Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen.
»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene
Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die
Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer
daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über
Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel
entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte
vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.«
»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi
glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird -- wer kann
das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.«
»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte,
»das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden
kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung,
nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns
aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht,
die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in ~dem~
Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte
fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.«
Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den
herbstlichen Garten.
Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde
Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen
befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich bitte einen Juristen
vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken
arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche
aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten
bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt
Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.«
»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das
Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler.
»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit
vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung
ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des
Unglaubens enthält immer Irrlehre -- Irrlehre aber birgt den Tod.
Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens
gezeitigt?«
Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der
Geistliche am Fenster.
»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die
Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert
Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!«
Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt,
trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener
tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen
auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine
Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte,
sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie
sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht,
worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein
Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß
Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber
die Wissenschaft, die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft.
Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend
Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im
Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man
daran« -- wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige
Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich
ohne sie alles auflöst?«
Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort.
Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der
Natur.
›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹
Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber.
Hatte sie recht? -- An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste
Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger
Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte
die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum
Kreuz.
Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste
Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht
etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig,
mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, -- aber
-- an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch
kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit
Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den
jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so
hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene
und von der ewigen Sonne geküßte Blüte der Menschheit‹[1] -- mit
diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet
und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den
beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat
›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte
der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht
an.
Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht
um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit
dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme
irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen
Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die
Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was
soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den
Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf
die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche.
Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht
unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte
sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter
Ihren diesjährigen Konfirmanden« -- hier stockte sie -- »Herr Pastor,
es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht
verführt werde!« Ihre Stimme brach -- sie wandte sich ab.
Tief erschüttert stand er da.
›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen.
Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und
doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen
Studierstube bei der greisen Frau, die er noch heute trotz allem, das
sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins
fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die
große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach
der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in
das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark
und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner
alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, -- dann war's
allmählich anders geworden ... Und heute?
Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine
Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem
Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne,
der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung
geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit
des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare
überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag.
Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie
hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung
des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht.
Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last
nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser
Erde.
Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche
Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng
konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch
eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine
Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die
klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch
geschaffen. Das sollte nicht sein! -- -- --
Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da,
ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte.
»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem
Menschen den Glauben einreden -- man darf's auch nicht. Nur warnen muß
ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie
vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde
wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche
Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens -- und -- entgleist. -- Ich will
gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht
bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort,
meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu
erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht
eine alte halbvergessene, -- die aber doch noch lebendig ist, von der
Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen!
Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der
Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die
große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, -- dann -- dann
beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege
stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem
persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig,
auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu
mir -- ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! --
Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll
mütterlicher Liebe und Güte an.
Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl.
»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme.
Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der
Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den
sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck
umfaßte sie seine Hände:
»Ich danke Ihnen!«
Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe.
Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. -- -- --
In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf.
Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las.
Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine
Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich.
Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz
anders.«
Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns
Ding!«
Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem
Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt,
wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker
dachte sich sein Teil.
Sie aber wanderte weiter.
Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen
fiel der Schatten der hohen Gestalt.
Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die
Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt,
das stillste heiligste Zusammensein mit Gott.
So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene
Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. -- --
Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach.
Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur
ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser
Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des
völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens.
Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der
Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie
war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das
Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend,
seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig
anbahnte. Wo wollt's hinaus?
Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener
Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte
sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar,
die Krone ihres Alters.
Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der
Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker
hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte
die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die
deutsche Volksseele zu retten.
Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken
des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja
nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während
sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer,
von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren
Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste
vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen
und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt.
Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland verlor zu früh zwei
Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die
Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte
brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von
Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr
das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den
Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der
Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer,
die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und --
Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl.
Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine
Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort
gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und
Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und
dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu
nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte
Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr
anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun
stand sie vor der Riesenaufgabe.
Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher
Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die
ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk
richtete:
›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge -- waren nicht, wie wir
jetzt sind!‹
Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie
sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die
Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand.
Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war
sie's -- --
Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt
seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch
die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen
Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹
Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben
gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. -- --
»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während
sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt,
um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und
Schuldigkeit zu tun!«
Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich
eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer
stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!«
Fünftes Kapitel.
Adel.
Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht:
Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht!
Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd,
Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert!
Die Scholle der Heimat ist euch vertraut,
Der deutsche Acker, den ihr bebaut,
Die Sitte, der alte heilige Kitt,
Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt!
Adel des Blutes ist Vornehmheit,
Adel der Seele Persönlichkeit,
Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht,
Adel ist's, der die Wahrheit sucht.
Adel kämpft für Altar und Thron,
Adel kennt keinen irdischen Lohn!
Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, --
Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!
Es klopfte.
Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.
»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte
dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand.
»Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«
»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas
auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie,
sich setzend und auf einen Stuhl weisend. Sie freute sich allemal,
wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie
schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe
gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja
strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher
Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war
dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas
Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn.
Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs
Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern
die persönliche Rechtfertigung versagt, -- eine zu weit gehende, ihre
Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge.
Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem
Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein
schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung.
Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug
von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in
Kambach dürfe nur ~eine~ Meinung herrschen, war daher nicht ganz
unberechtigt.
Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte
schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern
gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie
gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie,
und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen
die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau
Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit
wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen
Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem
sogenannten Sirenenquartier in Kambach, welches der Oberstallmeister
seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. -- --
Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring
spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung,
in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener
Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen
Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die
früh verstorbene Mutter.
Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen
Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.
Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen
heiligen Respekt vor ihr.
»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du
nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick
gesehen.«
Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum
kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und
her.
»Nun also, was gibt's?« fragte sie.
»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du -- du sollst die Hände
über mein Lebensglück breiten.«
Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.
»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«
»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«