20. " »O Deutschland, meine Freude« 347

Deutschland!

Du deutsche Erde an Haff und Strom,

Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom!

Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's,

Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's:

Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?

Seit wann vergaß er sein heilig' Recht?

Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt?

Wer jagte die Treue aus deutschem Land?

Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott?

Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? --

Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen,

Und Deutschland -- sprach Amen. -- --

Mein Vaterland, was hast du getan!

Mein deutsches Volk! Einst warest du stark!

Sag', warum huldigst du Trug und Wahn?

Es hat dich getroffen bis tief ins Mark!

Nun liegst du blutend in deinen Wunden

Und kannst nicht gesunden! --

Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick!

Zum Urquell zurück!

Zurück zum Kreuze mit all deiner Last,

Zu ihm, den du irrend verlästert hast!

Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten,

Er heilt deine Wunden und will dich erretten

Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not --

Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! -- --

Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht?

Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! --

Zurück zum Urquell, so wirst du heil,

So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert,

So sind gesegnet Heimat und Herd,

So hast du das beste himmlische Teil! -- --

Verwehte der ewigen Liebe Samen? --

Deutschland -- mein herrliches Vaterland,

Ich weiß es, -- es kann ja nicht anders sein --

Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand

Beichtend, betend und glaubend ein --

Und Gott spricht Amen.

Erstes Kapitel.

Haus Kambach.

Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt,

Das noch Edelleute sein Eigen nennt,

Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt,

Das Land ist die Schätze der Erde wert!

In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark --

Das Land ist die Mark!

Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern

liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen

die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten.

Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen

Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise

wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und

dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde.

Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die

scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im

Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold

liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist,

als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen

Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen

Farbenton, um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel

auszugießen.

Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage,

dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte

spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt.

Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen,

sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder,

altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit,

vornehme Edelsitze, vergessene Klöster -- es ist das Land fürstlicher

Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit

und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder

aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das

Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der

Zollern, Mark Brandenburg.

* * * * *

Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter

einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte

Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne

Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, -- keine

Prachtanlage -- der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's,

das Landhaus des märkischen Adels.

Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden

grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten

Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische

Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend.

Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner

Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt:

jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft,

die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, -- mit einem

Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des

Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch

die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen

der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs

gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in

irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in

Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen

läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben

zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer

erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter

zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die

schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen

Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche,

Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie

sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es

für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten -- und nicht nur dann

-- enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid

und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber

keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse

entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe

hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen.

Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu

einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten

Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen.

Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese

wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und

wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten Jahrhundert im Königreich

Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins

Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse.

Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den

Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes

erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das

kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen

Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der

Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche

nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun

schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das

Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm

auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn

Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte

seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige

Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen,

zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit

mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein

Kinderspiel. Und dabei blieb es.

Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum

und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle

Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er

mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel

weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr

von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler

versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz

Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte

einmal die Augen schlösse. Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und

Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz,

die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen

mit ihm.

Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener

ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die

einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr

wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war

das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß

engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher

wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte

vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz

seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den

Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war

ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau

und dem alten Kammerdiener. --

Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen

positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine

Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit

anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte.

Langsam ging er neben der alten Exzellenz her.

Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und

lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der

Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen

Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas

Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten

strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit

der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes und

der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die

Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und

dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines

scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht,

sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein

aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen

mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. --

»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach

'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was

hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn

wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche

Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!«

Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock.

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine

Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?«

»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt

mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram

an, -- da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit

seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die

Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites

Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's

mit heilen Knochen aus Kambach raus is! ~Wir~ erstatten Anzeige,

wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu

werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den

Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die

Galle über.

Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst

geworden.

»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie.

»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den

Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß

am Prügeln gehabt!«

»Und -- und die Frauen?«

Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe.

»Exzellenz -- keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben

gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch

olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend

is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is -- allein durch die Nähe von

Berlin, -- noch is die Mark die Mark!«

»Gott gebe, daß Sie recht haben!«

»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker.

Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies.

»Noch« -- sie betonte das Wort -- »wie lange noch? -- Sind Sie auch ein

Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze,

Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben

Gesamtbilde.«

Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß

er dieser Auffassung begegnete.

Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die

rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und

Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten

Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu

wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. -- In allen

Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die

Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche, eine Üppigkeit, von der man

früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben.

»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so

hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach

Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus

nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch

die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!«

Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel

stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem

stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen

in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über

verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus

ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte

Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt

unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die

Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang

fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus

nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen

Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr

ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden

kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die

in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen

mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle

trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen

Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind

ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch -- immer

wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr so groß,

wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die

Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und

Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten,

zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß

er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare

Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als

eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der

Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's,

diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke

geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum

der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron

und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht,

das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es

ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch -- wie lange noch?« Das

kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten

kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um

sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen

stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger

befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne

geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem

kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte

ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse

überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz

der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch -- warum klopfte dies Wort immer

wieder bei ihm an?

»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine

Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man

ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich alles verloren. Wir

haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen

und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig

sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann

und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n

Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die

wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm

mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen.

Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich,

Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren

Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum

bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe

und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab'

ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst

das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm

besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird

Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang

als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu

betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen

Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte:

der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen

Verfallserscheinungen.«

Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer.

Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen

die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen

Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf.

Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel.

Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre

Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort drüben eine Kambach

im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und

Menschen nicht kannte.

Wenn ich die Sonne grüße ... · 第 25 / 114 题