Ein Fräulein von der Malwitz reckte den Hals. »Platz für die Königin!«

Die Brautjungfern sprangen von den Sitzen. Wie auf Kommando hoben sie

die Hochzeitskränze empor und hielten sie zurücktretend in weitem Bogen

über den geschaffenen Durchgang. Die feinen Gestalten leicht geneigt,

die weißen Arme emporgestreckt, die lachenden Gesichter auf die

Kommenden gerichtet, standen sie da.

Und wieder zog das alte Jungfernlied in den märkischen Herbsttag

hinaus.

Wolf Dietrich von Bühler und seine Braut standen still und lauschten

der Huldigung. Ein frohes Lächeln lag auf Ilses lieblichen Zügen,

während sie den Gespielinnen zuwinkte. Ihre edlen Formen hob ein

schlichtes Sommerkleid besonders vorteilhaft hervor. Eine rote Rose im

Gürtel, eine kostbare Perlenschnur, das Brautgeschenk Graf Bühlers,

waren der einzige Schmuck der vornehmen Erscheinung. Etwas ungemein

Zartes, Weibliches lag über ihrem ganzen Wesen, jene Milde, die, mit

dem Starken gepaart, nach Schillers Ausspruch einen guten Klang gibt.

Wolf Dietrich von Bühler spielte in der Gesellschaft eine Rolle. Sein

gewandtes liebenswürdiges Wesen, sein feines Auftreten, seine ganze

Art, sich zu geben, alles nahm für den schönen, aber leicht veranlagten

Mann ein. Der Menschenkenner las in dem frauenhaften Gesicht allerdings

manches, das besser nicht darin gestanden hätte, andere freuten sich

des angenehmen, jederzeit gefälligen Kameraden. Wolf Dietrich hatte

der Vater gefehlt. Sein Leichtsinn -- mütterliches Erbe -- war niemals

weder erkannt noch bekämpft worden. Gräfin Bühler, eine geborene Gräfin

Firlemont, eine bildhübsche gefeierte Frau, hatte zwar, wie sie sagte,

um ihrer Kinder willen nicht wieder geheiratet, sich aber keineswegs

der Erziehung derselben gewidmet. Wenigstens waren ihre Begriffe

von Kindererziehung so oberflächliche, daß der Großvater Bühler,

ein Edelmann vom alten Schlage, ihr oft in sehr entschiedener Weise

entgegentrat. Aber die Gräfin war Wolf Dietrichs und Sibyllens einziger

Vormund und ließ sich nicht dreinreden. Es gab die unerquicklichsten

Auftritte, welchen die leidenschaftliche Frau eine solche Schärfe zu

verleihen wußte, daß der alte Herr es schließlich aufgab, mit ihr

zu verhandeln und seinen Einfluß in anderer Weise geltend zu machen

suchte. Es kam hinzu, daß seine Schwiegertochter als Französin für die

vornehme Einfachheit des märkischen Adels kein Verständnis hatte.

Wolf Dietrich verehrte und liebte den Großvater auf seine Art; trotzdem

war es Graf Bühler nicht gelungen, dem Enkel seinen grenzenlosen

Leichtsinn auszutreiben. Er artete nach den Firlemonts. Der Sinn für

ererbte Scholle und ehrwürdige Überlieferung fehlte ihm gänzlich.

Seine religiösen Ansichten waren höchst oberflächlicher Art und

verdienten eher den Namen einer sehr willkürlichen Weltanschauung.

Nach außen wahrte er den guten Schein, schon um des Großvaters willen,

dessen ritterliche Persönlichkeit er stets in Ehren gehalten. Er

begleitete den alten Herrn in die heimische Dorfkirche und würde in

seiner Gegenwart niemals in herabsetzender Weise über religiöse Dinge

gesprochen haben. Aber im Grunde war er mit dem Christentum fertig. Es

vertrug sich nicht mit den modernen Lebensanschauungen, war unvereinbar

mit der Wissenschaft, war mit einem Worte rückständig. Die Frage des

Ersatzes war ja längst eine schreiende. Ob man denselben in Kunst und

Wissenschaft, in Moral oder Religiosität suchte, mußte jeder mit sich

selbst abmachen.

Obgleich der junge Offizier dem Großvater seine Ansichten nach

Möglichkeit zu verbergen suchte, wußte jener doch, wie die Dinge

standen. Aber er sagte sich: ›Viel reden nützt nichts. Das Leben muß

ihn in die Schule nehmen‹, und trug seine Sorgen vor Gott.

