Es mußte etwas Sonderliches sein, das dem Manne drinnen die Ruhe nahm.
Abend für Abend konnte man Pastor Wendler, über seine Bücher gebeugt,
am Schreibtisch sitzen sehen, ohne seine Stellung im geringsten zu
verändern, -- was trieb ihn heut in dem engen Raum hin und her?
In den letzten Tagen waren allerhand Gerüchte über ihn verbreitet
worden, -- der Gutsherr habe sich mit ihm überworfen, er verließe
Kambach und dergleichen mehr. Dann hieß es wieder, an dem allen sei
kein wahres Wort.
Der rastlose Wanderer drinnen wußte nicht, was über ihn geredet
wurde, und wollt's auch nicht wissen. Menschen, die durch den Sturm
schreiten, fragen nicht nach fallendem Laube und welkenden Blüten. Sie
brauchen ihre ganze Kraft, ihren ganzen Willen im Kampfe gegen die
Naturgewalten. Das Kleine wird ihnen klein, das Große groß. Achtlos
zertreten sie den Halm am Wege, erst wenn die greisen Schildträger
verklungener Zeiten, vom Sturm gefällt, zur Rechten und Linken
niederbrechen, wenn Bergbachgebraus und Föhrenrauschen verstummen und
das große Schweigen die Toten ehrt, dann, erst dann verhalten sie den
eilenden Schritt, und das Auge fragt, was der Mund verschweigt: ›Wann
kommt die Reihe an mich?‹ Doch die Antwort bleibt aus; denn die Nacht
ist noch nicht vorüber.
Sie stürmen weiter. Mit fiebernden Sinnen, mit keuchender Brust, in
den Adern die Siedeglut des Willens zur Macht, zum Leben. Aber an ihrem
hörnernen Kleide haftet ein Verhängnis. Trifft der Wurfspeer des Todes
die Schulter, ist er Sieger. -- -- --
An der Bahre der Waldwächter erbeben die Sinne; ein heimlicher Sprung,
fein wie Glasgespinst, geht durch die Seele, ein leiser Schmerzenslaut
verweht -- regte der Wind zerrissene Saiten? -- --
Kurt Wendler war des Wanderns müde geworden und hatte sich an seinen
Schreibtisch gesetzt. Ein tiefer Schmerz lagerte auf seiner Stirn, eine
Unrast beherrschte sein Wesen, die vergeblich nach einem Ausweg suchte.
Vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel, aber er blickte darüber hinweg
auf das Bild eines hübschen, etwa sechzehnjährigen Knaben. Ein echtes
rechtes Jungensbild war's, voll Natürlichkeit und Frische: Eberhard
Kambach. Wie die großen nachdenklichen Kinderaugen ihn vorwurfsvoll
anschauten! Noch niemals war er diesem Ausdruck begegnet -- oder doch?
Herrgott -- ja -- einmal vor drei Tagen, in der Konfirmandenstunde. Da
hatten diese Augen ihn angeschaut, als ob er dem Kinde etwas geraubt
hätte, etwas, das ihm heiliger war, als alles andere auf Erden, als
Vater- und Mutterliebe, als der kleine fröhliche Kamerad, an den
er sein Herz gehängt. Zum erstenmal hatten sie den Lehrer zornig
angeblitzt, als wollten sie ihm zurufen: ›Glaub', was du willst! Ich
glaub', was Vater und Mutter glauben, die wissen's ganz genau, wie's
in der Bibel steht! Ich laß mir nichts wegnehmen!‹ Aber er hatte die
stumme Mahnung unbeachtet gelassen, der Trotz war über ihn gekommen. Er
hatte es bisher mit dem Worte gehalten:
›Das Beste, was du wissen mußt,
Darfst du den Buben doch nicht sagen!‹
Nun sollten sie's wissen, selbst auf die Gefahr hin, daß es ihn Amt
und Brot kostete. Nichts Halbes wollte er ihnen mehr bringen, nichts
Veraltetes, Versteinertes, sondern Leben, Entwicklung, Wirklichkeit!
Vor allem fort mit dem alten orthodoxen Gottesbegriff, mit der
Christusgestalt des Supranaturalismus, dieser Unmöglichkeit aller
Unmöglichkeiten!
