Aber er ließ nicht locker.
Auf der Treppe begegneten sie dem langen Malwitz.
»Sind Sie schon für den Walzer versagt?« rief er ihm entgegen. »Nein?
Gut. So sorgen Sie dafür, daß die Gräfin warm wird!« Und er erzählte
ihm Sibyllens Leichtsinn.
Sie aber lehnte alles ab.
»Es wäre schlimm, wenn ein Landmädchen nicht mehr vertragen könnte!«
Und sie folgte ihrem Tänzer in den Saal. --
Das Wort von den ›fürstlichen Hochzeiten der Mark‹ bewahrheitete sich
wie kein anderes. Was das Land an ererbtem Glanz und Reichtum barg, an
hundertjährigem Brauch und edler Sitte, das trat an seinen Ehrentagen
aus der Verborgenheit ans Licht und grüßte das Volk. Die schlichten
Gutshäuser schmückten sich, als sollten Könige unter ihrem Dache
rasten, die fleißigen blonden Landedelfrauen holten Perlen und Gestein
aus den Truhen, goldgestickte Stoffe, kostbare Schleier, die ledigen
Mägdlein rüsteten stolz das Hofkleid und pflückten im Park die Rosen
zum Jungfernkranz.
Fürstlich war auch die Hochzeitstafel. Im äußeren Schmuck, in
allem, was sie bot. Vom goldenen hundertjährigen Tafelaufsatz
und dem fein gewirkten Wappentuch bis zum kristallenen Kelch und
seinem perlenden Inhalt war's fürstliche Gastfreundschaft, die das
märkische Hochzeitshaus bot. Das großartigste aber war und blieb der
patriarchalische Geist, der diese Gastfreundschaft beseelte. Freite die
Herrentochter, so feierte der ärmste Knecht die Hochzeit fröhlich mit,
so trank er des Edelmanns Wein und aß seinen Fisch. Kein Kind im Dorf,
das nicht seinen Festkuchen erhielt, kein armes Mütterchen, dessen man
nicht im Gutshause gedacht.
Park und Gartensaal standen offen. Niemand war ausgeschlossen. Und
wer des Schauens müde geworden, der ging in den herrschaftlichen
Milchkeller hinüber, wo sich die Paare nach den Klängen der Fidel
drehten, und wagte ein Tänzchen.
Waren die festlichen Tage vorüber und die Hochzeitskränze verwelkt,
herrschte Ebbe im Säckel des Gutsherrn. Doch gute Ernten füllten ihn
wieder, und Treue lohnte die Treue. Ein starker zäher Kitt verband
Herrn und Knecht. Denn es war nicht nur preußische Adelsehre, welche
diese patriarchalischen wahrhaft fürstlichen Feste gebot, es war die
Liebe zur Scholle, zu Volk und Vaterland, die immer wieder einen
Markstein am deutschen Lebenswege aufrichtete. -- --
Die Nacht war heraufgestiegen. Die letzten Regentropfen hingen an Busch
und Baum, die Sterne funkelten. In leuchtender Klarheit stand der Mond
über dem Altan.
Drinnen klangen die Geigen. Die Paare schwebten über das Parkett. Eine
wunderbare Ruhe lag über dem stimmungsvollen Bilde. Licht, Farbe, Töne
schienen sich miteinander zu verschmelzen. Denn hier brannten noch
Kerzen in den Kronleuchtern, wahrhaftige Kerzen wie in alter Zeit,
als Gräfin Sabine Trach und der junge Kambacher Herr den Hubertusball
eröffneten. Daher der zarte Schimmer, der feenhafte Glanz, der den
Bildern aus den Tagen Friedrichs des Großen eigen, der das Flötenspiel
des königlichen Künstlers mit seinen sanften Lichtern umspielte.
Es war, als hätte die junge Frau, die unten in der Halle in heißem
Abschiedsschmerz des Vaters Hände geküßt, ihren Dornröschentraum
durch den Hochzeitssaal getragen, und die schönste Blüte sei langsam
entblättert. -- -- --
* * * * *
Sibylle Bühler tanzte den Tischwalzer mit dem Sohn des Hauses. Man
hatte die Nachbarskinder an diesem Abend schon öfter beisammen gesehen,
-- nun tanzten sie auch noch den Tischwalzer zusammen, -- die jungen
Mädchen begannen zu tuscheln.