Mehr Freude als an dem verwöhnten Enkel, erlebte er an Sibylle, die

ganz ihres Vaters Tochter war. Wochenlang war sie bei dem Großvater,

während ihre Mutter Italien und die Schweiz bereiste. Gräfin Bühler

kam ihrem Schwiegervater in diesem Punkte bereitwillig entgegen; denn

es entsprach ganz ihren Wünschen, sich ab und zu ohne die schöne

Tochter zu zeigen. Sibylle aber tat nichts lieber, als dem alten Herrn

Gesellschaft zu leisten.

* * * * *

Das Jungfernlied war verklungen, das Brautpaar betrat den Altan.

Feierlich, als nahten zwei Fürstenkinder, senkten sich die

Hochzeitskränze. Lachend ging Ilse auf den Scherz ein und schritt, nach

allen Seiten grüßend, mit der Würde einer Herzogin an der Seite ihres

Verlobten durch die Reihen der Gespielinnen.

Es war ein Bild, wie es nicht anmutiger sein konnte, und über die

ernsten Züge des Gutsherrn, der mit dem greisen Erblandmarschall aus

einem Fenster des oberen Stocks auf die Gruppe niederblickte, ging ein

Lächeln.

»Das war meine selige Frau, wie sie leibte und lebte!« sagte er und

beugte sich vor, um der Tochter nachzusehen.

Graf Bühler nickte versonnen. »Wolf Dietrich kann sich glücklich

preisen. Er verdient Ilse gar nicht.« Als der Hausherr schwieg,

fuhr er fort: »Sie wissen ja, wie ich über diese Heirat denke,

lieber Kambach, und ich will Ihnen am allerwenigsten heute das Herz

schwerer machen, als es schon ist, aber ich muß es Ihnen noch einmal

aussprechen: ich werde die Sorge nicht los! Und diese Sorge betrifft

nicht nur Ihre Tochter, welche durch die Heirat mit meinem Enkel aller

Wahrscheinlichkeit nach keiner leichten Zukunft entgegengeht, sie

betrifft auch Ihren Sohn.«

Er hielt inne, das feine geistvolle Gesicht beobachtend auf die Züge

des anderen gerichtet.

Herr von Kambach blickte noch immer auf die Stelle, wo die helle

Gestalt seines Kindes im Sonnenschein gestanden. Eine tiefe Falte

hatte sich in die hohe Stirn des alten Soldaten gegraben, und die

schmalen bartlosen Lippen preßten sich fest aufeinander. Er fuhr mit

der Rechten über das kurz verschnittene Haar. Diese Frage durfte

außer seiner Mutter nur einer anschneiden, -- der Mann, der vor ihm

stand. Trotzdem ging allemal ein Stich durch das Herz des Vaters und

märkischen Edelmannes. Starb die alte Art aus? War die Rasse nicht

mehr rein? Wahrlich, bisweilen kam ihm der Gedanke, daß die Mächte,

vor denen er noch bis vor kurzem seine alte Mark sicher geglaubt, auch

hier Fuß faßten. Denn immer wieder mußte er sich sagen, daß es nicht

nur das Garnisonsleben war, das Eliteregiment mit seiner Üppigkeit,

seinen unleugbaren Versuchungen, das dem Mann Gefahren brachte, wies

doch neben diesen Nachtseiten gerade der Offizierstand Vorzüge auf,

wie die strenge Zucht, die scharfe Fassung des Ehrbegriffs, den festen

kameradschaftlichen Zusammenschluß, -- Vorzüge, die nicht nur geeignet

waren, das sittliche Leben in hohem Maße zu festigen, sondern auch

das Geschlecht, das in unentwegter Treue zu Altar und Thron stand,

dem Vaterlande zu erhalten. Nein, der Schaden lag an anderer Stelle:

der Offizierstand als solcher verschuldete den Niedergang nicht, --

Deutschlands Söhne waren es, welche den Verfall in die Armee trugen.

Ein erschütternd schwerer Vorwurf gegen Staat und Kirche, Gesellschaft

und Familie! Das eiserne Pflichtgefühl, das die Väter stark gemacht,

war den Enkeln verloren gegangen. Gottesfurcht und Gottvertrauen, jene

felsenfesten Träger gesunden Volkslebens, lehnte der moderne Mensch in

unfaßlicher Selbstüberhebung ab. Der Kapitalismus aber trug den Fluch

des Goldes herein, Gesellschaft und Persönlichkeit vergiftend. Das war

Deutschland hundert Jahre nach den Befreiungskriegen!