Und dann war jene Szene gekommen. Die bloße Erinnerung daran trieb ihm
das Blut zum Herzen. Seine Behauptung, Christus habe sich an keiner
Stelle in der ganzen Bibel zu seiner ewigen Gottessohnschaft bekannt,
war gefallen. Der kleine Inspektorssohn hatte auf das eidliche Zeugnis
vor Kaiphas hingewiesen. Achtzig helle fragende Kinderaugen blickten
erwartungsvoll zu ihm auf.
»Dann hat Jesus sich eben geirrt!« Ja, so hatte er gesprochen. Es war
ihm selbst eigen ums Herz gewesen, als er die Worte, die ein Jatho
in öffentlicher Versammlung geredet, an dieser Stelle wiederholte.
Die Kambacher Dorfbuben waren wahrhaftig die letzten, die für diese
feine Philosophie reif waren. Doch das machte nichts. Borsdorfer Äpfel
reiften auch nicht an einem Tage.
Dann war's gekommen, was ihm an der Seele nagte.
Dicht unter dem Lehrstuhl klang ein heißes bitterliches Schluchzen,
ein Schluchzen aus allen Quellen der Seele. Der stille vornehme Knabe
sprang auf und rief in leidenschaftlichem Schmerz dem Lehrer zu: »Das
ist nicht wahr, Herr Pastor!« Damit stürzte er hinaus.
Keiner hielt ihn zurück. Wie ein Bann lag's auf der kleinen Schar.
Es blieb Pastor Wendler nichts anderes übrig, als die
Konfirmandenstunde zu schließen.
Das war vor wenigen Tagen gewesen.
Eine Stunde nach dem Vorfall war Herr von Kambach im Pastorat. Kurz
und bündig, wie es seine Art war, erklärte er Wendler, daß sein Sohn
seine Konfirmandenstunden von nun an nicht mehr besuchen werde. In der
Gesamtfrage werde er als Patron entscheiden. Nur so viel wolle er ihm,
um jedes Mißverständnis auszuschließen, schon heute sagen, daß für sie
beide nebeneinander kein Raum in der Kambacher Kirche mehr sei. Das war
deutsch gesprochen.
Aber eines berührte der Gutsherr mit keinem Wort: die Ungezogenheit
Eberhards in Gegenwart der Klasse. Pastor Wendler wies darauf hin.
Das Antlitz des Kambachers ward hart wie Stahl. »Dafür soll ich den
Jungen schelten? Zum Kuckuck, Herr Pastor, ist bei mir 'ne Schraube los
oder bei Ihnen? -- Wenn in einer Versammlung eine Majestätsbeleidigung
ausgesprochen wird, so erklärt man -- vorausgesetzt, daß die
Herrschaften nicht schon samt und sonders als Sozialdemokraten bekannt
sind, -- den Betreffenden für einen Lumpen und befördert ihn an die
frische Luft. Sie haben die allerhöchste Majestät vor unmündigen
Kindern beleidigt, und man hat Sie hübsch auf Ihrem Lehrstuhl gelassen.
Von Rechts wegen hätten Sie ihn räumen müssen. Tatsache ist, daß das
nicht geschehen ist. Und nun verlangen Sie noch obendrein, daß Ihre
Konfirmanden, die doch schließlich keine Wickelkinder mehr sind, Amen
sagen, wenn Sie erklären, Christus sei nicht Gottes Sohn!«
»Natürlich ist er Gottes Sohn, aber nicht in dem Sinne wie ..«
»Ja, ja, ich weiß schon, ›die reinste Menschenblüte, von Gottes Sonne
geküßt‹, -- ›höchste Vergöttlichung, unmittelbarste Vermittlung
transzendenter Werte‹ -- ich danke für die liberalen Kamellen,
Verehrtester! Ihren zurechtgestutzten Heiland kann unsereins im Leben
nicht gebrauchen, und im Sterben erst recht nicht! Ihr Streben und
Forschen in allen Ehren, -- aber wir Positiven forschen auch, --
glauben Sie ja nicht, daß wir so in den Tag hineinleben, -- denkt
nicht dran, wir vergessen nur nicht, wo unser kleiner armseliger
Menschenverstand ein Ende hat, und bekrittelten nicht das Wunder der
Wunder, die Person unseres Herrn. Das aber tun Sie! Und nun setzen
Sie Ihrem Tun die Krone auf und tragen das Gift durch Predigt und
Konfirmandenstunde ins Volk und verwahren sich dann noch dagegen,
wenn ein armes Kind, dem Sie seinen Heiland nehmen wollen, Ihnen die
Wahrheit ins Gesicht sagt.«