Doch die beiden trugen eine solch eherne Ruhe zur Schau, daß der kleine
Dragonerleutnant von Dachow, der seine Cousine vergötterte, sich
erleichtert sagte, er habe sich gestern mittag wohl geirrt.
Gräfin Brelow aber, die Sibylle seit ihrer Mädchenzeit kannte und
liebte, sagte zu ihrem Manne: »Wenn ich nicht wüßte, sie ist die
einzige, die ihm dazu verhelfen kann, ein rechter Kambach zu werden,
ich würde alles tun, um die beiden Menschen zu trennen! Aber du wirst
es erleben, Achim, sie bringt ihn zurecht!«
»So kampflustig?« Er sah sie lächelnd an. Drei Körbe hatte sie
ihm gegeben, und nun war sie glückliche Frau und Mutter von sechs
Kindern. »Du irrst dich auch manchmal,« sagte er. »Außerdem betonst
du doch sonst das Wort bei jeder Gelegenheit ›Ehen werden im Himmel
geschlossen‹, und nun denkst du daran, die beiden zu trennen.«
»Ich denke eben nicht daran!« entgegnete sie, mit ihrem kostbaren
Spitzenfächer spielend.
»Aber du würdest daran denken, wenn Sibylle nicht Sibylle wäre.«
»Ja, das würde ich.« Sie rückte dicht an ihn heran. »Erinnerst du dich
eines großen Marmorbildes in einer früheren Dresdener Kunstausstellung:
›Mann und Weib‹? Sie schlafen. Seite an Seite liegen sie ausgestreckt,
-- Idealgestalten deutschen Lebens. Ich sagte dir schon damals, daß die
Frau Sibylle gleiche; Harro Kambach kannte ich noch nicht! Jetzt weiß
ich, wer der Mann ist, -- seltsam, -- als ob die beiden dem Künstler
vor Augen gestanden hätten!«
»Und weil sie jenem Marmorbilde gleichen, sollen sie sich heiraten?
Ursel, -- nimm's nicht übel!«
»Ja, ja, ich weiß, ich bin eine Schwärmerin! Aber sei nur ganz still.
Mein Haushalt geht am Schnürchen!«
»Weil du eine vorzügliche Mamsell hast!«
»Ach was! Hör' zu! -- Also erstens ist die Ähnlichkeit geradezu
überwältigend. Außerdem habe ich niemals die Ergänzung der Seelen
widergespiegelt gesehen, wie in diesen Gestalten!«
»Und deshalb sollen sich Harro Kambach und Sibylle Bühler auch
ergänzen, -- lieber Schatz!« Er lachte hell auf.
»Sei still, da kommen sie.« Langsam schritten die zwei vorüber, ihrem
Platz zu.
Graf Brelows Augen folgten ihnen. »Sie ist überhaupt viel zu schade für
ihn,« sagte er. »Zum Glück weiß der Großvater, was für ein Luftikus
Kambach ist. Hoffentlich ist die Mutter vernünftig und Sibylle selbst
...«
»Sibylle liebt ihn,« unterbrach die Gräfin ihren Mann. »Zu schade,
sagst du, sei sie für ihn?« fuhr sie dann fort. »Gibt's Größeres, als
einen Menschen zu Gott zu führen?«
»Wer sagt dir, daß ihr das gelingt? Ist nicht auch die Möglichkeit
vorhanden, daß der Mann das Weib von Gott löst?«
»Nein!« rief sie lebhaft, »das ist unmöglich -- bei Sibylle? Nein!«
»Gesetzt den Fall, du behieltest recht, Ursel, aber sie brächte ihn
trotzdem nicht auf den rechten Weg! Bitte stell' dir diese Ehe vor!«
»Die Hölle auf Erden!« rief sie, und dann faßte sie seine Hand. »Bei
uns war's auch nicht immer so, wie's heut' ist!«
Er blickte glücklich auf sie nieder. »Aber jetzt bleibt es wie's ist,
nicht wahr? Was wäre ein Brelow ohne das Kreuz?«
Sie hob die strahlenden Augen zu ihm empor. »Darum gönn' ich's auch
einem Kambach! Du sollst sehen, Achim, sie bringt es ihm.« -- --
Der Kotillon begann.
Harro Kambach verneigte sich vor der schönen Frau.
»Verzeihung, Herr Graf!«
Brelow nickte dem jungen Offizier freundlich zu. Dann erhob er sich, um
seiner Frau Platz zu machen.
Ein mit Rosen beladener Wagen wurde in den Saal gefahren. Zwei
weißgekleidete kleine Mädchen aus der Nachbarschaft trugen Kissen mit
weißen und roten Orden herein.
