Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.«

Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen können, daß

du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr

kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen.

Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht,

Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland

verloren haben.«

Er antwortete nicht.

Totenstille herrschte.

Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer

Leidenschaft: Geigentöne.

»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer

Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte

hinüberlauschend die alte Frau.

»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts

versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die

Hände über mein Glück!«

Sie zauderte noch immer.

Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an

mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig

ist! Das schwör' ich dir!«

Er sah sie fest an.

Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen

Kambachaugen des Sohnes.

Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig

neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen

Augenblick segnend darauf.

»Gott helfe dir!« sagte sie leise.

Dann nahm er Abschied.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 44 / 114 题