Und der königstreue märkische Edelmann schaute blutenden Herzens die

sichtbaren Spuren des großen allgemeinen vaterländischen Verfalls am

eigenen Fleisch und Blut. Darum brach unter der leisesten Berührung von

treuer Hand immer wieder die Wunde auf, -- ein Kambach verstand auf

dem Schlachtfeld für seinen König zu sterben, mit gebundenen Händen

Deutschland verbluten zu sehen, verstand er nicht. Das war mehr, als

Manneskraft ertrug! --

Harro stand bei den Drachenburger Ulanen. Es war Überlieferung bei den

Kambachs, daß der älteste Sohn in dies Regiment trat. Er war etwas

jünger als Wolf Dietrich Bühler, den er von klein auf kannte. Die

Familiengüter grenzten aneinander; solange man denken konnte, hatten

die Kambachs und Bühlers gute Nachbarschaft gehalten. Die Knaben

hatten zusammen gespielt, das Kadettenhaus hatte sie zusammengeführt,

später das Regiment. Die Kameradschaft war eine alte, die Freundschaft

schien neueren Datums. Harro Kambach hatte im Regiment geäußert, die

Verlobung seiner Schwester sei die Veranlassung gewesen. Aber man

glaubte ihm nicht recht.

Am wenigsten der Großvater Bühler. Und so sehr er den Enkel trotz

seines Leichtsinns liebte, glaubte er, soweit es in seiner Macht

stand, andere vor seinem Einfluß bewahren zu müssen. Er hatte vor Wolf

Dietrichs Verlobung dem Oberstallmeister seine Bedenken ausgesprochen

und dem Freunde nichts verhehlt. Aber belastende Dinge lagen nicht

vor, und Ilse war mündig. Der Kambacher konnte seine Tochter

daher nur warnen. Und er tat es mit aller ihm zu Gebote stehenden

Überzeugungskunst. Er verhehlte ihr nicht, daß seines Erachtens

ein ausnahmsweise starker gereifter, um nicht zu sagen männlicher

Frauencharakter dazu gehöre, um dieser ungefestigten leichtherzigen

Persönlichkeit den Rücken zu stärken, er sagte ihr ganz offen, daß

ihre Veranlagung ihm selbst zwar die bei weitem liebere, aber nicht

die für diese Vereinigung richtige sei. Denn ihrem Bunde mit Bühler

werde die notwendige Ergänzung fehlen. Er hatte ihr endlich die letzten

schwersten Folgen einer unglücklichen Ehe klargemacht, -- alles war

vergeblich. In Tränen hatte sie vor dem Vater gestanden: »Ich lieb'

ihn doch über alles!« Dabei war's geblieben. Denn der Oberstallmeister

war der Ansicht, daß ausgewachsene Menschen ihr Schicksal selbst

entscheiden müssen. So ward Ilse Kambach Bühlers Braut. --

»Erlaucht,« sagte der Hausherr, »so schwer dies Gespräch für mich als

Vater ist, bitte ich doch daran festzuhalten, daß es nicht nur die

alte treue Freundschaft ist, die mir dasselbe ermöglicht, sondern das

persönliche Bewußtsein: wir stehen als Christen und Edelleute auf

demselben Boden. Die Ursache unseres großen völkischen Niedergangs ist

dieselbe, die dem Verderben des einzelnen zugrunde liegt: der Abfall

von dem lebendigen Gott. Das ist Hauptursache für alles andere, --

für den sittlichen Niedergang aller Kreise, für das Absterben von

Vaterlandsliebe und Königstreue!« Er schritt erregt durch den sonnigen

Raum. »Sollen wir den Kindern einer in der Zersetzung begriffenen Zeit

den allgemeinen Verfall zum Vorwurf machen? Kann der Apfel dafür, daß

er wurmstichig ist? Erlaucht, das sind Fragen, die einen zermürben,

wenn man Söhne hat, Fragen, die das Blut aufpeitschen und einen von

Zwiespalt zu Zwiespalt hetzen. Und doch komme ich immer wieder zu dem

schweren Ergebnis: der einzelne ist verantwortlich. Zumal der Sohn

eines christlichen Hauses, dem Gottesfurcht und Königstreue ererbte

Kleinodien sind. Ich sage damit nicht zuviel -- bei uns Söhnen der Mark

gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und spreche stolz von einem

