Eberhard kam hinter den beiden hergelaufen.
»Vater, -- Großmutter ist noch mit Fräulein Eichel und Herrn von
Roselius in der Kirche. Sie wollen das Bild von der Urgroßmutter
besehen. Wir sollen nicht mit dem zweiten Frühstück auf sie warten.«
»Schön, mein Junge!« sagte der Oberstallmeister. »Roselius kennt die
Geschichte der Stradivariusgeige wohl noch nicht,« wandte er sich
dann zu seiner Begleiterin, während sie die Dorfstraße überschritten.
»Wir haben das alte Bühlersche Erbstück Sibylle geschenkt, was ja das
Gegebene war. -- Ich habe übrigens selten solch ein Spiel gehört!«
Gräfin Ursula nickte stumm zu seinen Worten. Ihre Gedanken wanderten
in die kleine Dorfkirche zurück, wo die Frau, deren liebliches Bild
im Chorstuhl der Kambachs hing, in der stillen Gruft ruhte. Eine
königliche Mitgift hatte sie ins Haus gebracht, edle deutsche Kunst!
-- --
Man erzählte sich von Sophie Charlotte von Kambach, daß bei ihrem Tode
ein leises Klingen die Saiten der Stradivariusgeige bewegt habe, wie
das Schluchzen eines Kindes -- --
Gräfin Brelows Blick schweifte zum Altan hinüber, wo zwei schöne junge
Menschen in tiefem Gespräch beieinander standen -- ein Kambach und eine
Bühler. -- --
* * * * *
In dem freundlichen Studierzimmer Pastor Wendlers saß Exzellenz von
Kambach auf dem grünen Ripssofa dem Hausherrn gegenüber. Sie hatte ihre
Gesellschafterin, Fräulein Eichel, mit dem Oberleutnant ins Schloß
geschickt und war den harten schweren Weg, den heißeste Sorge und
Liebe sie antreten hießen, allein gegangen. Und nun saß sie dem Manne
gegenüber, den sie von klein auf gekannt, der als junger Geistlicher
mit seinen Nöten zu ihr gekommen und als reifer Mann die betagte
geistvolle Frau um Rat gefragt, bis -- ja, bis -- -- Es war eben eine
Zeit gekommen, da er den Weg nach dem stillen Dreilinden nicht mehr
fand.
Und heute kam die Greisin zu ihm. Mit einer Selbstverständlichkeit, als
sei nichts zwischen sie getreten, war sie nach dem Gottesdienst auf der
Pfarre erschienen und hatte ihn um eine Unterredung gebeten, wie jedes
andere Gemeindeglied aus dem Dorf.
Dreilinden war in Kambach eingepfarrt, und während der Sommermonate
versäumte die alte Exzellenz keinen Gottesdienst. Pastor Wendler
hatte sich oft im stillen gewundert, daß sie sich noch unter seine
Kanzel setzte -- war's das gutsherrliche Vorbild, die Sitte, die sie
hochhielt, er wußte es nicht. Aber eins wußte er. Hätte er heute die
greise Frau um ihr Urteil über seine Wortverkündung gebeten, sie
hätte ihm, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwidert: ›Es ist
Irrlehre!‹
Über ihren Krückstock gebeugt, saß sie in der Herbstsonne, und die
blauen Augen blickten ihn mit der alten Freundlichkeit an. Aber in dem
stillen Gesicht stand eine stumme Frage: ›Warum hast du mir das getan?‹
In seiner Seele erwachte Widerspruch. Was hatte er denn getan? War
es etwa ein Unrecht, der Wissenschaft den Platz zu geben, der ihr
gebührte, und dem modernen Menschen nach Kräften die Steine des
Anstoßes aus dem Wege zu räumen? Er veräußerte ja nichts, indem er die
starre Form der Orthodoxie preisgab, das Kreuz blieb ja bestehen, --
war es nicht heilige Pflicht, den Schutt der Jahrhunderte zu entfernen
und die Wahrheit in vollem Glanze erstrahlen zu lassen? Seltsam, daß
liberal und modern immer verwechselt wurden! Und dann kam's, worauf er
gewartet -- kein Wort des Vorwurfs, -- aber eine tiefe schwere Klage,
von banger Sorge um Volk und Vaterland getragen: wie's menschenmöglich
sei, daß auch er, gerade er dem Subjektivismus der Jetztzeit verfallen
sei, wie's habe geschehen können, daß von seinem Christusglauben, den
er einst so freudig bekannt, nichts als bloße Jesusverehrung übrig
geblieben sei?
