Er nahm die Lampe und ging hinaus. Als er die Diele überschritt, hörte
er draußen ein Geräusch auf den Stufen. Nervös wandte er sich um.
Da gellte auch schon die Nachtglocke durch das stille Haus.
Er öffnete.
Vor ihm stand in seinem großen Dienermantel der alte Schenker.
»Kommen Sie mit, so rasch Sie können, Herr Pastor! Der junge Herr liegt
schwer krank an Lungenentzündung und will Sie sprechen!«
Sehr kurz und bestimmt klang's. Ganz Schenkersche Art. Aber ein
gewisser Einschlag, den er sonst bei dem alten Manne noch nicht
vermißt, fehlte: die Ehrerbietung vor dem geistlichen Amt. Oder kam es
ihm nur so vor? In dieser Nacht war alles möglich.
»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?«
»Bitte, Herr Pastor! Ick erzähl's Ihnen unterwegens!«
Und Wendler fuhr in den Mantel, nahm den Schlapphut vom Nagel und ging
mit Schenkersch Vadder in die Nacht hinaus. Als die Haushälterin, durch
die Klingel geweckt, endlich zum Vorschein kam, fand sie ein paar
Schneeabdrücke auf den Fliesen und den Platz, wo des Pastors Hut und
Mantel hingen, leer.
»Es wird die Frau des Häuslers sein, die schon seit drei Tagen im
Sterben liegt,« murmelte sie vor sich hin. Und das flackernde Licht in
der Rechten, wanderte sie müden Schrittes den Weg, den sie gekommen,
über die alte knarrende Treppe zurück. -- --
* * * * *
»Also Lungenentzündung?«
»Ja, Herr Pastor. Herr Sanitätsrat Elsasser schüttelte gleich das
erstemal, als er kam, den Kopf. Wir mußten sofort nach Berlin drahten.
Herr Oberstallmeister wird mit dem Nachtzug erwartet. Als Herr
Sanitätsrat vor einer halben Stunde noch Herrn Doktor Kruse mitbrachte,
erklärten beide, es sei keine Hoffnung. Die Krankheit habe gleich
zu heftig eingesetzt, gegen eine so schwere Lungenentzündung sei
menschliche Kunst machtlos.«
Hart und scharf klang Franz Schenkers Stimme.
»Wie das Unglück geschehen is?« Er zuckte die Achseln. »In den
Tagen, wo der junge Herr allein war, is nichts vorgefallen! Mamsell
achtet auf ihn, als wär's 'n Prinz, und ick hab' auch meine Pflicht
und Schuldigkeit getan. Der Gedanke wird dem gnädigen Herrn gar
nich kommen, daß in den Tagen etwas versäumt worden is, das is
ausgeschlossen, gänzlich ausgeschlossen!« Die weiße Kammerdienerweste
strahlte.
»Ja, aber, was ist denn geschehen?«
Wieder jenes schweigende Achselzucken, jenes bedeutsame Wiegen des
weißen Kopfes.
»Mein Gott, so reden Sie doch!«
»Ja, Herr Pastor, wenn ick offen und ehrlich meine Meinung sagen soll,
und anders tu' ick's nich, -- das ganze Dorf weiß es, daß Schenkersch
olle Vadder es nich anders tut -- dann kann ick nur sagen: das war
vorige Woche nach die Konfirmandenstunde! Erst die furchtbare Aufregung
-- ick hab' das Kind ja in meinen ganzen Leben nich so gesehen, --
und dann is der junge Herr nachmittags bei den scharfen Ostwind noch
Schlittschuh gelaufen. Da is das Unglück geschehen! Erst die Aufregung,
und dann hinaus in den schneidenden Wind -- kein Wunder, Herr Pastor!«
Schweigend ging Wendler neben dem Alten her.
»Ick hab' das ja längst kommen sehen,« brummte Schenker vor sich hin.
»Was haben Sie kommen sehen?«
Schenker stellte sich trotz der bisherigen Eile mitten auf die
Dorfstraße hin. Das bedeutete eine längere Rede mit erhobener Stimme.
Denn das Schenkersche Organ war auf die Vorgänge des Lebens abgestimmt.
Je wichtiger die Sache, desto durchdringender die Stimme. Es kam vor,
daß Schenker einem guten Freunde mitten auf der Dorfstraße unter dem
Siegel der Verschwiegenheit die tiefsten Geheimnisse ins Ohr brüllte,
daß er sich vierundzwanzig Stunden später sehr wunderte, daß diese
Geheimnisse ihren Weg durch alle Spinnstuben genommen und schließlich
in der Herrenküche bei Mamsell angelangt waren, daß Mamsell sich den
Alten vornahm und wegen seiner Redseligkeit gehörig herunterputzte, das
alles konnte vorkommen und immer wieder vorkommen, und trotzdem blieb
es beim alten.
Pastor Wendler war schon mehr als ein Schenkersches Geheimnis auf der
Kambacher Dorfstraße anvertraut worden. Doch in dieser Nacht hatte er
eine entschiedene Abneigung gegen alles Vertrauliche.
»Kommen Sie,« sagte er, »es ist gleich halb eins.«
Aber Schenker blieb stehen.
»Da Sie 's einmal durchaus wissen wollen, wo sich unser junger Herr
die Lungenentzündung geholt hat, will ick's Ihnen nich verhehlen: in
~Ihre~ Konfirmandenstunde! Mehr brauch' ick wohl nich zu sagen!
Inspektors haben mir die Geschichte erzählt, die wissen alles von ihren
Wilhelm!«
Er stampfte weiter durch den Schnee.
Jetzt blieb der Pastor stehen.
»Und Sie glauben die Geschichte wirklich so, wie die dummen Jungens sie
erzählen, Herr Schenker? Warum ist denn keiner zu mir gekommen und hat
mich gefragt, wie die Sache sich verhält?«