Pastor Wendler trat an den Tisch. »Ist das christliche Liebe?«

»Das ist christliche Zucht,« erwiderte die alte Frau.

»Exzellenz verlangen sehr viel.«

»Nicht zuviel. Ich sagte Ihnen schon: mit jedem Suchenden würde ich

Geduld haben. Die Ablehnung des bewußten Irrlehrers aber halte ich für

eine zwiefache Pflicht: wir schulden sie der Gemeinde, deren Seelsorger

er wird, und dem Manne selbst, weil man, ihn zulassend, der Hehler

seiner bewußten oder unbewußten Unwahrhaftigkeit wird.«

»Unwahrhaftigkeit?«

»Gut. Sagen Sie Entstellung der Tatsachen. Es läuft auf eins hinaus.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nur immer wieder fragen: wo ist die

Grenze?«

»Und ich kann nur immer wieder antworten: die Grenze ist die Person

Jesu Christi.«

Still war's im Zimmer. Ein tiefer heiliger Ernst lagerte auf der Stirn

der weißhaarigen Frau. In dem ehrlichen Antlitz des Mannes arbeitete

es.

»Unwahrhaftigkeit? Entstellung der Tatsachen? Exzellenz!« Die Tränen

standen ihm in den Augen.

»Es sind harte Worte, ich gebe es zu, aber die Wahrheit fordert sie,«

sagte sie traurig.

Er tat einen Schritt auf sie zu, -- auf seinem Gesicht lag's wie eine

flehende beschwörende Bitte. »Die Wahrheit! Gewiß! Aber ist Christus

nicht wahrhaftiger Mensch?«

»Er ist der menschgewordene Sohn Gottes, also zuerst wahrer Gott!«

»Exzellenz dürfen nicht vergessen, daß von dem Glauben ausgegangen

werden kann: Er ist wahrer Mensch!«

Sie blickte ihn fest an.

»Ist es nicht zuviel verlangt,« fuhr er mit bebender Stimme fort,

»gleich bei der Ordination eine Entscheidung zu fordern, die mancher

andere erst auf der Höhe des Lebens zu treffen vermag -- oder auch

nicht?«

»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich einem aufrichtig Suchenden, der

noch nicht alle Punkte des Glaubensbekenntnisses unterschreiben kann,

Zeit lassen würde, wenn er in der Hauptsache auf ewigem Grunde steht,«

entgegnete sie. »Nur den bewußten Irrlehrer würde ich bedingungslos

ablehnen.«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 37 / 114 题