Und dann klingt ein Ton durch die Stille: der Stab des
Zeremonienmeisters klopft dreimal auf das Parkett.
Unter dem Vortritt der Pagen und Hofchargen betreten die Majestäten,
von drei Marschällen geleitet, unter den Klängen des +Grand marche
festivale+ von Gounod den Saal. Der Kaiser in der Uniform des ersten
Garderegiments, die Kaiserin in meergrünem silbergesticktem Brokat, ein
flimmerndes Diadem im weißen Haar. Hinter den Majestäten die Prinzen
und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und das Gefolge.
Die Gesellschaft versinkt in einer tiefen Verneigung. Liebenswürdig
grüßt das Kaiserpaar nach allen Seiten. Während eines kurzen Cercles
spielt die Kapelle. Der Oberzeremonienmeister gibt das Zeichen zum
Beginn des Tanzes. Die Kapelle setzt mit dem Walzer Tesoro mio ein.
Zwei Gardedukorps eröffnen mit Hofdamen der Kaiserin den Ball.
Rundtänze wechseln mit Lançiers und den alten Tänzen, Menuett +à la
reine+, Prinzengavotte, Gavotte der Kaiserin.
Die Majestäten sehen den Tänzen zu, nehmen Vorstellungen entgegen und
ziehen zahllose Anwesende ins Gespräch.
Auf und nieder wogt das glänzende Bild.
* * * * *
Die Souperpause ging ihrem Ende entgegen. Langsam leerte sich der Saal,
wo die Jugend gespeist hatte, in Gängen und Nischen ward es lebendig.
Der helle Schein des Vollmonds fiel in einen verschwiegenen
Wintergarten. Wie heimliches Werben umflimmerte sein silberner Glanz
die rosige Ampel. Kamelienbäume neigten die blütenschweren Äste,
Flieder und Jasmin dufteten, ein Springbrunnen plätscherte. -- --
Durch das dichte Grün der Myrten schimmerte eine helle Toilette.
Halblaute Unterhaltung klang herüber.
Ein weißhaariger Landstand lehnte im Eingang. Eine Rasseerscheinung.
Ein Gesicht wie ein alter Adler. Der ganze Mann Aristokrat vom Scheitel
bis zur Sohle. Uradel.
Suchend blickte er sich um.
»Sie glauben nicht, wie ich mich freue, daß Sie Großmama Gesellschaft
leisten,« klang's hinter der Myrtenhecke. »Ich weiß, wie sehr sie diese
Zeit genießen wird! Und dazu Ihr Geigenspiel, Gräfin!«
Ein helles Lachen klang durch den Raum.
»Wo denken Sie hin, Baron! Ich bin die Genießende! Ich jubiliere
geradezu, daß mir die langweilige italienische Reise erlassen worden
ist! Sechsmal bin ich in Italien gewesen, und leider fehlt mir jedes
Verständnis für Mamas Art zu reisen. Wir sind eben ganz verschieden
veranlagt. Ich will unterwegs Natur und Kunst genießen, und Mama fragt
nichts danach. Wissen Sie, da traf sich's herrlich, daß ich Gesang-
und Geigenunterricht nicht wieder unterbrechen durfte -- Mama reist ja
außerdem gern allein, sie kann mich wirklich entbehren!«
»Wann ist Ihre Frau Mutter abgereist?«
»Gestern. Sie wollte eigentlich erst morgen fahren, um mich noch auf
den Hofball begleiten zu können. Aber mein Onkel Firlemont drahtete, er
wolle sich Montag mit ihr in Venedig treffen, da mußte sie ihre Pläne
ändern.«
»Es gibt doch auch genug Menschen, die Sie mit Wonne bemuttern würden,
Gräfin,« sagte Harro Kambach lakonisch.
Die leise Antwort verklang im Plätschern des Springbrunnens.
Langsam trat der Landstand näher. Eine Falte stand zwischen seinen
Brauen.
»Wenn ich eine alte Exzellenz wäre, würde ich meine Staatskutsche
bekränzen und ›Brandenburgs Rose‹ mit Musik zu Hofe fahren!« rief der
Ulan.
