Plötzlich Stille, kein Laut mehr auf weiter Heide. -- --

Und dann, was war das?

Er lauschte hinaus.

Aus weiter Ferne zog's durch das große Schweigen herüber, wie

Meeresbrausen, wie der Pilgerchor ausziehender Christen, Orgeltöne,

tief und gewaltig, das uralte halbvergessene Kirchenlied, das die

mittelalterliche Gemeinde in den heiligen Nächten gesungen:

›Es kommt ein Schiff geladen

Bis an sein'n höchsten Bord --

Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,

Des Vaters ew'ges Wort!‹

Er fuhr auf. Was hatte dies Lied mit seiner Einsamkeit, seiner

Verlassenheit zu tun? Zum Tollwerden waren die Winternächte in dem

hundertjährigen Pfarrhause mit seinen altmodischen Kaminen! Was Wunder,

daß der Nachtwind sich drin verfing und droben seine Psalter sang!

Wenn dann auch noch das verflixte Käuzchen seine Jeremiaden anfing, --

um aus der Haut zu fahren war's! Aber heut' Nacht war's dem Totenvogel

wohl zu kalt. So hatte er wenigstens davor Ruhe.

›Daß nicht unter dir gefunden werde, der auf Vogelgeschrei achte!‹

Ja, ja, er wußte es. Aber es war nun einmal nicht angenehm, wenn die

Kreatur draußen die halbe Nacht wimmerte. -- --

›Es kommt ein Schiff geladen

Bis an sein'n höchsten Bord -- --‹

Wieder die Glockentöne!

Es war doch vorhin ganz klar und still gewesen? Ob das Wetter umschlug?

Nein, er kannte den Ton, das war Nordostwind. Oder doch nicht?

›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,

Des Vaters ew'ges Wort!‹

Die blauen Kambachaugen blickten herüber. Ja, gewiß, er leugnete es

keinen Augenblick, er hatte es vor der ganzen Klasse gesagt und würde

es, wenn's sein müßte, vor dem Konsistorium wiederholen: ›Dann hat

Jesus sich eben geirrt!‹

›Das ist nicht wahr, Herr Pastor!‹ -- -- Knabenlippen sprachen es

trotzig und hart.

›Es trägt Gottes Sohn voller Gnaden,

Des Vaters ew'ges Wort!‹

»Zum Donnerwetter!« Er sprang empor und riß das Fenster auf.

Totenstill lag der weiße Garten in winterlicher Schönheit. Drüben

träumte, tief eingeschneit, die Kirche im Kranz ihrer Linden, Hütt' an

Hüttlein geschmiegt zu ihren Füßen, fern in bräutlicher Reinheit die

märkische Heide.

Aber hinter dem Gutshaus in den Kiefernforsten summte der Nachtwind in

den Kronen. Immer dasselbe Lied, jenen uralten, längst verklungenen

Choral. Seltsam, -- wie die Einbildung ihre Schleier wob, wie sie

Menschengeist und Windeswehen in ihren Dienst zwang ...

›Der Wind brauset, wo er will!‹

Zum Kuckuck! Warum denn immer gleich die Bibel? Das war doch ein sehr

natürlich zu erklärender Vorgang. Wetterumschlag -- Nerven, -- man war

doch auch Stimmungen unterworfen -- das Nachtgespräch mit Nikodemus

hatte zudem neben großer sprachlicher Schönheit den Vorzug, rein

persönlichen Charakter an sich zu tragen. Man konnte es so oder so

auffassen. Ja, gewiß, so oder so!

Drüben holte die alte Turmuhr zum Schlage aus.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 57 / 114 题