Herr von Kambach erhob sich. »Guten Tag, Fräulein Eichel!«

»Guten Tag, Herr Baron!«

Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände.

»Geht's Ihnen gut?« fragte er.

»Danke, ausgezeichnet!«

»Bitte, Fräulein Eichel,« sagte Frau von Kambach, »schicken Sie doch

Friedrich vor Tisch noch einmal zu Frau von Schink hinüber, ich käme

zwischen vier und fünf zu ihr.«

»Er darf dann wohl gleich zur Post gehen, Exzellenz?« Die braunen Augen

sahen auf die Standuhr. »Es ist noch früh genug!«

»Dann geben Sie ihm bitte meine Briefe mit!« Frau Sabine sah zum

Schreibtisch hinüber. »Einen an die Stadtmission, einen an Graf Bühler

und zwei Karten! -- Danke!«

Sie waren wieder allein.

»So, Mama, nun aber endlich zu dir!« Der Oberstallmeister hatte seinen

Platz wieder eingenommen. »Du siehst gut aus.«

»Danke, ich bin auch recht frisch!«

»Das freut mich! -- Und was macht der Bund? Ich habe mich leider bisher

so wenig darum kümmern können.«

»Vorläufig ist es noch keiner. Wir sammeln uns erst. Vor allen

Dingen brauchen wir Geld. Eine hübsche Summe hat Frau von Schink uns

zugesagt. Dann fehlt uns immer noch der Direktor. Jeden können wir

nicht gebrauchen. Der Mann muß eine Persönlichkeit aus einem Guß sein,

erste Bedingung ist natürlich: ganz positiv. Die leiseste Neigung zur

Mittelpartei würde ihn für unsere Zwecke unmöglich machen. Daneben sind

Organisationstalent, rednerische Begabung und der rechte Überblick

auf sozialem, völkischem und kirchlichem Gebiet notwendig, vor allem

aber volles Verständnis für den ganzen bitteren Ernst der Zeit und

ein brennendes Herz für die Not unseres Volkes und unserer Kirche.

Darum kann es nur ein Mann sein, dem sein Christenglaube Lebensbesitz

geworden, der die Kämpfe der Zeit aus eigener Erfahrung kennt. Einen

Träger toter Orthodoxie können wir nicht gebrauchen. An einer solchen

Wahl würden gerade die Kreise, auf die wir rechnen, Anstoß nehmen!«

»Das unterschreibe ich alles, Mamachen. Ich fürchte nur eins. Bei

~den~ Anforderungen kannst du dir gleich den Engel Gabriel

bestellen. Auf dieser Welt wirst du schwerlich finden, was du suchst!«

»Doch, Karl Heinrich! Nur Geduld!«

»Soll es ein Pastor sein?«

»Das ist nicht nötig. Es muß vor allem ein ~Mann~ sein!«

»Wir haben ja große Auswahl!«

»Ach, Karl Heinrich, spotte nicht! Du selbst kommst unbedingt in den

Vorstand, bitte, nimm die Sache also ernst.«

»Das tue ich, Mama. Mein ganzes Interesse gehört ihr. Nur was die

Männlichkeit von heute anbetrifft ...«

»Gewiß, du hast ganz recht, wir haben mehr Waschlappen, als Männer!

Aber die Männer, die wir haben, müssen heran. Mir ist übrigens gar

nicht bange um die rechte Persönlichkeit. Wir müssen nur warten

lernen. Alles, was bis jetzt in Vorschlag gebracht worden ist, scheint

den Herren, welche die Sache vorläufig in die Hand genommen haben,

ungeeignet, und ich kann ihnen nur zustimmen. Weißt du nicht jemand?«

Er zuckte die Achseln.

»Für den Direktorposten? Nein, Mama. -- In den engeren Vorstand würde

ich Brelow wählen. Ich will mir aber die Sache durch den Kopf gehen

lassen.«

»Ja, bitte, tu das!«

»Einfach ist die Geschichte nicht,« meinte er. »Es ist ja

alles Friedenspartei -- zum Teil aus reiner Unklarheit und

Begriffsverschwommenheit!«

»Gerade deshalb ist ein fester Zusammenschluß der bibelgläubigen Kreise

so nötig,« sagte Frau von Kambach.

Er nickte. »Gewiß, Mama! Ich betrachte ihn sogar als eine

Lebensbedingung für unser Volk. Diese Arbeit ~muß~ getan werden.

