Sie lachte. »Also eine Überrumpelung?«

»Scheint so. Du hattest dich ja auch so gesetzt, daß man dich von der

Kanzel aus kaum sehen konnte.«

»Die Sonne blendete mich.«

Auf dem Schreibtisch schlug eine kleine bronzene Standuhr.

»Willst du wirklich nicht frühstücken? Ein Glas Portwein? Es ist noch

eine volle Stunde Zeit bis zum Essen.«

»Danke, Mama, ich habe keinen Hunger. Auch liegt mir viel daran, erst

alles mit dir durchzusprechen, wenn du erlaubst.«

»Aber du hast heute noch viel vor. Ich finde, du siehst angegriffen

aus.«

»Bei der Hetzerei kein Wunder! Kaum war ich vom zweiten Hofball zurück,

so kam dies! Ich hatte den Kopf voll wegen Ilse -- noch nicht einmal

mit dir hatte ich davon sprechen können! Kaum weiß ich, welches von

beiden mir schwerer wird, das mit ihr oder Eberhard! Hier sehe ich

wenigstens einen Ausweg, in der Bühlerschen Sache nicht. Daher fällt

sie mir so auf die Nerven!« Er seufzte.

Zum erstenmal erschien der Mutter sein Gesicht gealtert, die Züge

schlaff, die Augen müde. Diese sprühenden, trotzigen, sieghaften

Kambachaugen! -- Ihre Gedanken wanderten. Wann hatte sie bei ihrem

Fritz Karl zum erstenmal diese Müdigkeit bemerkt? Sie sann nach.

Richtig -- als Bismarck ging! -- Gott! König! Vaterland! Das war's.

Damit waren diese Männer verwachsen, das machte sie jauchzen, das

war ihre Lust, aber auch ihre tiefste Herzenssorge! Mancher hätte

gewiß gefragt, was das mit Familiennöten zu tun habe. Es handelte

sich eben im letzten Grunde um mehr als Familiennöte, um Größeres,

Überweltliches. In irdisches Gewand gehüllte Ewigkeitswerte standen

auf dem Spiel. Ob die feinen goldenen Fäden, von einem Ufer zum

anderen gespannt, auch fernerhin die Verbindung zwischen Himmel und

Erde bilden würden, ob die drahtlose Telegraphie zwischen Gott und

der Seele bestehen blieb oder jäh zerrissen ward, darum ging's!

Dieselben Fäden aber schlangen sich um Thron und Altar. Königstreue und

Vaterlandsliebe wurzelten im Gottesglauben, des Glaubens Pflegerin aber

war die deutsche Familie. Ob dem behüteten Kinde des Landadels durch

liberale Torheit der erste Zweifel in die junge Seele getragen wurde,

ob eine zartgewöhnte Frau in ihrer Ehe unter den Folgen allgemeinen

Niedergangs litt -- es kam auf dasselbe heraus, -- auf die riesenhafte

Gesamtgefahr, die Deutschland bedrohte. Noch galt die alte heilige

Losung -- wie lange noch? -- Durch die Seele der greisen Edelfrau zog

Herders mahnendes Dichterwort. Immer wieder stand es über den großen

völkischen und religiösen Fragen, immer wieder gab es dem Einzelleben

seine ernste Unterschrift: ›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge

-- waren nicht, wie wir jetzt sind!‹ Im eigenen Hause sah Sabine von

Kambach das Unheil anheben -- wo wollt's hinaus? -- --

»Ich komme nun mit einer großen Bitte, Mama,« begann der

Oberstallmeister aufs neue. »Willst du Eberhard ein paar Tage bei dir

aufnehmen, bis ich eine geeignete Unterkunft für ihn gefunden habe? Ich

will ihn hier bei Jakobi konfirmieren lassen. Vielleicht nimmt er ihn

selbst ins Haus, das wäre mir das liebste.«

»Kann er nicht bei mir bleiben? Du weißt, welche Freude du mir damit

machen würdest!«

»Ich danke dir herzlich, Mama, ich habe den Gedanken selbst erwogen.

Aber ein fast sechzehnjähriger Junge gehört in männliche Hände. Es

wird mir schwer genug, ihn jetzt fortzugeben, doch was hilft's? Aber

wenn du ihn aufnehmen willst, bis das Weitere geregelt ist, bin ich dir

sehr dankbar!«

Die alte Frau nickte dem Sohne freundlich zu. Natürlich verstand sie

ihn. Er hatte ganz recht. Da mußte das Großmutterherz schweigen.

»Was hat Wendler denn gesagt?« fragte sie.

»Eigentlich nichts. Er gab sofort zu, die beiden Bemerkungen gemacht zu

haben. Ehrlich war er ja immer, darauf setze ich überhaupt meine letzte

Hoffnung. Ein ehrlicher Mensch kann nicht an der Wahrheit vorüber.

Allerdings tut der Liberalismus ja alles, um sie seinen Anhängern zu

verschleiern. -- Meine Aufgabe war natürlich keine leichte! Es ist

sehr schwer, zu einem Geistlichen zu sagen: ›Was mein Kind von Ihnen

empfangen hat, ist Irrlehre!‹ Tausendmal lieber hätte ich gesagt: ›Sie

predigen unter aller Kanone!‹«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 52 / 114 题