Wieder klang das helle Mädchenlachen: »Das würden Sie aus dem einfachen
Grunde bleiben lassen, weil ›Brandenburgs Rose‹ Sie stechen würde, und
die Polizei keinen groben Unfug duldet.«
»Oho! ›Brandenburgs Rose‹ sticht nicht, und was die Polizei anbelangt
...«
»Das geht hier ja sehr kriegerisch zu!« Graf Bühler stand vor seiner
Enkelin. Wohlgefällig ruhte sein Blick auf der eleganten Erscheinung.
Sibylle und ihr Tänzer hatten sich erhoben.
»Was sagen Sie dazu, lieber Kambach, daß der Ausreißer sein Quartier in
der Dorotheenstraße aufgeschlagen hat?« wandte sich der alte Herr an
den jungen Offizier.
Sibylle errötete. »Ich komme doch Ende Februar zu dir, Großpapa,«
sagte sie lächelnd, zwei Grübchen in den Wangen. »Es war so sehr gütig
von Exzellenz von Kambach, mich einzuladen, außerdem verlernte ich ja
alles, wenn ich jetzt fortginge!«
»Ja, ja, schon gut!« Er nickte ihr lächelnd zu. »Kann's mir denken,
mein Deern, daß du heilsfroh bist, nicht von Gasthof zu Gasthof gondeln
zu müssen.«
Sie senkte die Wimpern. Der Großvater war sonst nicht vor anderen so
scharf. Ob er Harro schon mit zur Familie rechnete? Ein fragender Blick
flog zu dem alten Herrn hinüber.
Aber der nickte ihr ein zweites Mal zu. »Ja, ja, Billy, ich kann's mir
denken!« -- --
* * * * *
Eine Polka lockte. Sie traten in den Saal.
»Haben Sie Ihren Vater gesehen, lieber Kambach?« fragt Graf Bühler im
Gehen.
»Papa ist von Seiner Majestät befohlen worden, Erlaucht!«
»So, so. Danke.« Und fort war er. -- --
»Bleiben Sie recht lange bei Großmama,« sagte Harro Kambach zu seiner
Dame, während sie über das Parkett flogen. Sein Auge ruhte auf ihr.
Sie fühlte, daß diesem Wunsch ein anderer zugrunde lag. War sie
erst in Bühl, dann konnte er nicht alle Augenblicke kommen. In der
Dorotheenstraße ging der Enkel Exzellenz von Kambachs ungehindert ein
und aus.
Eine tiefe Neigung zog sie zu dem schönen ritterlichen Manne, eine
Neigung, wie sie sie nie zuvor empfunden. Aber Sibylle Bühler gehörte
nicht zu den Frauen, die sich von einer großen Leidenschaft beherrschen
lassen. Sie blickte auf Leben und Zukunft, abwägend, die Frage der
Ergänzung in Betracht ziehend. Und doch war sie keine kühle Natur.
Sie war eine echte deutsche Frau, mit deutschem Blut und deutscher
Sehnsucht, zu der Liebe Opfern bereit. Aber sie hatte die klare
zielbewußte Klugheit der Bühlers, die nach allen Seiten Umschau hielt,
bevor sie handelte. Und diese Klugheit mahnte zur Vorsicht. Nur ihre
bisherige Zurückhaltung, die sie sich bei aller Freundlichkeit bewahrt,
hatte Harro Kambach noch von einer Werbung zurückgehalten. Es war
das erstemal gewesen, daß sie dieselbe weniger betont. Und nun kam
der Besuch bei seiner Großmutter dazu. Exzellenz von Kambach war in
Sibyllens Augen das Ideal einer deutschen Frau. Wohl wußte sie, daß sie
von vielen wegen ihres tatkräftigen Handelns, ihres scharfen Urteils,
ihrer, wie es manchen scheinen wollte, allzu schroffen Stellung in
Bekenntnisfragen angegriffen wurde, aber was die Menschen sagten, war
für sie durchaus nicht maßgebend. Im Gegenteil. Die allgemeine Meinung
hatte von jeher ihren Widerspruch herausgefordert. Die unglaubliche
Oberflächlichkeit, mit welcher die höchsten Kreise den unerhörtesten
Klatsch verbreiteten, hatte ihr Feingefühl stets beleidigt. Sie sah
selbst und urteilte selbst. Das gab ihrem Wesen jene Sicherheit, die,
mit angeborenem Takt gepaart, ihrer ganzen Persönlichkeit ihr Gepräge
verlieh. -- --
Als Exzellenz von Kambach gehört, daß Gräfin Bühler wieder, wie es
hieß, wegen eines verschleppten Luftröhrenkatarrhs für längere Zeit
nach dem Süden gehe, ihre Tochter aber wegen eben erneut begonnenen
Musikunterrichts in Potsdam lassen werde, lud sie Sibylle ein,
die nächsten Wochen bei ihr zu verbringen. Mit großer Freude und
Dankbarkeit sagte das junge Mädchen zu. Gräfin Bühler war, obwohl sie
ihrer Tochter nichts in den Weg legte, weniger entzückt.