Sie ist der letzte Sturmlauf, der letzte Rettungsversuch, das letzte

Aufgebot. Mißlingt diese Mobilmachung, so liegt Deutschland im

Chausseegraben! Das klingt sehr hochtrabend, als betrachteten wir uns

als die einzigen Volkserretter. Aber nach Abstrich alles Persönlichen

ist das Werk, das hier getrieben werden soll, die alleinige Handhabe

gegen den deutschen Verfall. Denn das einzige, was uns noch wieder auf

die Beine helfen kann, ist die Rückkehr zu dem lebendigen Gott und

seinem Wort. Das aber wollen unsere Gegner naturgemäß verhindern. Zum

Teil unbewußt. Die innerweltliche Weltanschauung hat leider schon viele

Opfer gefordert. Darum heißt die Losung: Kampf! Und zwar Kampf bis

aufs Messer. Gerade diesen Gesichtspunkt wird man im anderen Lager für

unbiblisch erklären trotz des Herrenwortes: ›Ich bin nicht gekommen,

den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ -- Und nicht nur dort.

Fromme Kreise, auf die wir gerne rechneten, werden uns mißverstehen.

Kreise, welche mit vorbildlicher Treue Einzelseelsorge treiben, die

aber in der Stille ihrer Friedensarbeit den Blick für das große Ganze

verlieren, für das Elend der Massen; denen darum das Verständnis dafür

abgeht, daß der Kampf gegen den großen völkischen Abfall mit anderen

Waffen geführt werden muß, als der Kampf um die einzelne Seele,

mit anderen Worten: daß es hier eine Arbeit gilt, die man nicht in

Glacéhandschuhen tun kann. Wir würden ja auch nicht fertig, wenn wir

jedem Landstreicher erst eine feierliche Einladung schicken wollten,

-- die Leute kommen eben nur, wenn man sie ~holt~. Natürlich wird

da manches Gelichter mit unterlaufen, -- mein Himmel, das ist nicht zu

ändern, da tritt eben das Wort vom Unkraut unter dem Weizen in Kraft.

Also -- ohne große Volksversammlungen in Riesensälen -- hier in Berlin

am besten in einem großen Zentrumslokal, geschickt organisiert, vorher

natürlich, -- verzeih den Ausdruck, -- die nötige Reklame in der großen

Öffentlichkeit, -- ohne das alles kommen wir nicht vom Fleck, Mama!

Man mag die Sache ansehen, wie man will. Christus hat gesagt: ›Gehet

hin in alle Welt!‹, aber er hat nicht gesagt, daß Deutschland nicht

mit dazu gehöre. Und wenn wir zu Hinz und Kunz gehen und bei Schulz

und Müller Seelsorge treiben, so ist das alles recht schön und gut,

aber den Herrenbefehl: ›Gehet hin in alle Welt!‹ erfüllen wir damit

noch lange nicht! Und doch wird die Erfüllung dieses Befehls einmal von

uns gefordert werden. Wir müssen also mit einer starken Gegnerschaft

rechnen, mit mancher Ablehnung, -- nicht zuletzt mit der Ablehnung der

Kirche!«

»Mit der Ablehnung der Kirche?« unterbrach ihn seine Mutter.

»Gewiß, Mama. Die Kirche ist -- mittelparteilich! -- Ich halte ihr die

Treue, solange ich es mit meinem Bekenntnis vereinen kann, oder bis man

mich hinaussetzt. Aber Zugeständnisse mache ich nicht. Der Liberalismus

ist Luft für mich. Ich fordere als bibelgläubiger Christ reinliche

Scheidung. Das sind ja auch die Grundforderungen der Bundessatzungen!«

Sie nickte.

»Na also. Glaubst du, daß man oben sehr entzückt davon sein wird, wo

man nichts als ehrfurchtsvolle Leisetreterei gewöhnt ist?« Er zuckte

die Achseln. »Das nächste wird sein, daß die Presse, -- vielleicht auch

die paar großen konservativen Tageszeitungen, die wir noch haben, uns

totschweigen! Wir stecken ja auch noch in den Windeln und können nichts

verlangen! Macht nichts! Wird schon kommen! In zwei, drei Jahren sind

wir den Herrschaften schon unbequemer, und in zehn Jahren? -- Wenn wir

nur einen Luther hätten, der uns die Fahne vorantrüge!«

Seine Augen blitzten. Er war wieder ganz der Alte.

Sie sah ihn lächelnd an. »Parteipolitik darf aber nicht bei uns

getrieben werden!«

»Gott bewahre uns davor!«

»Es ist aber nicht ganz leicht, sie völlig auszuschalten,« entgegnete

sie.

Er sah sie ernst an. »Es ist das erste, was die Satzungen betonen

müssen, daß wir sie ausschalten!«

»Und wenn ein Heißsporn sie trotzdem hineinträgt?«

»Dann raus mit ihm an die frische Luft!«

Der Diener erschien auf der Schwelle.

»Karl Heinrich, wir müssen essen. Es wird sonst zu spät für dich!«

Er stand auf und bot ihr den Arm. Auf den Krückstock gestützt, richtete

sie sich zu ihrer ganzen Höhe empor und ließ sich von dem Sohne ins

Speisezimmer führen, wo Fräulein Eichel wartete.