»Es hätte nicht in dieser Form geschehen dürfen!«
»Zum Donnerwetter! Form hin, Form her!« Er schlug auf den Tisch, daß es
krachte. »Ich hätt's Ihnen gegönnt, daß die Bengels Sie ausgepfiffen
hätten!«
»Herr Baron, ich muß aber doch sehr bitten ...«
»Daß ich das Lokal verlasse? Mit Vergnügen! Nehmen Sie's nicht
übel, daß ich deutlich wurde, -- ich bin nun einmal nicht für die
Leisetreterei von heutzutage. Die Kambacher sprechen lieber Deutsch
wie Französisch. Eberhard steckt's ja, gottlob, auch im Blute, der
Schlingel hat Rasse! So, nun wissen Sie's. Sagen mußt' ich die ganze
Wahrheit schon deshalb, verehrter Herr Pastor, weil ich Ihnen gegenüber
die Pflichten des Patrons nicht vergessen darf. Sie könnten mir sonst
mit Recht die bittersten Vorwürfe machen, ganz davon abgesehen, daß ich
für mich und mein Haus jede liberale Rutschpartie dankend ablehne.« Er
reichte ihm, als sei nichts geschehen, die Hand. »Gott befohlen!« Und
fort war er.
Wie betäubt stand Pastor Wendler da. Immer zog er bei diesem Manne den
kürzeren. War's die rasende Lebhaftigkeit, die Herrennatur, die keine
andere Meinung aufkommen ließ? Aber er selber war doch auch nicht
ums Wort verlegen und wußte was er wollte. Warum schrumpfte denn,
sobald Herr von Kambach auf der Bildfläche erschien, sein leuchtender
wissenschaftlicher Bau wie eine welkende ›Königin der Nacht‹ zusammen?
Sonderbar! Eigentlich hätte er ihn doch auf Matt setzen müssen, weil
er mit der Wissenschaft auf dem Gebiet des Glaubens nichts anzufangen
wußte. Und doch erkannte er sie sonst an. Nur hier nicht. Er wußte
eine ganze Menge, war sehr belesen, hielt ganz vorzügliche politische
und soziale Reden, war in den modernen Weltanschauungsfragen stets auf
dem laufenden, trotzdem -- Glaube und Wissenschaft blieben getrennte
Gebiete. Anders tat es die alte Schule eben nicht. Aber das Christentum
des Kambachers war ebensowenig tote Orthodoxie wie das seiner Mutter
und des alten Schenker. Im Gegenteil! Was steckte für Leben darin! Er
war fest davon überzeugt, daß diese drei Menschen um ihres Glaubens
willen große schwere Opfer bringen würden! Warum mußten denn gerade sie
seine Gegner sein, die einzigen Positiven seiner Bekanntschaft, die
Eindruck auf ihn machten, die ihm unbegrenzten Respekt abzwangen!? Es
war zum Tollwerden!
Seine Gedanken wanderten. An die Seite der greisen Landedelfrau sah
er eine junge kräftige Frauengestalt treten. Mit den Füßen stand sie
auf der Erde, ihre Hände taten Werktagsarbeit, aber die klare Stirn
umleuchtete Morgenglanz. Es gibt Sonntagskinder, die hellen Auges, ein
Sträußchen am Hute über die Berge wandern und tausend Herrlichkeiten
schauen, die anderen Sterblichen verborgen bleiben. Solch ein
Sonntagskind war der treue Hausgeist der alten Exzellenz, Fräulein
Jutta Eichel.
Es war in jener Zeit gewesen, wo er noch viel in Dreilinden verkehrte,
als Pastor Wendler plötzlich die Sehnsucht gepackt, den Sonnenschein,
der von der schlichten freundlichen Gestalt ausging, in sein einsames
Pfarrhaus zu tragen. An einem schönen Herbstabend betrat er den
Dreilindener Gutshof. Die alte Exzellenz war ausgefahren. Sie, die
er suchte, stand in der Halle, die letzten Rosen des Jahres in einer
venetianischen Schale ordnend.
Die Lichter des scheidenden Tages umspielten die Mädchengestalt und die
purpurnen Blüten. Heimlich spann die Dämmerung ihre Schleier um den
traulichen Kamin und das eichene Gestühl aus der Väter Zeiten. Ein paar
Rosenblätter waren auf den breiten geklöppelten Einsatz der leinenen
Tischdecke gefallen; wie Blutstropfen leuchteten sie in den goldenen
Abend hinaus.
