Sie nickte. »Ja, wer ist es denn?«

»Eine Frau von Riddeck; soviel ich weiß, steht der Mann bei der Garde!«

Harro lachte in sich hinein. Mochten die beiden denken, was sie wollten

-- sein Blick folgte Sibylle, -- warum wurde sie immer für eine Frau

gehalten? Es ärgerte ihn. Ein Mädchen konnte gerade so gut Haltung

haben, hatte manchmal mehr. Verdrehte Auffassung! Hinterpommern! Hier

in Berlin war so etwas nicht lebensfähig.

Sie tanzte noch immer.

Und dann sah er sie plötzlich vor dem Kaiser stehen. Ein hübsches Bild:

Seine Majestät im Gespräch mit der jungen Brandenburgerin. Der Kaiser

sehr leutselig. Sibylle unbefangen und natürlich wie immer. Das liebten

die Hohenzollern.

Während Harro hinüberblickte, schlug die Unterhaltung des schwarzen

Husaren mit dem pommerschen Landedelfräulein an sein Ohr.

»'s ist ein Jammer, daß wir das Kronprinzenpaar nicht mehr in Danzig

haben, gnädiges Fräulein! Die Zeit bleibt die schönste meines Lebens!

-- Die ganze Bevölkerung trauert den hohen Herrschaften nach! Sie

gehörten so ganz zu uns! Warum muß alles Schöne im Leben von so kurzer

Dauer sein!«

»Seien Sie doch zufrieden! Sie sind immerhin die Bevorzugten gewesen!«

»Ja, ja, das sind wir. Aber gerade darum empfinden wir den Abstand.

Allein die kleinen Prinzensöhne! Jeden Morgen sah ich sie beim

Ausritt!«

Er blickte gedankenverloren über das bunte Treiben hinweg. »Und die

Frau Kronprinzessin!«

Sie nickte. »Ich kann's mir denken, man braucht sie ja nur anzusehen!«

-- --

* * * * *

»'n Abend, Harro! Ganz allein? Ach so, -- Billy ist deine Dame! Sie

sieht famos aus heute abend, von allen Seiten wird's einem gesagt.

Jetzt heißt's den Anschluß erreichen!« Wolf Dietrich Bühler zwinkerte

seinem Schwager zu. »Wie stehen die Aktien, alter Junge?«

Dem anderen stieg das Blut ins Gesicht.

»Sei nicht so laut,« sagte er scharf und zog die Stirn in Falten.

Graf Bühler zuckte die Achseln. »Hab' dich nicht, in Drachenburg

erzählen sich die Spatzen auf den Dächern deinen Roman. Und in

Potsdam?« Er lachte.

»Wie geht's Ilse?« fragte Kambach ablenkend.

»Danke, gut! Sie hätte sich praktischer einrichten sollen. Alles fragt,

warum sie nicht hier ist.« In der ihm eigenen burschikosen Art kam's

heraus.

Harro fühlte sich unangenehm berührt. Aber er sagte nichts. Seit Wolf

Dietrich verheiratet war, hatte seine Freundschaft für den Kameraden

eine merkliche Abkühlung erlitten. Er stand seiner Schwester sehr nahe.

Um so mehr verletzte ihn die Art, wie Bühler ohne jede Rücksicht auf

ihren schonungsbedürftigen Zustand die junge Frau behandelte. Einmal

war es sogar zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den beiden

Schwägern gekommen. Die Stimmung war daher auf beiden Seiten eine

gereizte. --

»Wo steckt denn Roselius eigentlich?« fragte Bühler.

»Seine Mutter ist schwer erkrankt!« klang es kurz zurück.

»Und da muß der Ärmste Diakonisse spielen?«

Harro drehte sich auf dem Absatz um und begrüßte einen Kameraden.

Die Jagdhörner riefen. In hellen Fanfaren klang das Halali durch den

Saal.

Der Dittersdorfer Huldigungsreigen beschloß das Fest.

Wieder zeigte der schimmernde Saal eine einzige tiefe Verneigung,

wieder grüßten die Allerhöchsten Herrschaften nach allen Seiten. Die

goldenen Türen taten sich auf und schlossen sich wieder. Die Majestäten

hatten den Saal verlassen.

Auf Treppen und Galerien ward's lebendig. Noch einmal belebte das

farbenreiche wechselnde Bild das verschneite Portal. Dann verflog's

wie ein anmutiger Traum, Licht um Licht erlosch, dunkel lagen die

Fensterreihen des Zollernschlosses. --

Durch die Winterstille klang das Schlagen der Uhren. Nicht lange

mehr, und Berlin erwachte zur Arbeit. Aber noch war's Nacht. In

tiefem Traum lag die Weltstadt. Der Schnee glitzerte. Drüben über der

Friedrichstraße lag der berüchtigte Schein nächtlichen Lebens. Sonst

winterliches Dunkel, schneeverwehte Straßenlaternen.

