»Gestatten gnädigste Gräfin!« Ein Ulan verbeugte sich vor Sibylle.
Freundlich begrüßte sie den Hünen.
»Wie geht's Ihren Schwestern, Herr von Luckau?«
»Danke, gut. Die jüngste kommt morgen.«
»So, das ist ja hübsch!«
Drei andere tauchten hinter ihm auf. Von Offizieren umringt, stand
das junge Mädchen auf den Stufen. Einem nach dem anderen reichte sie
kameradschaftlich die Hand; sie kannte die Herren von den Berliner
Hofbällen. Mit derselben ruhigen Freundlichkeit begegnete sie jedem,
der ihr nahte. Keiner unter den hochgewachsenen märkischen Edelleuten
konnte sich einer Bevorzugung von seiten Sibylle Bühlers rühmen.
Und dann kam ein Augenblick, wo flammende Röte in das schöne Gesicht
stieg. Der Kreis öffnete sich, und ein junger Offizier neigte sich
tief über die Mädchenhand: »Darf ich mich als Trauführer vorstellen,
gnädigste Gräfin? Der Bruder der Braut hat das Recht, seine Dame zu
wählen!« Sein leuchtender Blick tauchte in die nachtschwarzen Augen.
Sie antwortete nicht. Langsam senkte sie die seidenen Wimpern.
Der greise Menschenkenner am Fenster des oberen Stocks wußte genug.
Drittes Kapitel.
Bodenständig.
Eh' du ein Edelgut vertauscht,
Geh still mit deinem Gott zu Rat,
Daß er dir in die Seele schreibt,
Was seine Huld gegeben hat.
Daß Heimatliebe, Heimatbrauch,
Daß Treue und Beständigkeit
Von Gott, dem Herrn, gesegnet sind
Zum großen Werk der Ewigkeit.
Wieder ging ein sonniger Herbsttag zur Neige. Die märkische Heide lag
im Goldglanz der Dämmerung, und die purpurnen Wälder rüsteten sich zur
Nacht.
Da jauchzten die Geigen durchs Kambacher Haus, und der Brautschleier
wehte. Die neuvermählte Gräfin Bühler eröffnete mit ihrem jungen
Gatten den Ball. Aller Blicke begleiteten die schönen hochgewachsenen
Gestalten durch den kerzenhellen Gartensaal. Die Trauführer mit ihren
Damen folgten.
Die Neuvermählten stellten sich in der Mitte des Saales auf, die Paare
schlossen einen Ring, und das sogenannte Abtanzen des Brautkranzes
begann. Mit verbundenen Augen tastete die junge Frau hierhin und
dorthin. Dann schritt sie auf ihre Schwägerin Sibylle zu. Harro
Kambach erhielt den Strauß.
Mehr als ein vielsagender Blick folgte dem Paar, das nach tiefer
Verneigung vor den Neuvermählten den Abschiedsreigen eröffnete. --
Die Jagdhörner klangen. Die Brautführer schritten, silberne Armleuchter
tragend, voran, und, gefolgt von den Gespielinnen, betrat Ilse Bühler
zum letzten Male den Raum, den sie als Mädchen bewohnt.
Unten harrte der Viererzug, hinter sich, gleich einer langen funkelnden
Kette, die Schar berittener Bauern, die der Tochter des Gutsherrn nach
alter Sitte mit brennenden Fackeln bis zur Grenze das Geleit geben
sollte.
Über Sumpf und Sand, über des Tieflandes endloser Weite blaute die
Mondnacht. Aus dem Hochzeitssaal lockte Walzermusik, und der Wind trug
festliche Klänge vom Dorf herauf.
Oben in dem hellen Raum standen die märkischen Edelfräulein in ihren
langen seidenen Hofkleidern und leisteten der jungen Frau den letzten
Dienst. Kein Wort wurde gesprochen. Sinnender Ernst lag auf allen
Gesichtern. Wie ausgewechselt schien die fröhliche Schar.
Dann stand Ilse Bühler im Reisekleid auf der Schwelle. Ein letztes
Mal ging ihr Blick durch den freundlichen Raum, darin sie soviel
erlebt, Frohes und Trübes. Noch war alles unverändert. Die Uhr tickte,
die Blumen blühten am Fenster. Vom Schreibtisch grüßten die Bilder
ihrer Lieben, auf der Staffelei stand eine eben vollendete Skizze,
eine stille herbstliche Waldstraße. Sie hatte vor der Hochzeit alles
einpacken wollen, aber Sibylle hatte gebeten: »Das besorg' ich, wenn du
abgereist bist!« Ilse sagte nicht nein. Die schwesterliche Liebe tat
der mutterlosen Braut wohl.