Der Oberstallmeister fuhr empor. »Was meinst du, Mama?«

»Ach, ich möchte keinen unbegründeten Verdacht aussprechen!«

»Ist auch nicht nötig, ich kann's mir schon denken!« Er zuckte die

Achseln. »Beweise fehlen mir auch.«

In ihrem Gedächtnis war eine kleine Begebenheit lebendig geworden,

-- nein, keine Begebenheit, nur ein flüchtiges Bild, ein kaum zutage

tretender und doch ihrem scharfen Auge nicht unbemerkt gebliebener

Zug, der mit kurzem Federstrich den ganzen Menschen zeichnete. Kein

verhängnisvolles Wort, keine bezeichnende Bemerkung -- nichts --

nichts weiter als die Art und Weise, wie der Drachenburger Ulan eine

Berliner Schauspielerin begrüßt hatte. Es war keine von den vielen,

allzu vielen, ein eisiger Blick hatte ihn in die Schranken gewiesen --

aber die alte Exzellenz wußte genug. Ein Mann, der durch einen einzigen

Blick eine Frau erniedrigen konnte, war kein Edelmann. Und Exzellenz

von Kambach hatte es aufs tiefste beklagt, daß sie diesen Augenblick

nicht vor der Hochzeit ihrer Enkelin erlebt. Geredet, gewarnt worden

war viel, aber Tatsachen, Beweise hatten gefehlt.

»Ja, Mamachen, du kannst es dir wohl denken, worauf ich hinaus will,«

begann Herr von Kambach aufs neue.

Sie blickte ihn ernst an. »Vermittlerin? Karl Heinrich, du weißt, ich

halte nichts davon.«

Er räusperte sich. »Es ist ein Unterschied, Mama, ob ein Mann das

tut, oder eine Frau in deinem Alter und von deiner Art. Vor mir

hat Wolf Dietrich Dampf, vor seinem Großvater Respekt, meinetwegen

Hochachtung und einen Rest kindlicher Ergebenheit. Für dich aber hat

er eine unbegrenzte Verehrung. Das liegt in deiner Person, -- in der

wunderbaren Vereinigung von männlicher Kraft und zartestem weiblichen

Empfinden. Verzeih, aber das mußte gesagt werden. Und dann noch eins

-- es ist dein Christentum, das immer wieder Tat wird, meinst du, das

mache ihm keinen Eindruck? Man braucht ja nur einen flüchtigen Einblick

in dein Leben und Schaffen zu tun. Es ist der letzte Rest eines guten

Kerns, der Bühler nicht nur kühle Hochachtung abnötigt, sondern ihm das

Herz warm macht. Du könntest ihn um den Finger wickeln, Mama!«

»Vorübergehend vielleicht, auf die Dauer nicht. Er ist zu leichtsinnig

veranlagt! Unsere ganze gesellschaftliche Umwelt kommt dazu. Sie färbt

ab. Nur ganze Menschen, Persönlichkeiten, die auf sich achten, die ihr

Innenleben im Auge haben, die vor Gott wandeln, bleiben unberührt

von den Einflüssen einer gefährlichen Umgebung, die anderen gehen

zugrunde. Wolf Dietrich ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Er

ist die Frucht einer Zeit, die mit dem Persönlichkeitsbegriff spielt.

Denn sie bringt gerade das Gegenteil von dem hervor, was sie fordert:

Determinismus. Ich wenigstens vermag die Arbeit, die im letzten

Grunde nur zum Vorteil der Einzelperson geschieht, nicht mit meinen

Persönlichkeitsidealen zu vereinen.«

Der Sohn nickte zustimmend. »Ja, es ist eine Schande für uns, daß

solche Leute des Königs Rock tragen. Eine größere Verkennung des

monarchischen Gedankens gibt es kaum, wie die Verbreitung entgotteter

Weltanschauungen in der Armee.«

Beide schwiegen.