»Du bist sowieso schon auf dem besten Wege, eine ›Betschwester‹ zu
werden,« sagte sie in ihrer spöttischen Art. »Wenn du vier Wochen bei
der alten Kambach gewesen bist, werde ich dich wohl in irgendeinem
Diakonissenhause wiederfinden. Die Schwesternhaube wäre nicht übel zu
deinem Madonnengesicht, aber meine Einwilligung bekommst du vorläufig
nicht, liebes Kind! Höchstens später, wenn der Anschluß als endgültig
versäumt zu betrachten ist!«
Sibylle kannte diese Redensarten und schwieg. Sie war froh, daß die
Mutter ihr nicht verbot, der Einladung zu folgen. Daß sie nicht ihr
zuliebe ja gesagt, als die alte Dame in eigener Person gekommen
war, um ihren Liebling zu sich zu bitten, wußte sie nur zu gut. Da
sprachen ganz andere Dinge mit, nicht zuletzt der Wunsch, häufiger
ohne die in ihrer norddeutschen Zurückhaltung so unbequeme Tochter
reisen zu können. Vielleicht folgten dieser Einladung andere. Aus
Schicklichkeitsgründen konnte sie Sibylle nicht immer allein zu Hause
lassen, und ob sie den ganzen Tag ihre Stradivariusgeige spielte, --
sie war noch nicht alt genug und zu hübsch. Einmal ging das wohl, aber
nicht öfter. Dazu wurde in Potsdam zuviel geklatscht. Gräfin Bühler kam
die Einladung daher in gewissem Sinne nicht unwillkommen.
Sibylle hatte sich längst daran gewöhnt, ihren Weg allein zu gehen.
Ihre Kindesliebe zu der gefallsüchtigen oberflächlichen Frau beruhte
lediglich auf Pflichtgefühl. Daß sie sich der Abwesenheit der Mutter
heimlich freute, war daher kein Wunder. --
Sie war ihrem Tänzer die Antwort schuldig geblieben. Die langen Wimpern
gesenkt, ließ sie sich auf ihren Platz führen.
»Nun?« fragte er endlich.
»Fräulein Eichel wird eifersüchtig werden,« wich sie ihm aus.
