Herr von Kambach knöpfte sich den Pelz zu. »Ob Friedrich zurück ist?«

»Er kommt gerade herauf.«

»Herr Baron, der Kraftwagen wartet.«

»Danke!« Er griff zum Zylinder. »Leb wohl, Mama! Fräulein Eichel, Sie

sind dafür verantwortlich, daß meine Mutter um zehn zu Bett geht!« -- --

* * * * *

Auf der verschneiten Straße lag der letzte Sonnenstrahl.

Frau von Kambach stand am Fenster und sah dem Sohne nach. Eben schloß

Friedrich den Kraftwagen und fort ging's.

Da hob sie den Blick.

Ein rosiger Hauch zog über Erker und First, wie ein feiner duftiger

Schleier. Die alte Frau achtete nicht darauf. Ihre Gedanken waren noch

ganz bei dem großen Werk, dem sie mit ihrer letzten Lebenskraft diente,

bei dem Manne, dessen Feuergeist seine Zeit überflügeln wollte. Würde

seine Führerschaft der still beginnenden Arbeit zum Segen werden? Würde

die lohende Glut dieser starken Seele nicht verheerend wirken, wo mit

ruhiger Hand gebaut werden sollte? Sie wollte ihn ja nicht anders.

Er war ein ganzer Mann, ein ganzer Christ, einer, der sich zum Kreuz

bekannte, wie wenige. Der, ohne rechts und links zu blicken, seinem

Ziel entgegenwanderte, unbekümmert um das, was ihm in den Weg kam.

Das Lied von dem tapferen Schwaben paßte auf ihn, aber dieser Schwabe

verstand auch das Dreinschlagen, und wo sein Schwert hintraf, da wuchs

kein Gras wieder. Das war die heilige Rücksichtslosigkeit der Kambacher

in Glaubenssachen.

Und trotzdem, heute zum erstenmal, aber immer wiederkehrend der

Gedanke: ist er hier am Platz? Selbst ein Petrus mußte sich von

seinem Herrn den Verweis erteilen lassen: ›Stecke dein Schwert in die

Scheide!‹ -- Es gab mancherlei Gaben, Kräfte, Ämter, aber eins war

nicht für alle! -- --

Wenige Augenblicke, nachdem sie ihm gesagt, daß man ihm eine führende

Stellung zugedacht, war der Zweifel in ihrer Seele aufgestiegen und

raunte und flüsterte: ›ist's wohl getan?‹

Und Mutterliebe und Mutterstolz kämpften mit Pflicht und Recht.

Es war kein leichter Kampf. Es galt ein Abwägen, peinlich genau, vor

dem Richtstuhl des Gewissens. Aber immer wieder kam die greise Frau

zu dem Ergebnis: trotz alledem, und gerade darum! Doch sie traute

dem eigenen Empfinden nicht, immer wieder machte sie sich hart, immer

wieder sagte sie sich: du bist seine Mutter! Und ein heißes Gebet stieg

aus ihrer Seele: ›Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib

Ehre!‹

Die Schatten dunkelten. Über die weiße Straße breitete sich der

Dämmerung violetter Samt. Die Mondsichel glänzte silbern über den

Dächern.

»Trotz alledem und gerade darum!« -- Ja, sie brauchten einen Starken,

einen, der im Namen des höchsten Gottes kam mit Schleuder und Stein.

Einen, der glaubensstark, die Bibel in der Hand, Weltweisen und

Kirchenfürsten entgegentrat mit einem unerschrockenen: ›Es stehet

geschrieben!‹ Einen, der's nicht litt, daß sie das Kreuz antasteten,

der in heiligem Zorn die angebotene Rechte fortstieß, die sich frevelnd

nach des Heilandes Ehrenkrone ausstreckte und im selben Augenblick, als

sei nichts geschehen, wahrer Jüngerschaft ihr Schutz- und Trutzbündnis

anbot. Einen, der klipp und klar erklärte: ›Wir erkennen die

Gleichberechtigung der Richtungen nicht an! Was ihr Richtungen nennt,

sind verschiedene Religionen, die sich wie Wasser und Feuer scheiden!

Hie Christentum, hie modernes Heidentum!‹

›Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹

-- Das war das strikte unumstößliche Herrenwort, die heilige Losung

für die Eroberung der Welt im Zeichen des Kreuzes. Nein, -- mochte er

manchem unbequem werden, mochte er viele vor den Kopf stoßen, hier

waren keine Halben zu brauchen. Es schadete auch nichts, wenn er

einmal wetterte und dreinschlug, schadete nichts, wenn er, wie heute

mittag, erklärte: ›Wenn's so weiter geht, liegt Deutschland nächstens

im Chausseegraben!‹, schadete nichts, wenn er noch ganz andere Sachen

sagte! Das war alles nur Beiwerk, das dem einen gefiel und dem anderen

nicht, die Hauptsache war die Persönlichkeit. Die aber war aus einem

Guß: ein ganzer Mann, ein ganzer Christ!

Sie atmete auf. Wie ein Alp fiel's ihr von der Seele.

Mit glänzenden Augen sah sie dem scheidenden Tage nach.

Da flammte drüben unter dem Dach ein Licht auf, und noch eins, und

wieder eins. Ein verspätetes Christbäumchen, das die Absicht zu haben

schien, oben in der kleinen Dachkammer der alten Näherin das Osterfest

zu feiern, sandte der Edelfrau seinen leuchtenden Gruß.

Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie eine Antwort auf ihr Fragen

strahlten ihr die Lichter der Weihnacht entgegen. Sie aber trat mit

befreiter Seele in den hohen Schein der Ewigkeit. ›Trotz alledem, und

gerade darum!‹

Achtes Kapitel.

Allein.

Weißt du, wie's ist, wenn in tiefer Nacht

Kein Mensch noch Engel deiner gedenkt?

Wenn niemand nach deiner Seele fragt,

Wenn sich kein Herz in deines versenkt?

Wenn droben der Nebel das Kreuz verhüllt,

Wenn kein Blümlein duftet im Felsgestein, --

Verstehst du's, weißt du es, was das heißt:

Allein sein, -- mutterseelenallein?

Eine weiße sternklare Nacht ging über der Mark auf, über ihren

verträumten Schlössern und altertümlichen Kleinstädten, ihren

Kiefernwäldern und stillen Seen.

Kein Lüftchen regte sich. Leise hüllte der Rauhreif die schlafenden

Dörfer in seinen weißen Spitzenschleier. -- --

Über Haus Kambach stand der Vollmond, groß und klar. Breit und

wuchtig lag das Herrenhaus da, wie ein starker Mauerwall schirmte

es das schlafende Dorf und die ragende Kirche, -- ein Bild zäher

Bodenständigkeit und treu bewahrten ehrwürdigen Erbes. Der Schnee

flimmerte. Es war eiskalt. Auf der Dorfstraße keine Menschenseele.

Alles saß drinnen um die Feuerstätten oder in den Spinnstuben.

Eine schmale Spur führte zwischen den strohgedeckten Häusern auf die

Pfarre zu. Die Sommerrose war bis unter das Dach geklettert, leise

schwankten die zarten Zweige vor dem hellen Fenster der Studierstube.

Sonst war's dunkel im Haus. Still und einsam lag es unter der Last des

Schnees, vom breiten Geäst der alten Linde überdacht.

Hinter den weißen Vorhängen sah man einen auf und nieder schreiten. Der

immer wiederkehrende hastende Schatten brachte etwas Fremdes in die

nächtliche Winterstille, etwas vom Kampf des Tages.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 55 / 114 题