»Ja, Karl Heinrich,« sagte die alte Dame endlich, »du kennst meine

Ansicht. Ich glaube ja nicht, daß durch Reden und Vorstellungen viel

geändert wird. Aber ich will, wenn die Gelegenheit sich bietet, gerne

auf deinen Schwiegersohn einzuwirken versuchen.«

»Danke, Mama.« Erleichtert klang's.

»Wenn es nur hilft, Karl Heinrich!«

Er sah nach der Uhr. »Um halb drei ist eine Sitzung des Bundes der

Landwirte, nachher geselliges Zusammensein, -- verzeih, wir essen um

halb zwei, nicht wahr?«

»Gewöhnlich essen wir um halb zwei,« entgegnete Frau von Kambach, »aber

bitte, bestimme ganz, wie es dir paßt. Willst du nicht überhaupt erst

frühstücken?«

»Nein, danke. Ich möchte erst alles mit dir besprechen. Ändere deine

Tagesordnung ja nicht, es paßt alles sehr gut. -- Also, bitte,

erschrick nicht -- ich habe Eberhard aus den Konfirmandenunterricht

nehmen müssen!«

Nein, sie erschrak nicht. Sie blieb sogar merkwürdig ruhig. Aber ein

tiefer Schmerzenszug trat in ihr klares Frauengesicht. »Also wirklich?«

sagte sie leise.

»Du hast darauf gewartet?«

Sie nickte.

»Ich hätte es mir denken können,« meinte er.

»Ich hatte am Tage nach Ilses Hochzeit ein Gespräch mit Pastor Wendler

über seine Predigt,« sagte sie. »Und was ich da hörte, war derartig,

daß ich mich auf alles gefaßt machte. Ich hätte gerne mit dir darüber

gesprochen, aber damals hatten wir keinen ungestörten Augenblick, und

während der kurzen Zeit, die ich im November in Dreilinden war, haben

wir uns ja kaum gesehen. Schreiben wollte ich nicht in der Sache.

Außerdem wußte ich, daß du in bezug auf Wendlers Konfirmandenunterricht

längst Bedenken hegtest. Auch hattest du die Predigt ja gehört.«

»Ja, gewiß. Wären meine Bedenken damals, als der Konfirmandenunterricht

begann, so stark gewesen wie in letzter Zeit, ich hätte den Jungen

gar nicht erst hingehen lassen. Der Anfang des Unterrichts liegt ja

Fünfvierteljahr zurück, Mama! Gerade im letzten Jahr ist aber eine

große Veränderung mit Wendler vor sich gegangen.«

Sie nickte gedankenverloren.

»Eberhard ist ja sehr verschlossen,« fuhr der Kambacher fort. »Zum Teil

ist es auch angeborene Vornehmheit, daß sich der Junge niemals ein

Urteil über seine Lehrer erlaubt. Ich weiß, daß er unter den beiden

letzten Hauslehrern geradezu gelitten hat, -- trotzdem niemals ein

Wort der Klage! Es hat mich wirklich gefreut!! Aber dies war zuviel.

Ich hatte ihm schon ein paarmal angemerkt, daß nicht alles in Ordnung

war, aber er sagte nichts. Und dann kam er plötzlich gestern zu mir,

ganz aus dem Häuschen vor Kummer und Enttäuschung. Was war geschehen?

