»Ich lasse bitten!«
Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über
ihre Hand beugte.
Man setzte sich.
»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,«
sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich
zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und
Freundlichkeit aussprechen?«
Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht.
»Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir
zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte
sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit
Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den
Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!«
Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es ist eine große
Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!«
Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte
es ihr längst angetan.
»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte
an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf
Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es
fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das
wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.«
»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über
diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die
Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das
künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum
Manne reifen, -- noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten
gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.«
»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über
ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen,
wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro
zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte,
schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem
unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?«
»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts
davon bekannt.«
Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie
leise.
Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen
Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr
schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem
runden Nein antworten. Denn solange ich nicht mit meiner Person für
eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der
meine:
›Es gibt im Heiligtum der Ehre
Ein Allerheiligstes, -- des andren Ehre!‹
Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter
eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in
Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern
zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr
keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst -- das
betone ich nochmals -- in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher
gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.«
Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen.
›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau
Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir
sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße
Haar. --
Es klopfte.
»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener.
Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen
offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und
kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!«
»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!«
Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen
blickten sie ernst an.
›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen
Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit
mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen heißen Kampf kämpfte!
Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel!
Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem
Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der
Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen
der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr
das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand
mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. -- In
ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte
lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger
Offiziere stand zur Abfahrt bereit.
Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen
Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem
schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte
in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine
Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust.
Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern.
Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz.
In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in
den strahlenden Mittag:
»Hoch Brandenburgs Rose!«
Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein.
Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem
kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr
meint ja doch nur meine Geige!«
Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann
würden wir's doch sagen!«
Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der
seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und
den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da.
Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz
recht, Eberhard, so gehört sich's -- ihr würdet's mir sagen!«
Ein leuchtender Blick dankte ihr.
»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu.
-- --
Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch
die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu.
Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das
alte Kranzlied.
»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und
wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir
den Jungfernkranz!«
Sechstes Kapitel.
Gala.
Siehst du das Märchen um Mitternacht
In lichter Seide, im Spitzenschleier?
Rosen im Haar, wie ein Maientag
Tritt es herein zu glänzender Feier!
Schaut sich im festlichen Raume um,
Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe,
Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, --
›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹
Der aber schüttelt den weißen Kopf,
Weiset zum Reiterstandbild hinüber, --
›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, --
Vielleicht auch nicht, -- die Zeit ist vorüber!‹
In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen
verhüllt, -- endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden.
Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt
gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war
fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der
Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit
seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße
Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber
eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das
zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage.
Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden.
Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder
Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine
Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem
Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte
weiße Gewand -- das Wunder des Winters. -- -- -- --
* * * * *
Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im
Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der
Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und
Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die
Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme
funkeln mit den Brillanten um die Wette.
Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar
erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan.
Oben das Aufstrahlen neuen Lichts, neuen Glanzes. Gold- und
Silbergefunkel, leuchtende Epauletts, blitzende Orden, Brokat,
rosendurchwirkte Schleier, Smaragdkolliers, Brillanten -- Gala.
Getragen von jener Feierstille, dem Vorspiel königlicher Feste, jenem
feinen Zeremoniell souveräner Höfe. Endlich halblaute Unterhaltung.
Leise ausgetauschte Verbindlichkeiten.
Der Saal füllt sich. Immer interessanter und stimmungsvoller gestaltet
sich das Bild, immer internationaler. Das Ausland sendet seine
Botschafter, seine Frauentype. Eigenart im weitesten völkischen
Sinne. Überall tauchen die fremden Gestalten auf, als gälte es,
ihre Art mit deutschem Blute zu mischen. Hohe Offiziere stehen in
Gruppen, Diplomaten, Attachés, Kammerherren. Dazwischen immer wieder
Frauenschönheit. Botschafterinnen mit Brillantreifen im Haar,
Landedelfrauen, Offiziersdamen, junge Mädchen, frisch, gesund, ein
Strauß blühender Rosen. Drüben unterhält sich der Reichskanzler mit der
Gemahlin des russischen Botschafters. Dicht daneben steht ein Chinese
mit einem Edelfräulein aus der Uckermark. -- --