tod? Woher kam
dem Jungen in der schwersten Stunde der selige Glaube an das Licht
der Weihnacht? Das Wort frommer Eltern allein konnte solchen Glaubens
Grund nicht sein, und hätt' er fürs Leben gereicht -- im Tode? Nein.
Autoritätsglaube war etwas Ehrfurchtgebietendes, -- Lebenskräfte barg
er nicht. Er war kein Glaube im tiefsten wirklichsten Sinne. Und
gewaltsam drängte es auf ihn ein: was hülf' dir dein Glaube, wenn du in
diesem Augenblick sterben solltest? würdest du im Glanz deines Sterns
still und unverzagt den letzten, dunklen Weg wandern?
Eine große rücksichtslose Ehrlichkeit kam über ihn. »Nein, tausendmal
nein,« rief er seiner Seele zu, seinen Sinnen, die sich selbst in
dieser Stunde noch mit Fleisch und Blut besprechen wollten, mit
Weltklugheit und Gelehrsamkeit, mit der Weisheit, die sich Theologia
nannte.