Wie ein Traum zog das Leben an der Scheidenden vorüber -- --

Ihr Blick fiel auf das Kleid, das sie soeben abgelegt, auf Kranz und

Schleier. Sinnend ruhte ihr Auge darauf -- das war nun vorüber -- ein

Schauer durchrann die schöne Gestalt.

Es klopfte. Sie wurde gerufen. Es war Zeit.

Leidenschaftlich umschlang sie Sibylle. Die übrigen Brautjungfern

umringten sie. Schweigend küßte sie eine nach der anderen, dann schritt

sie ihnen voran die Treppe hinab.

Unten kam das Schwerste. Der Abschied von Vater und Großmutter, von

den Brüdern. Unbemerkt hatten sie den Saal verlassen und erwarteten

in der Halle die junge Frau. Sogar der alte Erblandmarschall hatte

es sich nicht nehmen lassen, trotz eines Ischiasanfalles noch einmal

herunterzukommen. Neben Frau Sabine, die sich auf Harros Arm stützte,

stand er über seinen Krückstock gebeugt. Der kleine Eberhard Kambach,

ein frischer hübscher Junge, der Ostern konfirmiert werden sollte,

wollte Stühle holen, aber die beiden Alten wehrten ab. Ilse käme ja

gleich, und sie wollten vom Altan die Abfahrt sehen.

Neben der strammen soldatischen Erscheinung des Oberstallmeisters stand

eine Gestalt, die nicht ganz in das Kambacher Gutshaus paßte. Eine

überschlanke bildhübsche, aber nicht mehr junge Frau im sehr engen,

tief ausgeschnittenen, spitzenüberrieselten türkisblauen Hofkleide.

Man fragte sich unwillkürlich, warum eine Dame, die über solch eine

Erscheinung verfügte, in ihrer Kleidung nicht wählerischer sei.

»Hinreißend schön, aber nicht vornehm,« hatte der kleine Gardedragoner,

der vor wenigen Stunden, in den Anblick der Tochter versunken, auf der

Freitreppe gestanden, über Gräfin Bühler geurteilt, und seine Ansicht

war die allgemeine. Der alte märkische Adel war für das Halbweltliche

noch nicht reif.

Ilse Bühler hatte den Umstehenden Lebewohl gesagt. Hastig küßte sie den

kleinen Bruder. »Besuch' mich bald, Bubi!« Ihre Stimme erstickte. Sie

wandte sich ab. Im nächsten Augenblick hing sie aufschluchzend am Halse

des Vaters. Er preßte sie an sich. In tiefer Bewegung flüsterte er ihr

etwas ins Ohr. Da faßte sie sich. Unter Tränen lächelnd beugte sie sich

über seine Hände und küßte sie wieder und wieder. Dann nahm sie rasch

entschlossen seinen Arm, nickte den Zurückbleibenden noch einmal zu und

ließ sich an den Wagen führen.

Dort wartete Wolf Dietrich, der das letzte Lebewohl nicht hatte

stören wollen. Nachdem er seiner jungen Frau in den Wagen geholfen,

verabschiedete er sich mit fast zu stark betonter, das Förmliche

streifender Ehrerbietigkeit von seinem Schwiegervater. Dann stieg er

ein.

Der weit zurückgeschlagene Landauer glich einem Rosengarten.

Dankend winkte Ilse den Brautjungfern zu. Ein letzter Händedruck, ein

letzter Blick in die Augen des Vaters, und fort ging's, den breiten

Kiesweg entlang, der Dorfstraße zu. In langem Zuge folgten die

Fackelreiter. -- --

Der Hochzeitswagen war längst im Dunkel der Herbstnacht verschwunden,

nur die tanzenden Lichter glühten und flimmerten noch auf der Heide.

Regungslos stand Herr von Kambach auf den Stufen. Der Himmel hatte sich

bewölkt, ein feiner Sprühregen zog über die stillen Lande. Er merkte

es nicht. Seine Gedanken waren bei seinem Kinde. Langsam rann ihm eine

Träne die Wange herab, und er schämte sich ihrer nicht.

Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. Eine schlanke Mädchengestalt

in rosa Seide stand im hellen Schein des Lüsters vor ihm. Ein dichter

Kranz halb aufgebrochener Rosen blühte im dunklen Haar, eine Reihe

echter Perlen umschloß den Hals. Allen anderen Schmuck hatte Sibylle

Bühler verschmäht.

»Es regnet,« sagte sie freundlich, und die schönen Augen sahen ihn

bittend an. Sie glichen zwei anderen zum Verwechseln. In das Herz

seines Kindes hatten diese nachtschwarzen Augen geschaut, und die junge

Seele war unter ihrem Blick erschauert. Und nun sahen sie ihn an, diese

samtweichen Augen der Bühlers! Aber in denen des jungen Weibes lag eine

Ruhe und Klarheit, eine geistige Schönheit, die sich in Wolf Dietrichs

Augen nicht widerspiegelte. Und wie so oft schon stieg's in der Seele

des Mannes empor: ›Es ist das fremde Blut! Warum mußte Kaspar Heinrich

die Firlemont freien!‹ -- Aber Sibylle war eine echte Bühler! --

Und es lag etwas Warmes, Väterliches in seiner Art, als er den Arm des

jungen Mädchens in den seinen zog. »Ja, Kind, Sie haben recht. Ich bin

schon ganz naß!« Er strich über das feuchte Haar.

Jetzt erst gewahrte er, daß sie so, wie sie den Saal verlassen, im

ausgeschnittenen Kleide vor ihm stand.

»Menschenkind, sind Sie toll? Schnell! Sie erkälten sich!« Er war

wieder ganz der alte Kambach. »Marsch hinauf und zehnmal durch den Saal

gewalzt und dann einen Punsch drauf! Verstanden?«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 31 / 114 题