Deutschland!
Du deutsche Erde an Haff und Strom,
Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom!
Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's,
Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's:
Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?
Seit wann vergaß er sein heilig' Recht?
Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt?
Wer jagte die Treue aus deutschem Land?
Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott?
Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? --
Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen,
Und Deutschland -- sprach Amen. -- --
Mein Vaterland, was hast du getan!
Mein deutsches Volk! Einst warest du stark!
Sag', warum huldigst du Trug und Wahn?
Es hat dich getroffen bis tief ins Mark!
Nun liegst du blutend in deinen Wunden
Und kannst nicht gesunden! --
Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick!
Zum Urquell zurück!
Zurück zum Kreuze mit all deiner Last,
Zu ihm, den du irrend verlästert hast!
Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten,
Er heilt deine Wunden und will dich erretten
Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not --
Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! -- --
Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?
Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! --
Zurück zum Urquell, so wirst du heil,
So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert,
So sind gesegnet Heimat und Herd,
So hast du das beste himmlische Teil! -- --
Verwehte der ewigen Liebe Samen? --
Deutschland -- mein herrliches Vaterland,
Ich weiß es, -- es kann ja nicht anders sein --
Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand
Beichtend, betend und glaubend ein --
Und Gott spricht Amen.
Erstes Kapitel.
Haus Kambach.
Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt,
Das noch Edelleute sein Eigen nennt,
Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt,
Das Land ist die Schätze der Erde wert!
In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark --
Das Land ist die Mark!
Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern
liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen
die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten.
Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen
Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise
wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und
dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde.
Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die
scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im
Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold
liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist,
als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen
Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen
Farbenton, um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel
auszugießen.
Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage,
dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte
spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt.
Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen,
sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder,
altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit,
vornehme Edelsitze, vergessene Klöster -- es ist das Land fürstlicher
Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit
und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder
aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das
Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der
Zollern, Mark Brandenburg.
* * * * *
Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter
einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte
Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne
Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, -- keine
Prachtanlage -- der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's,
das Landhaus des märkischen Adels.
Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden
grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten
Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische
Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend.
Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner
Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt:
jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft,
die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, -- mit einem
Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des
Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch
die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen
der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs
gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in
irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in
Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen
läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben
zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer
erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter
zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die
schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen
Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche,
Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie
sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es
für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten -- und nicht nur dann
-- enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid
und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber
keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse
entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe
hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen.
Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu
einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten
Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen.
Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese
wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und
wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten Jahrhundert im Königreich
Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins
Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse.
Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den
Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes
erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das
kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen
Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der
Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche
nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun
schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das
Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm
auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn
Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte
seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige
Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen,
zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit
mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein
Kinderspiel. Und dabei blieb es.
Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum
und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle
Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er
mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel
weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr
von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler
versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz
Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte
einmal die Augen schlösse. Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und
Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz,
die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen
mit ihm.
Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener
ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die
einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr
wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war
das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß
engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher
wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte
vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz
seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den
Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war
ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau
und dem alten Kammerdiener. --
Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen
positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine
Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit
anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte.
Langsam ging er neben der alten Exzellenz her.
Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und
lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der
Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen
Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas
Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten
strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit
der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes und
der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die
Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und
dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines
scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht,
sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein
aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen
mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. --
»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach
'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was
hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn
wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche
Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!«
Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine
Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?«
»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt
mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram
an, -- da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit
seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die
Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites
Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's
mit heilen Knochen aus Kambach raus is! ~Wir~ erstatten Anzeige,
wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu
werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den
Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die
Galle über.
Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst
geworden.
»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie.
»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den
Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß
am Prügeln gehabt!«
»Und -- und die Frauen?«
Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe.
»Exzellenz -- keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben
gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch
olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend
is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is -- allein durch die Nähe von
Berlin, -- noch is die Mark die Mark!«
»Gott gebe, daß Sie recht haben!«
»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker.
Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies.
»Noch« -- sie betonte das Wort -- »wie lange noch? -- Sind Sie auch ein
Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze,
Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben
Gesamtbilde.«
Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß
er dieser Auffassung begegnete.
Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die
rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und
Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten
Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu
wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. -- In allen
Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die
Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche, eine Üppigkeit, von der man
früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben.
»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so
hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach
Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus
nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch
die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!«
Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel
stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem
stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen
in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über
verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus
ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte
Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt
unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die
Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang
fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus
nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen
Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr
ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden
kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die
in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen
mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle
trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen
Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind
ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch -- immer
wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr so groß,
wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die
Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und
Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten,
zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß
er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare
Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als
eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der
Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's,
diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke
geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum
der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron
und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht,
das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es
ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch -- wie lange noch?« Das
kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten
kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um
sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen
stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger
befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne
geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem
kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte
ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse
überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz
der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch -- warum klopfte dies Wort immer
wieder bei ihm an?
»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine
Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man
ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich alles verloren. Wir
haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen
und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig
sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann
und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n
Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die
wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm
mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen.
Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich,
Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren
Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum
bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe
und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab'
ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst
das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm
besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird
Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang
als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu
betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen
Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte:
der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen
Verfallserscheinungen.«
Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer.
Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen
die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen
Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf.
Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel.
Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre
Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort drüben eine Kambach
im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und
Menschen nicht kannte.