Er aber stand im Türrahmen und betrachtete still das feine
stimmungsvolle Bild. ›Wie ein Kunstwerk der alten niederländischen
Schule!‹ zog es ihm durch den Sinn.
Da hob sie den Kopf.
Ihre Blicke trafen sich. Auf ihrem Antlitz lag's wie der Wiederschein
der roten Rosen.
Regungslos verharrte er im Schein des sinkenden Abends. Wie ein
Schattenbild hob sich die hohe Gestalt vom lichten Himmel.
Sie aber stand, die späten Blüten in den Händen, im dunklen Auge
flehende Abwehr.
Aber er merkte es nicht. Er sah nur das Ganze, das Bild des
niederländischen Meisters.
Dann trat er neben sie. Sie solle sich nicht stören lassen. Ganz
obenhin sagte er's. Sie empfanden es beide. Zögernd steckte sie die
letzte Knospe zwischen die schwellenden Blüten.
»Ich darf's gleich hinübertragen?«
Er folgte ihr in das Wohnzimmer der Hausfrau, wo sie die Rosenschale
unter ein großes Kruzifix, eines jener herrlichen Schnitzwerke der
Frauen Südtirols, stellte.
»Lieben Sie die katholische Kunst?« fragte er.
»Ich sah nie einen Kruzifixus wie diesen,« erwiderte sie, zu dem
dorngekrönten Antlitz aufblickend. »Soll ich den Glauben verachten, der
sich zu demselben Herrn und Heiland bekennt wie ich?«
Er zuckte die Achseln.
»Würden Sie je katholisch werden?«
»Niemals,« rief sie lebhaft. »Das römische System stößt mich ab. Aber
mit dem einzelnen Katholiken fühle ich mich, sofern er ein wahrhaftiger
Christ ist, auf demselben Heilsgrunde stehend, einig in Glauben und
Hoffnung.«
Er sah sie mit einem eigenen Blick an. In seinen Augen stand eine heiße
Frage. Bis in die Seele drang sie ihr.
Wieder sah sie zum Kreuz empor. Und während sie sich in den Anblick der
edlen Züge versenkte, kam ein heiliger Mut über sie, eine nie gekannte
Kraft. Voll und klar wandte sie dem Manne das dunkle Auge zu und sagte
mit fester Stimme: »Tausendmal näher steht mir der Katholik, der sich
zu seinem Heiland und Erlöser als dem ewigen Gottessohn bekennt, als
der Vertreter der modernen Theologie, der die Gottessohnschaft Christi
leugnet!«
Wie ein Schlag ins Gesicht traf ihn ihr Wort. Er hatte sie verstanden.
Eine unüberbrückbare Kluft hatte sie zwischen ihnen aufgerichtet. Und
doch wußte er's, daß sie ihn liebte. Trotzdem hieß sie ihn gehen.
Eine grenzenlose Bitterkeit stieg in ihm auf, ein unbezwingbarer Neid
nach dem Gut dieser stillen starken Menschen, die, ohne rechts und
links zu blicken, ihrem Ziele zuwanderten. Eine Ruh' lag über diesen
Gestalten, über diesen Trägern innerer Kraft und heiligen Segens. Warum
besaß er sie nicht?
Weil eine solche Ruh' unmöglich, weil diese Menschen Schwärmer waren.
Trotzig gab er seiner Seele die Antwort.
Arm und einsam war er ausgegangen, sein spätes Glück zu suchen, ärmer
und einsamer noch kehrte er heim.
Und dann kamen die langen Winter, und der geliebte Pfad lag verschneit!
-- -- --
Mutterseelenallein saß er mit seinen Büchern in dem kahlen
Studiergemach.
Nur die vorwurfsvollen Augen des kleinen Junkers blickten ihn an.
Allein -- mutterseelenallein, und draußen der Pfad verschneit -- --
Nach einem uralten Liebeslied klang's, nach der zarten poetischen
Stimmung deutscher Vergangenheit! Im Kamin summte der Nachtwind die
Melodie dazu, weich und sehnsüchtig, als klagte eine Äolsharfe.
Dann klang's aus anderen Pfeifen, fremd und sieghaft, als fegte die
wilde Jagd übers Dach. -- --