Ohne die geringste Schärfe kamen die schweren Worte über die Lippen der
alten Edelfrau; aber die tiefe Trauer, die sie begleiteten, löste ein
Empfinden in der Seele des Mannes aus, das er bisher nicht gekannt: den
Schmerz des Unverstandenseins.
Und doch war ~er's~ gewesen, der sich stillschweigend von ihr
zurückgezogen, sie aber kam mit unveränderter Güte, mit ihrem klaren
ungeschminkten Wort in sein Haus. Sie pochte nicht auf ihr reiches
Wissen, um das sie manch einer hätte beneiden können, auf ihre große
Kenntnis in kirchlichen Fragen, sie kam als schlichte Bibelchristin,
die ihr Heiligstes angetastet sah. Aus dieser Sorge heraus, die im
Blick auf ihre Kirche, ihr Volk und Vaterland ins Unermeßliche wuchs,
trat sie vor ihn mit heiligem Ernst, mit großer tragender Liebe,
mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, die bis zur letzten Stunde an
ihn glaubt. Das nahm der schweren Unterredung von vornherein die
Schärfe, so stark die Gegensätze auch waren. Denn Frau von Kambach gab
nicht eines Schritte Breite ihres alten heiligen Besitzes preis, und
Pastor Wendler verteidigte mit zäher Ausdauer das im Schweiße seines
Angesichts errungene Neuland.
»Exzellenz sagten vorhin, ich kranke am Subjektivismus der Jetztzeit,
wie soll ich das verstehen?« fragte er ernst.
»Sie machten in Ihrer Predigt das Wunder als solches vom Glauben des
einzelnen abhängig. Glaube er an das Wunder, so sei es vorhanden,
glaube er nicht daran, so sei es hinfällig. Das Wunder wird so als
etwas Unwirkliches, Zufälliges hingestellt und erhält außerdem durch
diese Abhängigkeit vom menschlichen Urteil das Gepräge des Irdischen,
Innerweltlichen.«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich freue mich, Eurer Exzellenz dies Mißverständnis erklären zu
können. Selbstverständlich wird das Wunder Tatsache, sobald der Glaube
von ihm Besitz ergreift!«
»Und wenn er es nicht tut?«
»Dann ist das Wunder natürlich zwecklos, weil es seine Aufgabe nicht
erfüllt.«
»Nach dem, was Sie in der Predigt sagten, ist es in dem Falle
überhaupt nicht vorhanden,« entgegnete Frau von Kambach. »Sie dürfen
nur nicht vergessen, daß Ihr heutiger Text die Heilswunder in den
Mittelpunkt stellte, daß sich der Begriff Wunder in diesem Falle mit
der Person Christi deckt. Ich bin die letzte, welche die Wissenschaft
auf religiösem Gebiet ablehnt. Es gibt eine berechtigte Bibelkritik.
Nämlich die, welche Gottes Herrlichkeit mehr und mehr zu ergründen
strebt, welche die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die
äußeren und inneren Fragen jener großen vergangenen Zeit immer tiefer
zu erforschen sucht. Das ist die Bibelkritik, oder richtiger gesagt
die Forschung, welche sich ~unter~ das Wort stellt. Sie darf
nicht verwechselt werden mit jener anderen, welche sich zum Richter
der Heiligen Schrift aufwirft und das Christentum und seine Grundlagen
letzten Endes als ein Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung
betrachtet. Man kann diese Art nicht entschieden genug ablehnen.«