Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem
Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie
sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine
Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er
wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien
Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen
Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn
berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer
der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus
aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter
unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein
Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten
sagen lassen. Aber er kam immer wieder.
Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen
müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.
»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd.
»Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt
nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache
nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für
eine Frau mit weißen Haaren!«
»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der
alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne
und blickte auf seine Stiefelspitzen nieder. »Ich -- ich habe gestern
abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider
nicht gerade mein Fürsprecher.«
Frau von Kambach überhörte die letzten Worte.
»Was hast du denn angestellt?«
»Gott -- im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche
Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen -- da
bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin
Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben,
was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit
gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit
eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein
paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten
die Hälse, -- du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer
Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und
vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! -- Du kamst
gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die
Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die
Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.«
Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich
in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie
ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten
Pflichtgefühl fehlt.«
Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin
gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts
Ehrenrühriges getan!«
»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten.
Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was
unserem alten edelmännischen Begriff gegen die Ehre geht, und dem,
was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr
viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den
modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz
natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe
trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid.
»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro.
»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir
verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen
Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf,
mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten.
Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte
dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen
Namen. -- Lappen sind's! -- Sieh dir bitte die sogenannte erste
Gesellschaft einmal näher an, -- wir sind heruntergekommen, furchtbar
heruntergekommen!«
»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl.
Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage
angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische
Edelfrau in ihr. Und noch eine andere.
»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen
Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem
Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es
herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende
Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz
selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß
sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche.
Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen
Philosophie, -- der Fluch der Unsittlichkeit!«
»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat!
Außerdem war er jahrelang schwer krank.«
»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach.
»Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich
gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute
an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der
Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum
ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.«
»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung
ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien
auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben
Krankheitserscheinungen.«
»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen
zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro -- ist's nicht
ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse
eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl,
daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen
Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit
Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht
nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit
ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die
Sittlichkeit verloren gegangen.«
»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!«
»Jawohl -- und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer
die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern
gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer
standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe,
und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur
fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, -- so weit sind wir
auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!«
Der Ulan antwortete nicht.
»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von
Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, -- die
höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise,
das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade
der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung
fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem
himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu
bewahren.«
»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem
König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff
Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig.
Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.«
Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte
dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht
an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das
Gottesgnadentum ab -- sonst wäre er eben kein Unglaube -- kann da
noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und
Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die
alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps
die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig -- denn
die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie
verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des
Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang
eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen
Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten
Kriegsherrn schuldig. Aus dieser Zwickmühle findet der Gottesleugner
keinen Ausweg -- findest du einen?«
»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß
offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht
nachgegangen.«
»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.«
Er zuckte die Achseln.
»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie
fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren
Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von
Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!«
»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im
ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt.
»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet
man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich
bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst,
aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die
sittliche Lebenskraft fehlt dir -- das Christentum.«
»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir
nichts gibt!«
Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an.
»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit
zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹
-- Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du
alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht
wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der
Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹«
»Nein, so weit bin ich noch nicht!«
»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die
Vergottung des Künstlertums los!«
»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings
jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus
transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.«
»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer
Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes
Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe,
trägt.«