»Sibylle ist nach Drachenburg zu den Geschwistern gefahren,« erklärte

die Hausfrau die Abwesenheit des Gastes.

»Möchte sie ihrem Bruder einmal gründlich den Kopf waschen,« murmelte

der Oberstallmeister vor sich hin.

Nach dem Tischgebet sagte seine Mutter: »Ist es dir recht, wenn wir in

nächster Zeit eine größere Sitzung in der Bundesangelegenheit in meinem

Hause anberaumen?«

»Wann?«

»Montag in acht Tagen.«

»Ja. Das paßt.«

»Am liebsten wär's mir, du hieltest einen kurzen zusammenfassenden

Vortrag über Grundsätze und Gestaltung des Bundes. Das ist noch nicht

klar ausgesprochen worden. Eine Frau kann das nicht.«

»Aber Exzellenz!« Fräulein Eichels braune Augen blitzten schelmisch.

»Nein, das muß ein Mann tun. Sie wissen recht gut, liebe Eichel, daß

ich redende Frauen nicht leiden kann.«

»Nun ja, in Volksversammlungen, Exzellenz.«

»Ich gebe zu,« sagte die alte Dame, »daß die Frau unter bestimmten

Voraussetzungen nicht nur reden darf, sondern muß -- überall da, wo

bestimmte weibliche Arbeitsgebiete betreten werden, zumal da, wo nur

das Weib zum Weibe sprechen darf, ist die Frau am Platze. Aber nicht

da, wo sie dem Manne das Wort entzieht. Das ist Grenzüberschreitung,

und von da ist's nicht mehr weit zur Frauenemanzipation! Ja, ja, liebe

Eichel!« Sie nickte ihrem treuen Hausgeist, dessen Tatendurst ihr

manchmal etwas zu viel wurde, freundlich zu. »Unser Arbeitsfeld ist

groß genug, nur keine Gebietserweiterung!«

Fräulein Eichel lachte. »Ich bin ja so bodenständig wie ein alter

Krautjunker, Exzellenz.«

»Ja, ich kenne Sie, Eichelchen!« -- --

»Der Vortrag will mir nicht recht in den Sinn,« sagte Herr von Kambach

nach kurzem Schweigen.

»Nun, dann sag's in ein paar Worten. Ich möchte nur um der Sache selbst

und um aller derer willen, die ihr dienen wollen, daß das Programm

jetzt möglichst bis ins kleinste festgelegt wird.«

Er nickte nachdenklich.

»Man könnte das ganze Programm in das Wort zusammenfassen: ›Seid das

Salz der Erde, seid die Kraft des Volkes, das Licht der Welt, das Blut

der Kirche!‹ Das besagt alles. Aber du hast recht: Wir brauchen die

irdische Form auch im Dienste der Ewigkeit. Kannst du mir vielleicht

ein paar Aufzeichnungen machen, Mama? Heute abend wird's wohl spät

werden, aber ich bin ja doch noch bis übermorgen hier, dann besprechen

wir das Weitere, wenn es dir paßt!« Er sah auf die Uhr. »Darf Friedrich

mir einen Kraftwagen holen? Ich komme sonst zu spät.«

Sie drückte auf den Knopf der Elektrischen und gab dem eintretenden

Diener ihre Befehle.

Dann sprach sie das Dankgebet und hob die Tafel auf.

Der Sohn küßte ihr die Hand. »Leb wohl, Mama, ich muß eilen! Auf

Wiedersehen, Fräulein Eichel! Bitte, tu' mir die Liebe, Mama, und

bleibe nicht etwa auf, es kann sehr spät werden, bis ich komme!«

»Nein, ich gehe zu Bett, dafür sorgt schon Fräulein Eichel!«

Er nickte der Gesellschafterin zu. »Ja, tun Sie das bitte, Fräulein

Eichel!«

»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Baron!«

Ȇbrigens, Mama, ehe ich's vergesse, darf ich Montag in acht Tagen

Schenker mitbringen? Er ist Feuer und Flamme für die Sache, und wir

dürfen nicht vergessen, daß er es war, der dem Gedanken zuerst Ausdruck

gab. Wenn die Frage auch in der Luft lag, die erste Anregung danken wir

ihm!«

»Aber selbstverständlich, Karl Heinrich! Daß ich daran selbst noch

nicht dachte! Er ist mir wichtiger als alle anderen, mit seinem

gesunden Urteil, seinem schlichten Christentum!«

»Und seiner Gründlichkeit, Exzellenz,« warf Fräulein Eichel ein. »Wenn

er etwas durchsetzen will, läßt er nicht locker!«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 54 / 114 题