Leichenblaß stand der junge Offizier da: »Erlaucht!«

Ein breiter Schatten fiel auf die kleine Gruppe. Er wandte sich um.

Vor ihm stand sein Vater, die Großmutter Kambach am Arm. Ein Blick

sagte Harro, daß die beiden den größten Teil der Unterhaltung mit

angehört hatten. Ein unsagbar peinlicher Augenblick folgte.

»Nicht wahr, du mußt erst morgen abend wieder in Drachenburg sein?«

wandte sich der Oberstallmeister mit undurchdringlicher Miene an seinen

Ältesten. »Ich habe vorher noch mit dir zu reden.«

Er ging an ihm vorüber auf Graf Bühler zu.

Von der Galerie riefen die Jagdhörner. Noch einmal schwebte der Reigen

durch den Saal. Hochgewachsene Junker, lichte Mädchengestalten

verneigten sich vor dem Hausherrn und der greisen Edelfrau.

Dann klang das Halali.

Draußen schlug die Turmuhr halb zwei.

»Nu is det och all wider vorbi,« sagte Franz Schenker, der neben seiner

Frau in der offenen Saaltür stand, »aber 's ward och Tid!«

Viertes Kapitel.

O Deutschland!

Gib Antwort, Deutschland, wo ist deine Ehr'?

Wo ist dein markiges Heldengeschlecht?

Wo ist deine Zucht, die strahlende Wehr?

Wo ist dein Glaube, dein heiligstes Recht?

Wo sind die Männer von dazumal?

Wo ist der starke adlige Sinn?

Wo sind die Beter, die Streiter des Herrn?

Gib Antwort: wo sind deine Frauen hin?

Schläfst du, Deutschland? Die Wachtfeuer glüh'n

Von Waffen starrt's, der Feind kommt zuhauf!

Drüben im nächtlichen Dom am Rhein

Da stehn deine Kaiser vom Schlafe auf!

Vernimmst du nichts vom Jammer der Zeit?

Vom Kampf der Geister ums Morgengrau'n?

Wach auf vom Schlafe! Antworte mir!

Deutschland, wo sind deine Männer und Frau'n?

Der Gottesdienst war beendet. Unter den herbstlichen Linden standen

die Kirchgänger in Gruppen, besprachen die Predigt und blickten der

Gutsherrschaft und den letzten Hochzeitsgästen nach, die langsam dem

Herrenhause zuwanderten.

Die nächsten Nachbarn waren den Sonntag über noch geblieben, Graf und

Gräfin Brelow, Graf Bühler mit seiner Tochter Nandine, Sibylle, die

den Großvater nach Schloß Bühl begleiten sollte. Einige Drachenburger

Herren, die mit dem Sohn des Hauses gekommen waren, ein Graf Luckau,

zwei Malwitze und der Oberleutnant von Roselius, Harro Kambachs

Freund, beschlossen den Kreis.

Manch weißes Haupt entblößte sich ehrerbietig vor dem Gutsherrn, mehr

als ein Blick voll Stolz und Dankbarkeit folgte der hohen soldatischen

Erscheinung.

Nach allen Seiten freundlich grüßend, schritt Herr von Kambach in

eifrigem Gespräch mit der Gräfin Brelow der Dorfstraße zu.

»Pastor Wendler tritt jeden Sonntag etwas deutlicher mit seiner wahren

Ansicht hervor,« sagte die schöne Frau.

Die Brelows waren in Kambach eingepfarrt.

Der Oberstallmeister blickte vor sich nieder. »Eigentümlich, --

erinnern Sie sich noch der Probepredigt?«

»Ja, gewiß, sie war ganz positiv. Sollte er sein Mäntelchen damals

schon nach dem Winde gehängt haben?«

Herr von Kambach schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Aber er

ist, besonders in den letzten Jahren, in liberales Fahrwasser geraten.

Ich beklage das um so mehr, da ich ihn als Mensch sehr hoch stelle.«

Er blieb stehen und blickte auf das schöne leuchtende Land zu seinen

Füßen. »Wenn das, was die heutige Predigt befürchten läßt, sich

bewahrheiten sollte, komme ich in eine schwierige Lage. Sie wissen,

Eberhard soll Ostern konfirmiert werden.«

Sie nickte. »Ja, und gerade der Unterricht ist eine so große Gefahr.

Erinnern Sie sich, was Lieselotte damals aus der Berliner Pensionszeit

alles mitbrachte? Wir lassen kein Kind wieder am städtischen

Konfirmandenunterricht teilnehmen!«

»Es ist nur die Frage, wie lange das Land noch positiv ist,« sagte er

ernst. »Höre ich noch eine solche Predigt, so sehe ich mich gezwungen,

den Jungen aus der Konfirmandenstunde zu nehmen, -- was spreche ich

damit aber vor dem ganzen Dorfe aus? Die Leute sind hier sehr kirchlich

und zum Teil schon hellhörig geworden! Der alte Schenker würde sonst

auch wohl dafür sorgen, daß seine Kambacher nicht einschlafen!«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 34 / 114 题