Der Sohn des Hauses schlang den Arm um seine Dame. Die tanzende Jugend
folgte dem eleganten Paar. Offiziere und junge Mädchen drängten nach
der Mitte des Saales.
Gräfin Brelow stand mit einer rotweißen Schleife vor dem alten
Erblandmarschall. »Darf ich, Erlaucht?«
Sie steckte ihm den Orden an den Frack.
Er neigte den weißen Kopf über ihre Hand. »Wär' ich dreißig Jahre
jünger, meine gnädigste Gräfin, so sollten Sie den langen Bühler kennen
lernen! Aber das Alter!«
Die braunen Augen sahen den bekannten ehemaligen Prinzessinnentänzer
schelmisch an: »Ich komme doch aus Freundschaft, Erlaucht!«
»Das weiß ich!« Er nickte ihr väterlich zu. »Setzen Sie sich zu mir,
Ihr Tänzer ist beschäftigt, er wird Sie schon finden!«
Sie nahm an seiner Seite Platz.
»Das ist eine Hochzeit nach meinem Sinn,« begann der alte Herr in
aufgeräumter Stimmung. »Die Kambacher verstehen's! Fürstliche Aufnahme,
ausgezeichnete Bewirtung, -- und doch keine Protzerei, keine Berliner
Üppigkeit! Wissen Sie, Gräfin, daß mich die Berliner Gasthofhochzeiten
geradezu anwidern. Das gehört sich nicht für einen Landedelmann. Ein
echter Junker feiert seine Feste auf der Scholle!«
Sie nickte eifrig. »Das ist ganz meine Meinung, Erlaucht! Wo soll die
Bodenständigkeit herkommen, wenn die Landflucht der höheren Kreise
überhandnimmt! Meine Verwandten Klemm gehen jetzt für sechs Monate nach
Ägypten, nur weil sie sich zu Hause langweilen. Sie sind alle beide
kerngesund, es fehlt ihnen nichts als sozialer Sinn und das nötige
Pflichtgefühl. Im Frühjahr heiratet die älteste Tochter, die Hochzeit
ist natürlich in Berlin. Achim gerät ganz aus dem Häuschen, wenn ich
davon anfange. Ich glaube, er ließe sich scheiden, wenn ich auf solche
Gedanken verfiele.«
»Das würde ich ihm durchaus nicht verdenken,« sagte der alte Herr.
»Landedelfrauen, denen die Heimatliebe und damit der Sinn für das
Ererbte fehlt, wissen gar nicht, welch ein Kleinod ihnen anvertraut
ist. Die Frau ist die Hüterin der Volksseele, die Beschützerin des
Familienlebens, der Sitte. Nirgends aber hat sie so Gelegenheit,
ihrem hohen Beruf nachzugehen, wie auf eigenem Grund und Boden; denn
keine andere Frau kann unmittelbarer, persönlicher, uneingeschränkter
ihren Einfluß ausüben, als die Landedelfrau. Sie begeht darum nicht
nur ein Unrecht, sie begeht eine grenzenlose Torheit, wenn sie auf
diesen Einfluß verzichtet; denn sie verliert mit ihm die Liebe und
Anhänglichkeit ihrer Untergebenen. Die Frau trägt eine Macht auf
dem Haupte, gnädigste Gräfin, Sie werden das ja selbst am besten
wissen! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: auf den Gütern, wo die
Herrschaft keinerlei persönliche Fühlung mit den Leuten hat, blüht
die Sozialdemokratie. Die Frauen und Töchter der Majoratsherren, die
niemals auf Erntefesten mittanzen, niemals Krankenbesuche im Dorf
machen, mit einem Wort, die die Leute nicht kennen, die schädigen,
-- das klingt furchtbar hart, aber es ist nun einmal so, -- ich
sage, die schädigen den Großgrundbesitz. Denn sie beschleunigen
durch ihr Verhalten, durch ihren Mangel an Interesse die Landflucht.
Die Herrschaft, die den Leuten keine Liebe entgegenbringt, kein
Zusammengehörigkeitsgefühl in ihnen weckt, kann auch keine Treue von
ihnen erwarten. Aber ich will nicht nur auf die Frauen schelten. Die
Schuld des Mannes auf diesem Gebiet ist wahrhaftig nicht die geringere.
