Franz Schenker war noch bei seiner Idee.
»Wenn Exzellenz die Sache einmal überlegen wollten,« begann er von
neuem, »Exzellenz verstehen so etwas zu machen, und ...«
Sie unterbrach ihn. »Aber Schenker, was denken Sie sich? Ein paar
Missionsstunden hab' ich eingerichtet! Wie kann eine Frau eine so große
Sache in die Hand nehmen! Das ist Mannesarbeit!«
»Gewiß, aber die Frau is des Mannes Gehilfin! Wenn Exzellenz die Frage
noch mal überlegten und dann einen oder mehrere Herren, die was davon
verstehen, ins Vertrauen zögen« -- er sah sie erwartungsvoll an.
Sie drohte ihm lächelnd.
»Sie sind doch unverbesserlich, Schenker, -- immer muß Ihre alte
Gnädige die Kastanien für Sie aus dem Feuer holen!«
»Weil niemand besser dazu geeignet is,« entgegnete er mit bescheidener
Würde. Zuversichtlich blickte er in das klare Gesicht. Er war seiner
Sache gewiß.
Sie waren am Teich hinter dem Gutshause angelangt. Herbstzauber webte
um die leuchtende Pracht der Baumgruppen. Weiße Malven erschlossen
ihre keusche Schönheit dem Mondlicht. Ein feiner Duft zog von den
Resedabeeten herüber. Im Gartensaal strahlten die Kronleuchter hinter
Rosengerank und wucherndem Geißblatt.
»Genau wie vor fünfzig Jahren, als ich mit Fritz Karl den Ball
eröffnete,« dachte Frau Sabine.
»Ick muß noch ins Treibhaus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker und
blieb, den weißen Kopf entblößend, stehen. »Exzellenz nehmen's nich
übel, daß ick vorhin meine Meinung sagte?«
Die alte Dame sah ihn voll an. »Schenker, machen Sie keine Redensarten!
Sie wissen, daß ich große Stücke auf Sie halte. Sie sind ein
Mann, der nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ein
Wort mitzusprechen. Es wäre ein Unrecht, wenn Sie's nicht täten.
Deutschlands Not geht uns alle an. Denn hier handelt es sich nicht um
Dinge, die am grünen Tisch gemacht werden, sondern um die Gesundung des
Volkstums. Zweierlei fehlt uns: die Erkenntnis der Zeit und -- Männer.
Wir brauchen einen Bismarck und einen Luther. Ob Gott sie uns geben
wird?«
»Vielleicht sind sie schon da, Exzellenz!«
Sie zuckte die Achseln. »Gott hat verschiedene Eisen im Feuer. Wir
haben es vielleicht nötig, daß die Geschichte uns vor eine harte
Aufgabe stellt.«
»Exzellenz meinen einen Krieg?«
»Ich meine nichts Bestimmtes. Nur das ist mir klar, daß wir dem
Untergang zutreiben. Es hat einmal einer gesagt, wir brauchten eine
schwere Kolonisationsaufgabe, um zu gesunden. Die gelbe Gefahr ist
nicht von heute, eine zweite Völkerwanderung nicht ausgeschlossen.
Ich bin keine Schwärmerin -- unmöglich ist das nicht! Stellen Sie
sich nicht nur eine starke Grenzverschiebung, stellen Sie sich einmal
eine germanische Grenzerweiterung vor, und die harte schwere Aufgabe
ist geboten. Da gilt's nicht nur die Urbarmachung russischer Sümpfe,
da gilt's, entartetes Volksleben veredeln. Das wäre eine Arbeit, wie
unsere kampfesscheue Zeit sie brauchte. Deutschland ist stärker,
als sein Alltagleben verrät. Aber es ist ein Acker, der einer tief
gehenden Pflugschar bedarf, um Edelfrüchte zu reifen. Denken Sie an
1806 und dann vor allem an 1813! Der deutsche Volkscharakter braucht
immer wieder den Gewaltherrn in irgendeiner Gestalt -- ob er Krieg
oder Pestilenz heißt oder harte schwere Arbeit, -- ohne eine große Not
findet unser Volk seinen Gott nicht wieder.«
»Und wenn zehntausend übrig blieben, die nicht abgefallen wären?«
fragte der Spreewälder.
Sie antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte sie über die
mondbeglänzten Wiesen.
»Exzellenz,« sagte Franz Schenker leise, »wenn's fünftausend wären?«
Sie schwieg noch immer.
»Wenn's nur tausend wären!«
Die Edelfrau breitete die Hand über die Augen.
»Es heißt doch, ›Ihr seid das Salz der Erde‹, Exzellenz! Tun's nich oft
schon 'n paar Körnchen?« fragte er. Die alte Stimme bebte.
Da reichte Sabine von Kambach dem treuen Manne die Hand. »Gott geb's!«
sagte sie und schritt dem Hause zu.
Auf dem Altan blieb sie stehen und wandte noch einmal den Blick.
Schweigend lagen die Lande im Mondlicht, ein Bild des Friedens.
Da zog's durch ihre Seele: ›Du hast harte Worte geredet, und dein
Schweigen war das härteste!‹ Die Tränen stiegen ihr brennend empor.
Aber Heimatliebe ist wahrhaftig. Sie nennt die Sünde ihres Volkes bei
Namen.
Durch die Seele der Greisin zog das Wort eines Mannes, der wie wenige
sein Volk geliebt -- das Wort Heinrich von Treitschkes: »Wer ein wenig
über den nächsten Tag hinausdenkt, wird sich kaum der Ahnung erwehren
können, daß vielleicht schon am Beginn des kommenden Jahrhunderts
ein ungeheurer Kampf um das Christentum selber, um alle Grundlagen
der christlichen Gesittung ausbrechen mag. Gewaltige Kräfte der
Zersetzung und der Verneinung sind überall in Europa am Werke:
Materialismus, Nihilismus, Mammonsdienst und Genußgier, Spötterei und
wissenschaftliche Überhebung. Der Tag kann kommen, da alles, was noch
christlich ist, unter einem Banner sich zusammenscharen muß.«