Ein schwerer Fittich rauschte über Deutschland.
Zweites Kapitel.
Wir winden dir den Jungfernkranz!
Wir schmücken singend Kirchlein und Saal,
Wir schmücken das stille sonnige Haus!
Wir winden dir in den Hochzeitskranz
Den vollen purpurnen Heidestrauß!
Wir sprechen den Heimatsegen dazu,
Den Festtagsgruß aus verklungener Zeit -- --
Ob wohl die träumende Ahnfrau erwacht,
Weil ein märkischer Junker sein Herzlieb freit?
Auf dem Altan vor dem Herrenhause saßen die Brautjungfern,
Hochzeitskränze windend. Ein anmutiges Bild, das jedes Geschlecht, jede
Zeit kennt und liebt, das immer wieder erwachen und emporsteigen wird,
-- ein Stück Heimatbrauch, wie er nicht lebensvoller gedacht werden
kann: die Töchter der Mark, der scheidenden Gespielin den Ehrendienst
leistend.
Um die laubgefüllten Körbe saßen die schlanken Mädchengestalten,
weithin leuchteten die Sommerkleider, die bunten Seidenbänder und
Schärpen. Auf blendenden Schultern, auf fleißig schaffenden Händen
flimmerte die späte Sonne, als sei's ein Strauß duftender Edelrosen,
den sie abschiednehmend küßte. Mehr als eine blonde Schönheit war unter
den Kranzwinderinnen. Manch eine beugte sich, heimlich von eigenem
Liebesglück träumend, über die duftenden Mulden, aber keine war Braut,
-- eine alte Sitte hätte sie von dem lieblichen Dienst ausgeschlossen.
Und die purpurnen Wälder leuchteten, und die weiße Septemberseide flog
über Acker und Heidstrecke, über blinkende Wasserspiegel. Vom Gutshaus
aber klang's jubelnd und jauchzend ins weite Land:
»Wir winden dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide!
Wir führen dich zu Spiel und Tanz,
Zu lauter Lust und Freude!
Schöner grüner,
Schöner grüner Jungfernkranz!«
Tieflandzauber wehte über Wald und Anger, über die altehrwürdige Heimat
-- --
Würden ums Abendgold die Flammen aus den Fenstern schlagen und der
Jungfernschleier über das Kambacher Moor wehen?
In den braunen und blauen Mädchenaugen stand heimliches Fragen.
»Sibylle,« rief ein goldhaariges Fräulein von Seelow, »heut nacht
brennt deine Kammer!« Und ein dunkeläugiger Schelm von siebzehn Sommern
erklärte: »Ich will aber den langen Beelitz zum Trauführer haben!«
Glutübergossen hatte sich die junge Gräfin Bühler über den
Hochzeitskranz geneigt. Jetzt hob sie das schöne Antlitz: »Kleine
Mädchen haben gar nichts zu wollen!«
»Oho, ich sag's ihm heut abend!«
»Tu', was du nicht lassen kannst!«
Ein Blütenregen war die Antwort.
»Höre, Esther Sophie, sei etwas sparsamer mit den Rosen,« mischte sich
eine Adelsleben ein. »Franz Schenker hat sagen lassen, es seien die
letzten!«
»Schenkersch olle Vadder rückt nie mit etwas heraus, außer wenn
Großmutter Kambach oder Eberhard kommen! Für andere Sterbliche hat
seine schöne Seele kein Verständnis! Ich fürchte, er ist etwas
überspannt!«
»Wenn du nur nicht überspannt bist!« meinte Anna Bertha von Strohbeck.
»Den Mann, der dich einmal bekommt, beneide ich nicht!«
Alles lachte.
»Du hast ja auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt!« rief die Kleine
schnippisch.
»Ich bin fertig,« sagte Sibylle ruhig, als ginge die Sache sie nichts
mehr an. Behutsam legte sie das Blumengewinde über den Stuhl. Hoch
aufgerichtet stand sie in ihrem weißen Kleide da. Im dunklen Haar, das
in schweren Flechten um den feinen Kopf gesteckt war, hingen ein paar
Rosenblätter, -- lachend schüttelte sie sie ab. Alles sah sie an. Keine
hatte sie je so schön gesehen.
»Wenn er in diesem Augenblick käme,« begann die jüngste Kranzwinderin
von neuem.
Aber Sibylle Bühler drehte sich um und ging langsam ins Haus.
»Jetzt ist's genug, Esther Sophie,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit.
Da wurde die Kleine feuerrot und verstummte.
Gleich darauf zogen Geigenklänge durchs Haus. Künstlerspiel.
»Chopin!« sagte Sigrid Adelsleben. »Eins weiß ich: wenn ich so spielte,
bliebe ich nicht daheim, und ob die ganze Verwandtschaft sich auf den
Kopf stellte! Eine Kunst, wie diese, ist Allgemeingut und gehört in die
Öffentlichkeit!«
»Das liegt Sibylle nicht!«
»Wer sagt das?«
»Sie selbst hat mir gesagt, sie ginge nicht zur Bühne.«
»Die Geige ist für den Konzertsaal.«
Frage und Antwort flogen herüber und hinüber.
»Wo mag Ilse nur stecken?«
»Die ist mit ihrem Schatz in den Wald gegangen,« klang es zurück.
»Streng genommen hätte sie Cercle halten müssen,« meinte Ursula von
Dachow. »Während wir unsere zarten Finger opfern, streift sie mit dem
Liebsten durchs Land! -- Wir hätten Handschuhe anziehen sollen,
Kinder!«
»Ja, man ist immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt! -- Da sind ja
die beiden!«