»So weit sind wir längst. Und Sie selbst befinden sich auf dem besten
Wege dazu, lieber Wendler!«
»Exzellenz erklärten vorhin die Forschung, ja selbst die Bibelkritik
für berechtigt. Die Wissenschaft soll also nicht ausgeschaltet
werden. Wo aber ist ihre Grenze? Meines Erachtens ist sie sehr schwer
festzustellen.«
»Meines Erachtens sehr leicht. Die Grenze ist die Person Jesu Christi.«
Wieder zuckte er die Achseln. »Gerade dort hat die Kritik am meisten
Grund, einzusetzen. Wenn Exzellenz an die Verschiedenheit der Berichte
denken -- was ist echt, was unecht? -- Das ganze Neue Testament fordert
geradezu den Subjektivismus heraus,« -- er seufzte -- »Exzellenz
-- warum müssen wir von diesen Dingen reden? Ich sage es offen und
ehrlich: ich bin nicht wieder nach Dreilinden gekommen, weil ich
es nicht übers Herz brachte, die Frau, der ich so vieles danke,
zu kränken; denn ich weiß es, was ich jetzt ausspreche, muß Eure
Exzellenz verletzen. Aber meine heiligste Überzeugung kann ich nicht
verleugnen. Alles ist im Fluß, im Werden. Die Hauptsache ist, daß wir
die wunderbaren Möglichkeiten zur Erziehung des menschlichen Geistes
und Willens in rechter Weise verwerten, daß unser Volk es lernt, seine
religiösen Aufgaben zu erfüllen und die große Entwicklung, welche mit
Gottes Hilfe angebahnt ist, zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Zeit
des Abfalls hat ihren Höhepunkt überschritten. Ein hungerndes Volk
wartet sehnend auf lebendiges Brot. Aber dies Volk ist frei, es will
keine Ketten, es will Leben, will sein eigenes persönliches Erlebnis.
Und es hat vollkommen recht: die starre verknöcherte Orthodoxie
bringt ihm dies Erlebnis nicht. Glaube kann nicht durch logische
Beweise erzwungen werden; denn er ist der Ausdruck persönlichsten
Fürwahrhaltens. Wir haben es mit Schwachen zu tun, mit Kindern, welche
die schwere Kost des Apostolikums nicht vertragen, die langsam, langsam
glauben ~lernen~ sollen, die wir nicht vor jenes übernatürliche,
ihren Sinnen unfaßbare Christusbild des Supranaturalismus führen
dürfen, -- das glimmende Fünklein würde ersticken! Wenn wir mit dem
groben Geschütz der Orthodoxie auffahren wollten, würden wir alles
verderben, das Dogma hat noch keinen Menschen zum Glauben gebracht! Wir
müssen Jesum erleben, Exzellenz!«
Frau von Kambach hatte ihr Gegenüber ruhig angehört. »Und Sie glauben
wirklich, daß Sie diese hungernden Seelen satt machen?« fragte sie,
»glauben wirklich, daß das Erleben, das Sie predigen, einem Menschen
die Kraft gibt zum Leben und Sterben? Mißverstehen Sie mich nicht: ich
will dies vielumstrittene Wort durchaus nicht verwerfen. Es ist die
heißeste Tagesfrage: wie werde ich der christlichen Wahrheit gewiß? Und
ich bin ganz der Ansicht, daß christliche Wahrheitsgewißheit nur durch
persönliche Heilserfahrung möglich ist, -- und das ist der Punkt, wo
unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen -- durch die Gewißheit,
welche sich auf Heilstatsachen gründet, auf den Tatbestand göttlicher
Offenbarung. So und nur so werde ich in Gottes Gemeinschaft gezogen,
so nur erlebe ich diese Gemeinschaft -- auf Grund geschichtlicher
Tatsachen, -- denn ein Glaube, dem die Wirklichkeit fehlte, wäre
nicht lebensfähig! -- Was nützt mir die wunderbarste Hypothese? Davon
wird eine hungernde Seele nicht satt, und die Vergebung der Sünden
wird uns nur gewiß in dem felsenfesten Bewußtsein: Er trug unsere
Krankheit. Nein, nein -- Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ohne die
Gründung auf den Glauben an Krippe und Kreuz und die Ostertatsache kein
persönliches Erleben, keine Heilsgewißheit! Und diesen Glauben bringt
uns die Forschung nicht, so wichtig sie sonst auch ist, den bringt uns
nur Gottes heiliger Geist, -- Gott selbst dringt auf uns ein, ergreift
uns, -- es kommt nur darauf an, daß wir uns ergreifen lassen. Unsere
Zeit hat unvereinbare Gegensätze in den Begriff Erleben hineingetragen.
Die moderne Theologie erklärt: ›Wir müssen Jesum erleben, müssen in ihm
leben.‹ Die Bibel sagt: ›Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus
lebt in mir!‹ Es kommt wieder auf das hinaus, was ich vorhin sagte.