Vom Hundertsten kämen wir ins Tausendste, wollten wir dem Kapitel
Bodenständigkeit nachgehen, wollten wir ›Landflucht und Landsucht‹
mit all ihren gefährlichen Auswüchsen betrachten. Wissen Sie das
Neueste? ›Bodenständig ist rückständig!‹ Ein leichtfertigeres Wort ist
selten geprägt worden. Gott bewahre uns vor diesem Schmarotzertum, vor
dem Spiel mit ererbtem Gut und Besitz, vor der Verachtung von Glaube
und Sitte, von Heimatgefühl und Beamtentreue! Lieber will ich ein
bettelarmer Edelmann sein, als mit einem jener vaterlandslosen Gesellen
an einem Tische sitzen, die nicht etwa durch die Not getrieben,
sondern um Geld und Glanz und Genuß das Erbe der Väter an jüdische
Grundstücksmakler verschachern!«
Er hatte erregt gesprochen. Hastig fuhr er über die hohe Stirn.
Besorgt blickte sie ihn an.
Er seufzte. »Nirgends haben die Sozialdemokraten leichteres Spiel als
da, wo die alten patriarchalischen Verhältnisse nicht mehr bestehen!
Wo es nicht mehr Treue um Treue gilt, da sieht es schlimm aus!« Er
hielt einen Augenblick inne. Sinnend ging sein Blick durch den Saal.
»In unserer Gegend macht sich das noch nicht so fühlbar wie auf
manchen anderen Gütern. Zumal Kambach hat ja geradezu einzigartige
Verhältnisse, und die dankt es in erster Linie seinen Gutsherren! Hab'
ich nicht recht?«
»Ganz gewiß. Die Kambacher sind ein vorbildliches Geschlecht. Haben
Erlaucht bemerkt, in wie wunderhübscher Weise heute das ganze Dorf
teilnahm? Das Bild während der Trauung wird mir unvergeßlich sein!«
»Gewiß. Diese Hochzeitsfeiern bilden ein wichtiges Stück in der
Heimatkunde der Mark. Und Sie haben sehr recht. Gerade die Kambacher
Feste haben einen eigenen Reiz. Das ganze Dorf war heute auf den
Beinen. Überall begegnete man frohen Gesichtern. Der alte Schenker
strahlte, als hätte er seine eigene Tochter verheiratet. -- Morgen ist
ein großes Volksfest! ›Damit keiner zu kurz kommt!‹ sagt Kambach.«
Gräfin Brelow lächelte.
»Er denkt immer an seine Leute!« --
»Nun, Ursel, du bist in deinem Fahrwasser, dann kann ich ja
wieder gehen!« sagte eine bekannte Stimme. »Wenn meine Frau
auf patriarchalische Verhältnisse gebracht wird, bin ich
nämlich überflüssig, Erlaucht,« wandte sich Graf Brelow an den
Erblandmarschall. »Es hat auch nicht den geringsten Zweck, ihr die
heutigen sozialen Verhältnisse zu erklären, ich bin und bleibe in ihren
Augen ein Umstürzler.«
Graf Bühler lachte. »Sind Sie auch, mein lieber Brelow! Ihre Frau
hat ganz recht. Sie vertritt das Alte, Angeborene, während Sie
dem Neuen die Tür öffnen. Ich weiß ganz genau, was Sie für die
volkswirtschaftliche Selbständigkeit ins Feld führen, weiß auch, daß
Zeiten und Menschen sich in mancher Beziehung geändert haben, trotzdem
muß ich bei all den an sich gewiß sehr lobenswerten, die Aufbesserung
der ländlichen Arbeiterverhältnisse betreffenden Bestrebungen immer
wieder an das Breysigsche Wort denken: ›Feste dauernde Bande voll
tiefen Glückes werden heute nur zerschnitten, nie neu geknüpft‹.«
Graf Brelow blickte den alten Herrn lächelnd an. »Erlaucht kennen
meine Stellung doch! Die altehrwürdigen patriarchalischen Verhältnisse
in hohen Ehren! Sie bilden zum großen Teil den Kitt, der unserem
ländlichen Volksleben seinen letzten Halt gibt. Selbstverständlich
sind Führerschaft und Gebietersinn im allerbesten Sinne notwendig,
und darum ist auch das patriarchalische Verhältnis notwendig; denn es
schafft nicht nur Bodenständigkeit, es stärkt dem Christentum, stärkt
vaterländischem Sinn und Königstreue den Rücken. Ich gebe offen zu: es
ist ein alter Führerirrtum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse mit
denen der Masse zu verwechseln. Denn es gibt ein geborenes Herrentum
und gibt Kreise, die des Geführtseins nicht nur bedürfen, sondern die
bewußt und unbewußt den Führer begehren, die viel lieber gelenkt werden
wollen, als selbst die Last und Verantwortung des Lenkens übernehmen.