Erbteil adligen Blutes. Wer das aber verleugnen kann, -- um Sinnenlust

und Geldgier verleugnen kann, -- der ist nicht wert, ein Preuße zu

heißen, der ist ein Lump!«

Er blieb vor dem alten Herrn stehen. Die blauen Augen lohten: »Ich weiß

ganz genau, was Erlaucht mir über meinen Sohn sagen wollen. Nichts, was

ihn gesellschaftlich unmöglich macht -- Gott bewahre! Auslachen würde

man mich, wollte ich Erkundigungen in dieser Richtung einziehen! Aber,

-- dies Aber spricht Bände für mich! Meine Mutter kam neulich auf der

Rückfahrt von Bühl hierher und hat mir gesagt, was Brelow erzählt hat!«

Der Greis nickte still vor sich hin. Die feinen Nasenflügel bebten.

»Sie wollte sich den Jungen vornehmen, -- keiner versteht's besser wie

sie!«

»Wenn's nur was hülfe!« entgegnete der Hausherr.

»Wie Sie ja inzwischen erfahren haben,« fuhr der Erblandmarschall

fort, »hat Joachim Brelow seinem Vater erzählt, man spräche in

Offizierskreisen nicht gerade ablehnend, aber in verändertem Ton von

den beiden. Etwas Greifbares hat er nicht gewußt -- fast wär's mir

lieber gewesen! Denn man steht ja mit gebundenen Händen da. Und doch

besagt dieser ›veränderte Ton‹ alles.«

Kambach nickte finster vor sich hin, und der Graf fuhr fort: »Ich

muß immer an das Urteil denken, das der Franzose über die erste

Grenzüberschreitung der Frau fällt: ›+Un peu déclassée!+‹ Wieviel

weiter darf der Mann gehen, ohne daß ihn der geringste Vorwurf trifft!

Und ich bin überzeugt, daß nur diejenigen, welche wir schätzen, ihre

kameradschaftliche Haltung verändert haben.«

Kambach nickte: »Ich habe mir die Sache diese Tage viel durch den Kopf

gehen lassen, sie auch mit meiner Mutter besprochen. Ilse muß sehen,

wie sie fertig wird, gewarnt worden ist sie oft genug. Harro werde ich

sagen, was ich über ihn gehört habe. Das Urteil der Kameraden wiegt

manchmal schwerer, als der Rat des Vaters.«

Sorgenvoll blickte er über die herbstliche Landschaft.

Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie nicht zu schwarz in

die Zukunft, lieber Kambach!« sagte Graf Bühler. »Wenn wir Menschen

nicht aus noch ein wissen, löst unser Herrgott mit einem Hauch seines

Mundes die Fragen der Zeit.«

Doch der andere stand unter dem Druck schwerer Verantwortung. »Er

verlangt aber auch, daß wir an unserem Teil dazu beitragen! Wenn der

Junge vergessen sollte, daß er ein preußischer Offizier ist, dann --

gnade ihm Gott!« Die Reckengestalt straffte sich, wieder stand die

Falte zwischen den Brauen.

»Vielleicht gelingt es Ihnen zu verhüten, daß er es vergißt,« sagte

der Erblandmarschall mit der Milde des Alters. »Ich habe mir Wolf

Dietrich übrigens kürzlich noch einmal vorgenommen und sehr ernst mit

ihm geredet. Er war zugänglich und weich wie immer, wenn ich ihm etwas

vorhalte. Allerdings mußte ich, wie gewöhnlich, wenn ich ihn ermahne,

an den Sohn im Evangelium denken, der dem Vater antwortet: ›Ich will's

tun!‹ und tut's nicht. -- Ob Ilse irgendwelchen Einfluß auf ihn ausüben

wird?«

Kambach schüttelte den Kopf. »Ilse ist ein weiches hingebendes

Geschöpf, zu jedem Opfer bereit, -- ein Charakter ist sie nicht. An

diese Stelle hätte eine Frau wie Sibylle gehört.«

Der Greis sah nachdenklich vor sich nieder, dann richtete er das kluge

Auge fragend auf sein Gegenüber: »Ist Ihnen etwas von einer Neigung

Harros zu Sibylle bekannt?«

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 28 / 114 题