»Ach, die alte Landpomeranze, -- Verzeihung, Gräfin, -- die rechnet
nicht mit!«
Sibylle lachte ihm hell ins Gesicht. »Bitte, ich bin auch eine
Landpomeranze! In Bühl hat meine Wiege gestanden, und die paar Jahre,
die wir in Potsdam sind, haben mich nicht zur Städterin gemacht.«
Er lächelte. »Mag sein, aber Sie haben Ihr Leben nicht unter alten
Tanten und Landpastörchen verbracht. Sie haben anderes gelesen als
Kreuzzeitung und Reichsboten und Missionsblätter, und ich weiß nicht
was für gottseliges Zeug, haben anderes gesehen als Armenstrickstrümpfe
und Wickelbänder! Ja, ja, verzeihen Sie, ich verfalle in Stallton, aber
ist's nicht so? Mein Gott, was hockt alles auf den Gütern zusammen! Ich
bewundere immer die Hausherren, die meist als Hahn im Korbe diesen
Normalzustand ertragen, und kann nur sagen: Gott bewahre mich davor,
zwei bis drei sechzigjährigen Tanten Altenteil gewähren zu müssen,
abgesehen von der für den Landwirt sehr empfindlichen Mehrbelastung
des Geldbeutels! Sehen Sie, Gräfin, diese heillose Jungfernwirtschaft
ist mitschuldig am Niedergang des Großgrundbesitzes. Was diese alten
Schmarotzer aufessen, soll der Grund und Boden abwerfen außer allem
übrigen, was sonst ein Gut verschlingt! -- Papa ist ein Schlaumeier,
der hat rechtzeitig dafür gesorgt, daß seine Schwestern die Welt zu
sehen bekamen! Na ja, eine war immer hübscher wie die andere -- noch
jetzt ist's eine Freude, diese drei schönen alten Frauen zu sehen,
aber trotzdem, Papa hat dafür gesorgt, daß in Kambach unsere vornehmen
Regimenter verkehrten, daß Leben in die Landschaft kam; und was war der
Erfolg? Alle drei haben erste Partien gemacht! Ja -- Papa!« Und Harro
sang seines Vaters Lob, als hätte er niemals seine Strenge erfahren,
niemals in starrem Gegensatz zu seinen Auffassungen von Landhochzeiten
und altmärkischer Gastfreundschaft gestanden.
»Aber Fräulein Eichel ist doch kein Schmarotzer!« sagte Sibylle.
»Ich glaube, Ihre Großmutter wäre unglücklich, wenn sie ihren treuen
Hausgeist nicht hätte!«
Harro Kambach schüttelte beinahe ungeduldig den Kopf. »Es ist möglich,
daß sie ein Engel vom Himmel ist, der aus Versehen in dies entsetzliche
mausegraue Kleid hineingeraten ist -- ich kann nun einmal Leute, die
aus Frömmigkeit ewig Grau und Schwarz tragen, nicht leiden, Gräfin, --
gewiß, eine Untugend von mir, aber ich kann's nicht! Und dann dieser
glattgekämmte Scheitel, -- sie nimmt Wasser, behaupte ich! Wissen Sie,
es ist wirklich ein Unrecht, wenn eine Frau sich so zurecht macht!
Könnten Sie in dem Punkte nicht einen Wandel schaffen? Es ist wirklich
ein Kreuz, ihr gegenüber bei Tisch zu sitzen! Nirgends sagt die Bibel,
daß die Frauen sich zu Vogelscheuchen machen sollen, im Gegenteil, ich
weiß ganz genau, daß irgendwo etwas von zierlichen Kleidern steht,
ich wundere mich nur, daß Fräulein Eichel die Stelle nicht zu kennen
scheint, -- aber ich will Sie nicht länger elenden!«
»Ich kann Fräulein Eichels Haar beim besten Willen nicht so schlimm
finden,« sagte Sibylle. »Das kommt Ihnen nur so vor, weil Sie
immer gebrannte Frauenköpfe sehen -- ja, ja!« Sie lachte. »Und das
Mausegraue? Gewiß, sie zieht sich meist dunkel an, aber ich habe sie
doch auch schon in ganz hellen Kleidern gesehen!«
»Ich nicht!« Er blickte sie von der Seite an. »Aber da kommt Graf Lier
mit einem Kotillonstrauß!«
Er sah der schlanken Mädchengestalt nach, wie sie im Arm des blauen
Husaren durch den Saal schwebte. Nun hatte er ihr doch nicht gesagt,
warum sie so lange bei der Großmutter bleiben sollte. Aber sie würde es
sich schon denken können.
Das Paar kehrte zurück. Mehr als ein bewundernder Blick ruhte auf dem
jungen Mädchen. Sehr bekannt schien Sibylle nicht zu sein. In manchem
Auge stand eine Frage.
Und jetzt, -- was war das? Mitten durch den Saal kam ein schwarzer
Husar, eine Teerose in der Hand, auf Sibylle Bühler zu -- der
Kronprinz.
Nach tiefer Verneigung folgte sie dem Thronfolger. Ein feines Rot lag
auf ihren Wangen.
»Wer ist das?« hörte Kambach seine Nachbarin ihren Tänzer fragen.
»Uradel. Aus der Uckermark. Sechzehn Ahnen. Bildschöne Frau, nicht
wahr?«