Darin liegt durchaus keine Kraftverminderung für mich, Erlaucht,
-- im Gegenteil: das Können der Seele, ihr Vermögen wird durch die
Führerschaft eines Starken gesteigert.«
Der alte Herr nickte.
»Ja, ja, -- aber -- trotzdem, ich weiß schon, was kommt!«
»Das schadet nicht. Erlaucht werden es noch einmal hören! Und meiner
Frau schadet es auch nicht! -- Das, was Erlaucht fordern, und was
jeder rechte Gutsherr grundsätzlich erstreben wird, ist die uralte
väterliche Form der Herrschaft! Ein gesegnetes Erbe, welches noch heute
da ein Segen bleibt, wo das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht ein
mustergültiges ist. Aber wir haben nicht nur mit dem Durchschnitt,
sondern in den meisten Fällen mit Verhältnissen unter dem Durchschnitt
zu rechnen. Bühl und Kambach stellen eine Auslese dar -- ich wollte,
in Dambeck wär's auch so. Den Zeitgeist können wir nicht ändern, aber
wir können die Verhältnisse in zeitgemäßer Weise zu bessern suchen. Ich
meine nicht, daß das Alte an sich abgewirtschaftet hat, aber daß manche
alte Form hinfällig geworden ist und darum mancher Wunsch nach Wandel
und Neuschöpfung berechtigt ist, das muß ich gerade in bezug auf die
ländlichen Arbeiterverhältnisse anerkennen! Wir dürfen nicht vergessen,
daß der Fabrikarbeiter in äußerlich, wenn auch nur scheinbar, freieren
Verhältnissen lebt als der Landarbeiter. Letzterer nimmt daher in den
Augen des Volkes einen untergeordneteren Platz ein als jener, wenn auch
seine Verhältnisse in Wirklichkeit vielleicht die günstigeren sind.
Aber das soziale Gefühl spricht bei den Leuten zu stark mit, und wir
haben die Pflicht, es zu berücksichtigen, sonst gehen uns vielleicht
gerade ~die~ Werte verloren, die das patriarchalische Verhältnis
vergangener Zeiten geschaffen hat.«
Graf Bühler blickte auf seinen Krückstock nieder. Dann hob er die
hellen Augen voll zu dem Sprecher empor.
»Ich glaube, wir wollen im Grunde dasselbe, lieber Brelow,« sagte er
freundlich, »nur müssen Sie dem Alter eine gewisse Rückständigkeit
zugute halten. Es hängt am alten Brauch, an der alten überlieferten
Form. Aber das eine möchte ich aussprechen, und auch Ihre Frau soll's
hören: ich glaube nicht, daß die Kambacher und Bühler enger mit ihrer
Gutsherrschaft verwachsen sind als die Dambecker!« Er schüttelte
dem anderen die Hand. »Trotz allem, was mir am Neuen schwer wird,
naturgemäß schwer werden muß, denn wir Alten leben immer in der
Vergangenheit, die bekanntlich stets einen Heiligenschein trägt, --
trotzdem, oder gerade darum soll das Neue mich mahnen, gerecht zu sein.
In der Beziehung muß ich noch von Ihnen lernen, lieber Brelow!«
Die Blicke der beiden Männer begegneten sich klar und fest. Aus Graf
Brelows Augen leuchtete helle Freude.
Dann sah er seine Frau an. ›Na, Ursel, was sagst du nun?‹ fragte sein
Blick.
Sie nickte ihm herzlich zu. »Sei nur ganz still,« lachte sie, und ein
paar Grübchen traten in die rosigen Wangen, »ich schreib's mir hinter
die Ohren!«
»Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben! -- Auf Wiedersehen,
Erlaucht!« -- Mit einer leichten Verbeugung gegen den alten Herrn
schritt er weiter.
Gleich darauf sahen die beiden ihn mit Sibylle Bühler vorübertanzen.
-- --
* * * * *
Harro stand vor der Gräfin.
»Ja, ja, ich bin Ihnen ausgerückt, Baron,« lachte sie. »Aber hier ist
noch Platz, setzen Sie sich zu uns. Nachher kommt noch ein Tänzchen in
Ehren!«