Wendler richtet die Frage: ›Was ist Glaube?‹ an die Jungens, und

Eberhard antwortet: ›Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man

hoffet und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet!‹ Da schüttelt

Wendler den Kopf: ›Mein guter Junge, das ist ein Bibelwort, es ist

in diesem Falle aber nicht am Platz! Die Frage muß wissenschaftlich

beantwortet werden!‹ -- Aber es kommt noch viel schlimmer! -- Nun

stelle dir die armen Kinder vor, Mama! Es sind in diesem Jahr mehrere

Knaben aus sogenannten besseren Familien darunter, Honoratiorensöhne,

der Älteste von meinem Inspektor, dein Dreilindener hat auch einen

dabei, -- alles Kinder aus guten christlichen Familien, die solche

Ansichten zum mindesten irreführen müssen, abgesehen von Eberhard

und dem kleinen Riddeck. Knaben von fünfzehn und sechzehn Jahren,

welche nichts anderes kennen gelernt haben als das unumstößliche

Christenbekenntnis eines frommen Elternhauses, sind natürlich wie

vor den Kopf geschlagen, wenn ein Mann wie Wendler, zu dem sie

emporgesehen, solche Behauptungen aufstellt. Ich mache mir heute die

bittersten Vorwürfe, daß ich Eberhard nicht gleich damals im Herbst

vorm Jahr fortgegeben habe. Dann wäre dieser Unterricht einfach

weggefallen. Denn ich kann's nicht leugnen, ich hab' mir manchmal

Sorgen gemacht, dann aber sagte ich mir: ›Du bist sehr streng positiv

erzogen! Vergiß nicht, daß auch die Orthodoxie ihre Mängel hat, ihre

Schärfen, ihre Engigkeit!‹ Das hab' ich mir gesagt, Mama! Und in

diesem Bestreben bin ich in meiner menschlichen Rücksicht zu weit

gegangen. Ich habe gerecht und milde sein wollen, aber ich war's am

verkehrten Ende. Im Blick auf das große Ganze ist mein Urteil klar

geblieben, was die letzten Ergebnisse des Liberalismus sind, hab'

ich immer gewußt, aber ich habe die Folgerungen in bezug auf die

Einzelperson nicht genügend gezogen. Denn es handelt sich nicht um

irgendwelche Nebenfragen, sondern um den Kern unseres Bekenntnisses,

um die Frage nach der Person des Herrn. Das hab' ich nicht scharf

genug ins Auge gefaßt. Nun hab' ich die Bescherung. Gibt man dem

Liberalismus den kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Zuerst

war Wendler bescheiden und vorsichtig -- jetzt erklärt er in der

Konfirmandenstunde, es stehe in der ganzen Bibel kein Wort davon, daß

Christus der Sohn Gottes sei. Der Dreilindener Inspektorssohn hat ganz

mutig den Finger aufgehoben und an das eidliche Bekenntnis vor Kaiphas

erinnert. Da hat der Mensch die Stirn, dem Jungen zu antworten: ›Dann

hat Jesus sich eben geirrt!‹« Er atmete schwer.

»Jatho!« sagte seine Mutter.

Er stützte den Kopf in die Hand. »Mama, das wäre mir nicht passiert,

wenn Thea noch lebte,« sagte er gepreßt.

Mit mütterlicher Liebe blickte die alte Exzellenz auf den Sohn. In

gewissem Sinne hatte er recht. Aber doch nicht ganz. Gott hatte ihn

doch diesen Weg geführt, das genügte ihr.

Sie sagte es ihm.

»Gewiß,« entgegnete er, »das ist auch mir die Hauptsache. Aber gerade

in Glaubensfragen bedürfen wir der weiblichen Ergänzung. Du siehst es

hier doch wieder. Thea hätte mich bestimmt verhindert, Eberhard in

Kambach konfirmieren zu lassen. Und du hättest es, wärest du dauernd

bei mir, auch getan. Wendler hat übrigens einen heiligen Respekt vor

dir. In den paar Sommerwochen, wo du in Dreilinden bist, nimmt er sich

in acht!«

»Das konnte man an dem Sonntag nach Ilses Hochzeit nicht behaupten.«

»Nee, eigentlich nicht. Er hat sich gegen den Inspektor sehr erfreut

geäußert, daß du nach den anstrengenden Tagen noch zur Kirche gekommen

seiest, er wird also wohl nicht damit gerechnet haben.«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 51 / 114 题