»Bitte, lieber Harro! Nicht wahr, dies ist ein gemütliches Eckchen,
wir sind hier ganz unter uns! -- Übrigens sprachen wir gerade von den
Vorzügen Ihres Hauses! Die Ohren müssen Ihnen geklungen haben!«
Harro beugte sich vor. Eine Ahnung sagte ihm, was nun kommen werde:
die Predigt über den vorbildlichen Landedelmann. Fürchterlich. Aber
was half's? Man mußte andächtig zuhören. Hoffentlich tat der alte
Herr keine persönlichen Fragen. Er verfügte über eine unversiegbare
Gründlichkeit.
»Sie brauchen keine Abhandlung über das Agrariertum zu befürchten,«
sagte der Graf mit feinem Lächeln. »Ich habe nur meiner Hochachtung
vor dem konservativen Sinn Ihres Vaters Ausdruck gegeben und die Treue
bewundert, die in geradezu vorbildlicher Weise das patriarchalische
Verhältnis aufrechtzuhalten sucht. Ein Tag wie der heutige zeigt das
wahre Bild des Gutslebens. Ich rechne es Ihrem Vater sehr hoch an, daß
er den Bitten meines Enkels, die Hochzeit in Berlin zu feiern, nicht
nachgegeben hat!«
Harro schwieg.
»Sie scheinen anderer Meinung zu sein,« sagte der Erblandmarschall.
Gräfin Brelow blickte gespannt auf den jungen Offizier.
Der wollte dem ehrwürdigen Gast seines Vaters ungern widersprechen.
»Verzeihung, Erlaucht ...« sagte er zögernd, »aber ...«
»Hätten Sie die Hochzeit in Berlin gegeben?« unterbrach ihn Graf
Bühler.
»Ja,« erwiderte Harro. »Man muß doch zugeben, daß die Räumlichkeiten
unserer Landhäuser für solche Gelegenheiten nicht genügen.«
»Sie haben immer genügt; aber selbst wenn dem so wäre -- ist das das
allein Ausschlaggebende für Sie?«
Harro zuckte die Achseln. »Was soll denn sonst den Ausschlag geben,
Erlaucht? Wir sahen doch heute wieder, daß der Tanzsaal viel zu klein
ist! Kambach genügt überhaupt nicht den Anforderungen der Neuzeit.
Außerdem ist es nicht mehr Mode, daß der Adel seine Hochzeiten auf dem
Lande feiert! Das spricht doch alles mit!«
»So. Aber eins scheint bei Ihnen nicht mitzusprechen: Heimatsitte und
Heimatbrauch, patriarchalisches Verhältnis, -- mit einem Wort: sozialer
Sinn.« Er zog die weißen Brauen in die Höhe. »Der hat freilich nur
Wert, wenn er angeboren ist!«
Harro biß sich auf die Lippen. ›Gut, daß uns hier wenigstens keiner
hört,‹ dachte er und sah Sibylle Bühler nach, die mit Jaspar Malwitz
vorübertanzte.
Der Erblandmarschall beobachtete ihn scharf. »Nehmen Sie's einem alten
Mann, der Sie außerdem noch über die Taufe gehalten hat, nicht übel,
lieber Harro; aber solche Ansichten gehören sich nicht für einen
märkischen Junker und preußischen Edelmann. Leider ist ja das Leben
von heute nicht dazu angetan, die Liebe zur Scholle zu stärken, aber
den Kambachern steckt sie im Blut. Man urteilt ja, wenn man jünger ist
und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, anders als ein Mann, der die
Höhen des Lebens überschritt, -- darum vergessen Sie nicht, was Ihnen
heute einer sagt, dessen Tage vielleicht gezählt sind: wer sein Gut nur
als Sommeraufenthalt betrachtet, wird nie ein rechter Gutsherr!«
»Verzeihung, Erlaucht, es gibt aber doch Verhältnisse ...«
»Wenn Sie die Schwindsucht bekommen, und der Arzt behauptet, Sie
könnten nur in Ägypten genesen, so reisen Sie in Gottes Namen, wenn
Ihr Geldbeutel es erlaubt,« rief Graf Bühler. »Meine Frau hat sich
unter stark vorgeschrittenen Krankheitserscheinungen in den Bühler
Kiefernwäldern erholt -- man kann also über diesen Punkt streiten. Daß
sie damals ganz gesund wurde, wissen Sie, ebenso, daß sie nicht an der
Schwindsucht gestorben ist, -- aber wie gesagt, ich will da mit niemand
rechten. Das, was ich meine, liegt an ganz anderer Stelle. Es handelt
sich nicht um Zwangslagen, es handelt sich um willkürliche Entäußerung
von Überlieferung und Besitz. Das erste ist eine Not, das zweite eine
Schuld.«
Harro fuhr herum.
»Entäußerung, Erlaucht? Abwesenheit bedeutet doch nicht Entäußerung?«
»Dauernde oder wiederholte längere Abwesenheit läuft schließlich auf
Entäußerung hinaus. Darum braucht nicht Grund und Boden verkauft
zu werden, es ist etwas Größeres, das mit der Preisgabe des
patriarchalischen Verhältnisses verschachert wird: die Volksseele.
Ihres Vaters großzügige Auffassung seiner gutsherrlichen Aufgaben ist
mir stets vorbildlich gewesen. In den schwersten Tagen hat er nie
vergessen, was er seinen Leuten schuldig war. Heute sehen Sie den
Dank!«
Harro blickte vor sich nieder. Er erkannte eine Wahrheit in den
Worten seines greisen Paten, aber schoß der alte Herr nicht in seinen
Einzelforderungen über das Ziel hinaus? Er scheute sich, an dieser
Stelle und in diesem Augenblick seinen Widerspruch zu reizen; es war
eben stets zu bedenken, daß er Sibyllens Großvater war. Nur eins
ärgerte ihn: daß Gräfin Brelow einen so charakterlosen Eindruck von ihm
bekam. Es war eine regelrechte Zwangslage, in der er sich befand.
Seine Pflichten als Vortänzer fielen ihm ein. Er zog die Uhr und
blickte auf die Gräfin. Der Ball sollte mit einem Huldigungsreigen vor
dem Hausherrn und seiner Mutter beschlossen werden.
Ein Regimentskamerad schien ihn zu suchen.
Er erhob sich.
Da klang die alte Stimme noch einmal an sein Ohr: »Sozialer Sinn ist
keine Mache, sondern ein kostbares Eigengut aus einem Guß. Wer dies
oder jenes Stück Heimatbrauch preisgibt, arbeitet am Verfall des
Volkstums. Es geht ums Ganze! Darum ist es nicht nur Verhöhnung des
patriarchalischen Verhältnisses, wenn die Tochter eines Landedelmannes
ihre Hochzeit in der Großstadt feiert, -- es ist ein soziales
Verbrechen!«
Die letzten Worte waren mit ungewöhnlicher Schärfe gesprochen. Ein paar
junge Mädchen sahen sich um, allgemeines Schweigen herrschte.