Er seufzte. »Was wird heutzutage nicht alles Irrlehrer genannt!«

Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen.

»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene

Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die

Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer

daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über

Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel

entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte

vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.«

»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi

glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird -- wer kann

das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.«

»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte,

»das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden

kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung,

nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns

aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht,

die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in ~dem~

Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte

fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.«

Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den

herbstlichen Garten.

Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde

Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen

befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich bitte einen Juristen

vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken

arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche

aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten

bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt

Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.«

»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das

Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler.

»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit

vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung

ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des

Unglaubens enthält immer Irrlehre -- Irrlehre aber birgt den Tod.

Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens

gezeitigt?«

Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der

Geistliche am Fenster.

»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die

Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert

Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!«

Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt,

trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener

tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen

auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine

Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte,

sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie

sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht,

worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein

Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß

Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber

die Wissenschaft, die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft.

Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend

Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im

Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man

daran« -- wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige

Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich

ohne sie alles auflöst?«

Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort.

Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der

Natur.

›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹

Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber.

Hatte sie recht? -- An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste

Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger

Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte

die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum

Kreuz.

Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste

Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht

etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig,

mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, -- aber

-- an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch

kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit

Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den

jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so

hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene

und von der ewigen Sonne geküßte Blüte der Menschheit‹[1] -- mit

diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet

und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den

beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat

›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte

der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht

an.

Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht

um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit

dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme

irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen

Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die

Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was

soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den

Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf

die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche.

Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht

unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte

sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter

Ihren diesjährigen Konfirmanden« -- hier stockte sie -- »Herr Pastor,

es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht

verführt werde!« Ihre Stimme brach -- sie wandte sich ab.

Tief erschüttert stand er da.

›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen.

Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und

doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen

Studierstube bei der greisen Frau, die er noch heute trotz allem, das

sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins

fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die

große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach

der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in

das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark

und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner

alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, -- dann war's

allmählich anders geworden ... Und heute?

Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine

Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem

Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne,

der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung

geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit

des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare

überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag.

Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie

hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung

des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht.

Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last

nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser

Erde.

Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche

Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng

konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch

eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine

Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die

klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch

geschaffen. Das sollte nicht sein! -- -- --

Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da,

ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte.

»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem

Menschen den Glauben einreden -- man darf's auch nicht. Nur warnen muß

ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie

vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde

wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche

Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens -- und -- entgleist. -- Ich will

gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht

bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort,

meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu

erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht

eine alte halbvergessene, -- die aber doch noch lebendig ist, von der

Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen!

Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der

Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die

große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, -- dann -- dann

beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege

stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem

persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig,

auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu

mir -- ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! --

Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll

mütterlicher Liebe und Güte an.

Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl.

»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme.

Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der

Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den

sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck

umfaßte sie seine Hände:

»Ich danke Ihnen!«

Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe.

Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. -- -- --

In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf.

Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las.

Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine

Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich.

Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz

anders.«

Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns

Ding!«

Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem

Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt,

wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker

dachte sich sein Teil.

Sie aber wanderte weiter.

Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen

fiel der Schatten der hohen Gestalt.

Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die

Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt,

das stillste heiligste Zusammensein mit Gott.

So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene

Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. -- --

Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach.

Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur

ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser

Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des

völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens.

Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der

Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie

war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das

Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend,

seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig

anbahnte. Wo wollt's hinaus?

Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener

Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte

sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar,

die Krone ihres Alters.

Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der

Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker

hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte

die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die

deutsche Volksseele zu retten.

Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken

des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja

nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während

sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer,

von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren

Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste

vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen

und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt.

Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland verlor zu früh zwei

Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die

Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte

brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von

Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr

das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den

Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der

Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer,

die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und --

Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl.

Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine

Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort

gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und

Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und

dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu

nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte

Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr

anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun

stand sie vor der Riesenaufgabe.

Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher

Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die

ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk

richtete:

›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge -- waren nicht, wie wir

jetzt sind!‹

Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie

sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die

Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand.

Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war

sie's -- --

Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt

seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch

die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen

Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹

Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben

gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. -- --

»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während

sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt,

um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und

Schuldigkeit zu tun!«

Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich

eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer

stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!«

Fünftes Kapitel.

Adel.

Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht:

Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht!

Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd,

Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert!

Die Scholle der Heimat ist euch vertraut,

Der deutsche Acker, den ihr bebaut,

Die Sitte, der alte heilige Kitt,

Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt!

Adel des Blutes ist Vornehmheit,

Adel der Seele Persönlichkeit,

Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht,

Adel ist's, der die Wahrheit sucht.

Adel kämpft für Altar und Thron,

Adel kennt keinen irdischen Lohn!

Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, --

Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!

Es klopfte.

Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.

»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte

dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand.

»Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«

»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas

auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie,

sich setzend und auf einen Stuhl weisend. Sie freute sich allemal,

wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie

schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe

gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja

strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher

Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war

dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas

Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn.

Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs

Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern

die persönliche Rechtfertigung versagt, -- eine zu weit gehende, ihre

Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge.

Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem

Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein

schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung.

Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug

von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in

Kambach dürfe nur ~eine~ Meinung herrschen, war daher nicht ganz

unberechtigt.

Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte

schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern

gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie

gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie,

und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen

die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau

Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit

wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen

Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem

sogenannten Sirenenquartier in Kambach, welches der Oberstallmeister

seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. -- --

Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring

spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung,

in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener

Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen

Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die

früh verstorbene Mutter.

Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen

Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.

Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen

heiligen Respekt vor ihr.

»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du

nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick

gesehen.«

Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum

kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und

her.

»Nun also, was gibt's?« fragte sie.

»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du -- du sollst die Hände

über mein Lebensglück breiten.«

Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.

»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«

»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 38 / 114 题