Hier göttliche Gnadengabe, -- dort Menschenwerk. Ich muß immer wieder
daran denken, daß der Herr, das Kommen des Heiligen Geistes verheißend,
sagt: ›Er wird die Welt strafen um die Sünde, ~daß sie nicht glauben
an mich~.‹ Daran krankt unsere Zeit. Den Heiland der Bibel will
sie nicht, den Versöhner ihrer Sünde lehnt sie ab, sein Kreuz, sein
leeres Grab versteht sie nicht, -- was aber der kleine Menschenverstand
nicht erfaßt, das verwirft er, es muß ein neuer Weg zur religiösen
Gewißheit gefunden werden. Glauben Sie wirklich, daß solch ein armes
Menschenkind, das lebenslang nur Jesusverehrung gekannt, in vielleicht
ganz plötzlicher Todesnot die Kraft findet, das Bild menschlicher
Weisheit zu vergessen und mit brechendem Herzen und schwindendem Odem
den Blick glaubensvoll auf ein anderes zu richten, auf das Bild des
heiligen barmherzigen Heilandes, seines Herrn und Gottes? Es ist zum
mindesten ein furchtbar gewagtes Spiel, das die moderne Theologie mit
der Menschenseele treibt!«
»Exzellenz!« -- In heißem Schmerz kam's von den Lippen des Mannes.
Jetzt hatte sie ihn in tiefster Seele getroffen. Aber sie hielt seinen
Blick aus. Sie wußte, nur die Wahrheit konnte ihm helfen.
»Das Apostolikum ist eine Unmöglichkeit für unsere Zeit!« rief er
erregt. »Es ist doch schließlich nichts weiter als eine menschliche
Form! Ich verwerfe durchaus nicht das Ganze, der alte Most soll ja
nur in neue Schläuche gefüllt werden. Gewiß, der Modernismus ist eine
Gefahr, aber er ist notwendig und berechtigt. Und den Dienst der
Aufrüttelung hat er uns geleistet. Es ist nun einmal nicht Gottes
Wille, daß die Geschichte der Völker geradlinig fortgeht, darum ist
auch die Kirchengeschichte Strömungen unterworfen. Herrschte nicht so
viel Lehrstreitigkeit, so würde trotzdem alles seinen geordneten Gang
gehen -- es ist ein großes Unrecht, immer wieder die Kluft zu erweitern
und von unüberbrückbaren Gegensätzen zu sprechen. Auf diese Weise wird
die Notlage nicht gebessert.«
»Die Kluft würde nie entstanden sein, wenn die Grundwahrheiten der
Kirche nicht angetastet worden wären,« erwiderte Frau von Kambach.
»Mit jedem, der Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Sohn des
ewigen persönlichen Gottes, als seinen Herrn und Versöhner bekennt,
weiß ich mich im tiefsten Glaubensgrunde eins -- ~da~ gilt für
mich die ›Gleichberechtigung der Richtungen‹, -- wo man aber seine
Gottheit leugnet oder verschleiert, da hört für mich allerdings die
Gemeinschaft auf, denn der Glaubensgrund ist ein anderer, es handelt
sich letzten Endes nicht um Richtungen, sondern um verschiedene
Religionen. -- Sie nennen das Apostolikum eine menschliche Form,
vergessen aber, daß sein Inhalt ein göttlicher ist. Denn es faßt die
Heilstatsachen der Schrift zusammen. Wenn Sie das Apostolikum ablehnen,
lehnen Sie die Schrift ab.«
»Ich denke nicht daran, Exzellenz! Ich lehne höchstens eine veraltete
Auffassung der Schrift ab. Wozu sind wir Prediger des Evangeliums
denn da? Doch ganz gewiß nicht dazu, um unerträgliche Irrtümer zu
verbreiten! Es stünde wahrhaftig traurig um unsere Kirche, wenn die
Gleichberechtigung der Richtungen nicht anerkannt würde.«
Sie sah ihn mit tiefem Schmerz an. »Glauben Sie wirklich, daß die
bibelgläubige Gemeinde sie anerkennt? Ich kann Ihnen sagen, das wird
nie geschehen; denn es handelt sich, wie ich schon sagte, in Wahrheit
nicht um verschiedene Richtungen, sondern um verschiedene Religionen!«
Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Seufzend strich er
das volle dunkle Haar aus der Stirn. »Ich wußte es, daß unsere Wege
auseinandergingen, Exzellenz -- mußte dies Gespräch denn sein?«
Sie wandte ihm das Antlitz voll zu. »Mein lieber Herr Pastor, würden
Sie mich noch achten und ehren können, wenn ich Sie blind in Ihr
Verderben rennen ließe? Und Sie sind's nicht allein! Eine Gemeinde ist
Ihnen anvertraut, Sie sind berufen, an der Seele unseres Volkes zu
arbeiten. Ich weiß es, Sie sind sich Ihrer großen Verantwortung bewußt,
-- und doch, -- wie ist's menschenmöglich!«
Er stand noch immer am Fenster und blickte hinaus. Eine heiße Ungeduld
malte sich in dem geistreichen Gesicht. »Wenn Exzellenz zu verfügen
hätten, würde also kein liberaler Theologe zum Amte zugelassen werden!«
sagte er endlich. »Dann würde allerdings manche Gemeinde hirtenlos
sein.«
»Ich würde den Suchenden, Ringenden immer ordinieren,« erwiderte sie,
»würde es ihm aber zur Pflicht machen, falls er im Laufe der Zeit
nicht zum vollen Heilsglauben durchdringt, sein Amt niederzulegen. Den
bewußten Irrlehrer, der in Christus nur den höchstbegnadeten Menschen
sehen will, würde ich dagegen ablehnen. Er gehört nicht auf die
Kanzel.«