Fern über den Havelseen stand eine dunkle Wolkenwand wie dräuendes

Wintergewitter. Schwarz und gespenstisch hing es über Deutschland.

Der Zeiger rückte. Im Osten dämmerte es.

Da stieg die Zeit, die oben im Turm gewacht, den tausendjährigen

Wendelstein hinab und zog den Strang:

›Sechs hat die Glocke!‹

Aber niemand hörte die Mahnerin.

Deutschland schlief.

Siebentes Kapitel.

Trotz alledem ...

Auf keinen Menschen Rücksicht nehmen, --

Keinem Menschen sich anbequemen,

Niemand Zugeständnisse machen, --

Streng über Haus und Schwelle wachen, --

Nach keiner fremden Meinung fragen,

Wenn's heißt, des Kreuzes Banner tragen -- --

Im Geisteskampf, im Glaubensstreit,

Gilt's heil'ge Rücksichtslosigkeit!

In der Dorotheenstraße in dem stillen Quartier der alten Exzellenz saß

der Oberstallmeister von Kambach seiner Mutter gegenüber.

Er war eben vom Lande hereingekommen. Wohlig umfing ihn die

gleichmäßige Wärme.

»Bei dir ist's gemütlich, Mama!« Er sah sich um. »Ist etwas verändert?«

»Nein; nur die Blumenfülle von meinem Geburtstag!«

»So.« Zerstreut flog sein Blick über die Frühlingspracht.

Sie merkte, er kam mit etwas Besonderem zu ihr, mit etwas, das ihn

drückte. Vor kaum vierzehn Tagen hatten sie sich ja erst gesehen.

Allerdings nur flüchtig und nicht unter vier Augen. Trotzdem. Sie

fühlte, er kam nicht nur in Geschäften oder um nach ihr zu sehen.

Frau von Kambachs Arbeitszimmer war ein behaglicher Raum mit schönen

alten Möbeln, mit kostbaren Gemälden und Stichen aus der Vergangenheit.

In der Nähe des Fensters stand der breite Diplomatenschreibtisch ihres

verstorbenen Mannes, darüber hing ein lebensgroßes Bild des alten

Kambachers, -- ein Kunstwerk von großer Frische und Ursprünglichkeit.

Das graue Haar kurz geschnitten, die blauen Augen sprühend, die Hand

am Degen, schien Fritz Karl von Kambach aus dem breiten Goldrahmen

heraustreten zu wollen in das stille Gemach seines im weißen Haar noch

arbeitsfrohen Weibes, unter die Menschen, in den Reichstag, seinen

alten Platz in der Welt wieder einzunehmen, den er sich erkämpft und

mit Ehren behauptet.

Unter dem Bilde saß der Sohn. Rassig vornehm energisch, wie der Vater.

›Meinem Fritz Karl wie aus den Augen geschnitten,‹ dachte die Greisin,

während sie den Vergleich zwischen dem Toten und Lebenden zog.

Der alte Kambach hatte es bis zum Generalmajor gebracht und erst spät

das väterliche Gut übernommen. Karl Heinrich, der ebenfalls, wie alle

Kambachs, bei den Drachenburger Ulanen gedient, mußte krankheitshalber

als Oberleutnant den Abschied nehmen. Er trat in den Hofdienst und

rückte bis zum Oberstallmeister auf. Aber die Sehnsucht nach dem

militärischen Beruf verließ ihn nicht. Noch niemals hatte es einen

Kambach gegeben, der nicht mit Leib und Seele Soldat war. Königstreue

und Vaterlandsliebe lagen dem stolzen Geschlecht im Blut.

»So, Karl Heinrich, nun kram' aus,« sagte Frau Sabine, dem Sohne

zunickend.

»Es ist aber viel, Mama! Stör' ich dich wirklich nicht?« Er warf einen

fragenden Blick auf den Schreibtisch. »Ich weiß ja, wie du überlaufen

wirst, und dann noch so und so viele Wohltätigkeitsveranstaltungen in

diesen Monaten!«

»Das besorgt Fräulein Eichel,« entgegnete Frau von Kambach.

»Ja, aber es geht dir doch auch sonst viel im Kopf herum, z. B. der

Bund der bibelgläubigen Christen. Ich wäre deshalb sowieso in diesen

Tagen zu dir gekommen. Wie weit bist du?«

»Nachher, Karl Heinrich! Du wirst noch genug davon hören! Erst deine

persönlichen Angelegenheiten! Wozu ist eine Mutter denn da? Ich bin

keine Anhängerin der Frauenemanzipation, mein Junge!«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 49 / 114 题