Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!«

»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre

Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner

Ansicht sein.«

»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz.

»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt.

Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich,

nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums

sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen

und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter

Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten,

auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge,

laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!«

Jetzt erwachte der junge Stolz.

»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was

ich will.«

»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und

erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist

einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben

und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen zu wollen.

Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest

die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß,

dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche

Hypothese!«

In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich

nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft

eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du

dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder

kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch

unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im

Goldglanz.

»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert

haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere

Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen

Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger

konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber

es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen

Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das

Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue

tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, -- mein Gott, man

sieht das doch alle Tage!«

»Harro!« -- Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt

ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut

und Blut für Altar und Thron geopfert, das -- das sagt mein Enkel?« Die

Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und

trat ans Fenster. »Das -- das ist zuviel!«

Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen.

Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie

bisweilen schroff und hart, mochte sie altmodisch und einseitig in

ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie

so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt

eine scheidende Generation vertrat, die -- man mochte sagen, was man

wollte -- größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von

heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart

verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters,

welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das

durfte man ihr nicht verübeln.

Er sprang auf und trat an ihre Seite.

»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih

mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein

Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen

anpassen -- es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht

vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über --

bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht

nach Drachenburg zurückkehren kann!«

Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne

goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!«

Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen

Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, -- um die

Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter

Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über

märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron.

Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den

ehrwürdigen Zügen zu lesen und -- schwieg.

Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie

wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die

Dinge schlimm. Solange sie aber noch sprach, war Hoffnung auf einen

erträglichen Ausgang der Sache vorhanden.

»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in

ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf

ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in

bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das

tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke

mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum

verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter

Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und

Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen,

sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt,

wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und

ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein

des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer

göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit

glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf

dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als

ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!«

»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal

Schüler, von manchen Dummheiten ab.«

Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte

sich wieder.

»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht

leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf

diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man

sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben

Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum

wird das Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner

körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib

ohne Geist ist nun einmal tot.«

Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs

zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist

Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die

Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls

hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel

des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, -- allein der Adel

des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte

allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden:

entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft

gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt.

Aber das war eben Ansichtssache -- nichts weiter. Es kam alles auf die

Auffassung des Weltgeschehens an.

Er sagte es ihr.

»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich

nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?«

»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete

sie ernst, -- »aber« -- sie sah ihn fragend an -- »ob du so stark

bist, Harro? -- Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und

bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt

ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor,

ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in

verzweifelter Lage -- glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein

dadurch gefestigt werden würde?«

Er schwieg.

Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große Ganze. Ein

ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja

nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden

Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten

Augen fanden, was sie suchten.

Und dann las sie.

»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der

das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und

Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du

selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens?

Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte,

schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere,

die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit,

noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder

geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes,

um -- ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest?

Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie

einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch

heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last

und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, -- was wären sie

alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel

eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem

allem -- Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke

-- der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's

anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie

hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche

der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar

die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt

der Zeit Antwort. Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche,

Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen

Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist

das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.«

Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch.

Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus.

»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit

nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie

meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß

große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf

die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das

keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es

läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen,

als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das

Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er

findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!«

»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht

vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von

Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett

und Austernfrühstück, -- was trägt euch der Besuch in einem Hause ein,

das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit,

Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten.

Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben,

man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger

Mensch bleiben!«

»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur,

woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst. Was heißt das: ein

anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher

von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten

Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast?

Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit

dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und

kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße

Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen,

daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege,

dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes

über dich gehört, -- keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine

Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung

im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in

solchem Falle mit der Bemerkung ›+un peu déclassée+‹ das Urteil

sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, -- ich möchte noch

kaum von Grenzüberschreitung reden, -- und doch, für den Edelmann muß

es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre!

-- Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück -- etwas Bedenklicheres

kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß

er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen

Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das

Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes

Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow,

wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.«

»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,«

sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.«

»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie dein

Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher

Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache

selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache

gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte

fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen

Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu

eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich

dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete

Weltanschauung -- einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine

Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß

der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht

in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht

für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede

mir nicht darein, -- sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall

der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die

Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen

bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere

Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch

unser Vaterland: der deutsche Verfall!«

Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber

in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte

sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes

wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt

um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick,

etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der

Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der

letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der

Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland trauert. Und doch war dies

Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von

der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz

nur vor einem Höheren, -- vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie

-- eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro

Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er

sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie

kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe,

woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos

an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als

ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für

sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die

Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung -- jede von christlichem

Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch -- auf

der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so

stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel

erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten

Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die

wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum

ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und

geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich

in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit

nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese

Persönlichkeiten aus einem Guß.

Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr:

»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden,

durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott -- aber das solltet

ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen

Niedergang zu verzeichnen haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch

alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut

einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel,

Frauen‹ -- der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein

wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen --

das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn

unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder,

daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil

an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme

dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist

eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese

darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern

vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem

Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt.

Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!«

Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg

ihm in die Stirn.

»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier

nicht sagen lassen. Verzeih, -- aber --«

Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf

den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen

zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender

Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich

die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das -- ich sage es mit

Schmerz -- viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin

sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!«

Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf

ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier stolz zurückgeworfen, stand

sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete.

Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er

sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem

Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend,

irregeht, -- und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau,

die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete!

»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!«

Sie sah ihn voll an.

Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und

wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr

zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war

ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen

im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach.

Und sie machte sich hart.

»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!«

Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen,

aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu

beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In

einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.«

»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie

dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« -- sie zögerte einen

Augenblick, -- »das tust du nicht!«

»Das tue ich doch, Großmama!«

»Harro!«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 43 / 114 题